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Außenpolitik Afghanistan

Artikel

Stand: Oktober 2018

Grundlinien der afghanischen Außenpolitik

Afghanistan hat eine Scharnierfunktion am Schnittpunkt von Nahem und Fernem Osten, Zentral- und Südasien. Aus dieser Lage im 'Herzen Asiens' ergeben sich Chancen und Risiken für Afghanistan. Es bemüht sich, durch aktive und konstruktive Außen- und Regionalpolitik nicht nur ein verlässlicher Partner zu sein, sondern auch einen Beitrag zu mehr Kooperation zu leisten.

Außenpolitisch verfolgt werden vor allem folgende Ziele: Zum einen Bindung an den Westen (insbesondere USA, NATO, EU), auch mit Hinblick auf militärische, politische und finanzielle Unterstützung. Zum anderen Intensivierung der Beziehungen zu allen Nachbarn und Regionalmächten, insbesondere zu Indien und zuletzt verstärkt zu den zentralasiatischen Staaten. Dabei sollen intensiverer wirtschaftlicher Austausch und Handel zur politischen Stabilisierung und wirtschaftlichen Entwicklung der Region beitragen.

Geprägt sind die außenpolitischen Beziehungen Afghanistans vor allem durch die enge Verbindung mit den USA. Die USA sind der mit Abstand größte Geber in Afghanistan. Enge bilaterale Zusammenarbeit gibt es auch mit Großbritannien und Deutschland. Deutschland genießt in Afghanistan ein hohes Maß an Vertrauen und Wertschätzung. Das breit angelegte deutsche Engagement in Afghanistan trifft bei großen Teilen der afghanischen Bevölkerung auf ein positives Echo.

Eine Reihe von bilateralen Partnerschafts-Abkommen (mit Indien, China, den USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, der EU und anderen) sichern die außenpolitischen Beziehungen Afghanistans ab.

Nachbarstaaten

Afghanistan grenzt im Süden und Osten an Pakistan (2430 km Grenze), im Westen an Iran (936 km), im Nordwesten an Turkmenistan (744 km), im Norden an Usbekistan (137 km) und Tadschikistan (1206 km) sowie im äußersten Nordosten an China (76 km). Mit allen Nachbarn verbindet Afghanistan eine lange Geschichte und kulturelle Nähe. Die afghanisch-pakistanische Grenze führt durch das Siedlungsgebiet der größten Volksgruppe Afghanistans, den Paschtunen. Diese 1893 auf Druck der britischen Kolonialmacht zwischen Afghanistan und Britisch-Indien vereinbarte Grenze, die sogenannte Durand-Linie, wird von Afghanistan nicht anerkannt.

Pakistan

Das Verhältnis Afghanistans zum Nachbarn Pakistan ist komplex. Beide Seiten haben Interesse an einer Stabilisierung ihrer Beziehungen, nicht zuletzt weil Pakistan wichtigster Handelspartner für Afghanistan ist. Eine konstruktive Unterstützung Pakistans bleibt außerdem unerlässlich für die Ermöglichung eines innerafghanischen Friedensprozess.

Neben dem Grenzverlauf bleiben aber die schwer kontrollierbaren Personenbewegungen der paschtunischen Volksgruppe auf beiden Seiten der gemeinsamen Grenze ein weiteres Konfliktfeld. Das Grenzgebiet ist auch Rückzugsort für Aufständische aus beiden Staaten. Pakistan bemüht sich um eine verstärkte Grenzsicherung, was von der afghanischen Regierung aufgrund des umstrittenen Grenzverlaufs kritisch gesehen wird.  

Am 14. Mai 2018 einigten sich die afghanische und die pakistanische Regierung auf einen „Afghanistan Pakistan Action Plan for Peace and Solidarity“ (APAPPS), dessen Ziel es ist, zur Vertrauensbildung beizutragen und bilaterale Fragen (u.a. Bekämpfung des Terrorismus, Grenzsicherung, Handel) im Rahmen von Arbeitsgruppen zu behandeln.

In Pakistan leben derzeit (laut UNHCR) knapp 1,4 Mio. registrierte afghanische Flüchtlinge. Hinzu kommen schätzungsweise 1,2 Mio. weitere afghanische Staatsbürger ohne Flüchtlingsstatus. Im Jahr 2016 führte erhöhter Druck der pakistanischen Regierung zu mehr als 600.000 Rückkehrern aus Pakistan nach Afghanistan. Seither haben die Rückkehrbewegungen an Dynamik verloren. 2017 sind etwa 160.000 Menschen zurückgekehrt.

Iran

Zu Iran bestehen enge kulturelle und vor allem im Westen Afghanistans wirtschaftliche Verbindungen (gemeinsame Sprache, schiitische Minderheit in Afghanistan). Problemfelder umfassen vor allem die grenzüberschreitenden Wasserressourcen und der Drogenschmuggel. Auch die hohe Anzahl afghanischer Flüchtlinge im Iran belasten die Beziehungen. Laut UNHCR halten sich im Iran ca. 3 Mio. afghanische Staatsbürger auf, von denen etwa 1 Mio. als Flüchtlinge registriert sind. Afghanistan und Iran beraten im Rahmen mehrerer Arbeitsgruppen über den Abschluss eines bilateralen Partnerschaftsabkommens.

Indien

Indien ist der wichtigste Regionalpartner für Afghanistan. In der afghanischen Bevölkerung genießen Indien und das indische Engagement in Afghanistan großes Ansehen. Indien ist einer der wichtigsten Investoren (u.a. im Rohstoffsektor) in Afghanistan und mit rund 2 Mrd. US-Dollar seit 2001 größter regionaler und fünftgrößter Geber insgesamt.

China

China, das mit Afghanistan eine 76 km lange Grenze verbindet, ist um eine Intensivierung seiner Beziehungen mit Afghanistan bemüht. Schwerpunkte der bilateralen Beziehungen sind Wirtschaft und Sicherheit sowie eine zuletzt stärkere Rolle Chinas bei der Unterstützung eines möglichen innerafghanischen Friedensprozesses.

Zentralasien

Die Beziehungen zu den zentralasiatischen Nachbarstaaten sind bislang weniger entwickelt, die afghanische Regierung bemüht sich aber aktiv um eine Intensivierung. Präsident Ghani reiste im Juli 2017 nach Aschgabat und Anfang Dezember 2017 nach Taschkent. Auch von Seiten der zentralasiatischen Nachbarstaaten gibt es verstärkte Bemühungen, die regionale Vernetzung von Infrastruktur und Handel zu stärken. Am 26./27. März 2018 richtete die usbekische Regierung in Taschkent eine hochrangige internationale Afghanistan-Konferenz aus.

Russland

Die Beziehungen zu Russland haben sich in den letzten Jahren zunehmend entspannt, sind aber durch die sowjetische Besatzung Afghanistans (1979-89) weiter belastet.

Türkei

Eine wichtige Rolle spielt auch die Türkei, die gute Wirtschaftsbeziehungen mit Afghanistan unterhält und sich aktiv für eine Verbesserung der Regionalbeziehungen einsetzt. Die Türkei ist siebtgrößter Truppensteller im Rahmen der NATO Resolute Support Mission. Zudem ist die Türkei Aufnahme- und Transitland für afghanische Flüchtlinge und Migranten.

Regionale Zusammenarbeit

Der am 2. November 2011 in Istanbul begründete Regionalprozess „Heart of Asia-Istanbul Prozess“ soll die regionale Kooperation in Sicherheits-, Wirtschafts- und Entwicklungsfragen vertiefen und systematisieren. Das 7. Ministertreffen fand am 01. Dezember 2017 in Baku/ Aserbaidschan statt. Der Kreis der Teilnehmer umfasst nahezu alle Staaten der Region sowie westliche Staaten und internationale Organisationen als Unterstützer. Grundlage sind verpflichtende Prinzipien für Sicherheit und Stabilität der Region (Gewaltverzicht, territoriale Integrität, Nichteinmischung) unter Berufung auf die Nachbarschaftserklärung von Kabul 2002 und ein Katalog von vertrauensbildenden Maßnahmen. Prioritäre vertrauensbildende Maßnahmen sind: Katastrophenhilfe, Terrorismusbekämpfung, Drogenbekämpfung, Handels- und Investitionsmöglichkeiten, Infrastrukturausbau sowie Wissenschaft und Bildung. Deutschland unterstützt die Maßnahmen Handel und Investitionsmöglichkeiten sowie Infrastruktur. Zu jeder dieser Maßnahmen hat sich eine Arbeitsgruppe konstituiert.

Afghanistan hat ferner den sogenannten RECCA-Prozess („Regional Economic Cooperation Conference on Afghanistan“) für eine stärkere wirtschaftliche Integration Afghanistans in der Region ins Leben gerufen Die RECCA-VII-Konferenz fand am 14./15. November 2017 in Aschgabat, Turkmenistan statt.

Von Bedeutung für grenzüberschreitende Infrastrukturvorhaben (Gaspipeline TAPI, von Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan nach Indien, Strombrücke CASA 1000, von Kirgisistan und Tadschikistan nach Afghanistan und Pakistan), ist außerdem das CAREC Programm (Central Asia Regional Economic Cooperation) der Asiatischen Entwicklungsbank.

Afghanistan ist Mitglied der meisten Regionalorganisationen: Economic Cooperation Organisation (ECO), Central Asian Cooperation Organisation (CACO), Conference on Interaction and Confidence Building Measures in Asia (CICA) und South Asian Association for Regional Cooperation (SAARC). Seit Juli 2012 ist Afghanistan Beobachter in der Shanghai-Organisation für Zusammenarbeit (SCO). Im Oktober 2015 hat Afghanistan einen Antrag auf Mitgliedschaft in der SCO gestellt. Im November 2015 wurde Afghanistan offiziell als 162. Mitglied in die Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen.

Europäische Union

Seit dem Fall des Taliban-Regimes unterstützt die EU die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, die Stabilität und den Wiederaufbau des Landes sicherzustellen. Den Posten des EU-Sondergesandten übt seit September 2017 der belgische Diplomat Roland Kobia aus. Seine Hauptaufgaben bestehen in der Unterrichtung der Hohen Vertreterin der EU für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, Federica Mogherini, und des Europäischen Rats über die weiteren Entwicklungen in Afghanistan und in der Koordinierung des vielfältigen Engagements der EU und ihrer Mitgliedsstaaten in Afghanistan. Außerdem sollen die Bemühungen des Sonderbeauftragten des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Afghanistan unterstützt werden.

Am 02. Februar 2017 unterzeichneten die EU und Afghanistan ein Kooperationsabkommen über Partnerschaft und Entwicklung.

Am 16 .Oktober 2017 verabschiedete der Rat für Auswärtige Angelegenheiten der EU eine neue gemeinsame europäische Afghanistanstrategie. Diese benennt vier Schwerpunkte für das europäische Engagement in Afghanistan:

  1. die Förderung von Frieden, Sicherheit und regionaler Stabilität,
  2. die Stärkung der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit und der Menschenrechte sowie die Förderung einer guten Regierungsführung und die Stärkung der Rolle der Frau,
  3. die Unterstützung der wirtschaftlichen und menschlichen Entwicklung und
  4. die Bewältigung der Herausforderungen im Zusammenhang mit der Migration

Bei der Tokio-Konferenz 2012 hat sich die EU - wie auch Deutschland auf bilateraler Ebene - zur Unterstützung Afghanistans während der sogenannten Transformationsdekade 2015-2024 bekannt. Die EU stellt im Zeitraum 2014-2020 bis zu 1,4 Milliarden Euro an Entwicklungsgeldern für Afghanistan zur Verfügung, mehr als in jedem anderen Land. Schwerpunkte bilden dabei die Bereiche Demokratieförderung, Rechtstaatlichkeit und Menschenrechte.

Als Gastgeber der Tokio-Folgekonferenz am 04. Oktober 2016 in Brüssel hat die EU ihr Engagement für Afghanistan noch einmal öffentlichkeitswirksam unterstrichen.

Vereinte Nationen

Die Vereinten Nationen spielen in Afghanistan eine wichtige Rolle. Die United Nations Assistance Mission in Afghanistan UNAMA ist eine politische Mission der Vereinten Nationen. Sie unterstützt Afghanistan seit 2002 beim Auf- und Ausbau von Strukturen. UNAMA soll laut Mandat außerdem die Bemühungen um einen inner-afghanischen Friedensprozess unterstützen sowie gute Regierungsführung, Menschenrechte und regionale Zusammenarbeit fördern. Das UNAMA-Mandat wird einmal jährlich vom VN-Sicherheitsrat um zwölf Monate verlängert, zuletzt am 08.03.2018. UNAMA koordiniert die Aktivitäten aller 26 in Afghanistan vertretenen VN-Organisationen und hat gemeinsam mit der afghanischen Regierung den Ko-Vorsitz im wesentlichen Koordinierungsgremium für die Afghanistan-Mission aller internationalen staatlichen Akteure in Kabul, dem Joint Coordination and Monitoring Board (JCMB) inne. Besonders wichtig sind dabei die Menschenrechts- und Entwicklungskomponenten. Missionschef ist seit Juni 2016 der Japaner Tadamichi Yamamoto.

Hinweis:
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.

Weitere Informationen

Deutscher Soldat auf dem Vogelmarkt in Kundus, Afghanistan © picture-alliance/dpa/dpaweb

Afghanistan darf nicht wieder zum Rückzugsraum für internationale Terroristen werden. Deshalb helfen Deutschland und die internationale Gemeinschaft Afghanistan, ein stabiles Land zu werden, in dem die Menschen sicher leben können und selbst über ihre Zukunft bestimmen.

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