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Harter Winter: Humanitäre Lage in der Ostukraine

In der Nähe der Kontaktlinie bei Mayorsk

In der Nähe der Kontaktlinie bei Mayorsk, © Tolmachov/UNICEF

24.11.2017 - Artikel

Ein bewaffneter Konflikt mitten in Europa: In der Ostukraine verharren noch immer Millionen im Konfliktgebiet und sind dabei auf humanitäre Hilfe angewiesen. Ein weiterer kalter Winter steht bevor. Deutschland hilft – als größter bilateraler Geber für die Menschen in der Ukraine.

Medizinische Grundversorgung für Betroffene im Konfliktgebiet
Medizinische Grundversorgung für Betroffene im Konfliktgebiet© ASB

‚Frieden‘: Nach ihrem größten Wunsch gefragt, zögert die alte Dame in der Ostukraine keine Sekunde. ‚Ich möchte endlich wieder Frieden‘, wiederholt sie. Ihr Mann nickt. Die ältere Frau überlegt kurz, dann ergänzt sie: ‚Und wenn ich noch einen Wunsch freihabe, würde ich gerne meine Enkel wiedersehen.‘ Die leben ein Dorf weiter – aber auf der anderen Seite der Kontaktlinie. Vor dem Ausbruch der Kämpfe eine rund zehnminütige Busfahrt entfernt, heute nur unter Lebensgefahr erreichbar. Das alte Ehepaar macht sich dennoch einmal im Monat auf den Weg: stundenlanges Anstehen am Kontrollpunkt in bitterer Kälte, Fußweg durch das verminte Niemandsland zwischen den Kontrollpunkten, weitere Kontrollen im besetzten Gebiet. Abends das Ganze nochmal, um rechtzeitig wieder zuhause zu sein. Zuhause ja, in Sicherheit nein – noch immer wird das kleine Dorf direkt an der Kontaktlinie fast jede Nacht beschossen. Arbeit hat ihr Mann schon lange nicht mehr. Früher schuftete er in den Kohleminen auf der anderen Seite, seit Kampfbeginn ist er arbeitslos – wie alle seine ehemaligen Kollegen. Es wäre zu gefährlich, täglich die Kontaktlinie zu überqueren. Jetzt leben sie von den Erzeugnissen ihres kleinen Gartens. Stolz zeigt der Ehemann auf die Hühner, die in einem kleinen Verschlag im Hinterhof scharren: ‚Fünf Stück haben wir letztes Jahr vom Roten Kreuz bekommen, dieses Jahr sind es schon zehn geworden.‘ Dann dreht sich der etwa 60-Jährige, der mit seinem wettergegerbten Gesicht und den von Arbeit schwieligen Händen eher aussieht wie 80, um und hackt weiter Feuerholz, denn der eiskalte Winter naht.

Angst vor dem bevorstehenden Winter 

So wie diese Familie fürchten Millionen Menschen in der Ostukraine den bevorstehenden Wintereinbruch. Es sind monatelange Minusgrade zu befürchten, die das Leben in den oft nur notdürftig wiederhergerichteten Häusern zur Tortur machen. Es fehlt an Kohle zum Heizen. Schließlich droht auch die Wasserversorgung zusammenzubrechen, dann sitzen Tausende bei – 20° C  in ihren Wohnungen. Tatsächlich gibt es genügend Kohle – jedoch nur auf der anderen Seite der Konfliktzone. Nur ein kleiner Aspekt in einem weiter schwelendem Konflikt, unter dem besonders die Zivilbevölkerung leidet.

In vielfältiger Weise hat der Konflikt in der Ostukraine dramatische Auswirkungen auf das tägliche Leben der Menschen vor Ort. Vier Millionen Menschen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen in der Ukraine auf humanitäre Hilfe angewiesen: Nahrungsmittel, Wasser, Dinge des täglichen Lebens. Mehr als drei Millionen Menschen sind aus der Ostukraine geflohen, zum Teil in die Nachbarländer, zum Teil in andere Regionen der Ukraine. Die, die bleiben, sind oft ältere Menschen, Rentner, Kranke und Menschen mit Behinderungen. Doch viele Hilfsorganisationen kommen an die Menschen in den von den Separatisten kontrollierten Gebieten nicht mehr heran: es gibt oft Probleme mit der Registrierung bei den de facto-Behörden; internationalen Nichtregierungsorganisationen wird der Zugang zu den Hilfsbedürftigen von den Separatisten komplett verweigert.

Entfernung von Landminen und Sprengfallen in der Nähe von Krasna Talivka
Entfernung von Landminen und Sprengfallen in der Nähe von Krasna Talivka© HALO

Wie Deutschland hilft

Zusammen mit deutschen und internationalen Partnern unterstützt das Auswärtige Amt Nahrungsmittellieferungen und die medizinische Versorgung der betroffenen Bevölkerung. Ebenso wichtig: die Sicherstellung der Trinkwasser- und Sanitärversorgung. Psychosoziale Programme helfen den Menschen, das im Krieg Erlebte zu verarbeiten. Ein weiterer Baustein des umfassenden deutschen Engagements ist die Beseitigung von Minen und Kampfmittelresten – allein in diesem Jahr sind durch Landminen oder Sprengfallen mehr als 85 Menschen ums Leben gekommen.  Deutschland unterstützt die Menschen in der Ukraine seit Ausbruch des Konflikts und ist zum größten Geber  für die humanitäre Krise in der Ukraine geworden. Mehr als 23 Millionen Euro sind alleine 2017 bislang in Hilfsprojekte geflossen.

Gleichzeitig setzt sich Deutschland weiterhin für eine vollständige Umsetzung  der Minsker Vereinbarungen ein. In diesem Rahmen haben die Konfliktparteien sich unter anderem dazu verpflichtet, den humanitären Hilfsorganisationen ungehinderten Zugang zu allen Notleidenden in der Ostukraine zu gewähren.

Wasserfilterstation in der Ostukraine, die 1,5 Millionen Menschen mit Wasser zum Trinken und Heizen versorgt
Wasserfilterstation in der Ostukraine, die 1,5 Millionen Menschen mit Wasser zum Trinken und Heizen versorgt© Tolmachov/UNICEF

Gegen das Vergessen humanitärer Krisen

Die humanitäre Krise in der Ostukraine gerät hierzulande zunehmend in Vergessenheit. Doch gerade die humanitären Notlagen, die nicht im Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen, brauchen Unterstützung. Zusammen mit einer Gruppe deutscher Hilfsorganisationen wirbt das Auswärtige Amt mit der #nichtvergesser-Initiative dafür, oft unbeachtete humanitäre Krisen stärker in den Fokus zu rücken. Dies gilt auch für die Ukraine – eine humanitäre Krise mitten in Europa.

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