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Verneigung vor den Opfern der Colonia Dignidad Chile

28.04.2016 - Artikel

Nach einer Vorführung des Films "Colonia Dignidad" im Auswärtigen Amt am 26.04. sprach Außenminister Steinmeier über den Umgang des Auswärtigen Amts mit den Opfern der deutschen Sekte.

"Kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Auswärtigen Amts" nannte Außenminister Steinmeier den Fall der Colonia Dignidad in Chile. Anlass war war die Vorführung des gleichnamigen Kinofilms am Dienstag (26.04.), bei der auch Opfer und Zeitzeugen zugegen waren. Steinmeier kündigte als Reaktion an, alle relevanten Akten offenzulegen und die Lehren aus der Vergangenheit in die Ausbildung künftiger Diplomaten zu integrieren.

Im Publikum waren auch zahlreiche Opfer und Zeitzeugen
Im Publikum waren auch zahlreiche Opfer und Zeitzeugen© Photothek / Koehler

Grausames Zwangssystem

Der Kinofilm mit Emma Watson und Daniel Brühl ist eine Fiktion um einen grausamen, wahren Kern: Die Colonia Dignidad war eine deutsche Sekte in Chile, in der seit ihrer Gründung 1961 systematisch Kinder sexuell missbraucht wurden. Entflohene Mitglieder berichteten von Freiheitsberaubung, Zwangsarbeit und medizinischen Zwangsbehandlungen. Während der Militärdiktatur Augusto Pinochets diente die isolierte Colonia auch als Folterzentrum für politische Gegner. Der Anführer der Sekte, Paul Schäfer, war bereits vor seiner Ausreise nach Chile in Deutschland wegen Kindesmissbrauchs gesucht. Er wurde 2005 in Argentinien festgenommen und in Chile zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, wo er fünf Jahre später starb.

Rolle deutscher Diplomaten

Welche Rolle spielte die deutsche Botschaft in Santiago de Chile in dieser furchtbaren Geschichte, in die deutsche Staatsangehörige als Täter wie Opfer verwickelt waren? Außenminister Steinmeier fand dazu bei der Filmvorführung deutliche Worte:

Der Umgang mit der Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt, auch nicht in der Geschichte des Auswärtigen Amtes. Über viele Jahre hinweg, von den sechziger bis in die achtziger Jahre haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan. Auch später – als die Colonia Dignidad aufgelöst war und die Menschen den täglichen Quälereien nicht mehr ausgesetzt waren – hat das Amt die notwendige Entschlossenheit und Transparenz vermissen lassen, seine Verantwortung zu identifizieren und daraus Lehren zu ziehen.

Engagierte Einzelpersonen

Außenminister Steinmeier mit Wolfgang Kneese, der 1966 aus der Colonia fliehen konnte
Außenminister Steinmeier mit Wolfgang Kneese, der 1966 aus der Colonia fliehen konnte© Photothek / Koehler

Nur langsam habe die deutsche Diplomatie die Dimension des Problems verstanden, so Steinmeier weiter. Dazu beigetragen haben engagierte Einzelpersonen wie der heutige Leiter der Wirtschaftsabteilung, Dieter Haller. Er war in den achziger Jahren in Chile auf Posten und brachte bereits 1987 seinen Verdacht zu Papier, dass die Bewohner der Colonia Dignidad womöglich Opfer von Freiheitsberaubung seien. Sein Engagement führte zu heftigen Gegenreaktionen: Anwälte der Kolonie reichten Klagen ein und der chilenische Geheimdienst wurde so zudringlich, dass Haller seinen Posten verzeitig räumen musste.

Das Konsulargesetz sieht vor, dass die Auslandsvertretungen "Deutschen nach pflichtgemäßem Ermessen Rat und Beistand gewähren" müssen. Außerdem hätte man "früher versuchen können, durch diplomatischen Druck die Spielräume der Colonia-Führung zu verengen und juristische Schritte zu erzwingen", so Steinmeier. Angesichts dessen stelle sich nun die Frage:

Wie können wir verhindern, dass uns ähnliche Dinge wieder passieren?

Transparenz und Wachsamkeit

Als Reaktion kündigte der Außenminister an, zunächst Transparenz zu schaffen. Dazu habe er die Schutzfrist der betreffenden Akten von 30 auf 20 Jahre verkürzt, damit Wissenschaft und Medien Zugang zu allem notwendigen Material bekommen und die Geschichte vollständig aufarbeiten können. Außerdem sollen die Lehren der Geschichte in die Aus- und Fortbildung des Auswärtigen Amts einfließen. Mit einem neuen Unterrichtsmodul zur Fallstudie "Colonia Dignidad" sollen Anwärter auf den diplomatischen Dienst zu mehr Wachsamkeit angehalten werden. Auch in den Führungsseminaren wird das Thema ein fester Bestandteil.

Steinmeier forderte dazu auf, beherzten Gebrauch von ihrem "inneren Kompass" zu machen:

Es gibt Fälle, in denen das Handeln nach Recht und Gesetz nicht reicht. Fälle, in denen uns die Verantwortung, die wir alle tragen, gebietet, mehr zu tun. Die fehlende Weisung darf nie Rechtfertigung für Wegschauen oder Untätigkeit sein. Herz und Verstand, und der Mut, danach zu handeln, sollten ausreichend Orientierung geben, um das Notwendige und damit Richtige zu tun.

Die Aufarbeitung dieses Falls wird noch Jahre in Anspruch nehmen. Auch angesichts der Rolle des Auswärtigen Amts schloss Außenminister Steinmeier seine Rede mit den Worten:

Ich verneige mich vor der Opfern des Zwangssystems Colonia Dignidad.

Zum Weiterlesen

Rede von Außenminister Steinmeier zum Fall "Colonia Dignidad" im Wortlaut

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