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Die Lebensretter

Schülerinnen und Schüler beim Unterricht in der UNRWA Grundschule in Deir Al-Balah.

Unterricht in der UNRWA Grundschule in Deir Al-Balah., © picture alliance/ZUMA Press

13.12.2018 - Artikel

Vom Impfprogramm bis zur Lebensmittelhilfe - die von Deutschland unterstützte UNRWA lindert die humanitäre Not palästinensischer Flüchtlingsfamilien

Auf eines ist der Arzt Mahmud Wohusch besonders stolz: Die Kindersterblichkeit unter den Palästina-Flüchtlingen ist in den letzten 30 Jahren drastisch gesunken. Starben noch in den 1980er Jahren 100 Kinder pro 1000 Geburten, sind es heute 18. „Wir tun alles, um in den Flüchtlingslagern Leben zu retten“, sagt Wohusch. Er ist Vize-Direktor des Gesundheitsprogramms im Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (United Nations Relief and Works AgencyUNRWA), das von Deutschland wesentlich mitfinanziert wird. Der humanitäre deutsche Beitrag für UNRWA stammt aus der Abteilung S des Auswärtigen Amts ­– der Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe.

Eine Ärztin untersucht ein Neugeborenes
UNWRA betreibt mehr als 140 Gesundheitszentren, die die primäre Gesundheitsversorgung der Palästina-Flüchtlinge sicherstellen.© UNRWA

In den Flüchtlingscamps betreibt UNWRA Gesundheitszentren, die eine Basisversorgung der dort lebenden Menschen sicherstellt. Dort werden Schwangere untersucht und Babys geimpft, aber auch Diabetes-Patienten und chronisch Kranke versorgt. „Ohne die UNRWA-Gesundheitszentren gäbe es hier sehr viel Leid“, so Wohusch. Die Camps bestehen zwar heute nicht mehr aus Zelten, sondern haben sich zu dicht besiedelten Vierteln am Rand urbaner Zentren entwickelt. Doch die Armut ist geblieben. Die meisten könnten sich aus eigener Kraft kaum die einfachsten Behandlungen leisten.

Ärzte wie Dr. Salim Anati müssen deshalb medizinisch breit aufgestellt und hart im Nehmen sein. Er arbeitet im UNRWA-Gesundheitszentrum im Camp Schuafat in Ost-Jerusalem. In seinem Einzugsgebiet leben 70000 Menschen. An ruhigen Tagen behandelt er 70 Patienten, an anderen können es bis zu 200 werden. Gerade, erzählt er, habe er eine Patientin mit diabetischem Fuß ins Krankenhaus überwiesen. „Ich fürchte, sie wird den Fuß verlieren und das tut mir sehr Leid.“ Ohne UNRWA, sagt er, wäre die gesundheitliche Situation der Flüchtlinge ein Desaster. „Sie sind von uns abhängig.“

Stabilitätsanker für die Region

UNRWA wurde ursprünglich nur für den Übergang gegründet. Nach dem Teilungsplan der Vereinten Nationen von 1947, den die arabische Seite zurückwies, brach der erste israelisch-arabische Krieg aus. Hunderttausende Palästinenser flohen – in das heutige Jordanien, Syrien, Libanon und in den Gazastreifen und ins Westjordanland. Bis zu einer politischen Lösung für den Nahostkonflikt ist es laut Resolution 302 Auftrag der UNRWA, für die Unterstützung und den Schutz der Palästina-Flüchtlinge zu sorgen, die inzwischen von ursprünglich 720000 auf rund fünf Millionen Menschen angewachsen sind. Sie sind nun bereits in der vierten Generation Flüchtlinge – ohne dass sich eine Friedenslösung im Nahostkonflikt abzeichnet. Ihr Rückkehrrecht garantiert zwar Resolution 194 der Vereinten Nationen. Doch es ist politisch auch besonders umstritten zwischen den Konfliktparteien und gehört zu den so genannten „Endstatusfragen“.

UNRWA ist ein wichtiger Stabilitätsanker für die gesamte Region“, sagt Thomas Zahneisen, Beauftragter für Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt. „Für die palästinensischen Flüchtlinge bedeutet UNRWA viel mehr als soziale Versorgung. Es ist für sie wie eine Bestätigung, dass sie existieren, und das gibt gerade den jungen Menschen Hoffnung. “Ohne die UNRWA gäbe es keine Beschulung der 500000 Kinder mit Flüchtlingsstatus, keine medizinische Grundversorgung und keine humanitäre Hilfe für diese besonders verwundbare Bevölkerungsgruppe.

Trotz ihres klaren Auftrags von der Weltgemeinschaft, für die Palästina-Flüchtlinge zu sorgen, kämpft UNRWA mit großen finanziellen Schwierigkeiten, da der wesentliche Teil des Budgets auf freiwilligen Leistungen der Geberländer basiert. Deutschlands Beitrag von rund 80 Mio. € im Jahr 2017 – drittgrößter Geber nach den USA und der EU – ist wichtiger denn je, weil die USA ihren Finanzierungsanteil in 2018 von 360 Mio. $ auf 60 Mio. $ reduziert haben. Ohne die UNRWA würde nicht nur ein Stabilitätsanker in der Region fehlen. Eine Unterfinanzierung des Hilfswerks könnte außerdem die Palästinensische Autonomiebehörde, die mit der größeren Last überfordert wäre, enorm schwächen, vielleicht sogar zu Fall bringen. Eine Verelendung, Instabilität und politische Unruhen könnten die Folge sein. Für die Friedensaussichten zwischen Israel und den Palästinensern wäre all das sehr schädlich.

Hilfe in Würde annehmen

Ein palästinensisches Mädchen sitzt auf Säcken der UNRWA Nahrungsmittelvergabe
Nahrungsmittelvergabe im südlichen Gaza-Streifen.© picture alliance/ZUMA Press

Das Flüchtlingshilfswerk sorgt nicht nur für die Gesundheitsversorgung, sondern betreibt vor allem auch Schulen. Es sorgt in akuten Krisensituationen dafür, dass die Menschen ein Dach über dem Kopf und Essen haben, wenn sie sich nicht selbst versorgen können. Damit bedürftige Familien Hilfe in Würde annehmen und sich als nützlicher Teil der Gemeinschaft fühlen können, legt die UNRWA auch humanitäre Cash-for-Work-Programme auf. Jeder Einzelne kann sich damit in drei Monaten 1260 $ verdienen. „Ich habe davon Essen und Kleider für meine Frau und meine sechs Kinder gekauft“, erzählt der 47-jährige Ijad Mahmud Taha aus dem Camp Jalazone. „Außerdem habe ich einige meiner Schulden in dem kleinen Supermarkt, bei dem wir normalerweise Lebensmittel einkaufen, bezahlen können.“

Essen gebe es durchaus ausreichend im Westjordanland und im Gazastreifen, sagt Dima Abu al-Saud, die das Cash-for-Work-Nothilfeprogramm der UNRWA leitet. „Aber viele haben nicht genug Einkommen, um es zu kaufen.“ Die Arbeitslosigkeit unter den Flüchtlingen liegt bei über 20 Prozent; ein Viertel dieser Familien leidet unter chronischer „Ernährungsunsicherheit“ – sie müssen permanent befürchten, sich nicht einmal die Grundnahrungsmittel leisten zu können. „Wir haben deshalb lange Wartelisten für das Cash-for-Work-Programm.“

Flucht als Dauerzustand

Die Programme der UNRWA in den palästinensischen Camps spiegeln wider, womit humanitäre Hilfe heute sehr häufig konfrontiert ist: Flucht ist vielerorts zum Dauerzustand geworden. Bei der Hilfe muss es deshalb auch um langfristige Lösungen gehen. Hilfsorganisationen, für die das Auswärtige Amt auch über die UNRWA hinaus einer der wichtigsten Geber ist, haben deshalb Wege entwickelt, bedürftige Familien so zu unterstützen, dass sie über die Hilfe selbstbestimmt verfügen können. Denn die Situation im Westjordanland ist in vieler Hinsicht typisch für die Lage in Konfliktregionen weltweit: Menschen, die in ihrem Land oder der Region auf der Flucht sind, müssen nicht nur in Zeltlagern, sondern ebenso häufig im städtischen Umfeld oder am Rande von urbanen Zentren versorgt werden. Sie müssen sich in einem Provisorium einrichten, das oft über viele Jahre und Jahrzehnte ihr Lebensmittelpunkt wird.


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