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Interview mit Gesine Schwan in der Frankfurter Rundschau, 28.08.2006

Frage: Frau Schwan, wie frustrierend ist es, für die deutsch-polnische Zusammenarbeit zuständig zu sein?

Antwort: Ein bisschen schwierig ist es derzeit schon, weil das Partnerschaftliche jedenfalls auf der Regierungsebene nicht recht gelingt…

…und jedes gute Wort fruchtlos scheint?

Nicht jedes gute Wort. Es gibt auch fruchtbare Worte. Ich habe einige Situationen mit Staatspräsident Lech Kaczynski erlebt, in denen gute Anknüpfungspunkte zu erkennen waren. In der zweiten Reihe der polnischen Politik, die innenpolitisch noch nicht zu stabilen Verhältnissen gefunden hat, scheint das schwieriger zu sein. Die Koalition, die in Warschau jetzt zustande kam, ist keine, die sich mit Erfahrung und einem gewissen Interesse der internationalen Politik annehmen würde.

Ist es nicht wieder einmal so: Die polnische Seite reagiert reflexhaft und die deutsche desinteressiert?

Einige in Polen reagieren sehr reflexhaft. Es ist schon problematisch, wenn aus der polnischen Regierung heraus erwartet wird, dass die deutsche Regierung sich für deutsche Presseberichterstattungen oder -kommentare entschuldigt. Das passt mit der repräsentativen Demokratie nicht zusammen. Es gibt in Polens Koalition auch Positionen, die ich für unerträglich halte. Das betrifft die Kriminalisierung von Homosexualität genauso wie die Diskussion über die Todesstrafe.

Zeigt sich darin nicht auch schon eine wieder wachsende kulturelle Differenz?

Keine wachsende. Es gibt in Polen noch eine ideologische Erbschaft der Homophobie, die auch eine Erbschaft der katholischen Kirche ist. Ich sage das als praktizierende Katholikin. Dazu werden sicher noch viele Auseinandersetzungen stattfinden. Aber erkennbar wird doch auch: Manche solcher harschen Positionen haben in Polen auch Gegenreaktionen ausgelöst. Polen hatte keinen gesellschaftlichen Aufbruch, wie wir im Westen ihn 1968 erlebt haben. Toleranz für derartige Minderheiten ist etwas, das nun in Polen aber erstritten werden wird. Da bin ich mir ganz sicher.

Sie meinen: Die polnische Gesellschaft ist weiter als die gegenwärtige polnische Politik?

Ja. Wobei interessant ist: In Deutschland gibt es diese Art Diskrepanz nicht. Aber es gibt eine andere: die breitere Gesellschaft interessiert sich nicht so sehr für Polen wie viele politische Eliten. Interesse und Sympathie wachsen in Deutschland bei weitem nicht so schnell wie in Polen. Denn auch das stimmt ja: In Polens Gesellschaft nimmt die Sympathie für Deutschland sehr zu, auch das Bewusstsein für künftige Partnerschaft.

Nun führt auch die in Deutschland meist als harmlos eingeschätzte Vertriebenenausstellung in Berlin wieder zu massiven polnischen Reaktionen…

Polen hat kein prinzipielles Problem mit Vertriebenenausstellungen. An anderen Ausstellungen haben Polen sogar mitgearbeitet. Es gibt aber einen großen Vorbehalt gegenüber dem Bund der Vertriebenen und vor allem gegenüber seiner Präsidentin Erika Steinbach. Das belastet auch die jetzt in Berlin gezeigte Ausstellung. Und ich kann das nachvollziehen. Der Bund der Vertriebenen hat sehr lange an Wiedergutmachungsforderungen und so genannten offenen Grenzfragen festgehalten und Frau Steinbach hat zu oft zur Polarisierung beigetragen.

Sie kritisieren mehr die Veranstalter als die Ausstellung selbst?

Die Ausstellung hat ein grundlegendes Problem. Sie belichtet an keiner Stelle Menschen als individuell Verantwortliche. Anonym von Diktatoren und Verbrechern zu reden, ist der Stand der Forschung der 60er Jahre. Nicht alle Menschen waren Opfer. Und dann kommt ein Widerspruch hinzu: Die Ausstellung basiert selbst auf dem Gedanken, dass die Vertriebenen eine homogene Gruppe seien - so wie sie kritisiert, dass Vertreibung auf der Unterstellung beruht, es müssten homogene Verhältnisse hergestellt werden. Mich stört die Vereinheitlichung verschiedener Gruppen von Vertriebenen unter dem Oberbegriff Opfer. Dieses Opferkollektiv wird überhaupt nicht nach der eigenen Verantwortung gefragt.

Wie finden Sie die polnischen Reaktionen auf das späte Vergangenheitsbekenntnis von Günter Grass?

Da habe ich den Eindruck, dass die deutschen Medien die polnischen Reaktionen wieder differenzierter darstellen als in anderen Fällen. Gerade hier zeigt sich, dass es in Polens Gesellschaft viele unterschiedliche Positionen gibt.

Blockieren Medien vielleicht sogar in beiden Ländern eine offenere Diskussion miteinander?

Sie blockieren sie auch in Deutschland jedenfalls dann, wenn vorschnell und unordentlich die polnische Regierung mit Polen gleichgesetzt wird. Selbst in der deutschen Linken gibt es da problematische Tonlagen - aus eigentlich pro-polnischer, aber stark enttäuschter Sicht. Wer glaubt, sagen zu müssen "Es reicht!", muss auch wissen, wem er das sagt. Wir dürfen doch nicht sagen: "Polen: Es reicht!" Wir müssen doch sehen, dass es in Polen auch Initiativen mit sehr viel mehr Zivilcourage gegenüber autoritären Tendenzen gibt, als manche bei uns sie haben. Die polnische Gesellschaft ist nach meinem Eindruck überhaupt nicht totalitär.

Das Gespräch führte Richard Meng