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Grußwort von Außenminister Guido Westerwelle anlässlich der Ausstellungseröffnung "Die Wilhelmstraße 1933 bis 1945. Aufstieg und Untergang des NS-Regierungsviertels"

18.06.2012

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrter Herr Professor Nachama,
sehr geehrter Herr Professor Demps,
sehr geehrter Herr Professor Steinbach,
sehr geehrte Frau Dr. Steur,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

über die Einladung, gemeinsam mit Ihnen, Herr Professor Nachama, die Sonderausstellung „Die Wilhelmstraße 1933 bis 1945. Aufstieg und Untergang des NS-Regierungsviertels“ zu eröffnen, habe ich mich sehr gefreut.

Die Topographie des Terrors ist im vergangenen Vierteljahrhundert zu einem zentralen Ort der Erinnerung in Berlin geworden. In ihrer Authentizität ist sie kaum zu übertreffen: Am Ort des Schreckens, am Ort der Täter, dort, wo schon wenige Wochen nach der sogenannten Machtergreifung Hitlers das Geheime Staatspolizeiamt einzog und wo sich später die ganze Spitze des NS-Terrorapparats einfand, genau dort gibt die Dauerausstellung einen umfassenden Überblick über den nationalsozialistischen Verfolgungs- und Terrorapparat. Die freigelegten Grundmauern des Hausgefängnisses der Gestapo–Zentrale belegen: Greifbarer kann Geschichte nicht sein.

Die Gegend um die Wilhelmstraße war bis ins 17. Jahrhundert ein sehr beschaulicher Ort und gehörte zum kurfürstlichen Tiergarten. Später wurde sie zu einem gepflegten Wohnviertel, das im 19. Jahrhundert zunehmend erst preußische, dann kaiserliche Oberste Reichsbehörden an sich zog und zum Regierungsviertel wurde. Noch am Ende des Kaiserreichs und auch in der Weimarer Republik ließ das vergleichsweise bescheidene Äußere kaum auf die Machtfülle schließen, die sich an diesem Ort ballte.

Die Nationalsozialisten benutzten die alte traditionsreiche Fassade der Wilhelmstraße, um über die Politik, die hinter ihren Mauern betrieben wurde, hinwegzutäuschen. Die Illusion der Kontinuität machten sich die Nazis für ihre verbrecherische Politik zu Nutzen. Gleichzeitig pervertierten die Nationalsozialisten das bis dahin vornehme und ruhige Viertel durch Fahnen, Aufmärsche und Paraden. Die neue Reichskanzlei wie auch das Reichsluftfahrtministerium zeigen: Entgegen der Tradition der Straße wurde Architektur zur Sprache der Verführung, der Einschüchterung und der Macht.

Das Auswärtige Amt, in der Wilhelmstraße 74-76, lag mitten im Zentrum der Macht. Es grenzte an die Reichskanzlei. Ihm gegenüber lag die Reichsleitung der NSDAP, schräg gegenüber Göbbels Propagandaministerium. Das Auswärtige Amt im Dritten Reich war das Auswärtige Amt des Dritten Reiches.

„Das Amt und die Vergangenheit“, das Buch der Unabhängigen Historikerkommission hat, ebenso wie die kontroverse Debatte, die es ausgelöst hat, die unsägliche Verstrickung der deutschen Diplomatie in den Holocaust, in Krieg, Plünderung und Vernichtung für alle Welt klar erkennbar gemacht. Der Mythos, das Auswärtige Amt sei im Dritten Reich ein Hort des Widerstandes gewesen, hatte sich schon viele Jahre vor Erscheinen des Buches aufgelöst.

Der Zweite Weltkrieg wurde 1939 von der Wilhelmstraße aus entfesselt, sechs Jahre später schlug er mit voller Wucht auf seinen Ausgangspunkt zurück. In Panzersperren, Artillerie- und Straßenkämpfen ging die Wilhelmstraße im April 1945 unter. Auch vom Auswärtigen Amt blieben nur Trümmerhaufen.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann in Deutschland der Wiederaufbau.

Auch die diplomatische Aufbauarbeit: vor 65 Jahren vertraute niemand den Deutschen. Deutschland hatte sich selbst außerhalb der Staatengemeinschaft gestellt. Vor diesem Hintergrund haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes in der Präambel der deutschen Politik einen klaren Auftrag gegeben: „in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen“. Mit diesem Kompass haben wir uns über Jahrzehnte das Vertrauen erarbeitet, das die deutsche Einheit vor jetzt schon über 20 Jahren erst möglich machte. Dieser Kompass bestimmt auch heute den Kurs unseres Landes.

Die Wahl Deutschlands in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen im Jahr 2010 erfolgte nur ein paar Tage, nachdem wir den 20. Geburtstag der Deutschen Einheit feiern durften. Beide Ereignisse haben etwas mit dem Vertrauen zu tun, das Deutschland in der Welt entgegengebracht wird.

Vertrauen ist etwas Kostbares. Zwischen Menschen genauso wie zwischen Staaten. Die Topographie des Terrors ist deshalb eine so wichtige Institution, weil sie nicht nur informiert, nicht nur aktiviert zu einer Auseinandersetzung mit der deutschen und europäischen Geschichte, sondern weil sie Vertrauen schafft. Vertrauen in ein friedliches Deutschland, das seine Geschichte kennt und Teil der internationalen Staatengemeinschaft ist. Etwa 800.000 Besucher zählt diese Informationsstätte jedes Jahr, viele aus aller Welt. Die Topographie des Terrors gehört damit heute zu den am meisten besuchten Erinnerungsorten Deutschlands.

Der Zusammenhang zwischen totaler Hybris und vollständiger Nemesis wird vermutlich an keinem Ort unseres Planeten sichtbarer als im ehemaligen Zentrum der Wilhelmstraße. Das fast spurlose Verschwinden einer einstigen Macht- und Schaltzentrale ist für die moderne Zeit beispiellos. Nicht einmal der Name blieb der Straße über die Jahrzehnte hinweg erhalten.

Nach dem Untergang des Dritten Reichs teilte nur wenige Meter von der Wilhelmstraße entfernt die Mauer Deutschland und Europa. Heute liegt die Wilhelmstraße im Herzen Berlins und damit im Herzen des vereinten Europas.

Mit den dreißig Stationen der „Geschichtsmeile“, macht uns die Topographie des Terrors in vorbildlicher Weise mit der wechselvollen Geschichte der Wilhelmstraße vertraut. Mit der Geschichte eben jener Straße, die die Nationalsozialisten zur Schaltzentrale des Grauens pervertierten. Mit einer Geschichte, die wir nie vergessen dürfen und die wir nie vergessen werden.

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