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Gedenken an den 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion Russische Föderation

22.06.2016 - Artikel

Der „Blick zurück ermahnt uns, alles Menschenmögliche zu tun, die europäische Friedensordnung zu bewahren“, betont Außenminister Steinmeier in seinem Namensartikel.

Der „Blick zurück ermahnt uns, alles Menschenmögliche zu tun, die europäische Friedensordnung zu bewahren“, betont Außenminister Steinmeier in seinem am Mittwoch (22.6.) erschienenen Namensartikel zum Gedenken an den deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Am Nachmittag hat er hierzu auch eine Rede im Bundestag gehalten.

Ein Angriffskrieg von bis dahin ungekannter Grausamkeit

Russische Kriegsgräber bei Jüterbog, Brandenburg
Russische Kriegsgräber bei Jüterbog, Brandenburg© picture alliance/dpa

„In den frühen Morgenstunden des 22. Juni 1941 brach die Hölle los“, beginnt Außenminister Steinmeier seinen Namensartikel, der heute in der russischen Tageszeitung „Kommersant“, der ukrainischen Wochenzeitung „Zerkalo Nedeli“ und der weißrussischen Tageszeitung „Sowjetskaja Belarusia“ erschienen ist. Der „Blutzoll“, den Russen, Ukrainer, Weißrussen und die vielen anderen Völker der Sowjetunion gezahlt hätten, sei „unermesslich und bis heute unvergessen – in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ebenso wie bei uns.“

Der deutsche Angriffskrieg hinterließ unbeschreibliche Zerstörung, kostete mehr als 25 Millionen Menschen in der Sowjetunion das Leben und brachte für noch mehr Menschen Hunger, Leid und Vertreibung. Daher bleibe das Wachhalten der Erinnerungen an die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und an die deutsche Schuld eine „unverzichtbare, zwingende Voraussetzung für die Aussöhnung zwischen unseren Ländern“, so Steinmeier weiter.

Aus Gewalt und Barbarei wuchs Verbindendes, Partnerschaft und sogar Freundschaft

Kriegsveteranen bei der Gedenkveranstaltung in Wolgograd am 7.5.2015
Kriegsveteranen bei der Gedenkveranstaltung in Wolgograd am 7.5.2015© Ute Grabowsky/photothek.net

Der „Große Vaterländische Krieg“ ist im Bewusstsein der Menschen in Russland, der Ukraine und Weißrussland immer noch präsent: „Nicht als ferne Reminiszenz aus der Geschichte, sondern mitten in der Gegenwart, mit allen seinen Gräueln, aber auch mit Stolz auf die erfolgreiche Selbstbehauptung im aufgezwungenen Kampf um Leben und Tod.“

70 Jahre nach Ende des Krieges unterhält Deutschland mit allen Staaten, die aus dem Untergang der Sowjetunion hervorgegangen sind, diplomatische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen. Steinmeier bekräftigt: „Wir wissen, dass das alles andere als selbstverständlich ist.“

Wir Deutsche sind unendlich dankbar dafür, dass uns die Menschen in Russland, der Ukraine, in Weißrussland und anderswo in der ehemaligen Sowjetunion angesichts der im deutschen Namen begangenen Untaten und Verbrechen die Hand zur Versöhnung gereicht haben.

Blick 75 Jahre zurück ermahnt uns, alles Menschenmögliche zu tun, die europäische Friedensordnung zu bewahren

Namen vermisster Soldaten der Roten Armee auf einem Gedenkstein an der Gedenkstätte Seelower Höhen, Brandenburg
Namen vermisster Soldaten der Roten Armee auf einem Gedenkstein an der Gedenkstätte Seelower Höhen, Brandenburg© picture alliance/dpa

Gerade in einer Zeit, in der in Europa die „Gefahr neuer Trennlinien“ bestehe, müsse man sich immer wieder aufs Neue „die Bedeutung dieser gemeinsamen Erinnerungen bewusst machen“. Frieden in Europa sei keine Selbstverständlichkeit, so der deutsche Außenminister: Nur gemeinsam ließe sich eine nachhaltige und stabile Friedensordnung in Europa erhalten. „Dialog und gemeinsames Gedenken, enge Kontakte zwischen unseren Gesellschaften und besonders zwischen jungen Menschen unserer Länder können und müssen helfen, einer schleichenden Entfremdung vorzubeugen.“

Die „völkerrechtswidrige einseitige Veränderung von Grenzen und die Nichtachtung der territorialen Integrität von Nachbarstaaten“ führe Europa hingegen in „überwunden geglaubte Zeiten“ zurück, die sich niemand wünschen könne, mahnt Steinmeier. Die Schlussakte von Helsinki, die großen Abrüstungsverträge, die Charta von Paris, der europäische Einigungsprozess gelte es zu „achten, zu bewahren und gemeinsam weiterzuentwickeln“.

Frieden in Europa ist keine Selbstverständlichkeit – auch heute nicht! Er wird nur bleiben, wenn wir dafür arbeiten – Tag für Tag! Da, wo er gefährdet ist, haben wir, die wir heute Verantwortung tragen, den Auftrag, aus unserer gemeinsamen Geschichte die richtigen Lehren zu ziehen.

Gegen eine „endlose Spirale der Gewalt“

Im Bundestag warnt Außenminister Steinmeier am Nachmittag davor, auf eine „Geschichte der Extreme“ eine „Zukunft der Extreme“ folgen zu lassen. Zu den Lehren aus dem blutigen 20. Jahrhundert gehöre, sich nicht in einer „endlosen Spirale der Eskalation“ zu verlieren , sondern „auf allen Seiten“ Auswege aus der Konfrontation zu suchen. Es sei eine Illusion, dass militärische Stärke allein schon zu Sicherheit führe. Das bedeute aber nicht, dass alles „fröhlich weitergehen solle, als wäre nichts geschehen“. Aber: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Vorurteile und Reflexe aus längst vergangenen Zeiten so auferstehen, als wären sie nie weggewesen“, bekräftigte der Außenminister und fordert den „doppelten Dialog“ mit Russland: Den Dialog über Trennendes und den Dialog über Gemeinsames.

Die deutsche Verantwortung für den Frieden in Europa sei untrennbar verbunden mit der Verantwortung für die deutsch-russischen Beziehungen. Zu verhindern, dass „einer Geschichte der Extreme“ eine „Zukunft der Extreme folge, sei die Verantwortung derjenigen, die “die Europäische Friedensordnung durch die Verletzung der Souveränität der Ukraine beschädigt haben„. Genauso sei es aber auch eine deutsche Verantwortung.

Gedenken an die Kriegsgefangenen

Als Folge des Krieges gegen die Sowjetunion kam es auch zu einer erheblichen Zahl von Kriegsgefangenen: 5,7 Millionen Soldaten auf sowjetischer, 3,15 Millionen auf deutscher Seite. Für viele Soldaten und Offiziere bedeutete die Gefangenschaft Elend, etlichen brachte sie den Tod: Über 3 Millionen und 1,11 Millionen Sowjets beziehungsweise Deutsche überlebten die Gefangenschaft nicht.

Um „den deutschen und sowjetischen Kriegsgefangenen und Internierten, deren persönliches Schicksal bisher nicht dokumentiert wurde, ihren Namen zurück zu geben und damit ihr Andenken für die Nachgeborenen zu ermöglichen“, haben Außenminister Steinmeier und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow heute das deutsch-russische Projekt zur Suche und Digitalisierung von Archivunterlagen „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte“ angestoßen. Die beiden Außenminister erklärten: „In unserer gemeinsamen Anstrengung sehen wir nicht nur den Ausdruck des Gedenkens an die im grausamen Krieg Gefallenen, sondern auch einen Beweis für den zukunftsorientierten Charakter der deutsch-russischen Zusammenarbeit.“

Zum Weiterlesen:

Beitrag von Außenminister Frank-Walter Steinmeier anlässlich des 75. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

Gemeinsame Erklärung von Außenminister Frank-Walter Steinmeier und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow zum russisch-deutschen Projekt zur Suche und Digitalisierung von Archivunterlagen „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte“

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