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Nichts als die Wahrheit

Kommissare der malischen Wahrheits- und Versöhnungskommission diskutieren bei einer internen Klausur die strategische Weichenstellung für die weitere Arbeit

Kommissare der malischen Wahrheits- und Versöhnungskommission diskutieren bei einer internen Klausur die strategische Weichenstellung  für die weitere Arbeit, © GIZ

27.02.2019 - Artikel

Im Krisenstaat Mali finanziert das Auswärtige Amt eine Wahrheitskommission zur Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen.

Khadidja Maiga (Name geändert) verlangt nicht viel. Sie will einfach nur, dass ihr zugehört wird und der Staat anerkennt, welches Leid ihr widerfahren ist. Als die islamistischen Terrormilizen in ihr Dorf kamen, rannte sie mit ihrem Mann, einem Regierungsbeamten, und ihren Zwillingsjungen panisch davon. Sie waren einen Hügel hinuntergelaufen und glaubten schon, entkommen zu sein, als die bewaffneten Männer von hinten auf die Familie schossen. Ihr Mann und eines der Kinder starben. Khadidja Maiga selbst schleppte sich schwer verletzt mit ihrem anderen Sohn in die nächste Siedlung. Später floh sie aus der nordöstlichen Unruheregion Gao nach Bamako, der Hauptstadt Malis, wo sie als Binnenvertriebene bis heute lebt.

Khadidja Maigas Geschichte ist eine von tausenden Fällen, die die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Mali dokumentiert hat. Die Kommission wird mit Mitteln des Auswärtigen Amts von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) finanziert und begleitet – mit Schulungen, Beratungen und technisch-logistischer Unterstützung. Sie ist Teil des Friedensvertrags im Krisenstaat Mali, den die malische Regierung 2015 mit aufständischen Rebellen und Milizen aus Nord-Mali geschlossen hat. Die GIZ hat zusammen mit dem Versöhnungsministerium mehrere Regionalbüros aufgebaut und Mitarbeiter in der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen geschult. Überall im Land werden Interviews geführt. Doch niemand wusste damals, ob die Kommission das Land tatsächlich stabilisieren helfen können würde, denn anders als etwa in Südafrika oder Chile ist der Konflikt hier noch immer nicht gelöst. Es stand die Frage im Raum, ob es einer Wahrheits- und Versöhnungskommission gelingen kann, den Kreislauf von Hass und Gewalt zu durchbrechen und Vertrauen in den Staat zu schaffen.

„Das erste Mal, dass eine staatliche Kommission uns zuhört“

Flüchtlingskind aus Nordmali
Flüchtlingskind aus Nordmali© www.picturedesk.com

„Wir sind selbst überrascht, wie gut die Kommission aufgenommen wird und wie hoch ihre Glaubwürdigkeit ist“, sagt Anne-Katrin Niemeier, GIZ-Projektleiterin in Mali. Sogar aus den nördlichen Unruheprovinzen Ménaka und Kidal kommen nun seitens der Bevölkerung Forderungen nach eigenen Regionalbüros. „Viele sagen, es sei das erste Mal, dass eine staatliche Institution ihnen wirklich zuhört.“

Die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission ist in einen größeren Gesamtansatz eingebettet. Dazu gehören beispielsweise die von der GIZ organisierten Friedensdialoge, in denen Menschen zusammenkommen, die seit Beginn der jüngsten Krise 2012 keinen Kontakt mehr zueinander hatten. Um zu zeigen, dass Annäherung und Versöhnung sich lohnen, werden diese Gespräche von Mikroprojekten flankiert: etwa dem Wiederaufbau eines Basketballplatzes für Jugendliche, der von Dschihadisten zerstört wurde; einer neuen Straße oder der Instandsetzung eines Brunnens. Oft entsteht dadurch eine positive Dynamik, die sich die Projektträger zwar erhoffen, die unter den herrschenden Bedingungen aber nicht garantiert ist.

Jeder einzelne Friedensdialog ist ein kleiner Schritt in einem großen Konflikt, aber ohne eine Annäherung der Konfliktparteien können noch so viele Soldaten der Blauhelmmission „MINUSMA“ nach Mali geschickt werden – die Gewalt droht in Wellen immer wieder auszubrechen. Um dauerhafte Stabilität zu erreichen, müssen die Partner des Friedensabkommens von Algier dringend an den Ursachen arbeiten. Das Auswärtige Amt, und hier die Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe hat die Versöhnungsarbeit in Mali seit 2013 mit insgesamt rund 22 Mio. Euro unterstützt.

Klassischer Konflikt um knappe Ressourcen

Karte von Mali und der Region
Karte von Mali und der Region© Auswärtiges Amt

Eines der Grundproblem in Mali ist schon viele Generationen alt: Im Norden leben die traditionell nomadischen Wüstenvölker der Tuareg und Fulbe, die schon sehr lange islamisiert und kulturhistorisch stark von Nordafrika und der arabischen Kultur beeinflusst sind. Der Süden wird dagegen von der Ethnie der Bambara dominiert, lebt von der Landwirtschaft und gehört kulturell zu Subsahara-Afrika. Zum Islam sind die meisten Südmalier erst nach der französischen Kolonialisierung konvertiert. 

Die Völker des Südens stellen den größten Teil der Regierung  und haben den Norden jahrzehntelang vernachlässigt. Gewaltsame Konfrontationen mit gravierenden Menschenrechtsverletzungen und sogar Massaker hat es seit der Gründung Malis immer wieder gegeben. All das ist nie aufgearbeitet worden. Deshalb geht es im aktuellen Konflikt unter Anderem um Gleichberechtigung, um Teilhabe und Anerkennung. Auch deshalb umfasst das Mandat der Wahrheits- und Versöhnungskommission einen Zeitraum von 60 Jahren, denn auch das Leid der Vergangenheit soll  anerkannt und bearbeitet werden.

Wut und Frust über die Regierung haben dazu beigetragen, dass sich die Tuareg 2012 vom restlichen Land abspalten wollten, sie sich teilweise radikalisierten und mit dschihadistischen Gruppen aus dem arabischen Raum, die Nordmali als Rückzugsraum nutzen wollten, verbündeten. Vor dem Eingriff der französischen Armee drohte der westafrikanische Staat in die Hände internationaler Dschihadisten zu fallen und auseinanderzubrechen.

Mikroprojekte helfen den Frieden stabilisieren

Kommissarin Ouleymatou Sow Dembele
Kommissarin Ouleymatou Sow Dembele© GIZ

Um den extremistischen Gruppen die Unterstützung der Bevölkerung zu entziehen, muss sich Frieden für die Menschen lohnen. Zur Stabilisierung der fragilen Lage finanziert das Auswärtige Amt die mit den Friedensdialogen verknüpften „Mikroprojekte“ – Projekte wie ein Getreidespeicher für eine multiethnische Frauenkooperative „Frauen in Gao“, wo auch die Bundeswehrsoldaten stationiert sind. In den Dialogforen wird gemeinsam entschieden, was die Gemeinschaft braucht. „Solche Projekte sind für den Frieden nützlicher als tausend Reden“, sagt Zahabi Ould Sidi Mohamed, Malis ehemaliger Außen- und Versöhnungsminister, der heute der Entwaffnungskommission vorsitzt.

Dass es gelingen kann, auch in einem Vielvölkerstaat wie Mali friedlich zusammenzuleben, zeigt nicht zuletzt auch die Wahrheitskommission selbst, in der alle Ethnien und Religionen, Frauen wie Männer vertreten sind. Die Kommission wird von allen Unterzeichnern des Friedensvertrags akzeptiert und genießt großes Ansehen. „Wenn man erlebt, wie engagiert diese rund 100 Mitglieder miteinander diskutieren“, sagt GIZ-Projektleiterin Niemeier, „dass sie streiten, es ihnen aber immer nur um die Sache geht, dann bekommt man einen dieser Gänsehautmomente.“ 

Das historische Beispiel Europa könne den Maliern Mut machen, so Zahavi Ouid Sidi. Er sage seinen Landsleuten oft: „Wenn Deutsche und Franzosen nach all den Millionen Toten der Weltkriege enge Partner und Freunde werden konnten, dann können wir es auch.“ Doch dazu ist vor allem eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit nötig. „Um zu versöhnen, muss man die Wahrheit kennen“, betont der Ex-Minister. Derzeit werden die Menschenrechtsverletzungen, die die Wahrheitskommission zusammengetragen hat, systematisch ausgewertet; anschließend soll ein Programm für Wiedergutmachungs- und Entschädigungsleistungen entschieden werden. „Ohne Wahrheitsfindung gibt es keine dauerhaften Frieden“, sagt Ouleymatou Sow Dembele, ein Mitglied der Kommission. „Und ohne Entschädigung keine Versöhnung.“

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