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Wirtschaft Norwegen

Artikel

Stand: April 2018

Wirtschaftsstruktur

Seit der Erschließung seiner Öl- und Gasreserven Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hat Norwegen eine enorme wirtschaftliche Entwicklung vollzogen. Aus einem der ärmeren europäischen Länder, geprägt vor allem durch Schifffahrt, Fischfang, Land- und Forstwirtschaft, wurde einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt mit hohem Bedarf an Arbeitskräften, einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen und einer der teuersten Hauptstädte der Welt. Dem Land ist es gelungen, mit der Öl- und Gasindustrie als Rückgrat eine stabile und dynamische Wirtschaft zu formen, die jährlich hohe Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüsse aufweist. Damit einher ging eine rasante Entwicklung des öffentlichen und privaten Dienstleistungssektors. Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum wegen des Mitte 2014 gesunkenen Ölpreises abgeschwächt hat, bleibt Grundlage des norwegischen Wohlstands der einzigartige Mix von Rohstoffen und deren effiziente Gewinnung und Nutzung (Öl, Gas, Strom aus Wasserkraft, Fisch und Holz).

Aufgrund ihres absoluten Volumens und der starken Abhängigkeit der Einkünfte der Öl- und Gaswirtschaft von den schwankenden Energiepreisen werden die Wirtschaftskennziffern Norwegens üblicherweise zweifach angegeben: zum einen bezogen auf die Gesamtwirtschaft des Landes (einschl. des Öl- und Gassektors) und zum anderen nur bezogen auf die Festlandswirtschaft (ohne die Offshore-Industrie). 2017 stieg das Bruttoinlandsprodukt in beiden Bereichen um 1,8%.  Für 2018 wird bei der Gesamtwirtschaft ein Wachstum von 1,9% und bei der Festlandswirtschaft von 2,5% erwartet.

Die im 1996 gegründeten staatlichen Pensionsfonds Ausland („Government  Pension Fund Global“) angelegten Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft hatten Ende  2017 einen Marktwert von 8.500 Mrd. NOK (ca. 875 Mrd. Euro). Nach der geänderten sog. Handlungsregel dürfen jährlich maximal 3% des Kapitalstocks aus dem Fonds zur Finanzierung des Staatshaushalts entnommen werden. Im Haushaltsjahr 2017 belief sich der Nettoabfluss in den Staatshaushalt auf 57 Mrd. NOK (etwa 6 Mrd. Euro).  

Wichtigste Wirtschaftszweige

Der wichtigste Wirtschaftssektor in Norwegen  ist die Öl- und Gaswirtschaft. Norwegen besitzt große Öl- und Gasreserven und ist weltweit der fünftgrößte Lieferant für Öl sowie Europas zweitgrößter Gaslieferant. Die Öl- und Gasindustrie trägt  mit jährlich etwa 15 % zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Ihr Anteil am jährlichen Gesamtexportvolumen beträgt etwa 34 %. Aufgrund der regelmäßigen Einnahmen aus der Öl- und Gaswirtschaft ist der norwegische Staat praktisch schuldenfrei. Die Petroleumfunde der letzten Jahre lassen erwarten, dass die norwegische Öl- und Gaswirtschaft auch in Zukunft zum Staatshaushalt beitragen wird. 

Norwegen ist Europas größter Wasserkraftproduzent. Dank der großen Wasserressourcen und Höhenunterschiede des Landes kann Norwegen seinen eigenen Elektrizitätsbedarf zu über 95% aus Wasserkraft decken. Das norwegische Wasserkraftpotenzial wurde bereits vor Beginn des norwegischen Ölbooms erschlossen. Die Produktionskapazität liegt bei über 31.000 MW und verteilt sich auf 1.580 Wasserkraftwerke.

Norwegen hat durch gute Windressourcen beste Voraussetzungen für die Produktion von Windenergie. Allerdings macht diese noch einen relativ geringen Anteil am Energiemix aus; die Zahl der Windturbinen nimmt dank ausländischer Investitionen jedoch rasch zu. Der Ausbau von Onshore-Windkraftanlagen wird in Norwegen vorangetrieben. Deutsche Ausrüster rechnen sich gute Chancen bei der Auftragsvergabe für künftige Windparks aus. Unter den Turbinenherstellern ist Siemens mit einem Marktanteil von etwa 54% bereits Marktführer, gefolgt von Nordex (17%) und Enercon (16%). Nach Schätzungen der Regierung wird der Ausbau von Windkraftanlagen bis zum Jahr 2020 zu einer installierten Kapazität von 3.000 und 3.500 MW führen. Die Jahresproduktion könnte dann bis auf 6 - 8 TWh ansteigen.

Anfang 2016 wurde der Bau des größten Onshore Windparks Europas, auf der Halbinsel Fosen und der Region um Trondheim, beschlossen. Der Windpark hat eine Kapazität von 1.000 MW, was mehr als eine Verdoppelung der aktuellen Windkraftkapazität Norwegens bedeutet. Der Park soll 3,4 TWh/Jahr produzieren. Die Produktion soll durch 278 Windturbinen, mit einer Höhe von 87 Metern und einem Durchmesser von 117 Metern, in 6 kombinierten Windparks erfolgen.

Im Stromsektor wird derzeit  ein Unterwasserkabel zwischen Norwegen und Deutschland – NordLink – mit einer Kapazizät von 1.400 MW gebaut. NordLink verläuft zwischen  Tonstad in Südnorwegen und Wilster in Schleswig-Holstein und soll 2019 fertiggestellt  werden und 2020 in den kommerziellen Betrieb gehen. Das Stromkabel  bietet die Möglichkeit, aus norwegischer Wasserkraft erzeugten Strom als Balanceenergie für Deutschland zu verkaufen. In sonnen- und windarmen Zeiten kann norwegischer Wasserkraft-Strom nach Deutschland exportiert werden. Entsteht in Deutschland ein Überschuss in der Energieproduktion durch Wind und Sonne, kann der überschüssige Strom nach Norwegen geleitet und dort anstelle von Wasserkraft aus den Reservoirs verbraucht werden.

Norwegen schützt seine Landwirtschaft weitgehend vor internationaler Konkurrenz. Norwegische Landwirte beziehen nach OECD-Angaben im Durchschnitt  etwa 60 % ihrer Bruttoeinkünfte aus Subventionen und Zuschüssen,  das ist im weltweiten Vergleich der höchste Anteil. Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe beträgt etwa  43.000, die landwirtschaftlich genutzte Fläche knapp 10 Mio. ha, d.h. etwa 3 % der Gesamtfläche des Landes. Norwegen nimmt nicht am gemeinsamen Agrarmarkt der EU teil.

In der Holzwirtschaft beträgt die produktive Nutzfläche aufgrund geographischer Besonderheiten nur 25 Prozent der norwegischen Landesfläche. Eine effiziente Forstwirtschaft scheitert häufig an schwierigen natürlichen Verhältnissen (steile Hänge, keine Transportwege) und fehlenden finanziellen Anreizen.

Die Tourismusbranche ist in Norwegen über viele Jahre hinweg stark gewachsen. Sie beschäftigt  ca. 110.000 Personen.  Deutsche Gäste stellen  mit über 1,5 Mio.  Übernachtungen die größte Gästegruppe dar.

Der Bankensektor ist relativ klein, aber robust und ausreichend kapitalisiert. Die Marktführer sind ausnahmslos skandinavische Banken. Die Auswirkungen von Risiken in der Eurozone sind gering.

Starke Rolle des Staates

Eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft gehört zum Grundkonsens der norwegischen Politik. Viele bedeutende Akteure der Wirtschaft befinden sich deshalb noch ausschließlich oder mehrheitlich in öffentlicher Hand. Bedeutende Staatsunternehmen sind der Öl- und Gasproduzent Statoil (67 Prozent), der Energieerzeuger Statkraft (100 Prozent), die Netzgesellschaft Statnett (100 Prozent), der Telekomkonzern Telenor (54 Prozent) sowie die Düngemittelfirma Yara (36,2 Prozent) und der Rüstungsproduzent Kongsberg (50,001%). Die derzeitige Regierung unter Ministerpräsidentin Solberg strebt eine Reduzierung des Staatsanteils an ausgewählten Unternehmen an.

Umweltpolitik

Auf internationalen Umwelt- und Klimakonferenzen gehört Norwegen zu den engagiertesten Teilnehmern. Dies gilt auch auf dem Gebiet der umweltorientierten Entwicklungshilfe, für die es regelmäßig mehr als ein Prozent des BIP aufwendet. Norwegen hat sich in erheblichem Maße dafür eingesetzt, das neue verbindlichee Klimaabkommen von Paris auszuhandeln. Sowohl mit Brasilien als auch mit Indonesien hat Norwegen Programme gegen die Abholzung des Regenwaldes vereinbart, die Projekte und finanzielle Anreize in Höhe von jeweils 1 Milliarde US-Dollar beinhalten.

Norwegen hat sich den Klimazielen der EU angeschlossen und verfolgt die gleichen Reduktionsziele.

Ambitiös ist Norwegen auch im Bereich Elektromobilität. Norwegen ist Vorreiter bei der Zulassung von  Elektroautos. Im Lande gibt es derzeit über 140.000 batteriegetriebene Kfz. 2017 waren 52 der neu zugelassenen Kfz. in Norwegen reine Elektroautos oder solche mit Hybridantrieb. Ermöglicht wird der Boom durch eine massive staatliche Förderung: so entfallen beim Kauf eines Elektro-Neuwagens nicht nur die 25%ige Mehrwertsteuer, sondern auch Importabgaben. Dazu können E-Autos öffentliche Parkplätze und Busspuren kostenlos benutzen sowie an über 4.000 Ladestationen Strom gratis tanken.

Adressat internationaler Kritik bleibt Norwegen beim Thema Walfang. Seit 1986 besteht weltweit ein von der Internationalen Walfangkommission (IWC) beschlossenes Verbot des kommerziellen Walfangs. Das Moratorium soll eine Erholung der jahrzehntelang dezimierten Walbestände ermöglichen. Norwegen hat einen Vorbehalt gegen das Moratorium der IWC eingelegt und praktiziert weiterhin den Fang von Zwergwalen. Gegenüber seinen Kritikern verweist Norwegen darauf, dass die Jagd auf Minkwale nachhaltig und nicht bestandsgefährdend sei, alten Traditionen des Landes entspreche und dass die Anzahl der getöteten Tiere stets deutlich unter den von der Internationalen Walfangkommission (IWC) auf wissenschaftlicher Basis ermittelten Quoten (1286 Tiere) liege. Die vom Fischereiministerium für 2018 festgesetzte Quote beläuft sich auf 1.278 Zwergwale. Die Quote wird üblicherweise nicht ausgenutzt. So wurden 2017 in Norwegen 432 Zwergwale erlegt.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.


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