Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

29.06.2016 - Artikel

Europa, noch ein bisschen verkatert, wacht letzten Freitag auf, schaut auf ihr Smartphone, klickt die Facebook-Benachrichtigung an und sieht, Großbritannien hat ihren Beziehungsstatus geändert: "Es ist kompliziert".

Eins vorweg: ich bin halber Brite, war in diesem Referendum stimmberechtigt und somit nicht ganz leidenschaftslos bei dieser Diskussion. Das ist aber keiner von uns, weil wir alle Europäer sind.

Brexit
Brexit© picture alliance

Europa, noch ein bisschen verkatert, wacht letzten Freitag auf, schaut auf ihr Smartphone, klickt die Facebook-Benachrichtigung an und sieht, Großbritannien hat ihren Beziehungsstatus geändert: "Es ist kompliziert".

Was hier flapsig daherkommt, hat natürlich einen sehr ernsten Hintergrund. Seitdem wir unsere Ausbildung vor 8 Wochen angefangen haben, war das EU-Referendum der Briten eines der alles beherrschenden Themen, besonders, weil wir uns in dieser ersten Zeit viel mit Europa beschäftigt haben.

Man kann nicht über das Referendum schreiben, ohne Jo Cox, die ermordete pro-europäische Abgeordnete, zu erwähnen und zu würdigen. Diese Gewalttat hat uns enorm schockiert und sitzt uns immer noch in den Knochen. Sie war eine Kämpferin für Gerechtigkeit und europäische Werte wie Toleranz und Offenheit, vor allem gegenüber Menschen in Not.

Welches Europa wollen wir eigentlich?

Ja, die Entscheidung ist ein historischer Einschnitt in der Geschichte Europas. Aber in vielerlei Hinsicht wären die Diskussionen die gleichen gewesen, unabhängig vom Ausgang, vielleicht weniger emotional. Selbstgefällig sollten sie in keinem Fall werden. In den Unterhaltungen innerhalb unserer Crew und mit unseren Diskussionspartner*innen drehten sich die Fragen schnell darum, was für ein Europa wir eigentlich wollen. Wie wir es erreichen. Wie wir es kommunizieren. Wollen wir ein Kerneuropa, ein Europa der mehreren Geschwindigkeiten, mehr Integration, weniger Integration? Wie gehen wir gemeinsam mit den moralischen, politischen und sozialen Dimensionen der Flüchtlingssituation um?

Die Außenminister der EU-Gründerstaaten bei Beratungen über das Ergebnis des britischen Referendums.
Die Außenminister der EU-Gründerstaaten bei Beratungen über das Ergebnis des britischen Referendums.© Trutschel/Photothek

Wir hatten uns ein anderes Ergebnis gewünscht, ehrlich gesagt auch etwas anderes erwartet; mich ganz persönlich wird dieser Wahlausgang noch nachhaltig bedrücken. Doch, um es mit dem typisch britischen Pragmatismus zu sagen: Life goes on. Aber wie?

"Europa wird nicht weitermachen wie bisher"

Wie so oft bei einer Trennung fragt man sich: Lag's vielleicht an mir? Die Brexit-Debatte hat uns auf unangenehme Art den Spiegel vorgehalten und wir werden, wie Außenminister Steinmeier sagte, nicht einfach weitermachen wie bisher. Unter uns 51 Crewmitgliedern sind wir zu keiner abschließenden Antwort gekommen; aber vielleicht ist das gar nicht so schlimm. Vielleicht ist Europa kein definiertes Endstadium, sondern ein Prozess, bei dem wir uns ständig kritische Fragen stellen; ein Prozess, der auch mal unangenehm ist und Rückschläge einstecken kann.

Wenn sich also für uns etwas Positives aus dieser Debatte ergeben hat, dann wohl, dass wir uns immer und immer wieder diese Fragen stellen müssen - und entschieden für neue Antworten eintreten. In den Worten des Bundespräsidenten Gauck: "Wir brauchen Bannerträger, nicht Bedenkenträger". In den letzten acht Wochen habe ich auch etwas anderes gelernt: Die 71. Crew und in der Tat alle Kolleg*innen in diesem wie in anderen Häusern stehen für diese Aufgabe bereit. Auch wenn es jetzt nicht leichter wird.

We're sorry to see you go!

Liebe Briten, we’re sorry to see you go. Aber unsere Freundschaft, unsere enge Partnerschaft in vielen Bereichen geht weiter. Auch wenn es das Ende der Beziehung in dieser Form ist: Wir bleiben enge Nachbarn und gute Freunde. Auch wenn es kompliziert ist.

Ein Blogbeitrag von Alex Fowles

Verwandte Inhalte

Schlagworte