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Ägypten: Wirtschaft Ägypten

18.03.2019 - Artikel

Wirtschaftsstruktur

Ägypten ist das neben Südafrika am stärksten industrialisierte Land Afrikas und der MENA-Region. Landwirtschaft spielt eine erhebliche Rolle. Obst und Gemüse werden exportiert, daneben muss aber z.B. Weizen eingeführt werden. Der große informelle Sektor (v.a. Dienstleistungen; Schätzungen gehen von 30-40% des BIP aus) nimmt einen Großteil der Arbeitskräfte auf. Bei einem Netto-Bevölkerungswachstum von jährlich etwa 2,5 Millionen Menschen ist die Arbeitslosigkeit und insbesondere Jugendarbeitslosigkeit besonders hoch (offiziell wird die Jugendarbeitslosigkeit mit 28% angegeben, Expertenschätzungen gehen von noch höheren Zahlen aus).

Ägypten fördert gezielt ausländische Direktinvestitionen. Zahlreiche Handelshemmnisse administrativer Natur schrecken potentielle Investoren jedoch ab. Außerdem stehen staatliche Unternehmen, zahlreiche davon unter der Kontrolle des ägyptischen Militärs, mit privaten Unternehmen in Konkurrenz. Trotzdem nehmen ausländische Direktinvestitionen weiter zu. Familienunternehmen von z.T. erheblicher Größe dominieren den Privatsektor.

Nach Freigabe des Währungwechselkurses Anfang November 2016 hat sich die Wettbewerbsfähigkeit ägyptischer Produkte verbessert. Das hohe Handelsbilanzdefizit konnte aufgrund des Anstiegs ägyptischer Exporte und des Rückgangs der Importe um ca. 8% reduziert werden. Einnahmen aus den Transitgebühren für den  Suez-Kanal,  Rücküberweisungen von im Ausland arbeitenden Ägyptern sowie aus dem wiederbelebten Tourismusgeschäft sorgen für eine Stabilisierung der Zahlungsbilanz.

Der Internationale Währungsfonds (noch bis 2019), andere Internationale Organisation und wichtige Partnerländer Ägyptens leisten Zahlungsbilanzhilfe. Ägypten hat sich im Gegenzug zu einem umfangreichen Wirtschafts- und Finanzreformprogramm verpflichtet, und u.a. bereits einige Subventionskürzungen (v.a. bei Energieträgern) vorgenommen.

Daten zur Wirtschaftsstruktur und -lage in englischer Sprache werden u.a. durch das ägyptische Finanzministerium, die Zentralbank (Central Bank of Egypt) und die staatliche Statistikbehörde (CAPMAS) publiziert.

Wirtschaftssektoren

Landwirtschaft

Jeder dritte Ägypter ist in der Landwirtschaft beschäftigt. Angebaut werden vor allem Baumwolle, Reis, Zuckerrohr, Weizen, Gemüse und Obst. Die landwirtschaftliche Nutzfläche erstreckt sich vor allem entlang des Nils sowie im Nildelta, macht aber nur rund 4 Prozent der Gesamtfläche des Landes aus. Die Gewinnung von neuen Flächen durch Bewässerungsprojekte hat in den letzten Jahren kaum Fortschritte gemacht. Aufgrund der starken Parzellierung können viele Landwirte lediglich Subsistenzwirtschaft betreiben. Ägypten bedient insbesondere die Region, aber auch den europäischen Markt mit Obst und Gemüse, ist aber im Gegenzug auf umfangreiche Weizenimporte angewiesen.

Rohstoff- und Energiesektor

Ägypten hat in jüngster Zeit erheblich in den Kraftwerksausbau (Gas, Wind und Photovoltaik) investiert. Die Versorgungsprobleme der letzten Jahre scheinen einer Überkapazität zu weichen. Gleichzeitig bemüht sich Ägypten um Autarkie bei der Brennstoff-Versorgung. Ölreserven, vor allem in der ägyptischen ausschließlichen Wirtschaftszone im Mittelmeer, werden auf 4,5 Mrd. Barrel geschätzt, die Erdgasvorkommen auf ca. 2.200 Milliarden m³. Die Exploration der Erdgasvorkommen an der Mittelmeerküste wurde internationalen Unternehmen (allen voran ENI, BP und Shell) übertragen. Damit verfügt das Land über 1,2 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen.

Aktuell werden die Details des 2017 mit Russland geschlossenen Übereinkommens zum Bau eines zivilen Nuklearkraftwerkes verhandelt. Im September 2014 wurde erstmals eine Einspeisevergütung für Wind- und Solarenergie festgesetzt, die neuen Schwung in den bisher schleppenden Ausbau der Erneuerbaren Energien gebracht hat. Ägypten verfügt darüber hinaus über weitere mineralische Rohstoffe, wie Eisenerz, Phosphat, Gips, Gold, Marmor.

Weitere Informationen:

Produzierendes Gewerbe und Bau

Angesichts einer weiter stark wachsenden Bevölkerung (+2,5% p.a.) besteht erheblicher Bedarf an Infrastrukturmaßnahmen und an der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Der Bausektor zählt daher zu den wichtigsten Bereichen der ägyptischen Wirtschaft. Von Immobilieninvestitionen versprechen sich viele Ägypter zudem Sicherheit vor der starken Inflation.

Das produzierende Gewerbe fertigt vorrangig für den lokalen Markt und muss weiterhin erheblich in die Qualifikation von Fachkräften investieren. Berufliche Ausbildung ist ein Schwerpunkt der deutschen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Ägypten.

Dienstleistungsbereich

Der Dienstleistungssektor absorbiert einen erheblichen Teil der Erwerbstätigen und erwirtschaftet große Teile des Bruttoinlandsproduktes. Einen maßgeblichen Beitrag leistet hierbei der Tourismusbereich (siehe unten). Ein schwer zu erfassender und vermutlich erheblicher Teil des Dienstleistungsbereichs arbeitet informell.

Ägypten ist eine beliebte Tourismus-Destination, die Zahl der Besucher schwankt jedoch in Abhängigkeit von der aktuellen Sicherheitslage. Seit dem zweiten Halbjahr 2016 sind wieder deutlich steigende Touristenzahlen zu registrieren. Deutsche Besucher stellen hier die mit Abstand größte Gruppe.

Suez-Kanal

Der 2015 erweiterte Suez-Kanal, durch den sich ca. 8% des Schifffahrtwelthandels bewegt, ist eine der wichtigen Devisenquellen des Landes. Die Gebühreneinnahmen fluktuieren aber mit der weltweiten Konjunktur. Gleichzeitig wird entlang des Kanals eine Industrie- und Logistikzone entwickelt.

Öffentliche Verwaltung und Regierung

Der Staat beschäftigt zurzeit direkt und indirekt (durch private Unternehmen im Staatsbesitz, Militär, Agenturen und nachgeordnete Institutionen) ca. 25% aller Erwerbstätigen. Bei der geplanten Privatisierung einiger Staatsbetriebe gibt es bisher kaum Fortschritte.

Überweisungen aus dem Ausland

Die Überweisungen der knapp 10 Millionen Auslandsägypter  sind von 17,4 Mrd. US $ im Jahre 2017 auf rund 23 Mrd. US $ im Jahre 2018 gestiegen.

Wirtschaftslage und -politik der ägyptischen Regierung

Im Rahmen des mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) verhandelten Reformprogramms versucht die Regierung, den notwendigen Strukturwandel in die Wege zu leiten. Das Wirtschaftswachstum lag 2017 bei 4,2% und 2018 bei 5,3%.Subventionen für Benzin, Diesel und Elektrizität werden von der Regierung sukzessive reduziert. Bis Juni 2021 ist eine vollständige Eliminierung aller Energiesubventionen vorgesehen.

Der Umsatzsteuersatz wurde in mehreren Schritten auf derzeit 14% angehoben. Die Steuerverwaltung soll weiter verbessert werden, u.a. durch die Einführung elektronischer Steuererklärungen. Auch das Lebensmittelsubventionssystem stützt sich inzwischen auf elektronische Berechtigungskarten.

Zentrale Herausforderung bleibt aber die Qualifizierung von Arbeitskräften und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Neben aktuell implementierten, kurzfristigen Konjunkturpaketen und Großprojekten ist es dafür aber unerlässlich, ein nachhaltiges, inklusives Wirtschaftssystem zu schaffen, das mit dem rasanten Bevölkerungswachstum Schritt hält,  die erhebliche Ungleichverteilung von Ressourcen und Chancen mildert und gleichzeitig die Voraussetzungen für mehr Innovation schafft.

Wirtschaftsbeziehungen zur Europäischen Union

Die Europäische Union ist der größte Handelspartner Ägyptens. Deutschland ist wichtigster Handelspartner innerhalb der EU, es folgen Frankreich und Italien. Das 2004 in Kraft getretene EU-Assoziationsabkommen regelt den freien gegenseitigen Handel. Bestehende Handelsbarrieren sollen bis 2019 abgebaut sein. Ein umfassendes Freihandelsabkommen (Deep and Comprehensive Free Trade Agreement) soll folgen. Im Agrarsektor fallen hierunter bereits 87 Prozent der Produkte.

Auf die politischen Umbrüche in der Region hat die EU mit einer stärker an Reformbemühungen anknüpfenden Nachbarschaftspolitik und zusätzlichen Mitteln reagiert; parallel haben die G7 mit der „Deauville-Partnerschaft“ und die G20 mit dem „Compact with Africa“ zusätzliche Möglichkeiten, insbesondere mit Hilfe der internationalen Finanzinstitutionen, geschaffen, um den politischen Wandel wirtschaftlich zu begleiten.

Umweltsituation

Ägypten sieht sich mit erheblichen Umweltproblemen konfrontiert, insbesondere der Luftverschmutzung in der Agglomeration Kairo (ca. 22 Millionen Einwohner). Die Trinkwasserversorgung entspricht nicht europäischem Standard. Abwasserbehandlung sowie Abfallwirtschaft sind unzureichend.

Das Land wird nach aktuellen Modellrechnungen besonders stark von den Folgen des Klimawandels durch den Meeresspiegelanstieg betroffen sein (das Nildelta liegt praktisch auf Höhe des derzeitigen Meeresspiegels). Ägypten bezieht sein Wasser zu 95% aus dem Nil.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 

 

Weitere Informationen

Ägypten ist Kooperationsland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit.
Schwerpunkte sind der Umwelt- und Klimaschutz – mit einem Fokus auf der Förderung erneuerbarer Energien – sowie die Wasserver- und Abwasserentsorgung. Darüber hinaus fördert die Bundesregierung die Privatwirtschaft sowie das Berufsbildungswesen.
Mehr dazu beim Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung:

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