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Türkei

Beziehungen zu Deutschland

Stand: Juni 2014

Der menschliche Faktor

Deutschland und die Türkei verbinden außerordentlich vielfältige und intensive Beziehungen, die Jahrhunderte zurückreichen.

Die fast 3 Millionen in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft, von denen etwas mehr als die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, sind ein bedeutender Faktor in den bilateralen Beziehungen. Hinzu kommt die starke Anziehungskraft der Türkei als Reise- und Urlaubsland (2013 über 5 Millionen Besucher aus Deutschland). Beide Faktoren tragen wesentlich zu dem Bild bei, das Deutsche und Türken voneinander haben.

Die türkischen Medien berichten breit über Deutschland, die Situation der dort lebenden türkischstämmigen Bevölkerung sowie die deutsche Haltung zu allen die Türkei betreffenden Themen. Die großen türkischen Tageszeitungen sind mit eigenen Sonderausgaben in Deutschland und Europa vertreten, zum Teil in beachtlicher Auflagenstärke. Hürriyet veröffentlicht seit Ende 2001 einen Teil ihrer Deutschlandausgabe in deutscher Sprache. Seit zehn Jahren sendet auch der Kanal "Euro D" von Deutschland aus europaweit sein türkischsprachiges Programm. Inzwischen haben viele türkische Medien (Tageszeitungen und TV-Sender) gesonderte Ausgaben für die in Deutschland lebenden türkischsprachigen Menschen.

Türkische Verbände und Einzelpersonen türkischer Herkunft werden eng in Initiativen der Bundesregierung wie den Integrationsgipfel und die Islamkonferenz eingebunden. Zudem gibt es in Deutschland eine wachsende Zahl von Menschen mit türkischem Hintergrund, die mit ihrem kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Engagement auch Deutschland nachhaltig prägen. In der Türkei wird das von vielen als zusätzliches Band zwischen beiden Ländern wahrgenommen. Das Staatsangehörigkeitsgesetz von 1999 hat vielen Türken in Deutschland auch rechtlich neue Perspektiven eröffnet.

Auf der anderen Seite treffen die Visapolitik und ihre praktischen Auswirkungen auf menschliche und geschäftliche Kontakte in der Türkei immer wieder auf Kritik. Mit Skepsis und Kritik wurde auch die Aufdeckung der NSU-Mordserie begleitet.

Insgesamt sind Interesse und Erwartungen an Deutschland groß – das haben zuletzt auch die Reaktionen auf  die Bundestagswahl gezeigt.

Der Status der in der Türkei lebenden Deutschen (nach Angaben der türkischen Regierung ca. 70.000) hat sich in den letzten Jahren weiter verbessert, ist aber noch nicht völlig befriedigend (Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis, Grunderwerb u.a.).


Politische Beziehungen

Deutschland genießt in der Türkei ein traditionell hohes Ansehen. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind freundschaftlich, vielschichtig und belastbar – daraus folgend sind die Erwartungen an Deutschland und die deutsche Politik sehr groß. Auf allen Ebenen finden regelmäßig Konsultationen und Gespräche zu einer großen Bandbreite politischer und anderer Themen statt. Dies ermöglicht eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit auch in kontroversen Fragen.

Am 12. und 13. Mai 2013 wurde der Strategische Dialog auf Außenministerebene ins Leben gerufen, der die bisherigen intensiven Kontakte bündeln und auf eine neue Ebene heben soll. Gegenstand des deutsch-türkischen Strategischen Dialogs sind jährlich Treffen der Außenminister sowie die Einrichtung mehrerer Arbeitsgruppen auf hoher Beamtenebene zu Themen wie bilaterale Fragen, Sicherheitspolitik, Terrorismusbekämpfung, regionale Fragen und Europa.

Unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft wurden 1999 die Weichen für den EU-Kandidatenstatus der Türkei gestellt. Deutschland hat ein besonderes Interesse an einer Vertiefung der gegenseitigen Beziehungen zur Türkei und an einer Anbindung des Landes an die Europäische Union. Deutschland unterstützt die 2005 aufgenommenen Beitrittsverhandlungen. Diese sind ein Prozess mit offenem Ende. Zuletzt hat Bundeskanzlerin Merkel im Februar 2014 in Berlin anlässlich des Besuchs von Ministerpräsident Erdoğan deutlich gemacht, dass Deutschland den Fortgang des Beitrittsprozesses unterstützt, gleichzeitig aber daran erinnert, dass die Türkei ihrerseits ihr Interesse an einer gewünschten Annäherung an die EU unter Beweis stellen muss.

Ausdruck der intensiven bilateralen Beziehungen ist auch der rege hochrangige Besuchsaustausch. So hat Bundeskanzlerin Merkel die Türkei im Februar 2013 besucht. Im Jahr 2011 fand ein offizieller Besuch des türkischen Staatspräsidenten Gül in Deutschland statt. Ministerpräsident Erdoğan besuchte Deutschland zuletzt im Februar 2014 . Auf Ebene der Außenminister finden im bilateralen oder im Rahmen von internationalen Konferenzen regelmäßige Kontakte statt. BM´in von der Leyen besuchte im März 2014 die deutschen Truppen in Kahramanmaras. Daneben gab es 2012 und 2013 zahlreiche Besuche von Bundes- und Landesministern sowie von Parlamentariern. Auch die Bundeswehrpräsenzen in Kahramanmaraş und Trabzon finden in der öffentlichen Wahrnehmung Deutschlands als Nato-Partner erhebliche Beachtung. Vom 26.-29.04.2014 reiste der Bundespräsident zu einem Staatsbesuch in die Türkei.


Wirtschaftliche Beziehungen

Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte im Jahr 2013 mit einem Anstieg von nahezu 5% einen neuen Rekordwert von insgesamt 33,8 Mrd. €: die türkischen Exporte nach Deutschland stiegen dabei um 1,4% (13,5 Mrd. €) und die Importe aus Deutschland um 7,1% (21,5 Mrd. €). Mit einem Investitionsvolumen von über  12 Mrd. USD seit 1980 ist Deutschland auch der größte ausländische Investor. Die Zahl deutscher Unternehmen bzw. türkischer Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in der Türkei ist inzwischen auf rund 5.750 gestiegen. Die Betätigungsfelder reichen von der Industrieerzeugung und dem Vertrieb sämtlicher Produkte bis zu Dienstleistungsangeboten aller Art sowie der Führung von Einzel- und Großhandelsbetrieben. In Deutschland beschäftigen rund 75.000 türkischstämmige Unternehmer etwa 370.000 Mitarbeiter und erwirtschaften einen Jahresumsatz von ca. 35 Mrd. €.

Deutschland steht auch beim Fremdenverkehr in die Türkei an erster Stelle. Im Jahr 2013 stieg die Zahl der deutschen Touristen geringfügig über den Vorjahreswert an und belief sich auf über 5 Millionen. Seit 1985 ist die deutsche Wirtschaft in der Türkei durch ein Delegiertenbüro des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) vertreten. Sie zählt mittlerweile über 800 Mitglieder. Im Jahr 2004 wurde in Köln außerdem die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer gegründet. Seit 2012 hat sie ihren Hauptsitz in Berlin und ist mit einer Zweigstelle in Köln vertreten.

Zwischen Deutschland und der Türkei besteht bereits seit 1962 ein Investitionsschutzabkommen; das türkische Gesetz zur internationalen Schiedsgerichtsbarkeit trat im Juli 2001 in Kraft. Das bilaterale Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) von 1985 wurde zum 01.01.2011 gekündigt, und ein neues DBA wurde am 19.09.2011 anlässlich des Staatsbesuchs von Präsident Gül in Deutschland unterzeichnet. Es trat rückwirkend zum 01.01.2011 in Kraft.

Im November 2012 vereinbarten Bundeswirtschaftsminister Rösler und der türkische Energieminister Yildiz mit einer „Gemeinsamen Erklärung“ die Intensivierung der bilateralen Kooperation im Energiebereich. Mit dem jährlich tagenden „Deutsch Türkischen Energieforum“ wurde eine neue Plattform für den Dialog zwischen Vertretern aus Politik und Wirtschaft beider Länder im Energiebereich und der Vereinbarung konkreter Kooperations- und Handlungsfelder geschaffen. Das erste Deutsch-Türkische Energieforum tagte im April 2013 unter Leitung beider Minister in Ankara; die nächste Sitzung soll im Herbst 2014 in Berlin stattfinden.

Im August 2013 vereinbarten die Wirtschaftsministerien beider Länder die Gründung einer Wirtschafts- und Handelskommission, JETCO (Joint Economic and Trade Commission). Geplant ist die Schaffung einer branchenübergreifenden Plattform, mit einer jährlichen Sitzung unter Leitung beider Wirtschaftsminister. Die erste Sitzung soll im Frühjahr 2015 in Ankara stattfinden.


Wirtschaftliche Zusammenarbeit

Die im Jahr 1959 begonnene bilaterale Entwicklungszusammenarbeit (EZ) läuft aus. Die EZ mit der Türkei hatte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem Erfolgsmodell entwickelt. Im Rahmen der finanziellen und technischen Zusammenarbeit wurden kumuliert über 4,5 Mrd. € in Form konzessionärer Kredite und Zuschüsse zugesagt. Insgesamt wurden damit mehr als 400 Projekte implementiert. Einige wenige Projekte dauern noch an.

Trotz des Auslaufens der klassischen EZ hält das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) punktuell an Kooperationen mit der Türkei bei innovativen und zukunftsfähigen Aspekten fest. So hat das BMZ die Bereitschaft zur finanziellen Unterstützung für den geplanten Bau eines ersten solarthermischen Kraftwerks in der Türkei signalisiert.

Seit 2007 tritt zudem als Kooperationspartner vermehrt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) auf. Das BMU unterstützt Umwelt- und Klimaprojekte in der Türkei mit Geldern aus dem Fonds „Internationale Klimaschutzinitiative (IKI)“, der sich aus der Versteigerung von Zertifikaten aus dem Europäischen Emissionshandel speist. Besonderen Stellenwert in diesem Kooperationsfeld nimmt der bilaterale Lenkungsausschuss Umwelt ein, der halbjährlich zwischen Vertretern beider Umweltministerien durchgeführt wird.

Im Jahr 2014 soll das deutsch-türkische Wissenschaftsjahr der bestehenden bilateralen Zusammenarbeit in den Bereichen Wissenschaft, Forschung, Technologie und Bildung zusätzliche Impulse verleihen sowie zur Erschließung neuer Kooperationsfelder und –modelle beitragen.


Kulturaustausch und Wissenschaftsbeziehungen

Als sichtbares Zeichen der Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei wurde im September 2006 die „Ernst-Reuter-Initiative für Dialog und Verständigung zwischen den Kulturen“ (ERI) ins Leben gerufen. Die Initiative umfasst zahlreiche Projekte in den Bereichen Kunst, Kultur und Medien, Jugend, Wissenschaft und Integration. Viele Prominente aus beiden Ländern unterstützen die ERI mit ihrer Erfahrung und ihrem Know-how. ERI-Leuchtturmprojekte sind insbesondere der Übersetzerpreis Tarabya, der im November 2013 zum vierten Mal von Ministern beider Länder verliehen werden wird, die Kulturakademie Tarabya und die Türkisch-Deutsche Universität.

Die Kulturakademie, die die Vernetzung deutscher und türkischer Kulturschaffender zum Ziel hat, wurde am 13.10.2011 in Anwesenheit beider Außenminister eröffnet und ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer weiteren Intensivierung der Kontakte zwischen den Menschen beider Länder. Seit September 2012 haben insgesamt 22 Stipendiaten auf dem Gelände der historischen Sommerresidenz des Botschafters in Tarabya ihre mehrmonatigen Stipendien angetreten.

Die Türkische-Deutsche Universität in Istanbul, deren Grundstein während des Staatsbesuchs von Bundespräsident Wulff am 22. Oktober 2010 gelegt wurde, befindet sich weiter im Aufbau und hat im Studienjahr 2013/2014 in 3 Bachelor- und 3 Masterstudiengängen mit ca. 125 Studierenden den Lehrbetrieb auf dem Campus  aufgenommen.

Das Fundament für die deutsch-türkischen Hochschulzusammenarbeit wurde in den 1930er und 1940er Jahren durch Professoren gelegt, die vor dem nationalsozialistischen Regime in die Türkei geflüchtet waren. Deutschland genießt in der Türkei einen guten Ruf als Universitäts- und Forschungsstandort. Das Interesse an universitären Partnerschaften ebenso wie an Forschungskooperation ist groß. Der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz verzeichnet aktuell 992 Kooperationsabsprachen (davon 862 Erasmusprogramme) zwischen deutschen und türkischen Hochschulen (Stand März 2014), mit steigender Tendenz. 13 Kooperationen werden vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) institutionell gefördert. Anlässlich seines Staatsbesuches eröffnete Bundespräsident Gauck gemeinsam mit seinem türkischen Amtskollegen Gül am 29.04.2014 die Deutsch-Türkische Universität in Istanbul.

Die Zweigstellen des Goethe-Instituts in Ankara, Istanbul und Izmir bieten ein breites Spektrum an kulturellen Programmen und tragen so in allen Sparten zum interkulturellen Austausch bei, zunehmend auch mit Angeboten in der Fläche. Mit landesweiten Sprachkursen und Fortbildungsseminaren für türkische Deutschlehrer fördern sie Deutsch als Fremdsprache. Aufgrund der intensiven bilateralen Beziehungen ist die Türkei ein Schwerpunktland der Deutschförderung. Entsprechend wird die deutsche Sprache in der Türkei durch eine vergleichsweise starke Präsenz deutscher Mittler (Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, DAAD, Goethe-Institute), enge Kooperationen mit dem türkischen Erziehungsministerium, verschiedenen Hochschulen und lokalen Schulbehörden sowie durch eine Vielfalt von Fördermaßnahmen nachhaltig gefördert.

Das Orient-Institut Istanbul, eine eigenständige Einrichtung der Stiftung Deutscher Geisteswissenschaftlicher Institute im Ausland (DGIA), forscht zur osmanischen Geschichte und zur türkischen Sprach- und Literaturwissenschaft.

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist bereits seit 1929 mit einer eigenen Abteilung in Istanbul vertreten und führt Forschungsprojekte von der Urgeschichte Kleinasiens bis zur osmanischen Epoche durch. Die von deutschen Archäologen durchgeführten Projekte hatten und haben für die archäologische Forschung in der Türkei eine herausragende Bedeutung. Alle von deutscher Seite für den Sommer 2013 beantragten Grabungs- und Forschungsprojekte konnten erfolgreich durchgeführt werden.

Im Oktober 2005 wurde auf Initiative der Botschaft Ankara eine „Kulturstiftung der deutsch-türkischen Wirtschaft“ ins Leben gerufen, die sich der Verstärkung des kulturellen Austauschs widmet. Bislang wurden Ausstellungen, Theaterstücke, Konzerte sowie eine Sommerakademie gefördert und auch Sprachkursstipendien für Begabte vergeben.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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