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Ansprache von Außenminister Heiko Maas bei der Ausstellungseröffnung „Tyskland“ im dänischen Nationalmuseum

08.11.2019 - Rede

Trifft ein Deutscher einen Dänen. Der Däne liest aus seinem Buch vor, auf Deutsch. Immer wieder schleichen sich ihm dänische Begriffe ein, „Dänismen“, wie er sie nennt. Der Deutsche aber versteht sie. Mehr noch, sie klingen so schön in seinen Ohren, so passend, dass er vorschlägt, die Worte gleich in die deutsche Sprache zu integrieren. Als „schwesterliches Geschenk“, wie er es nennt.

Der Deutsche in dieser kleinen Geschichte heißt Johann Wolfgang von Goethe. Und der Däne Adam Oehlenschläger.

Das Treffen unserer beiden Nationaldichter fand vor gut zweihundert Jahren statt. Weimar und Jena waren damals für dänische und deutsche Intellektuelle der Treffpunkt. Die intellektuelle Verbundenheit war tief, die Neugierde aufeinander auch. Literatur, Baukunst, Pädagogik - kaum ein Bereich, in dem Deutsche und Dänen sich nicht gegenseitig inspirierten.

Meine Damen und Herren,
nur wenige Kilometer von Weimar liegt der Ettersberg. 130 Jahre nach dem Treffen zwischen Goethe und Oehlenschläger entstand hier das Konzentrationslager Buchenwald. Eine Kopie des Lagertores ist in dieser Ausstellung zu sehen, darauf stehen die Worte: „Jedem das Seine“.

So schwer fassbar es ist: Nur die Zeit trennte die Höhenflüge der Weimarer Klassik von den Abgründen der deutschen Menschheitsverbrechen.

Verbrechen, die sich lange Zeit wie ein Schatten auch auf die deutsch-dänischen Beziehungen gelegt haben. Kein Wunder also, dass Deutschland für viele Dänen lange nur Durchfahrtsland gewesen ist. Ein Land, das sie durchqueren mussten, um möglichst schnell in den Süden zu kommen. Und auch heute noch ist es ein Wagnis, hier, in Kopenhagen, einen Blick auf Deutschland zu werfen und dabei ohne thematische Einschränkung nur schlicht „Tyskland“ als Titel zu wählen. Und ganz offen zu fragen: Was ist eigentlich dieses Deutschland zwischen Romantik und Nationalsozialismus, zwischen Reformation und Wirtschaftswunder?

Ein Amtskollege hat mir einmal gesagt: „Jedes Mal, wenn ich glaube Deutschland verstanden zu haben, verändert es sich gerade wieder.“ Ich habe ihm gesagt: „Uns in Deutschland geht es genauso“.

Das Deutschland, das wir heute kennen, wurde ja erst vor genau 30 Jahren, mit dem Mauerfall am 9. November 1989, geboren, den wir morgen in Berlin zum 30. Mal feiern. Aber auch dieses Deutschland ist immer noch dabei, zusammenzuwachsen, wie wir gerade in Deutschland sehr, sehr intensiv und manchmal auch sehr, sehr schwierig feststellen und auch dabei, seine Rolle in Europa zu finden.

Diesem Land der Umbrüche, der Widersprüche nähert sich diese Ausstellung. Dass Sie dafür heute hier Ihr Nationalmuseum öffnen – das empfinden wir als ein „schwesterliches Geschenk“. Ein Geschenk, das uns berührt und das wir sehr zu schätzen wissen.

Möglich gemacht haben es Menschen, denen die Freundschaft zwischen Dänen und Deutschen seit vielen Jahren am Herzen liegt.

Menschen wie Sie, Majestät. Sie sind seit langem eine gute Freundin, Ratgeberin und Begleiterin unseres Landes. Auf Ihren vielen Reisen nach Deutschland fliegen Ihnen deshalb die Herzen der Menschen zu. Dass Sie heute hier sind, diese Verbundenheit ehrt uns sehr.

Tusind tak, Deres Majestæt!

Bedanken möchte ich mich auch bei Ihnen, lieber Rane Willerslev, für Ihren Mut, das ist ja keine Selbstverständlichkeit, diese Ausstellung so prominent in dieses wunderbare Museum zu holen. Dafür ein großes Dankeschön!

Und danken möchte ich natürlich auch der Sportgoods-Foundation, die diese Ausstellung ermöglicht hat und die sich seit Jahrzehnten für Aussöhnung und ein friedliches Zusammenleben in Europa und der Welt einsetzt. Dass Ihr Stifter, Christian Helmer Jørgensen, einst selbst deutsche Konzentrationslager überlebt hat, macht uns umso dankbarer - und das Geschenk dieser Ausstellung umso kostbarer.

Meine Damen und Herren,
nicht nur die Dänen werden in den nächsten Monaten Gelegenheit haben, sich ein neues Bild von uns, ihren südlichen Nachbarn, zu machen. Auch wir Deutschen werden die Möglichkeit haben, unser Bild von Dänemark auf die Probe zu stellen. Heute eröffne ich mit meinem Kollegen, Außenminister Jeppe Kofod, das „Deutsch-Dänische kulturelle Freundschaftsjahr“ mit unzähligen, oft in jeder Hinsicht „grenzüberschreitenden“ Veranstaltungen.

Kopenhagen ist die europäische Hauptstadt, die man von Berlin aus am schnellsten per Direktflug erreichen kann. Diese geographische Nähe in noch größere menschliche Nähe - Goethe würde vielleicht sagen: in schwesterliche Liebe - zu übersetzen, das ist unser Ziel mit diesem Freundschaftsjahr. Deshalb wünsche ich dieser Ausstellung vor allen Dingen eines: Viele ganz neugierige Besucher!

Denn es war intellektuelle Neugierde, die Oehlenschläger und Goethe die Schönheiten der Sprache des jeweils anderen entdecken ließ, die Dänismen und Germanismen. Und eins gilt auch heute: In deutschen Herzen und Köpfen gibt es für Dänismen noch sehr, sehr viel Platz.

Herzlichen Dank!

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