Hauptinhalt

"Der IS will den Menschen ihre Identität nehmen"

Staatsministerin Maria Böhmer im Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur zu Welterbe und illegalem Kulturhandel  (09.12.2015).

***

Frau Staatsministerin Böhmer, 2015 war ein schwarzes Jahr für das Welterbe. Der IS hat bedeutende Kulturstätten zerstört und die Welt sieht zu. Was tut Deutschland?

Wir erleben eine neue, besonders perfide Art der Kriegführung; die menschlichen und kulturellen Verluste sind enorm.

Der Kampf gegen den IS ist eine Aufgabe der gesamten internationalen Gemeinschaft, die angesichts von anhaltenden Terroranschlägen nun endlich stärkere Anstrengungen unternimmt. Auf der Ebene der Kulturpolitik geben wir Unterstützung etwa in Syrien für die Digitalisierung von Kulturgütern und zur Erstellung eines Registers, um Daten für die Rekonstruktion zu sammeln. Zugleich helfen wir etwa im Irak bei der Qualifizierung lokaler Kräfte für den Schutz, den Erhalt und den Wiederaufbau von Kulturgütern. Das Deutsche Archäologische Institut will sich künftig mit Unterstützung des Auswärtigen Amts vor allem in Syrien bei der Qualifizierung junger Menschen engagieren. Damit können wir den Menschen vor Ort langfristig eine Perspektive geben.

Inwiefern?

Die Kulturstätten sind bewusst zur Zielscheibe geworden, um kulturelle Wurzeln auszulöschen. Dahinter steckt beim IS offensichtlich keine religiöse Dimension, sondern das Ziel, den Menschen ihre Identität zu nehmen. Es ist ein doppelter Feldzug: Die Terroristen kämpfen gegen Menschen und sie kämpfen gegen den Erhalt von Kulturgütern. In Palmyra haben sie nicht nur den Tempel zerstört, sondern auch den Chef-Archäologen getötet. Wir sind mit einer barbarischen Situation konfrontiert.

Die Vereinten Nationen haben auch auf Ihr Engagement hin die Zerstörung von Kulturschätzen im Irak als Kriegsverbrechen eingestuft - wie steht es um Länder wie Syrien oder Afghanistan?

Die von Deutschland und Irak initiierte Resolution der UN-Generalversammlung gilt für den Irak, aber sie verdeutlicht, dass es stets Angriffe auf das kulturelle Erbe der gesamten Menschheit sind. Diese Gedanken sind auch in die Erklärung gegen die Zerstörung von Welterbestätten in Krisengebieten eingegangen, die wir bei der Sitzung des Welterbekomitees der Unesco im Juni in Bonn verabschiedet haben. Die Mitgliedsstaaten haben sich dabei für eine Strafverfolgung der Täter ausgesprochen.

Sehen die anderen Unesco-Länder die Brisanz des Themas?

Alle Länder - auch die islamischen Staaten - haben der UN-Resolution gegen die Zerstörung von Kulturgütern zugestimmt und auch bei der Bonner Erklärung haben sich alle Länder dafür ausgesprochen, dass Zerstörungen und Plünderungen als Kriegsverbrechen geächtet werden und der illegale Handel unterbunden werden muss.

Sie wollen einen «Fonds zur Nothilfe für Kulturgüter in Gefahr». Wie steht es um Ihre Bemühungen?

In den letzten Haushaltsberatungen wurde der Etat für das Kulturerhalt-Programm des Auswärtigen Amtes verdoppelt. Wir haben jetzt ein Plus von 2,85 Millionen Euro. Mit diesen Mitteln soll auch die Fähigkeit des Auswärtigen Amts zur Nothilfe gestärkt werden.

Zudem soll eine Koordinierungsstelle «Welterbe» eingerichtet werden. Diese Mittel sollen genutzt werden, um in Krisensituationen schneller reagieren zu können und beim Wiederaufbau zu helfen.

Sollten das zerstörte syrische Palmyra oder die historischen Stätten in Nepal, die durch das große Erdbeben zerstört wurden, wieder aufgebaut werden?

Wir wollen in Nepal oder in Syrien nicht nur finanziell helfen, sondern auch bei der Vermittlung von Fähigkeiten für den Erhalt und den Wiederaufbau. Und wir wollen den Austausch von Fachleuten fördern. Es ist eine Existenzfrage für die Menschen. Der Tourismus in Nepal hat durch das Erdbeben stark gelitten. Nicht nur die Himalaya-Region, auch die Welterbestätten in Nepal sind touristische Anziehungspunkte und für die wirtschaftliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung. Der Wiederaufbau wird daher immer wichtiger.

Der Handel mit gestohlenen oder geplünderten Kulturgütern floriert. Deutschland ist ein wichtiger Schauplatz dieses illegalen Kulturhandels. Der illegale Kulturgüterhandel ist neben dem Drogen- und Waffenhandel eine der Hauptfinanzierungsquellen von Terrororganisationen wie dem «IS». Das muss jedem Einzelnen klar sein. Diese Geldquelle der Terroristen wollen und müssen wir als internationale Staatengemeinschaft dringend austrocknen.

Deutschland hat sein Kulturgutschutzgesetz gerade novelliert. Was halten Sie davon?

Zwei wichtige Verbesserungen wurden erreicht: Kulturgüter können künftig nur mit entsprechender Exportlizenz eingeführt werden und beim Handel im Land muss die Herkunft des Kunstwerks nachgewiesen werden.

Sie haben Unesco-Reformen eingeleitet, vor allem bei den Entscheidungen über weitere Welterbestätten. Mit Erfolg?

Ich wollte die Arbeit des Welterbekomitees und der Beratergremien - etwa des Internationalen Rats für Denkmalpflege (ICOMOS) - transparenter machen und die Zivilgesellschaft mehr einbeziehen. Es geht um universelle und einzigartige Welterbestätten und deren Erhalt. In der Vergangenheit wurde mit Welterbefondsmitteln vor allem die Evaluierung der Nominierungen finanziert. Ich wollte den Erhalt stärken. Diese Reformen waren aus meiner Sicht ein wichtiger Schub in die richtige Richtung.

Wir haben mittlerweile 1.031 Welterbestätten. Gibt es eine Obergrenze?

Es gilt der universelle Wert, und damit kann es keine Obergrenze geben. Aber wir haben mit Sicherheit Nachholbedarf, wenn es um Naturerbestätten und um Stätten in Afrika geht. Noch immer sind die meisten Welterbestätten in Europa. Das entspricht nicht der weltweit großen Vielfalt von Natur- und Kulturschätzen, die sichtbar werden sollte. Dafür müssen wir das Wissen über Nominierungen auch mit anderen Ländern teilen.

Interview: Anna Mertens. Übernahme mit freundlicher Genehmigung der KNA.

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise und Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere