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Gestorben wird immer (Jan, KSA '10)

Lektüre von Rechtstexten

Lektüre von Rechtstexten, © picturealliance / maxppp

19.10.2011 - Artikel

Jan berichtet aus dem Hauptstudium II. Der Schwerpunkt liegt in dieser Zeit auf der rechtlichen Ausbildung der Anwärter. Auch die Planungen für das danach anstehende Auslandspraktikum haben bereits begonnen.

Wie viele Menschen wegen uns schon sterben mussten, weiß niemand. Egal ob in Strafrecht, Erbrecht oder gar in Wirtschaftsrecht: Gestorben wird immer!
Seit Mitte Juli machen wir uns jeden Morgen auf den Weg in die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR), die sich – eingebettet in idyllischer Plattenbau-Architektur – auf einem ehemaligen Stasi-Gelände im Berliner Stadtteil Friedrichsfelde befindet.

Das 6-monatige Rechtsstudium der KSA10 hat angefangen und fordert seine ersten Opfer. Nein, nicht etwa wir KSAs sind gemeint (auch wenn das in manch einer Vorlesung den Anschein hat), sondern die unzähligen Opfer in den Fallbeispielen.

Leider hat niemand mitgezählt, wie viele Ehefrauen ihren untreuen Männern einen Dolch ins Herz gestoßen haben, wie viele Schwiegermütter vergiftet und wie viele Juwelierläden überfallen wurden. Wann liegt Notwehr vor? Wann ist ein Täter schuldunfähig? Was versteht man unter einem Unterlassungsdelikt? Diese und viele andere Fragen wurden uns im Fach Strafrecht beantwortet. Um das Ganze ein wenig anschaulicher zu gestalten und uns zu zeigen, wie ein Strafprozess abläuft, haben wir im Rahmen der Lehrveranstaltung auch eine Verhandlung im Amtsgericht Berlin-Tiergarten besucht. Wer dort zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wird, landet möglicherweise in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Wir hatten die seltene Gelegenheit, bei einer Führung durch eben diese JVA - die größte Deutschlands – Einblick in den Gefängnisalltag zu bekommen. Zu unseren späteren Aufgaben an den Auslandsvertretungen kann nämlich auch die Betreuung deutscher Häftlinge gehören. Nicht nur für uns war der Besuch etwas Besonderes, sondern auch für die Gefangenen, die uns freundlich begrüßten ("Ey, wollt ihr mal nen Mörder sehen?", "Bitte nicht füttern!").

Doch die meisten Menschen wurden nicht in Strafrecht, sondern in Nachlassrecht um ihr Leben gebracht. Wie das passiert ist, ist uns diesmal egal. Es heißt nur kurz und knapp: "Der Erbfall ist eingetreten". Es gilt nun herauszufinden, wer wie viel erbt, wobei der Schwierigkeitsgrad von Vorlesung zu Vorlesung steigt. Je mehr außerhalb der Ehe geborene Kinder (uneheliche Kinder gibt es nicht mehr!), adoptierte Verwandte oder verschollene Ehegatten hinzukommen, desto größer wird die Verwirrung, und wir fragen uns zwangsläufig, ob wir mit solchen Fällen auch in der Praxis zu tun haben werden. Die Antwort: Ja. Nichts ist unmöglich, alles schon passiert.

Familienrecht hingegen bildet den Gegenpol zu diesen Lehrveranstaltungen. Hier wird selten gestorben. In den meisten Fällen entsteht sogar neues Leben, denn nur so können Fragen der Vaterschaft, der elterlichen Sorge und des Namenrechts erörtert werden.

Auch in Wirtschaftsrecht geht es geruhsamer zu. Meist werden GmbHs gegründet oder Kommanditanteile abgetreten. Nur manchmal stirbt ein Gesellschafter.

Und was ist, wenn einer dieser Fälle nun Auslandsbezug aufweist? Dann kommt das Internationale Privatrecht ins Spiel, doch diese Lehrveranstaltung steht uns noch bevor.

Das klingt alles furchtbar spannend, doch eigentlich gab es für die meisten von uns in den letzten Wochen nur ein Thema an der HWR: Wann kommt endlich die Liste mit den Posten, auf die wir uns für das Auslandspraktikum nächstes Jahr bewerben können?

Ständig kursierten neue Gerüchte über mögliche Orte ("Ich hab gehört, Kapstadt und Wellington stehen auf der Liste!") und Termine ("Anfang September soll die Liste kommen!"), so dass gegen Mitte September die Spannung unerträglich wurde. Vereinzelte KSAs checkten sogar alle 10 Minuten mit ihren Smartphones ihre E-Mails, in der Hoffnung, die Liste würde darunter sein. Vor drei Wochen hatte das Warten ein Ende und die Liste setzte allen Gerüchten ein Ende: Nein, Wellington steht nicht darauf, aber Kapstadt. Kein Phnom Penh, dafür Santo Domingo.

Jeder hat nun für sich entschieden, welche Prioritäten er bei der Postenwahl setzt und eine persönliche Rangliste erstellt. Nun heißt es wieder: Warten. Bis wir erfahren, ob es mit unseren Wunschposten geklappt hat, wird uns das Inernationale Privatrecht bei Laune halten, und wer weiß? Vielleicht spielt sich ja das ein oder andere Fallbeispiel an unserem zukünftigen Praktikumsplatz in New York, Bangkok oder Tel Aviv ab.

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