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Einsatz rund um die Uhr

Ob Entführungen, Bürgerkriege, Flugzeugabstürze oder Naturkatastrophen – sobald sich in einem Winkel der Welt etwas ereignet, wovon Deutsche betroffen sein könnten, stehen im Krisenreaktionszentrum im Keller des Auswärtigen Amts die Leitungen nicht still. Aber auch in den krisenfreien Zeiten kommt keine Langeweile auf.

Geregelte Arbeitszeiten kennt das Krisenreaktionszentrum um Michael Klor-Berchtold, der 2010 als Krisenbeauftragter die Leitung des Krisenreaktionszentrums übernommen hat, nicht. Krisen sehen meist unterschiedlich aus, aber eines haben sie gemein: Sie kommen meist plötzlich und unerwartet. Wenn die ersten Anzeichen eingehen, muss schnell und sensibel reagiert werden. „Menschenleben haben immer Vorrang“, so Klor-Berchtold, der als Deutscher Botschafter im Jemen schon vor seiner Zeit als Krisenbeauftragter Erfahrungen im Umgang mit Krisen gesammelt hatte. „Es kann immer etwas passieren, das Team muss jederzeit bereit sein.“

Wo heute der Krisenstab tagt, wurden früher Wertpapiere aufbewahrt - deshalb befinden sich im Keller des Auswärtigen Amts noch dicke Tresortüren. Das heutige Gebäude des Auswärtigen Amts wurde 1934 bis 1940 als Erweiterungsbau der Reichsbank errichtet.

Eine Krise kündigt sich an

Da kann es auch vorkommen, dass der Krisenbeauftragte nachts aus dem Schlaf geklingelt wird, wie das bei dem schweren Tsunami in Japan im März 2011 der Fall war. Der Beamte vom Dienst hat im Lagezentrum über eine Agenturmeldung von dem schweren Seebeben erfahren, zeitgleich lieferte die Deutsche Botschaft in Tokyo genauere Informationen zu den Auswirkungen der Naturkatastrophe.

Das Lagezentrum ist mit zwei Personen rund um die Uhr besetzt. Die Nachrichtenlage wird dort besonders aufmerksam verfolgt. Kündigt sich ein Krisenfall an, wird in der Regel zuerst die Botschaft vor Ort kontaktiert und nach ihren Beobachtungen gefragt. Danach können im Krisenreaktionszentrum erste Vermutungen angestellt werden, wie viele Deutsche betroffen sein könnten.

Entscheidungen im Krisenstab

Alle wichtigen Entscheidungen werden im Krisenstab der Bundesregierung im Auswärtigen Amt vorberereitet und getroffen. Sei es die schnelle Entsendung von Bergungsspezialisten des Technischen Hilfswerks mit ihren Suchhunden noch am Tag der ersten Agenturmeldung nach Japan, sei es der Einsatz von Evakuierungsflugzeugen der Bundeswehr während der Unruhen in Libyen im Februar 2011 zur Rettung von Deutschen und anderen EU-Bürgern oder sei es der Einsatz von Charterflugzeugen, um die deutsche Urlauber während des Umsturzes in Ägypten im Januar 2011 aus ihren Urlaubsorten sicher nach Hause zu bringen  -  der Krisenstab tritt zu jeder Tages- und Nachtzeit zusammen, um die nötigen Entscheidungen für solche Einsätze zu treffen.

Zusammensetzung krisenabhängig

All diese Entscheidungen wurden in kürzester Zeit getroffen. „Über die Zuschaltung der deutschen Auslandsvertretungen in den Krisenstab verfügen wir im Krisenstab über ein aktuelles und authentisches Lagebild aus den Krisengebieten in Echtzeit“, erläutert der Krisenbeauftragte, „Dies bildet die Grundlagen für die Entscheidungen im Krisenstab“.

Die Zusammensetzung eines Krisenstabs hängt von Art und Ausmaß der Krise ab. In ganz brenzligen Fällen ist auch die Kanzlerin involviert. Ansonsten können der Außenminister, ein Staatssekretär oder der Leiter des Krisenreaktionszentrums den Krisenstab leiten. Vertreten sind normalerweise auch andere Ministerien wie das Bundesministerium der Verteidigung und des Inneren, das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst.

Krise überstanden

Sind alle Deutschen evakuiert und in Fällen von Naturkatastrophen die humanitäre Hilfe gut angelaufen, zieht sich das Krisenreaktionszentrum zurück und überlässt die weiter anstehenden Aufgaben den Kollegen der Fachreferate.

Im Jahr 2011 tagte der Krisenstab über 80 mal zu verschiedenen Krisenszenarien, wobei neben dem Tsunami in Japan den Schwerpunkt die Umstürze in der arabischen Welt bildeten: Tunesien, Ägypten, Libyen, Bahrein, Jemen und Syrien, aber auch Ereignisse wie der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste oder Überschwemmungen wie in Bangkok.

Vorsorge für den Krisenfall

Neben dem Umgang mit akuten Krisenfällen gehört auch die Vorsorge zu den Aufgaben des Krisenreaktionszentrums. Dazu zählen die Reise- und Sicherheitshinweise, die das Auswärtige Amt für nahezu alle Länder der Welt herausgibt und ständig aktualisiert.

Außerdem werden zusammen mit dem Verteidigungsministerium dreimal pro Jahr sogenannte Krisenunterstützungsteams losgeschickt. Diese reisen in potenzielle oder tatsächliche Krisenregionen und treffen dort Vorsorgemaßnahmen für den Fall der Fälle. Es werden Krisenpläne aktualisiert, Fluchtwege aufgezeichnet und Evakuierungsorte sondiert. Für rund 90 Länder haben die Teams in den vergangenen Jahren umfangreiche Informationen gesammelt.

Tagesgeschäft im Bürgerservice

Hinzu kommt, dass sich seit 2001 auch der Bürgerservice unter dem Dach des Krisenreaktionszentrums befindet. Hier gehen alle Anfragen von Bürgern ein, sei es zu Visa oder politischen Fragen, per E-Mail oder Telefon. Sieben Mitarbeiterinnen sind damit beschäftigt, diese Anfragen zu beantworten. So gibt es auch in krisenfreien Zeiten im Keller des Auswärtigen Amts immer etwas zu tun.


Stand 13.02.2012