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Rede von Staatsminister Annen anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „150 Jahre Auswärtiges Amt“

08.01.2020 - Rede

Ich freue mich, dass ich die Gelegenheit habe, vor dem Start eines wichtigen Jubiläumsjahres hier ein paar Worte an Sie zu richten darf - noch vor der offiziellen Auftaktveranstaltung im März - und das in einem ja fast schon, wenn ich das so sagen, familiären Kreis als Freunde und Familienangehörige und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auswärtigen Amts.

Denn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind es, die dieses Amt ausmachen. Die seine, wenn auch nicht immer einfache 150-jährige Geschichte fortschreiben.

Hier, in Berlin, aber natürlich auch an unseren 227 Auslandsvertretungen, rund um den Globus und auch in Bonn.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es gibt  einen entscheidenden Unterschied zwischen dem runden Geburtstag eines Menschen und dem Jubiläum einer Institution wie dem AA.

150 Jahre Auswärtiges Amt – das ist kein Anlass für große Jubelfeiern. Dazu hat die deutsche Diplomatie in dieser Zeit zu oft ihren moralischen Kompass verloren.

Wer auf die Rolle des AA während der NS-Zeit blickt – die Mitwisser- und Mittäterschaft an den Menschheitsverbrechen der Nazis – der muss hinter „150 Jahre Diplomatie“ ein Fragezeichen setzen.

Warum also haben wir nicht noch ein Jahr gewartet? 2021 hätten wir den 70. Jahrestag der Neugründung des AA nach dem Zweiten Weltkrieg feiern können.

Eines Auswärtigen Amts, das zwar personell und kulturell noch lange Kontinuitäten mit der Vergangenheit aufwies, wie wir spätestens seit der Historikerkommission und dem Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ wissen. Das aber dennoch ein Amt mit demokratischer Prägung war.

Ein Amt, dem das Grundgesetz die bis heute gültige Richtung vorgibt: „In einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“.

Ich glaube, Sie würden mir zustimmen: Es würde leichter fallen, nur diesen Teil unserer Geschichte zu feiern. Doch der Minister und ich denken: Wir würden es uns zu leicht machen.

Denn: So wenig uns jenseits des Namens heute mit der obrigkeitsstaatlichen Behörde verbindet, die Bismarck vor 150 Jahren ins Leben rief - und erst recht mit der Behörde, die 1945 im Feuersturm der letzten Kriegstage unterging - so wenig, meine sehr verehrten Damen und Herren, lässt sich dieser Teil unserer Geschichte löschen.

Das Auswärtige Amt, es ist eben nicht wie Phoenix aus der Asche des Zweiten Weltkriegs gestiegen. Unsere Demokratie und ihre Institutionen wurden auf Trümmern errichtet, für welche die NS-Diktatur  verantwortlich war.

Und wir können diese Tatsache nicht verdrängen, ohne uns selbst zu verleugnen.

Wenn wir also in diesem Jahr der 150-jährigen Geschichte des AA gedenken, dann nicht, um nach ungebrochenen, geraden Traditionslinien zu suchen. Eine solche Suche würde in gefährliche Abwege führen.

Es geht um Verantwortung für und vor unserer Geschichte. Und es geht darum, aus ihren Höhe- und Tiefpunkten im Hier und Jetzt die richtigen Schlüsse zu ziehen.

„Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren“, das ist ein Zitat von Richard von Weizsäcker aus seiner berühmten Rede am 8. Mai 1985. Er hatte Recht.

In einer Welt rasanter Veränderungen und einstürzender Gewissheiten reicht es allerdings heute nicht mehr aus, die Gefahr der Wiederholung zu bannen. Wir müssen auch bereit sein, den Status Quo und damit uns selbst in Frage zu stellen - gerade wenn wir unsere Werte bewahren wollen. Das gelingt nur, wenn wir aus unseren Fehlern, genauso wie aus unseren Erfolgen lernen.

Anders ausgedrückt: Wenn wir das Auswärtige Amt der Zukunft bauen wollen, dann geht das nicht ohne die kritische Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit.

Und deshalb ist und bleibt es auch richtig, dass Geschichte ein wichtiger Teil der Ausbildung im AA ist.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie vielschichtig, oft auch widersprüchlich diese Geschichte ist, das zeigen die Stelen hier im Lichthof und die 150 Objekte, die unsere Kolleginnen und Kollegen des Politischen Archivs aus ihren kilometerlangen Aktenbeständen ausgewählt und aufbereitet haben. Dafür möchte ich allen Beteiligten, insbesondere Frau v. Boeselager ganz herzlich danken und auch dem Planungsstab, Referat 607, für die hervorragende Arbeit, die sie hier geleistet haben!

Die Stelen und Dokumente werden im Laufe des Jahres an zentralen Punkten unseres Hauses und auch auf der Jubiläums-Webseite zu sehen sein, die heute online geht.

Sie erzählen von Mut und Mitläufertum, von Dienst nach Vorschrift und außergewöhnlicher Hingabe, von falschem Ehrgeiz, aber auch von ehrlichem Mitgefühl.

  • Da ist zum Beispiel das einzig erhaltene Protokoll der Wannsee-Konferenz, in dem erschreckend bürokratisch, nach Ländern geordnet, die Zahl der Jüdinnen und Juden aufgelistet wird, die der so genannten „Endlösung“ zugeführt werden sollen. Es sind, wie wir heute wissen, über 11 Millionen.
    Und schon die Existenz des Protokolls legt nahe: Auch die Mittäter an den Schreibtischen im AA wussten, was sie taten.
  • Da ist, meine sehr verehrten Damen und Herren, aber auch das Rücktrittsschreiben des Botschafters von Prittwitz aus Washington, der nach der Machtergreifung Hitlers nicht länger für ein Regime tätig sein wollte, dessen Demokratie- und Menschenverachtung seiner persönlichen Haltung zutiefst widersprachen. Anders als die wenigen Widerstandskämpfer im AA riskierte er zwar nicht Leib und Leben. Gleichwohl verdient sein Rücktritt unser aller Respekt, denn sein Beispiel zeigt: Aufrechtes Verhalten war selbst unter den damaligen Umständen möglich.

Neben der NS-Zeit wollen wir in diesem Jubiläumsjahr auch andere, weniger bekannte Kapitel unserer Geschichte stärker ausleuchten: ich will die Kolonialzeit erwähnen, die Außenpolitik der Weimarer Republik oder die Diplomatiegeschichte der DDR.

Und in diesem Jahr – 30 Jahre inzwischen nach der deutschen Einheit – werden wir natürlich auch an die glücklichen Momente in den Jahren 1989 und 1990 erinnern.

  • Als an unseren Botschaften in Prag, Budapest und Warschau wahrlich Geschichte geschrieben wurde.
  • Und als mit dem 2+4-Vertrag ein diplomatisches Meisterstück gelang, dem wir alle die Einheit unseres Landes verdanken.

Auch die jüngere Geschichte des AA wirft Fragen auf:

Was sagt es etwa über die Lernfähigkeit unseres Hauses aus, wenn deutsche Diplomaten in Chile bis in die 1980er Jahre hinein weggeschaut haben, als in der sogenannten Colonia Dignidad Verbrechen verübt wurden? Wo war dort der moralische Kompass?

Wir wollen und wir müssen im Laufe des Jubiläumsjahres die Frage stellen, wie wir es bewerkstelligen können, dass uns allen gemeinsam solche Dinge nicht wieder passieren.

Diese Frage, das will ich hier klar sagen, betrifft jede und jeden von uns:

  • Den Sachbearbeiter oder die Sachbearbeiterin in der Visastelle, der oder die nicht weghört, wenn ein Antragsteller ihm von Folter oder politischer Verfolgung berichtet.
  • Die Referentin oder der Referent, die oder der offen und ungeschönt über die Menschenrechtslage, die Pressefreiheit oder die Rechtstaatlichkeit in ihrem Gastland berichtet und so die Verantwortlichen in Berlin aufrüttelt.
  • Der Referatsleiter oder die Referatsleiterin, die nicht nur Erfolge vermelden, sondern auch Fehler einräumen und aufarbeiten, und das gilt natürlich auch für uns in der Leitungsebene. Damit wir daraus für die Zukunft lernen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir alle schreiben mit an der Geschichte des Auswärtigen Amts.

Sie ist lebendig, eine „Geschichte menschlicher Geschichten“. Das, finde ich, beweist jedes einzelne Dokument dieser Ausstellung.

Neben den zahlreichen Gedenkveranstaltungen, Konferenzen und Fachsymposien, die schon geplant sind, sollten wir uns in diesem Jubiläumsjahr daher auch die Zeit nehmen, noch mehr miteinander ins Gespräch zu kommen.

Darüber,

  • wie das AA - trotz steigender Risiken an vielen Dienstorten und trotz des nationalen Wettbewerbs um die besten Köpfe - einer der attraktivsten Arbeitgeber dieses Landes bleiben kann?
  • Darüber, wie wir die Chancen der Digitalisierung besser nutzen können für unsere Arbeit, die ja in der Tat von schneller Kommunikation lebt, und das ist nicht immer ganz einfach.
  • Wie wir unsere Auslandsvertretungen, die oft unter schwierigsten Umständen und in Krisengebieten arbeiten, noch besser einbeziehen können in die Entscheidungen hier in Berlin in der Zentrale. Und dies angesichts einer Welt, in der die Grenzen zwischen außen und innen immer stärker verschwimmen, wie können wir das miteinander leisten?
  • Und nicht zuletzt, ich weiß, dies bleibt ein heikles Thema, sollten wir uns darüber Gedanken machen, wie wir eine „Hauskultur“ schaffen, die in unser Jahrhundert passt. Teamgeist statt Obrigkeitsdenken, Kollegialität statt Herrschaftswissen und – das darf ich hier als Mann einmal sagen – Feminismus statt Patriarchat – auch das folgt aus einem verantwortungsvollen Umgang mit unserer Geschichte.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Kern geht es doch um die Frage, wie wir nicht trotz, sondern gerade aufgrund unserer 150-jährigen Geschichte offen, flexibel und kenntnisreich, verantwortungsbewusst und werteorientiert Außenpolitik für unser Land gestalten können.

Antworten darauf erfordern von uns allen Mut und Entschlossenheit, auch neue Wege zu gehen. Dass das AA und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beides mitbringen, auch das zeigt der Blick in unsere Geschichte.

Lassen Sie uns diese Geschichte also zweifach begreifen:

  • Als eine Lehre, hinzuschauen, entschlossen zu handeln, auch zu widersprechen, wenn Unrecht passiert. 
  • Aber auch und vielleicht sogar vor allem als eine Ermutigung, dies Tag für Tag zu tun.

Herzlichen Dank!

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