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Minen: Das heimtückische Erbe des Krieges

Die ukrainische Minenräumerin Tetiana Nykyforova in einem Minenfeld in der Region Donezk

Die ukrainische Minenräumerin Tetiana Nykyforova in einem Minenfeld in der Region Donezk, © HALO Trust

04.04.2019 - Artikel

Minen, Sprengfallen und Blindgänger verhindern, dass sich das Leben nach einem Krieg normalisieren kann und Flüchtlinge heimkehren können. Deutschland hilft weltweit bei der Minen- und Kampfmittelräumung: Wie eine Minenräumerin in der Ukraine vorgeht und warum IS verminte Städte hinterlässt.

Tetiana Nykyforova arbeitet sich mit einem Fühler vor. Vorsichtig hebt sie mit ihm Zweige an und schiebt Gestrüpp zur Seite, immer auf der Suche nach einem Draht, der eine Explosion auslösen könnte. Anschließend setzt sie einen Metalldetektor ein. „Jedes Mal, wenn ich etwas finde, wird mir bewusst, wie gefährlich unsere Arbeit sein kann“, sagt die 37-jährige Ukrainerin. Angst, sagt sie, gehört  zu ihrem Job. „Wer keine hat, ist nicht fürs Minenräumen geeignet.“

Noch vor ein paar Monaten ist Tetiana Nykyforova Barkeeperin gewesen, hat Drinks gemixt und Bier ausgeschenkt. Als der Club, in dem sie arbeitete, schloss, wollte sie etwas ganz anderes machen als bisher. „Ich wollte etwas für mein Land tun, jedoch nicht zur ukrainischen Armee gehen“, erzählt die junge Frau.  „Für mich ist wichtig, dass die Menschen in Sicherheit leben können; es macht mich wütend, wenn ich daran denke, dass Kinder verletzt werden.“ Im Osten der  Ukraine, wo sie lebt, kämpfen prorussische Rebellen seit 2014 für die Abspaltung der Landesteile Donezk und Luhansk. Nach einem völkerrechtswidrigen Referendum der mehrheitlich russischsprachigen Bürger in der Region hatte Russland die ukrainische Halbinsel Krim annektiert und den Konflikt ausgelöst. Dort, wo die von Moskau unterstützten Milizen und die ukrainische Armee aufeinandertreffen, liegen tausende Minen, Sprengfallen und Munitionsreste.

Grafik, die die Verbreitung von Landminen in 2018 anzeigt
Verbreitung von Landminen in 2018© ICBL-CMC Monitor

Tetiana Nykyforova bewarb sich bei HALO Trust, einer Nichtregierungsorganisation, die auf Minen- und Kampfmittelräumung spezialisiert ist. Mitfinanziert wird Halo Trust von der Abteilung S des Auswärtigen Amts – der Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe. Seit 2015 hat das Auswärtige Amt weltweit rund 140 Millionen  Euro in die Räumung des heimtückischen Erbes des Krieges investiert – in Afghanistan ebenso wie in Somalia, Kolumbien, Irak, Syrien oder jüngst in der Ukraine.

Rund ein Dutzend von Deutschland unterstützte Organisationen kümmert sich darum, dass das Leben nach dem Ende der Kampfhandlungen weitergehen und Vertriebene in ihre Heimat zurückkehren können. Im Minen- und Kampfmittelräumen ist Deutschland 2017 der zweitgrößte Geber gewesen. Selbst produziert die Bundesrepublik schon seit Jahrzehnten keine Antipersonenminen und Streumunition mehr und setzt sich für die Ottawa-Konvention ein – ein Abkommen, das Antipersonenminen ächtet und das bereits von 164 Staaten ratifiziert wurde. Selbst Staaten, die die Konvention nicht ratifiziert haben, darunter die USA, halten sich aus humanitären Gründen an die wichtigsten Punkte des Vertrags.

Die Ukraine gehört mittlerweile zu den mit Minen und Kampfmittelrückständen am stärksten kontaminierten Staaten der Welt. In den vergangenen vier Jahren sind dadurch 650 Menschen gestorben und 1200 verletzt worden. Tausende Kinder in den betroffenen Gebieten Luhansk und Donezk gehen wegen der Explosionsgefahr nicht zur Schule. Felder können nicht bewirtschaftet werden und zahlreiche Straßen sind gesperrt. Alltäglichkeiten wie ein Spaziergang im Wald oder Versteckspielen können tödlich enden. „Mindestens 15 Millionen Quadratmeter sind kontaminiert“, sagt Yuri Shahramanyan, der die HALO-Trust-Mission in der Ukraine leitet. „Die Menschen fühlen sich nicht sicher und der wirtschaftliche Schaden ist enorm.“

Landmine in Irak
Landmine in Irak© Mines Advisory Group

Noch schlimmer ist die Situation im Irak, wo der so genannte Islamische Staat (IS) extrem kontaminierte Städte hinterlassen hat; in Falludscha, Ramadi und Mossul sind Sprengfallen sogar in Kühlschränken, im Spielzeug, an Lichtschaltern oder auch Türschwellen gefunden worden. Experten sagen, dass sie ein solches Ausmaß wie nach dem Abzug von IS noch nie gesehen hätten. Die Sprengfallen würden von IS nicht nur militärisch eingesetzt, sondern auch politisch, um die Rückkehr der geflohenen Zivilbevölkerung zu erschweren und die Lage weiter zu destabilisieren.

Gerade deshalb sei schnelle Hilfe so wichtig, betont Rüdiger König, Leiter der Abteilung S im Auswärtigen Amt. Die Sprengfallenräumung sei mehr als nur ein Akt der Humanität, sie sei die Basis für Stabilisierung und einen politischen Prozess, der Frieden bringen soll. „Es muss vom ersten Augenblick an für die Bevölkerung spürbar sein, dass die Vertreibung von IS für sie ein besseres und friedlicheres Leben bedeutet.“ Stabilisierung verfolgt deshalb nicht langfristige Entwicklungsziele, sondern eine rasche Friedensdividende. „Wir möchten damit ein politisches Ziel erreichen: die Stärkung der Regierung“, so König. Deswegen werde stets so schnell wie möglich die kritische Infrastruktur geräumt, etwa Krankenhäuser, Gebäude der Strom- und Wasserversorgung, Schulen, Verwaltungsgebäude.

Zur Strategie der Minenräumung gehört auch immer, dass lokale Kräfte ausgebildet und eingesetzt werden. So ist auch Tetiana Nykyforova an ihren neuen Job gekommen. Seit der Ausbildung ist sie nun oft zehn Tage am Stück im Feld. Heiß ist es im Sommer unter der dicken Schutzkleidung, kalt im Winter, und die Anforderungen sind immer hoch. Am schwierigsten sind die „gemischten“ Minenfelder mit Sprengfallen, Antipersonen- und Antifahrzeug-Minen, Granaten und Blindgängern. Dort kommt sie nur fünf bis 15 Meter am Tag voran. Alle 15 Minuten macht sie eine Pause, damit die Aufmerksamkeit nicht nachlässt. „Ich mag dieses hochkonzentrierte Vorgehen“, sagt Tetiana Nykyforova. Die Arbeit liege ihr, sie wolle inzwischen nichts anderes mehr machen. „Ich möchte bis zur Räumung des letzten Minenfelds dabei bleiben.“

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