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Klassenfahrt im Anzug

03.11.2016 - Artikel

Drei Länder in fünf Tagen: Die 71. Crew reiste nach Brüssel, Den Haag und Bonn und besuchte dort u.a. NATO, EU und IGH. In einer intensiven Woche gewannen wir zahlreiche neue Eindrücke.

Drei Städte. Drei Länder. Fünf Tage: So stellen sich manche das Diplomatenleben vor. Was jedoch vorher niemand gesagt hatte: dass so eine Woche am Montagmorgen um 4 Uhr früh beginnt. Entsprechend müde fanden wir uns am Flughafen Tegel ein. Der Versuch, vor dem Durchqueren der Sicherheitsschleuse irgendwie noch schnell einen Kaffee hinunterzustürzen, gehört sicherlich zu den weniger glamourösen Aspekten unseres Berufslebens.

Brüssel: Die EU lieben lernen

Deutsch-Französische Freundschaft
Deutsch-Französische Freundschaft© AA

In Brüssel, der ersten Station unserer Klassenfahrt im Anzug, trafen wir unsere französischen Kolleginnen und Kollegen wieder. Gemeinsam ging es zur NATO, wo wir mit Vertretern der deutschen und französischen Delegation bei der Verteidigungsgemeinschaft sprachen. Im Anschluss daran erklärte uns der Stellvertretende Generalsekretär Shea - „in grauer Vorzeit einmal einer der zehn attraktivsten Männer der Welt“ -, was Charles Dickens, John Wayne und Dinosaurier mit Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu tun haben. Unterhaltsam verpackt, aber mit einem ernsten Hintergrund: Die Welt ist unsicherer geworden und die internationalen Beziehungen sind nicht mehr so stabil wie sie einmal waren.

Nach dem Besuch bei der NATO ging es zur Europäischen Union. Dort diskutierten wir mit Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Institutionen über aktuelle Herausforderungen wie Brexit, Flüchtlingskrise und Euroskeptizismus und suchten vor diesem Hintergrund nach Antworten auf die Frage: „Wie können wir erreichen, dass die Europäerinnen und Europäer Europa wieder lieben?“

An der Ständigen Vertretung in Brüssel verrieten uns Kolleginnen und Kollegen die Geheimnisse ihres Arbeitsalltags: Geduld für lange Sitzungen, viel Kaffeetrinken zum Netzwerken und Verhandeln, sowie Verständnis für die Eigenheiten und Interessen der verschiedenen Mitgliedsstaaten. Interessant für uns waren auch Einblicke in das NEPT (National Experts in Professional Training) Programm der EU. Am Ende unserer Ausbildung werden einige von uns die Chance haben, in diesem Rahmen drei Monate in einer der Brüsseler Institutionen zu arbeiten und so die EU noch besser kennenzulernen.

Spät abends gab es dann sogar noch ein bisschen Freizeit: Wir nutzten sie, um mit unseren französischen und belgischen Kollegen die kulturellen und kulinarischen Höhepunkte Brüssels zu erkunden.

Den Haag: Weltstadt des Friedens und des Rechts

Die 71. Crew besuchte Brüssel, Den Haag und Bonn.
Die 71. Crew besuchte Brüssel, Den Haag und Bonn.© AA

Am Mittwoch ging es weiter nach Den Haag. Gleich der erste Termin dort war beeindruckend: Im Friedenspalast erkundeten wir den Internationalen Gerichtshof (IGH). Nach einer Führung durch das imposante Gebäude trafen wir Richter Greenwood zum Gespräch, der bereits seit neun Jahren am IGH Recht spricht und uns aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz berichtete.

Abends waren wir dann zu Gast in der Residenz von Botschafter Kremp, um uns bei einem Empfang mit unseren niederländischen Kollegen zu vernetzen. Nach drei Tagen mit vollem Programm merkten wir dabei, dass dieser vermeintlich angenehme Teil des Diplomatenlebens einem durchaus Stehvermögen abverlangt.

Beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) erlebten wir am nächsten Tag die Herausforderungen beim Aufbau einer Weltgerichtsbarkeit. So kann es zum Beispiel Jahre dauern, bevor ein Verfahren gegen mutmaßliche Völkermörder beginnen kann. Denn alle Beteiligten haben aus Gründen der Fairness das Recht, den gesamten Prozess in einer Sprache zu verfolgen, die sie fließend beherrschen. Was aber, wenn es sich dabei um einen lokalen Dialekt handelt, der nur von wenigen hundert Personen gesprochen wird? Für den es keine Schriftsprache, keine Wörterbücher und in dem es keine Wörter gibt für Begriffe wie Angeklagter, Verteidiger, Beweisaufnahme oder Tatbestand? Dann müssen erst einmal Dolmetscher gefunden und geschult werden. Außerdem ist es eine Besonderheit des IStGH, dass die Opfer an den Verfahren nicht nur teilnehmen können, sondern auch intensiv betreut werden. Oftmals dauert es jedoch Monate oder sogar Jahre, Opfer und Zeugen in teils entlegenen Gebieten ausfindig zu machen, von einer Reise nach Den Haag zu überzeugen und ihnen den notwenigen Schutz zu gewährleisten.

Sehr herzlich wurden wir im niederländischen Außenministerium empfangen, das sich uns als ein ausgesprochen offener und moderner diplomatischer Dienst präsentierte. Diese Offenheit erlebten wir auch im Austausch mit unseren niederländischen Kolleginnen und Kollegen.

Nachdenklich stimmte unser letzter Termin in Den Haag beim Internationalen Jugoslawientribunal. Der deutsche Richter Christoph Flügge erörterte mit uns nicht nur die Frage der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und Völkermorden, sondern auch, wie es überhaupt soweit kommen kann, dass Menschen einander derartige Grausamkeiten antun. Sein Fazit: Sprache spielt eine wichtige Rolle. Denn jedem Völkermord ging eine verbale Herabwürdigung des Gegenübers als andersartig voraus.

Bonn: Deutsche UN-Stadt

Trotz eines straffen Programms: Gute Stimmung bei der 71. Crew.
Trotz eines straffen Programms: Gute Stimmung bei der 71. Crew.© AA

Von der „Welthauptstadt des Friedens und Rechts“ ging es dann in die „Welthauptstadt der Nachhaltigkeit“: Bonn. Als internationaler UN-Standort beherbergt Bonn 19 UN-Sekretariate, hunderte internationale Organisationen sowie NGOs. Mit dabei sind auch das Sekretariat der Klimarahmenkonvention UNFCCC und das Freiwilligenprogramm UN Volunteers. Es finden sich aber auch eher unbekannte Sekretariate wie EUROBATS (Sekretariat des Abkommens zur Erhaltung der Europäischen Fledermauspopulationen), SPIDER (Plattform der Vereinten Nationen für raumfahrtgestützte Informationen für Katastrophenmanagement und Notfallmaßnahmen) und AEWA (Sekretariat für die Erhaltung der afrikanisch-eurasischen wandernden Wasservögel).

Am späten Freitagabend trafen wir dann nach einer intensiven Woche wieder in Berlin ein. Fazit: Diplomatische Dienstreisen bestehen aus einem vollen Programm, vielen neuen Eindrücken und reichlich Schlafmangel. Insofern war unsere Lehrfahrt eine praktische Übung für unseren zukünftigen Arbeitsalltag. Trotzdem: Manche Dinge ändern sich auch im Erwachsenenalter nicht. Das stellten wir spätestens beim „Stille Post“-Spiel im Reisebus fest. Und als die Tüten mit Gummibärchen durch die Reihen gingen, fühlten wir uns wieder wie auf Klassenfahrt. Nur diesmal eben im Anzug.

Blogeintrag von Tjalke Weber und Marcel Humuza

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