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Äthiopien: Wirtschaft Äthiopien

21.06.2019 - Artikel

Kurzcharakterisierung

Äthiopien ist bei etwa 109 Millionen Einwohnern (World Population Review Januar 2019) mit einem jährlichen Brutto-National-Einkommen von 921,9 US-Dollar pro Kopf (GTAI Schätzwert 2019) eines der ärmsten Länder der Welt, auch wenn das Wirtschaftswachstum in den letzten zehn Jahren wesentlich über dem regionalen und internationalen Durchschnitt lag. Ein signifikanter Teil der Bevölkerung lebt unter der absoluten (lokalen) Armutsgrenze (gemäß Weltbank-Daten vom Januar 2015 lebten im Jahr 2016 24 Prozent von weniger als 1,25 USD pro Tag, 2011 waren es noch 30 Prozent).

Im Human Development Index 2017 liegt Äthiopien auf Platz 173 von 189 Ländern. Die strukturellen Probleme - Auswirkungen wiederkehrender Dürreperioden auf die Landwirtschaft, rasches Bevölkerungswachstum und daraus resultierende Folgen für Wirtschaftswachstum, fortschreitende Bodenerosion und Ressourcenmangel - bleiben trotz großer Anstrengungen ungelöst.

Das Bruttoinlandsprodukt ist von 72,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016 auf 80,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018 gestiegen. Die jährliche Inflationsrate lag 2018 bei geschätzt 13,8 Prozent (GTAI). Das Wirtschaftswachstum lag 2018 bei 7,7 Prozent (GTAI). Dem steht, nach stetiger Verringerung über die letzten 25 Jahre, ein Bevölkerungswachstum von etwa 2,46% (2017) gegenüber.

Im Rahmen des 2015 verabschiedeten Growth and Transformation Plan II (GTP II, ausgelegt auf 5 Jahre) verfolgt die äthiopische Regierung einen Wachstumskurs, der auf der Grundlage des Modells des “developmental state” – einer staatsgelenkten Wirtschaft – durch klare Zielvorgaben, Ausbau der verarbeitenden Industrie, Exportorientierung und durch landwirtschaftliche Industrialisierung Äthiopien bis 2025 zu einem “middle-income country” machen soll. Flankiert wird dies seit 2018 von einem Reformprogramm mit dem Ziel, mehr Märkte für die Privatwirtschaft und ausländische Investoren zu öffnen. Wichtigste Investoren stammen aus China, Indien, Türkei, und der Europäischen Union (hier vor allem Italien, die Niederlande, Schweden, Deutschland, Frankreich, Großbritannien).

Ein starker Devisenmangel und eine allgemeine Kreditknappheit gefährden zunehmend die wirtschaftlichen Ziele der Regierung. Viele Großprojekte werden aufgrund des hohen Finanzierungsbedarfs absehbar nicht planmäßig fertiggestellt.

Das rasche Bevölkerungswachstum trägt zum Verharren in Armut bei, wobei die Zuwachsrate von 2,4 Prozent (2018) etwa dem afrikanischen Durchschnitt entspricht. Nach Nigeria stellt Äthiopien jedoch bereits jetzt mit 109 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Bevölkerung des Kontinents, die sich, ein weiteres Wachstum dieser Größenordnung vorausgesetzt, in knapp 30 Jahren verdoppelt haben wird. 2050 würde das Land so zu den zehn bevölkerungsreichsten Staaten der Welt gehören.

Struktur der Wirtschaft

Äthiopien hat nach dem Fall des Derg-Regimes 1991 einen langen Weg der Umstellung von einer marxistischen Planwirtschaft auf eine offenere Wirtschaftsform hinter sich. Die meisten Preise sind freigegeben (wichtige Ausnahme: Treibstoffe; es bestehen zudem verbilligte Preise für Zucker und Öl bei staatseigenen Verkaufsstellen) und Privatunternehmen in fast allen Sektoren zugelassen (auch Banken, Versicherungen, Transportunternehmen, allerdings nur in äthiopischem Besitz). Die Regierung Abiys wirbt gegenwärtig für ausländische Investoren für ehemalige Staatsmonopole in ausgewählten Sektoren. So sollen Staatskonzerne ganz oder teilweise privatisiert werden. In den Bereichen Logistik, Telekommunikation und Eisenbahn dürfen beispielsweise ausländische Firmen nunmehr bis zu 49% der Teilhabe halten. Privater Landbesitz ist gemäß Verfassung nicht zulässig.

Der wichtigste Erwerbszweig bleibt die Landwirtschaft mit 81 Prozent der Erwerbstätigen, die 2016 rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzeugten (GTAI). Von der Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Produktion hängt die Sicherheit der Lebensmittelversorgung ab. Viele Kleinbauern können sich und ihre Familien mit ihrer Ernte nicht ganzjährig ernähren. Jährlich erhalten daher rund 3 Millionen Äthiopier Nahrungsmittelhilfe zur Überbrückung ihrer Engpässe, weitere ca. 8 Millionen werden über das staatliche Productive Saftey Net Programme (PSNP, Landwirtschafts- und Sozialprogramm) 6 Monate im Jahr durch Cash-for-Work oder auch direkte Nahrungsmittelhilfe unterstützt.

Wirtschaftsklima

Durch regelmäßige Überarbeitung des Investment Codes von 1996 - zuletzt durch ein neues Investitionsgesetz im November 2012 - versucht die Regierung, Äthiopien als attraktives Land für Investitionen zu präsentieren. Die Investitionsbehörde (Ethiopian Investment Commission - EIC) soll im Sinne eines “One Stop”-Verfahrens einem ausländischen Investor binnen zwei Tagen alle rechtlichen Schritte zur Etablierung seines Unternehmens - einschließlich Landzuteilung und Arbeitserlaubnis – ermöglichen. Andere Hindernisse, wie Mängel der Infrastruktur, geringe Rechtssicherheit oder schleppendes Verwaltungshandeln bleiben jedoch nach wie vor bestehen.

Äthiopien in der Weltwirtschaft

Außenwirtschaftlich bleibt das Land in Folge hoher Leistungs- und Handelsbilanzdefizite, einer starken Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten und niedriger Devisenreserven anfällig. Äthiopien ist stark auf Importe technologisch hochwertiger Produkte (v.a. Maschinen, Chemikalien, Kraftfahrzeuge) sowie auf die Erlöse aus dem Export von Rohstoffen aus Bergbau und Landwirtschaft angewiesen. Es liegt im Interesse der äthiopischen Regierung, die Wertschöpfung zunehmend im Land zu erzielen.

Die äthiopischen Importe beliefen sich im Jahr 2017 auf 14,2 Milliarden US-Dollar; die Exporte erreichten einen Umfang von nur 3,0 Milliarden US-Dollar. Äthiopien leidet somit unter einem strukturellen Handelsbilanzdefizit, das sich im Jahr 2017 auf 11,2 Milliarden US-Dollar belief.

Aktuelle Wirtschaftsentwicklung und Konjunkturlage

Die jährlichen Wirtschaftswachstumsraten liegen seit Jahren im hohen einstelligen, teilweise zweistelligen Bereich. 2019 wird das Wirtschaftswachstum laut GTAI auf 7,7 Prozent geschätzt. Die Wirtschaftsentwicklung Äthiopiens steht langfristig jedoch vor großen Herausforderungen, die das bisher Erreichte gefährden könnten. Insbesondere wird sich in den nächsten Jahren erweisen, ob sich die großen Infrastrukturinvestitionen Äthiopiens rechnen werden.

Deutschland liegt bei den Abnehmern äthiopischer Exportprodukte mit 8,6% der Gesamtexporte (GTAI) auf Platz 3 hinter den USA und Saudi Arabien. Der Wert äthiopischer Exporte sank 2017 leicht im Vergleich zum Vorjahr (um 3,1 Prozent auf 171,8 Millionen EUR, Hauptprodukte: Kaffee und Textilien), während auch der Wert äthiopischer Importe aus Deutschland erstmals abnahm (um 4,6 Prozent auf 328,0 Millionen EUR, Hauptprodukte: Maschinen und Fahrzeuge). Das deutsch-äthiopische weist nun einen klaren Überschuss zu Gunsten deutscher Exporte von ca. 156 Millionen EUR auf.

Weitere Informationen

Äthiopien ist Kooperationsland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Mehr dazu beim Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

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