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Stabilisierung und Mediation: Die Vermittler

09.01.2018 - Artikel

Deutschland versucht, Krisenstaaten mit Friedensmediation zu helfen. Doch was bedeutet vermitteln konkret? Das Beispiel Jemen

Die Jemen-Vermittler Ali Saif und Oliver Wils von der Berghof Foundation im Lichthof des Auswärtigen Amtes. Ihre Arbeit wird von Deutschland unterstützt.
Die Jemen-Vermittler Ali Saif und Oliver Wils von der Berghof Foundation im Lichthof des Auswärtigen Amtes. Ihre Arbeit wird von Deutschland unterstützt.© AA

Mittagessen im Berliner Hotel InterContinental. Ali Saif eilt mit seinem Teller zu Oliver Wils. „Schau mal hinten rechts“, flüstert er. „Sie reden!“ Die beiden Männer blicken diskret zu einem der Nachbartische. Noch am Abend zuvor wollten die Teilnehmer aus Saudi-Arabien und der Huthi-Miliz aus dem Jemen am Konferenztisch nicht einmal nebeneinander sitzen. Das direkte Gespräch ist der Durchbruch, auf den die Organisatoren gehofft haben.

Wils und Saif arbeiten als Vermittler für die auf Konfliktlösung spezialisierte Berghof Foundation, die von der Abteilung S für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe des Auswärtigen Amtes finanziell unterstützt wird. Der Deutsche und der Jemenit sind ein perfekt eingespieltes Team; redet ein Teilnehmer zu lang oder drehen sich die Gespräche im Kreis, greifen sie wechselseitig ein – mal mit klaren Worten oder einer kleinen Provokation, dann wieder mit einer Pause, die Raum für informelle Gespräche am Kaffeetisch auf dem Flur bietet.

Auch dieses Mal ist es nicht anders. Wils steht in der Mitte der zu einem Hufeisen zusammengestellten Tische. Hinter ihm zwei große Stellwände mit Karteikarten. Alle Punkte, die die Teilnehmer der verschiedenen Konfliktparteien am Morgen genannt haben, hat er mit seinem Team in der Mittagspause nach Themengruppen geordnet: „Sicherheit“ steht nun da, „Mangel an Vertrauen“ oder auch „Zukunft des Staates“. Wils ist der Herr des Mikrofons, er erteilt das Wort. In einer Kabine im Hintergrund sind gedämpft die Simultanübersetzer zu hören.

Wie ein Therapeut muss auch Wils feine Antennen dafür haben, wann er jemanden reden lässt und wann er unterbricht. Er spricht jeden mit Namen an, nickt aufmunternd zu, fasst zusammen oder mahnt: „Lassen Sie uns jetzt nicht Pingpong spielen.“

Zwischen den Teilnehmern sitzt sein Kollege Saif. Er kennt jeden Einzelnen im Raum gut, hat vor Ort im Jemen Vertrauen aufgebaut, viele anfangs überzeugen müssen zu kommen, sich um die Visa gekümmert, die Flüge, er hat sich ihre Bedenken angehört und dafür gesorgt, dass sie sich sicher fühlen. Brauchen Teilnehmer Abstand zueinander, platziert er sich zwischen sie. Wer sich aus den Diskussionen ausklinkt, den zieht Saif wieder hinein. Und wenn sich jemand richtig aufregt, dann bringt er auch schon mal Kaffee und Kuchen. Wenn auch das nicht hilft und einer der Gesprächspartner aus dem Raum stürmt, dann eilt er hinterher.

Vermittler brauchen für die Mediation vor allem Geduld und einen langen Atem. Aber es ist schwierig für das Berghof-Team, sich in der derzeitigen Situation im Jemen nicht unter Druck zu fühlen, denn die Lage ist verzweifelt. Die Jemeniten leiden nach Angaben der Vereinten Nationen unter einer sich ausweitenden Hungersnot und einer der größten humanitären Katastrophen weltweit. Zu allem Überfluss ist auch noch die Cholera ausgebrochen. Deutschland hat die humanitären Mittel für Jemen seit 2015 bereits auf das Fünfundzwanzigfache erhöht und war im vergangenen Jahr drittgrößter bilateraler Geber, aber der Zugang der internationalen Hilfsorganisationen zu den Notleidenden ist dürftig und die Probleme sind enorm.

Ohnehin kann die humanitäre Hilfe lediglich die Symptome der Krise lindern. Mit Mediation und Stabilisierung will das Auswärtige Amt darüber hinaus erreichen, dass auch an Ursachen und Lösungen gearbeitet wird, damit wieder eine Friedensperspektive entstehen kann. Für den Jemen existiert bereits ein Verhandlungsfahrplan der Vereinten Nationen. Doch er funktioniert nicht. Nicht alle Konfliktparteien sind schon so weit, sich ernsthaft darauf einzulassen.

Gesprächskanäle offen halten und Verhandlungen vorbereiten

„Wir versuchen, die Uno-Verhandlungen vorzubereiten“, sagt Ali Saif. Mit diesen inoffiziellen Friedensgesprächen „können wir im Augenblick den Krieg nicht stoppen, aber wir können die Aggressionen begrenzen und dafür sorgen, dass es überhaupt noch Kontakte gibt“. Die Berghof Foundation schafft dafür Räume, die im Jemen in dieser Form und mit hochrangigen Vertretern nicht mehr existieren. Mal trifft man sich in Jordanien, mal im Libanon und mal in Berlin. Die Berghof Foundation gehört international zu den sehr wenigen Organisationen, die über hochrangige Gesprächskanäle zu allen Konfliktparteien im Jemen verfügen.

Saif und Wils sind ein perfekt aufeinander eingespieltes Team. Sie treffen sich regelmäßig zu Gesprächen mit den Experten des Auswärtigen Amtes.
Saif und Wils sind ein perfekt aufeinander eingespieltes Team. Sie treffen sich regelmäßig zu Gesprächen mit den Experten des Auswärtigen Amtes.© AA

Die hohe Kunst der Mediation besteht allein schon darin, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt einzuladen. Sind sie gesprächsbereit? Können sie die politische Führung ihrer Gruppe tatsächlich vertreten? Vereinbarungen einhalten? Einfache Entscheidungen sind das nicht, denn der Bürgerkrieg im Jemen ist hochkompliziert: eine Mischung aus schon lange schwelenden Brandherden, Konflikten, die der „Arabische Frühling“ hochgespült hat, einem Staat, der schon immer schwach war und schließlich Nachbarstaaten, die sich einmischen, weil sie eigene Sicherheitsinteressen bedroht sehen.

Oliver Wils ist bis in die letzten Verästelungen mit diesem Vielfrontenkonflikt vertraut. Im Zentrum des Konflikts stehen die Huthi, eine Rebellengruppe aus dem Norden, an der Grenze zu Saudi-Arabien. Sie gehören zu einer Untergruppe der Schiiten, den Zaiditen, und sind lose mit dem Iran verbündet, der sich als Schutzmacht aller Schiiten versteht. Vor allem aber haben sie sich 2014 mit Jemens ehemaligem Staatschef Ali Abdallah Saleh zusammengeschlossen – dem langjährigen Staatspräsidenten, der während des Arabischen Frühlings aus dem Amt gejagt wurde. Diesem Bündnis gelang es, die international als rechtmäßig anerkannte Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi aus der Hauptstadt Sanaa zu vertreiben.

In der Wahrnehmung Saudi-Arabiens hatte damit indirekt der Erzfeind Iran im Jemen das Sagen – nicht hinnehmbar für Riad, das sich als Schutzmacht der Sunniten versteht. Das Königreich und andere Golfstaaten schlugen sich auf Präsident Hadis Seite. Seitdem bombardiert die von Saudi-Arabien geführte Militärallianz Ziele im Nachbarland.

Nachdem die Huthi ihrerseits Raketen auf Riad abfeuerten, blockierte Saudi-Arabien Ende 2017 über mehrere Wochen die jemenitischen Flug- und Seehäfen. Dass Ex-Präsident Saleh Gespräche mit Saudi-Arabien zur Aufhebung der Blockade aufnehmen wollte, wurde von den Huthi als Hochverrat aufgefasst; die Allianz zerbrach damit. Es folgten heftige Kämpfe zwischen Saleh-Truppen und Huthi in Sanaa, in deren Verlauf Saleh am 4. Dezember 2017 getötet wurde. Die Huthi übernahmen die alleinige Kontrolle über die Hauptstadt.

Doch es geht nicht nur um Macht, sondern auch um Emotionen, denn alle Beteiligten haben Familienmitglieder oder Freunde verloren, viel Leid gesehen und so manches durchgemacht. Für Oliver Wils und Ali Saif ist es deshalb schon ein großer Erfolg, dass alle, die sie eingeladen haben, tatsächlich nach Berlin gekommen sind, an einem Tisch gesessen und miteinander geredet haben. Beim nächsten Treffen hoffen sie auf konkrete Vereinbarungen zur Sicherheit und vertrauensbildende Maßnahmen. Bis zu einem Frieden wird es noch lange dauern, aber bis dahin ist kein Schritt nach vorn zu klein. „Ich bin einfach Optimist“, sagt Wils. „Man muss auch selbst glauben, dass es geht.“

Zum Weiterlesen:

Länderinformationen Jemen

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