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Wirtschaft Portugal

Artikel

Stand: Juni 2018

Wirtschaft und Finanzen

Der Wirtschaftsstandort Portugal lässt die Jahre der Wirtschafts- und Finanzkrise zunehmend hinter sich. Vertrauensbildend wirkt, dass die EU das seit 2009 gegen Portugal anhängige exzessive Defizitverfahren im Juni 2017 einstellen konnte. Steigende Exporte, die inzwischen unter EU-Durchschnitt gesunkene Arbeitslosenquote, ein mit zweistelligen Zuwachsraten boomender Tourismus, eine robuste, wenn auch verhaltene Binnennachfrage, die Profilierung als „neuer“ Standort für die Digitalwirtschaft in Europa sind gute Nachrichten. Allerdings wird die portugiesische Volkswirtschaft nach wie vor gebremst durch eine hohe, wenn auch in der Tendenz rückläufige Schuldenquote (Staatsschulden ca. 126,4% des BIP; private Unternehmen ca. 124,9% des BIP; Privathaushalte ca. 74,4% des BIP). Auch die Auslandsverschuldung des Landes bleibt weiterhin hoch (ca. 92,5% des BIP), wenngleich Portugal von der Geldpolitik der EZB profitiert und teurere IWF-Kredite vorzeitig tilgt. Das Land erhielt seit Mai 2011 über einen Dreijahreszeitraum Kredite in Höhe von insgesamt 78 Mrd. Euro von EU und IWF im Gegenzug für Strukturreformen (Liberalisierung des Arbeitsrechts, Justizreform, Privatisierungen staatlicher Unternehmen, Stärkung der Finanzverwaltung, Steuerreform, Personalabbau im öffentlichen Dienst) und eine Begrenzung der Neuverschuldung. Dieses sog. Troika-Programm wurde bis Mitte 2014 von Portugal erfolgreich umgesetzt. Trotz guter Prognosen wird es Portugal voraussichtlich erst 2019 wieder gelingen, den Vorkrisenstand seiner volkswirtschaftlichen Gesamtleistung zu erreichen.

Wirtschaftliche Entwicklung

Eine deutlich gesunkene Arbeitslosenquote, die Ende 2017 bei 7,9% lag (2013 noch über 18%), stärkt das Vertrauen der Verbraucher; auch wenn die Jugendarbeitslosigkeit mit 23,9% und vor allem die Quote der Langzeitarbeitslosen mit 4,5% weiterhin hoch bleiben. Das 2016 von Finanzminister Centeno verkündete Haushaltsdefizit von 2,0% ist das (bisher) niedrigste seit der Nelkenrevolution im Jahre 1974 und hat für mehr Vertrauen bei ausländischen Investoren gesorgt. Das Niveau der ausländischen Direktinvestitionen ist allerdings nach wie vor gering, der überwiegende Teil der Investitionen in Portugal ist durch die EU finanziert. Die sozialistische Regierung unter PM Costa will das Haushaltsdefizit weiter senken, für 2018 werden 1,1% angestrebt.

Die portugiesische Wirtschaft ist weiter auf Wachstumskurs, im ersten Quartal wuchs die Wirtschaft um 2,1%, im Jahresverlauf 2018 wird die Wirtschaft des Landes voraussichtlich insgesamt um 2,3% wachsen. Der Dienstleistungssektor hat am Wirtschaftswachstum erheblichen Anteil, insbesondere die seit 2016 zweistelligen Zuwachsraten im Tourismussektor; Besucher kommen vor allem aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und zunehmend auch aus China. Dieser Trend wird sich 2018 weiter verstärken, werden doch allein am Anfang November neu eröffneten Kreuzschiffterminal in Lissabon 2018 über 620.00 Touristen erwartet.

Dynamisch entwickelt sich der Immobiliensektor, aber auch die Landwirtschaft mit zweistelligen Zuwachsraten insbesondere beim Anbau biologischer Produkte, auch beim Wein- Oliven- und Mandelanbau. Alte Industriebereiche wie z.B. die Schuhproduktion, aber auch der Textilsektor konnten neu belebt werden und tragen zur Steigerung der Exporte bei. Daneben zeichnen vor allem der Automobilexport, der Export von Reifen, Kunststoffen und pharmazeutischen Produkten, überwiegend produziert durch deutsche Unternehmen in Portugal, für Erfolge bei den Exporten verantwortlich.

Deutschland ist mit 11,8% des Außenhandels nach Spanien (26,2%) und Frankreich (12,8%) sowie vor Großbritannien (7,2%) drittwichtigstes Zielland portugiesischer Exporte. Deutsche Importe nach Portugal stehen an zweiter Stelle (13,5%) nach Spanien (33,1%) und vor Frankreich (7,8%). Das Außenhandelsdefizit mit Deutschland hat sich dank dynamischer Exporte aus Portugal deutlich reduziert. Der Handel mit Staaten außerhalb der EU machte zuletzt ca. 25,5% des portugiesischen Handelsvolumens aus (insbesondere mit China, Nordafrika und den USA). Die portugiesische Statistik weist einen seit Jahren kontinuierlich wachsenden Anteil mittel- bis höherwertiger Güter (vor allem Komponenten für Maschinen, chemische Produkte) im Export aus.

Die Regierung unter Premierminister António Costa (Partido Socialista) will Investitionen in Technologie, Innovation und Forschung stärken und insbesondere auch die Qualität der beruflichen Ausbildung verbessern. Hier bestehen bereits bilaterale Kooperationen zwischen Deutschland und Portugal. Weitere Felder der Zusammenarbeit bestehen im Bereich erneuerbarer Energien, bei der Energieeffizienz, im Tourismus, in der Digitalwirtschaft (Mercedes Digital Hub, Zalando Tech Hub und Volkswagen Software Development Hub in Lissabon), beim Ausbau der Wasserwirtschaft, der Verbesserung der Infrastruktur sowie im Gesundheitswesens. Das durchschnittliche Bruttomonatseinkommen eines Arbeitnehmers liegt bei rund 1.100 Euro brutto, der gesetzliche monatliche Mindestlohn beträgt gegenwärtig 580 Euro brutto (bei 14 Monatsgehältern).

Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik

Die von Linksblock und Kommunisten unterstützte sozialistische Regierung unter Premierminister António Costa hat seit Amtsantritt im November 2015 einige der durch die Troika geforderten und von der Vorgängerregierung umgesetzten fiskalischen Konsolidierungs- und Reformmaßnahmen, graduell zurückgenommen. Zu diesen Maßnahmen, die politisch als „soziale Austerität“ gebrandmarkt wurden, gehörten vor allem solche, die tiefe Einschnitte im sozialen Bereich verursacht und die primär die ärmeren Bevölkerungsschichten betroffen haben. Zurückgenommen wurden: Rentenkürzungen, Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst, die 35-Stunden-Woche wurde wieder eingeführt, Senkung des Mehrwertsteuersatzes im Gaststättenbereich, Anhebung des Mindestlohnes, Wiedereinführung von vier Feiertagen, steuerliche Freibeträge für Kinder und Rentner, Anhebung der Sozialleistungen wie Kindergeld und Sozialhilfe bei niedrigen Renten. Trotz Rückführung dieser Konsolidierungsmaßnahmen konnte die Regierung 2016 ein historisch niedriges Haushaltsdefizit von 2,1% erreichen; 2017 lag das Haushaltsdefizit bei 3% aufgrund der Anrechnung von portugiesischer Staatshilfe zur Bankenrettung. Um den wirtschaftlichen Erfolg nachhaltig zu machen kommt es darauf an, die Exporte weiter zu steigern, die Verschuldung zurückzuführen, die Modernisierung der Wirtschaft voranzutreiben und weitere Strukturreformen auf den Weg zu bringen.

Umwelt-, Klima- und Energiepolitik

In der Umwelt-, Klima- und Energiepolitik verfolgt Portugal die EU-Energie- und Klimaziele bis 2030: Treibhausgasreduzierung um 40%, Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch von 27%, Steigerung der Energieeffizienz um 27%. Im Jahr 2017 erzeugte Portugal 42% seines Elektrizitätsverbrauchs aus erneuerbaren Energien, den Schwerpunkt bilden Wind (21,6%)- und Wasserkraft (13,3%). Portugal liegt beim Anteil von erneuerbaren Energien bei der Energieversorgung damit im Spitzenbereich der EU-Länder.

Der Ausbau erneuerbarer Energien ist für Portugal strategisch von Bedeutung, da das Land keine Atomenergie produziert und zunehmende Unabhängigkeit von teuren Energieimporten anstrebt. In Portugals wirtschaftlichem Interesse liegt ein weiterer Ausbau der Strom- und Gasleitungen zwischen der iberischen Halbinsel und Frankreich, um an den EU-Energiebinnenmarkt angebunden zu sein (Interkonnektivitätsziel) Portugal verfügt bereits jetzt über ein sehr gut ausgebautes Netz an Ladestationen für Elektroautos.

In den Sommermonaten gibt es besonders in den Regionen Mittel- und Nordportugal großflächige Waldbrände u.a. aufgrund anhaltender Trockenheit, großer Monokulturen an Eukalyptusbäumen, die wichtiger Rohstoff für die portugiesische Papierindustrie sind, aber auch zahlreicher Fälle von Brandstiftungen. 2017 wurden mehr als 500.000 Hektar durch Waldbrände zerstört, über 100 Menschen kamen durch die Feuer ums Leben.

Forschung und Entwicklung

Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von Staat und Wirtschaft betrugen 2017 ca. 1,3% des BIP (EU-Durchschnitt: 2,03%). In den letzten Jahren wurden Anstrengungen unternommen, Forschung und Entwicklung enger mit der Wirtschaft zu verknüpfen und kommerzielle Anwendungen zu fördern. Die Ausgaben im Forschungsbereich sollen erhöht werden (bis 2020: 1,8 % des BIP und bis 2030: 3% des BIP).

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist seit 2007 in Porto präsent. Weitere Standorte befinden sich in Lissabon (2015), Évora und Vila Real (seit 2018).

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.


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