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"In der Antarktis ist man per Du": Interview mit dem Völkerrechtsberater

05.02.2013 - Artikel

Was macht der Völkerrechtsberater in der Antarktis? Martin Ney im Interview über eine deutsch-südafrikanische Inspektionsreise zu den Forschungsstationen im Eis.

Das deutsch-südafrikanische Team
Das deutsch-südafrikanische Team© Martin Ney (AA)

Der Völkerrechtsberater der Bundesregierung und Leiter der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amts, Dr. Martin Ney, hat im Rahmen einer deutsch-südafrikanischen Inspektionsreise vom 7. bis 30. Januar 2013 eine Reihe von Forschungsstationen in der Antarktis besucht. Eine seltene Gelegenheit - die letzte Inspektion einer deutschen Delegation liegt schon 14 Jahre zurück. Für die südafrikanischen Kollegen war es die erste Inspektionsreise in die Antarktis überhaupt. Wir fragen Herrn Ney nach seinen Eindrücken.


Frage: Herr Ney, was macht der Völkerrechtsberater in der Antarktis?

Martin Ney: Das Auswärtige Amt hat in der Bundesregierung die Federführung für den Antarktisvertrag, weil wir die Federführung für das Völkerrecht haben. Insofern war es meine Aufgabe, die Delegation zu leiten und die Rahmenbedingungen für die südafrikanisch-deutsche Inspektion herzustellen. Aber ohne den wissenschaftlichen Input des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI), das zwei Kollegen mitgeschickt hat, und des Umweltbundesamts wäre die Inspektion völlig undenkbar gewesen.

Inspektionsteam vor der Station Neumayer III
Inspektionsteam vor der Station Neumayer III© Martin Ney (AA)

Was genau haben Sie sich angeschaut?

Wir haben zusammen vier Stationen inspiziert: die norwegische Station 'Troll', die britische 'Halley', die indische 'Maitri' und die belgische 'Princess Elizabeth'. Informationsbesuche gab es bei der deutschen Station 'Neumayer III' und der südafrikanischen 'Sanae IV'. Eine Inspektion legt Wert darauf zu erfahren, wie eine Station ihre Logistik und ihre Energieversorgung handhabt, welche Forschungsprojekte sie durchführt, ob sie ihre Abfälle und Abwässer umweltgerecht entsorgt und ob die Antarktis zu ausschließlich friedlichen Zwecken genutzt wird.

Warum ist die Antarktis so wichtig für uns?

In der Antarktis entsteht 50 Prozent des Meerwassers aller Ozeane. Wenn wir den Entstehungsprozess und auch den Schmelzprozess des Eises wissenschaftlich erfassen, dann können wir zum Beispiel Aussagen über den Klimawandel und seine Auswirkungen treffen. Aber das ist nur ein winziger Ausschnitt aus der wissenschaftlichen Forschung vor Ort.

Wie abenteuerlich haben Sie es dort erlebt?

Ich bin durchaus froh wieder hier in Berlin zu sein. Fliegen in der Antarktis ist nicht ungefährlich. Das Flugzeug, das wir ursprünglich dort verwenden sollten, blieb beim Starten an einer Schneeverwehung hängen und ist verunglückt. Unser Ersatzflugzeug war dann eine sogenannte "Twin Otter", deren Schwesterflugzeug während unserer Zeit leider mit allen Insassen abgestürzt ist.

Wie leben die Forscher in den Stationen?

Besprechung in der norwegischen Station Troll
In der norwegischen Station Troll© Martin Ney (AA)

Jede Station hat etwa zur Hälfte Logistiker: Das sind Funker und Ingenieure, die die Maschinen betreuen, die Energieversorgung sicherstellen usw. Zur anderen Hälfte leben dort Forscher, zumeist hoch spezialisierte Geologen, Geophysiker, Meteorologen und Chemiker. Alle sind ein Team; in der Antarktis ist man per Du. Man ist von einander so abhängig wie vielleicht in keiner anderen Arbeitsumgebung. Die Unterbringung ist in der Regel in Vierbettzimmern - das heißt Privatsphäre gleich Null. Und das wichtigste Mitglied der Besatzung ist der Koch! Die Verpflegung auf der deutschen Station war ganz vorzüglich. Es gab sogar frische Brötchen.

Und wie waren Sie untergebracht?

Wir waren untergebracht wie jeder andere auch, warm und einfach. Meine letzte Nacht fand dann allerdings im Zelt bei minus 15 Grad statt.

Wie waren Sie ausgerüstet? Normale Winterbekleidung reicht da wohl nicht.

Ohne die Unterstützung des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung hätten wir diese Inspektion nicht durchführen können. Die haben uns komplett mit Polarausrüstung eingekleidet.

Völkerrechtsberater Martin Ney
Völkerrechtsberater Martin Ney© Martin Ney (AA)

Sie haben die Inspektion gemeinsam mit einem südafrikanischen Team durchgeführt. Wie war die Zusammenarbeit?

Sie war ganz hervorragend. Südafrika ist für uns in der Antarktis ein ganz starker Partner. Wir sind dort mit den Stationen Sanae IV und Neumayer III unmittelbare Nachbarn - wenn auch drei Tagesreisen von einander entfernt. Während unserer Reise haben wir jeweils zur Prüfung einzelner Inspektionskriterien deutsch-südafrikanische Teams gebildet und durchgesprochen, auf welche Fragen wir besonderen Wert legen.

Der Antarktisvertrag soll die friedliche und wissenschaftliche Nutzung der Antarktis sicherstellen. Wie sehen Sie die Perspektiven dafür?

Neugierige Pinguine
Neugierige Pinguine© Martin Ney (AA)

Die friedliche Nutzung der Antarktis wird nicht in Frage gestellt. Es gibt aber zwei große Fragezeichen. Das eine betrifft die Handhabung des Tourismus. Es ist ganz klar, dass der Tourismus umweltgerecht sein muss und nur auf ganz kleiner Flamme zugelassen sein sollte. Man wird die Antarktis aber nicht als ausschließlichen Raum der Wissenschaft belassen können. Ein gewisser Tourismus ist auch für die langfristige Unterstützung des Umweltschutzes in der Antarktis unerlässlich.

Zum zweiten gibt es ein Verbot nicht nur der Gewinnung, sondern auch der Erforschung der Rohstoffe der Antarktis. Das Verbot der Erforschung der Rohstoffe läuft irgendwann aus. Ich könnte mir vorstellen, dass einige Staaten jetzt schon darüber nachdenken, wie man die Forschung auf zukünftige Rohstoffgewinnung hin ausrichten könnte.

Welche Rolle kann Deutschland hier spielen?

Es sitzt mit am Tisch derjenigen, die beim Jahrestreffen der Antarktisvertragsstaaten zu bestimmen haben. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir vor allem mit den beiden genannten offenen Fragen umgehen.

Würden Sie denn einmal als Tourist in die Antarktis zurückkehren wollen?

Also, nach einer gewissen Pause würde ich alles geben, um noch einmal in die Antarktis zu kommen (lacht).

Herzlichen Dank!

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