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Afghanistan: mit Bildung bewaffnet

Der Polizist Abdul Latif aus Baghlan: „Mit Polizisten, die lesen und schreiben können, können wir ein friedliches Afghanistan schaffen.“

Der Polizist Abdul Latif aus Baghlan: „Mit Polizisten, die lesen und schreiben können, können wir ein friedliches Afghanistan schaffen.“, © GIZ

20.12.2017 - Artikel

Deutschland versucht, Krisenstaaten zu stabilisieren. Doch was bedeutet Stabilisierung konkret? Das Beispiel Afghanistan: Wie die Alphabetisierung von Polizistinnen und Polizisten  das Land sicherer macht.

Wenn Faizullah früher ein verdächtiges Fahrzeug aufspüren sollte, dann war es für ihn ein fast aussichtsloses Unterfangen. Der Polizist aus der afghanischen Hauptstadt Kabul konnte weder lesen noch schreiben. Lediglich die Autofarbe und Marke boten ihm Anhaltspunkte. „Einmal sollte ich den Fahrer eines gelben Wagens verhaften, weil er ein gefälschtes Nummernschild hatte“, erzählt der 38-Jährige. Als das Auto kam, verlangte Faizullah den Führerschein zu sehen. „Stattdessen hat mir der Fahrer eine Stromrechnung vorgelegt, wie ich später herausfand.“

Er tat so, als studiere er die Papiere, nickte schließlich und ließ den Gesuchten weiterfahren. „Ich konnte es ja nicht besser.“

Ziel: Stärkung der staatlichen Institutionen

Polizist Faizullah aus Kabul: „Ich hatte wegen des Krieges nie lesen und schreiben gelernt.“
Polizist Faizullah aus Kabul: „Ich hatte wegen des Krieges nie lesen und schreiben gelernt.“© GIZ

Heute jedoch schon. Faizullah hat inzwischen an einem der Alphabetisierungskurse teilgenommen, die Deutschland für afghanische Polizisten anbietet, um die Sicherheitslage im Land zu stabilisieren. Finanziert wird das Programm mit bisher rund 27 Mio. € von der Abteilung S im Auswärtigen Amt – der Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und Humanitäre Hilfe. Es ist eines von 63 Projekten des Stabilitätspakts Afghanistan, mit dem Deutschland die Regierung in Kabul unterstützt. Bei der Stabilisierung geht es vor allem um kurz- oder mittelfristige Hilfe. Fortschritte sollen schnell spürbar sein und einem Ziel dienen: den politischen Partner, die afghanische Regierung und ihre staatlichen Institutionen, zu stärken.

„Afghanistan hat sich unumkehrbar weiterentwickelt“, sagt Thomas Zahneisen, früherer Geschäftsträger der deutschen Botschaft in Kabul und langjähriger Referatsleiter für Stabilisierung. „Es ist heute ein völlig anderes Land als nach der Befreiung von der Taliban-Herrschaft.“ Destabilisierend wirken sich derzeit vor allem die Sicherheitslage und die Flüchtlinge aus; eine halbe Million Afghanen sind Binnenvertriebene, sogenannte IDPs (Internally Displaced Persons). Hinzu kommen rund 600.000 Afghanen, die allein in 2016 aus Pakistan zurückkehren mussten.

Um hier gegenzusteuern, sind in den vergangenen drei Jahren rund 11 Mio. € aus den Mitteln des Auswärtigen Amts in die Flüchtlingshilfe – Projekte für IDPs und Rückkehrer – geflossen. Für den Bereich Sicherheit und Polizeiaufbau gibt die Abteilung S mit 91 Mio. € in etwa die Hälfte ihrer Afghanistan-Hilfe aus; mangelnde Sicherheit ist eine zentrale Fluchtursache.

Die Afghanen seien durchaus stolz auf ihre Polizei, betont Zahneisen. Sie wünschten sich allerdings deutliche Verbesserungen, denn die Ordnungshüter sind ein Spiegel der Gesellschaft: die große Mehrheit, etwa 70 Prozent, kann nicht oder kaum lesen und schreiben. „Bei mir war es so, dass ich es zuerst wegen des Krieges nicht gelernt habe“, sagt Faizullah. „Später hatte ich keine Zeit, weil ich in der Stadt Wasser verkaufen musste, um meine Familie zu ernähren.“ Zehn Menschen hängen von dem ab, was er nach Hause bringt.

Faizullah hat inzwischen einen Abschluss, der dem dreier Grundschuljahre entspricht und kann nun all das, was vorher für ihn unvorstellbar war: Fahrzeugpapiere und Kennzeichen kontrollieren, die Straßensperren für einen Checkpoint an den vorgesehenen Orten aufstellen oder Adressen ohne Hilfe finden. Er muss nicht mehr, wie viele andere Kollegen, ein Schulkind bitten, ihm den Namen auf einem Haftbefehl vorzulesen. Er ist nun in der Lage, den Dienstplan selbst zu lesen, Strafzettel auszustellen und ein Vernehmungsprotokoll zu schreiben.

„Wenn Polizisten nicht qualifiziert sind, leidet das Sicherheitsempfinden der Menschen“, so Georg Fritzenwenger, der das Projekt für die Alphabetisierung von Polizisten bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) vor Ort in Kabul leitet. Die GIZ führt das Programm im Auftrag des Auswärtigen Amts durch. Dazu kommt der Kampf gegen Extremisten wie die Taliban. Dafür ist in Afghanistan zwar in erster Linie das Militär zuständig. Doch jenseits der urbanen Zentren steht auch die Polizei für die Präsenz des Staates. „In Regionen mit angespannter Sicherheitslage werden Polizisten auch schnell in andere Sicherheitsaufgaben verwickelt“, sagt Fritzenwenger. Wenn sie angegriffen würden, hätten sie oft gar keine Wahl als sich zu verteidigen.

Attraktivität des Polizeiberufes steigt

Ein afghanischer Polizist kontrolliert einen Mann während einer Militäroperation in der Provinz Kandahar
Ein afghanischer Polizist kontrolliert einen Mann während einer Militäroperation in der Provinz Kandahar© picture alliance/Photoshot

Umso wichtiger ist für die Sicherheitslage, dass gerade die einfachen Polizisten dabeibleiben und nicht bei nächster Gelegenheit in andere, weniger gefährliche oder besser bezahlte Jobs abwandern. „Die Alphabetisierungskurse machen den Polizeiberuf attraktiver, weil sie den Einzelnen weiterbringen und sich dadurch Aufstiegschancen eröffnen“, sagt Fritzenwenger. Die Kursteilnehmer lernen täglich zwei Stunden während ihrer Dienstzeit lesen und schreiben. Den Rest des Tages gehen sie ihrer normalen Polizeiarbeit nach. Wo immer sich in Afghanistan fünf Polizisten finden, die an einem Kurs teilnehmen wollen, wird das GIZ-Team aktiv. Es schickt Lehrmaterial, Tische, Bänke, eine Tafel und bildet einen geeigneten Kursleiter didaktisch aus. Das Projekt hat neben den regulären Lerninhalten bei der Alphabetisierung von Erwachsenen auch spezielle Elemente für Polizisten entwickelt:

„Bei diesen Materialien geht es um die Themen, für die in der regulären Polizeiausbildung nur wenig Zeit bleibt“, so der Projektleiter. „Von der Frage, was eigentlich einen Polizisten ausmacht, über Menschenrechte, Gleichberechtigung bis hin zu Umwelt und Gesundheit.“ 80.000 Polizisten haben die Alphabetisierungsklassen der GIZ bereits durchlaufen. 32.000 Teilnehmer sind es aktuell. Die Fortschritte sind unmittelbar spürbar. „Weil ich nun lesen kann, habe ich neulich bei einer Fahrzeugkontrolle bemerkt, dass das Kennzeichen gefälscht war“, erzählt Abdul Latif, ein Polizist aus der nordafghanischen Kleinstadt Baghlan. „Es war immer mein Traum, Polizist zu sein.“ Aber erst jetzt könne er seine Aufgaben tatsächlich anständig erledigen. „Nur Polizisten, die lesen und schreiben können, können die Gesetze anwenden“, sagt der 28-Jährige. „Und nur so bereiten wir den Weg für ein friedliches Afghanistan.“

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