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'Dialog und kulturelles Selbst-Bewusstsein' - Grußwort von Bundesaußenminister Steinmeier zur Eröffnung des Berlinale Talent Campus, 11.02.2006

11.02.2006

Sehr geehrter Herr Kosslick,
Exzellenzen,
sehr geehrte Teilnehmer des Talent-Campus,
meine Damen und Herren,

wie wohl kaum ein anderes künstlerisches Medium lebt der Film von der internationalen Zusammenarbeit.

Und – jedenfalls ist das mein Eindruck – er trägt gerade durch diese Kooperation über die Grenzen hinweg zu einem besseren Verständnis unserer eigenen Identität bei.

So ist es vielleicht kein Zufall, dass einer der schönsten Filme über das europäische Lebensgefühl – und den europäischen Fußball – in Zusammenarbeit europäischer Regisseure mit dem großen iranischen Filmemacher Abbas Kiarostami entstanden ist.

Und es ist ein glücklicher Zufall, dass uns die diesjährige Berlinale mit ihren sechs iranischen Filmen zeigt, wie eng unsere Kulturen verbunden sein können, wie bereichernd der fremde Blick auf globale Probleme wie Migration, Arbeitslosigkeit und die Rolle von Mann und Frau sein kann.

Ich halte es deshalb auch gerade für keinen Zufall, dass einer der erfolgreichsten deutschen Filme der vergangenen Jahre, „Gegen die Wand", hier auf der Berlinale seinen ersten Triumph gefeiert hat.

Diese Beispiele zeigen: Kultur, gerade auch unsere eigene Kultur ist keine fest gefügte Einheit. Sie lebt von der Differenz, dem neuen Blick auf scheinbar Altbekanntes und von dem Mut, sich der aktuellen Themen anzunehmen. Das gilt in besonderem Maße auch für unsere eigene, deutsche Kultur. Die Berlinale ist hierfür ein hervorragender Ort. Denn sie verweigert sich dieser Differenz nicht - auch und gerade nicht bei den politischen Problemen. Dazu gehört Mut und Selbst-Bewusstsein.

Wir leben in einer Welt, in der wir uns bedroht fühlen von Arbeitslosigkeit, Terror und in diesen Tagen erneut auch von Massenvernichtungswaffen. Dieses Gefühl der Bedrohung löst in vielen Menschen Furcht aus. Einer Furcht, der manche dadurch zu begegnen versuchen, dass sie sich dem scheinbar Fremden verweigern, es ablehnen oder verfolgen.

Der dänische Film "1:1" zeigt dieses Phänomen in einer geradezu bedrückenden Aktualität. Er konfrontiert uns mit unseren Vorurteilen und er zeigt, wie diese Vorurteile zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden können. Genau deshalb müssen wir uns gemeinsam gegen Versuche wehren, die eine gegen die andere Kultur auszuspielen. Gegen Versuche, die eigene Kultur als allein maßgeblich zu behaupten oder gar einen "Kampf der Kulturen" zu etablieren.

Ein solches Weltbild von fest gefügten kulturellen Einheiten würde genau zu dem führen, was es befürchtet: zu einer Auseinandersetzung, bei der wir alle nur verlieren können. Und es verhindert, dass wir bessere Lösungen für gemeinsame Probleme finden.

Kulturelles Selbst-Bewusstsein – verstanden als "confidence" und "self-confidence" - ist das Gegenteil eines solchen Weltbildes. Und die vergangenen beiden Wochen haben eindringlich vor Augen geführt, wie wichtig Foren und Plattformen wie die Berlinale und besonders der Talent Campus hierfür sind.

Ich glaube, nur solche Foren können zeigen, dass es andere Wege gibt. Dass wir den Prozess der Globalisierung trotz der damit verbundenen Unsicherheiten und Bedrohlichkeiten sinnvoll und positiv gestalten können.

Nämlich durch einen Dialog, der sich auf zwei Säulen stützt:

Erstens auf die kreative Auseinandersetzung mit den Fragen und Themen, die über unsere Zukunft entscheiden werden. Und eine kreative Auseinandersetzung bedeutet immer: nicht auf den eigenen Positionen als Selbstzweck beharren, sondern neue Optionen für unsere eigenen und die gemeinsamen Interessen entwickeln.

Zweitens auf das gemeinsame Diskutieren und Arbeiten von jungen Talenten und anerkannten Experten und aus aller Welt - gemäß des asiatischen Lehrprinzips „Lernen, Machen, Weitergeben".

Kreativität und gemeinsame Arbeit im Dialog mit einander sind wesentlich für einen friedlichen Umgang mit kulturellen Unterschieden und vor allem für das Angehen der dahinter liegenden Probleme.

Dialog lebt von der Differenz. Von der Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Überzeugungen. Diese gilt es zu respektieren und zu achten.Dialog beruht aber auf gegenseitiger Anerkennung. Ansonsten kann er nicht stattfinden.

Um nicht missverstanden zu werden: Gegenseitige Anerkennung bedeutet keine Gleichheit in den Urteilen und Werten. Sie bedeutet die gemeinsame Suche nach der Art und Weise, dem Weg und dem Inhalt einer Problemlösung. Handlungen, die andere Kulturen oder Religionen herabsetzen oder der Lächerlichkeit Preis geben, sind kein Beitrag hierzu.

Wir leben in einer Welt, in der die Medien eine globale Präsenz schaffen. Hiermit einher geht auch eine besondere Verantwortung – auch im Umgang mit Freiheiten. Dieser Verantwortung müssen wir uns gewachsen zeigen. Das gilt für Politiker, aber für Verantwortliche in Medien und Kultur.

Wir können in Deutschland – und das habe ich auch in meinem gemeinsamen Artikel mit meinem Kollegen Gül heute deutlich gemacht - nachvollziehen, dass sich Muslime durch Karikaturen verletzt fühlen können, dass sie diese als Beleidigung ihrer Religion empfinden. Wir können sie von einem politischen, moralischen oder religiösen Standpunkt aus bewerten, auch ablehnen und verurteilen. Das Entscheidende ist aber: Wenn Ablehnung umschlängt in Gewalt und Hass, wenn sie zum Anlass genommen wird, Menschen zu bedrohen oder zu töten, dann wird die Grundlage für jeden Dialog zerstört.

Staatliche Stellen stehen hier in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen das ihnen Mögliche tun, um Eskalation zu vermeiden und der durchsichtigen Instrumentalisierung von religiösen Gefühlen zu widersprechen.

Aufgabe der Politik und ihrer Repräsentanten ist es, einen Beitrag zu Frieden und Gerechtigkeit zu leisten. Nicht Hass und Gewalt zu schüren. Auch und gerade nicht aus religiösen Gründen.

Religions- und Meinungsfreiheit sind ebenso wie die Freiheit der Kunst nicht nur Bestandteile unserer gesellschaftlichen Ordnung und unserer Demokratie. Sie – die menschlichen Freiheiten - sind Menschenrechte, ohne die eine zivilisatorische Weiterentwicklung, ohne die ein Dialog nicht möglich ist. Sie sind – die europäische und die deutsche Geschichte haben uns das in schmerzhafter Weise gelehrt - oft die ersten Opfer von Hass und Gewalt. Es liegt an uns, dieser bedrohlichen Entwicklung entgegenzutreten.

Trotz aller alarmierender Nachrichten in den vergangenen Tagen, es gibt auch positive Signale. Signale, die orientieren auf das gegenseitige Verständnis und die gegenseitige Verständigung. Jedenfalls nehme ich das mit aus den zahlreichen Gesprächen, die ich in den vergangenen Tagen mit meinen arabischen Kollegen geführt habe, aus den Stellungnahmen der Arabischen Liga und verschiedener muslimischer Organisationen.

Und tief berührt haben mich in dieser Woche einige Bilder von muslimischen Geistlichen, die mit bloßen Händen versucht haben, den aufgewiegelten Mob aufzuhalten.

Ich bin sicher, Ihre Anwesenheit als Filmschaffende hier ist ein weiterer wichtiger Beitrag zu diesem Dialog. Denn Kunst verbindet Menschen über soziale, politische oder kulturelle Grenzen hinweg in den existentiellen Fragen unseres Lebens. Künstlerisches Schaffen und der Austausch über Kunst ermöglichen gegenseitiges Verständnis und im besten Sinne Selbst-Bewusstsein unserer selbst. Wo, wenn nicht hier im "Haus der Kulturen der Welt".

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine arbeitsame und erfolgreiche Woche!

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