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Land im Wandel

Shwedagon-Pagode in Rangun

Shwedagon-Pagode in Rangun, © AA

06.06.2013 - Artikel

"Auf diplomatischer Mission" in Myanmar ist heute vieles möglich, was noch vor einigen Jahren undenkbar schien. Unser Kollege berichtet von der Erneuerung im Land.

Boomzeit in Myanmar: Das einst isolierte Land erlebt einen rasanten Wandel, seit Präsident Thein Sein einen Kurs der politischen und wirtschaftlichen Öffnung angestoßen hat. Hunderte politische Gefangene wurden freigelassen, die größte Oppositionspartei National League for Democracy (NLD) ist mittlerweile im Parlament vertreten - ebenso deren Vorsitzende, die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die zuvor jahrelang unter Hausarrest gestanden hatte. All diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass nicht nur eine wahre Flut von Touristen in das Land der goldenen Pagoden strömt, sondern auch Politiker und Investoren aus aller Welt kommen. Seit rund drei Jahren ist Oliver Bientzle Stellvertreter des deutschen Botschafters in Myanmar - er berichtet von seiner Arbeit in einem faszinierenden Land, das einen tiefgreifenden Wandel erlebt.

Ich klettere über die kleinen "Tea-Shop"-Stühlchen und einen gähnenden Straßenhund - von anderen Wachen oder Schnüfflern keine Spur. Am Haus leuchtet in bunten Farben ein Symbol, dessen Zurschaustellung vor nicht allzu langer Zeit noch heftig bestraft worden wäre. Die Tür steht offen, drinnen herrscht viel Gewusel und rege Betriebsamkeit. Laptops sind aufgeklappt, Telefone klingeln. Ich traue mich, mein Gegenüber vorsichtig zu fragen: "Empfindest Du eigentlich Wut auf Deine Peiniger?" Die Antwort habe ich schon öfters gehört, und sie erstaunt mich immer wieder. "Ach nein, überhaupt nicht", erwidert mein Gesprächspartner lachend. "Wir müssen nach vorn schauen und das jetzt alle zusammen richtig anpacken." Vor mir sitzt ein ehemaliger politischer Gefangener. Viele Jahre war er von seiner Familie getrennt, von der Militärjunta wurde er gefoltert. Jetzt ist er frei, politisch aktiv und zusammen mit seiner zuvor geächteten Organisation Vermittler und Ratgeber für die zivile Regierung.

Ein Posten verändert sich

Trocknen von Chilischoten am Irrawaddy-Fluss, Myanmar
Tocknen von Chilischoten am Irrawaddy-Fluss, Myanmar© AA

Willkommen im neuen Myanmar! Nicht alles hat sich in den vergangenen drei Jahren hier geändert, aber sehr viel. Und das nicht nur bei "großen" Themen wie Demokratisierung, Pressefreiheit, Friedens- und Aussöhnungsverhandlungen - nein, auch im Alltag in Rangun ist der Wandel spürbar: Plötzlich sieht man überall Handys, das Internet funktioniert, ein Bauboom hat die Stadt erfasst und eine Flut an neuen Autos verstopft die Straßen.

Auch auf dem Rückweg ins Büro komme ich nur langsam voran. Beim Telefonieren im Stau zahlen sich die engen und vertrauensvollen Beziehungen zu den deutschen politischen Stiftungen aus. Spontan wird mir von einem Kollegen zugesagt, für den eben besuchten Menschenrechtler kurzfristig ein kleines Programm in Deutschland zusammenzustellen. Das hatte er sich sehnlichst gewünscht, um für seine Arbeit internationale Erfahrungen zu sammeln.

Auf Posten in Rangun zu sein, ist zur Zeit einfach nur spannend. Als Ständiger Vertreter des Botschafters an einer eher kleinen Vertretung bin ich mit fast allen Themen befasst und kann hautnah den historischen Wechsel von einer Militärdiktatur zu einer Demokratie erleben. Viele Herausforderungen und Probleme gibt es in Myanmar weiterhin. Doch der Wille zur Erneuerung fasziniert.

Den Wandel unterstützen

Pagode in Pathein, Myanmar
Pagode in Pathein, Myanmar© AA

Mittags Themenwechsel: Deutsche Firmen wollen in Myanmar Geschäfte machen und Hilfe beim Wiederaufbau leisten. Angesichts der langen Isolation des Landes beginnen viele Unternehmen quasi bei "null". Die Botschaft ist weiterhin der einzige vor Ort ansässige Pfeiler der deutschen Außenwirtschaftsförderung – und dementsprechend gefragt. Viele Unternehmen - von ziemlich klein bis sehr groß - suchen Rat. Der deutsche Unternehmer neben mir fragt nach potenziell interessanten Sektoren und bittet um eine Einschätzung zu lokalen Geschäftspartnern. Er verlässt mein Büro ermutigt: Die Chancen sind groß - die täglichen Marktherausforderungen ehrlicherweise aber auch.

Wieder Themenwechsel: Am Nachmittag treffe ich eine Journalistin in einem Café. Nicht wie früher in der hintersten Ecke, sondern mittendrin und ohne Flüsterton. Tabuthemen im öffentlichen Raum sind mittlerweile Fehlanzeige. "Der erste Entwurf des neuen Mediengesetzes ist Schrott", klagt sie nach der Begrüßung so laut, dass es bis in den letzten Winkel des Cafés zu hören ist, "da muss ziemlich nachgearbeitet werden."

Neu ist, dass das zuständige Ministerium solche Kritik nicht nur anhört, sondern bereit ist, darüber zu diskutieren. So auch jüngst bei einer großen Medienkonferenz in Rangun. Das Auswärtige Amt hatte auf Anregung der Botschaft einen angesehenen deutschen Rechtsexperten entsandt. Seine Vorschläge und Erfahrungen sind hier äußerst willkommen. Das "neue" Myanmar ist hungrig nach Wissen und Unterstützung. Wir helfen, wo wir können.

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