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Großbritannien Vereinigtes Königreich

Wirtschaft

Stand: März 2017

Grundlinien der Wirtschaftspolitik

Das Vereinigte Königreich hat eine der offensten Volkswirtschaften der Welt, ist nach BIP die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU und die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt. Neben dem Credo für das freie Spiel der Marktkräfte, für Handelsliberalisierung und freie Märkte strebt die Regierung von Premierministerin May zum Zweck des sozialen Ausgleichs eine aktivere Staatsrolle für einen "capitalism where everyone shares in the benefits of economic growth" an. Die Regierung interpretiert das EU-Referendumsergebnis auch als Signal der Unzufriedenheit im eigenen Land und hat Maßnahmen zur sozialen Förderung insb. für die Mittelschicht angekündigt. Das internationale Eintreten der Regierung für offene Märkte geht mit einem hohen Anteil ausländischer Investitionen in die britische Wirtschaft einher. Der Erhalt des Vertrauens von Investoren in den Standort Vereinigtes Königreich post-Brexit ist ein wesentliches Ziel der Regierung, die Maßnahmen zur Standortförderung erwägt.

Ein überproportional hoher Anteil des Bruttoinlandsprodukts des Vereinigten Königreichs wird im Dienstleistungssektor erwirtschaftet (79 Prozent), wobei dem Finanzsektor eine entscheidende Rolle zukommt. Das produzierende Gewerbe macht einen Anteil von ca. 14 Prozent des BIP aus.Seit dem starken Wirtschaftseinbruch in Folge der internationalen Finanzkrise strebt die britische Regierung  sektoral und regional ausgewogenere Wirtschaftsstrukturen an („economic re-balancing“). Sie betreibt dazu eine aktivere Industrie-, Forschungs- und Exportförderpolitik. Auf nationaler Ebene soll insbesondere die Region Nordengland durch Ansiedlung von Industrien und Forschungszentren gestärkt werden (sog. „Northern Powerhouse“).


Aktuelle Wirtschaftslage

Seit der Referendums-Entscheidung zum Austritt aus der EU vom 23. Juni 2016 herrscht Unsicherheit über die künftige wirtschaftliche Entwicklung. Die Auswirkungen des Brexit-Referendums sind bislang aber weniger gravierend als befürchtet.; aktuelle Konjunkturdaten fallen relativ moderat aus: Die Wirtschaft soll 2016 noch mit 1,8 % wachsen und der Arbeitsmarkt bleibt robust (Arbeitslosigkeit 4,7 %). Für 2017 wird steigende Inflation bis zu 3%erwartet sowie Kaufkraft- und Nachfragerückgang. Ein weiteres Problem ist die seit 2009 stagnierende Produktivität. Die Regierung will den Folgen der Brexit-Entscheidung u. a. mit Infrastrukturprojekten, gelockertem Sparkurs und Investitionen in Forschung, Entwicklung und Zukunftsindustrien begegnen. Die Neuverschuldung kann so nur langsamer als bislang geplant zurückgeführt werden. Das Haushalts-Defizit soll allerdings im Haushaltsjahr 2016/17 mit 2,6% zum ersten Mal unter der Maastricht-Grenze liegen. . Bis 2021 soll das Defizit auf 0,9% zurückgehen. . Die Regierung erwägt Maßnahmen zur Förderung der Attraktivität des Standortes Vereinigtes Königreich für in- und ausländische Investoren, darunter Steuererleichterungen für Unternehmen.Aus sektoraler Sicht bleibt insb. die überlastete Verkehrsinfrastruktur ein Wachstumshemmnis. Investitionen in moderne Infrastruktur (Ausbau Flughäfen, Bahnnetz, Kommunikationsstrukturen) werden seit Ende 2016 in Angriff genommen.


Außenwirtschaft

Der Außenhandel spielt für die britische Wirtschaft eine geringere Rolle als für Deutschland (Exportquote 2015: 16 Prozent ggü. Deutschland rund 40 Prozent). Mit ca. 46 Prozent nehmen Dienstleistungen einen hohen Anteil an den britischen Gesamtexporten ein. Auch in Hochtechnologiebranchen wie Telekommunikation, Informationstechnik, Biotechnologie, Pharma- und Chemieindustrie sowie beim Fahrzeugbau, in der Rüstungstechnologie und in der Elektrotechnik hat das Vereinigte Königreich gute internationale Wettbewerbspositionen. Rund 44%der Güterexporte gehen in die EU. Die britische Außenwirtschaft weist seit Jahrzehnten ein Defizit im bilateralen Güterhandel mit Deutschland auf, welches auch durch Überschüsse in der Dienstleistungsbilanz nicht vollständig ausgeglichen wird. 2016 betrug das Handelsbilanzdefizit 50,5 Milliarden GBP.

Nach der Entscheidung zum Austritt aus der EU strebt die Regierung eine Diversifizierung ihrer Außenhandelsaktivitäten und die Erschließung neuer Exportmärkte außerhalb Europas und insbesondere in Schwellenländern an.


Finanzplatz London

Der Finanzsektor und damit verbundene Dienstleistungen haben im Vereinigten Königreich mit einem Wertschöpfungsanteil von 11 Prozent eine große volkswirtschaftliche Bedeutung und tragen überproportional zum Steueraufkommen bei. London ist der wichtigste Finanzplatz in Europa und neben New York das wichtigste Finanzzentrum weltweit. Der britische Finanzsektor profitiert von seiner globalen Ausrichtung. Im Derivate- und Devisenhandel ist das Vereinigte Königreich weltweiter Marktführer. Auch als Standort für Versicherungen und Vermögensverwalter nimmt das Land einen Spitzenplatz ein.

Die britische EU-Mitgliedschaft war für den Finanzsektor aufgrund der Finanzpassrechte stets von großer Relevanz. Seit dem Votum für einen Austritt aus der EU hebt die City insbesondere die Bedeutung des Binnenmarktzugangs sowie des Zugangs zu hoch qualifizierten Arbeitskräften hervor. Die Auswirkungen eines Austritts aus der EU auf den Finanzsektor sind bislang kaum zu quantifizieren.


Arbeit und Soziales  

Der britische Wohlfahrtsstaat bietet eine Risikoabsicherung in allen Lebensphasen, zugleich werden die Prinzipien der Eigenverantwortlichkeit und der Eigenvorsorge stark betont. Sozialleistungen werden über Steuern und Beiträge zur Nationalen Sozialversicherung, die nicht in einzelne Sozialversicherungszweige unterteilt ist, finanziert. Nur wenige – zeitlich begrenzte – Sozialleistungen beruhen auf individuellen Ansprüchen aufgrund vorheriger Beitragszahlung. Prägend für die sozialstaatliche Absicherung sind entweder bedarfsorientierte Leistungen (wie z. B. bei Behinderung) oder bedürftigkeitsgeprüfte Sozialtransfers, mit denen vor allem Einkommensarmut vermieden werden soll. Wichtigstes Beispiel hierfür ist der Universal Credit (UC), eine umfassende Leistung für Personen im Erwerbsalter (und deren Kinder). Der UC, der sechs wichtige Sozialleistungen (z .B. Arbeitslosenhilfe und Unterstützung für Behinderte) ablöst, wird seit 2013 stufenweise eingeführt. Bis zur endgültigen landesweiten Umsetzung dieser großen Sozialreform wird es aber noch bis 2022 dauern. Weitere zentrale Reformen sind die Einführung der einstufigen Basisrente seit April 2016 und deren Ergänzung durch eine obligatorische betriebliche Altersversorgung.

Eine Besonderheit ist das Gesundheitswesen (National Health Service - NHS), zu dem alle Bürger mit gewöhnlichem Aufenthalt im Vereinigten Königreich einen (fast) kostenfreien Zugang haben. Der NHS wird in staatlicher Verantwortung geführt - in Schottland, Wales und Nordirland durch die Regionalregierungen, in England durch das britische Gesundheitsministerium. Grundidee der letzten großen NHS-Reform von 2013 war die Übertragung von mehr Finanzverantwortung auf Ärzte und Krankenhäuser, um Anreize für eine effizientere Versorgung zu setzen. Jedoch sind zu geringe Budgets und notwendige Effizienzsteigerungen des NHS Dauerthemen in der britischen Politik.

Der Arbeitsmarkt hat sich nach dem Einbruch in der Finanz- und Wirtschaftskrise inzwischen wieder erholt. Die Beschäftigungsquote liegt im Herbst 2016 mit 74,5 % auf historischem Höchststand. Die wachsende Beschäftigung ist von einem erheblichen Strukturwandel zugunsten der Dienstleistungssektoren begleitet. Der Beschäftigungsaufwuchs wird in den letzten Jahren stark von Einwanderung aus anderen Teilen der EU getragen. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei unter 5 % und damit wieder auf dem Niveau vor der Wirtschaftskrise. Jedoch ist die Jugendarbeitslosigkeit trotz positiver Entwicklung immer noch relativ hoch. Problematisch ist die langanhaltend schwache Entwicklung der Reallöhne, für die wegen der im internationalen Vergleich niedrigen Arbeitsproduktivität auch künftig keine deutliche Besserung prognostiziert wird. Die Mindestlöhne für die verschiedenen Altersgruppen, darunter besonders der ab April 2016 geltende National Living Wage für mindestens 25-jährige Arbeitnehmer, haben die Löhne im unteren Viertel des Lohnspektrums zuletzt deutlich nach oben gehoben, ohne dass es zu Beschäftigungsverlusten gekommen ist.


Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz

Ziele der Landwirtschaftspolitik der Regierung sind vor allem die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der britischen Landwirtschaft und Fischerei sowie nachhaltige Produktion bei Erhalt der Artenvielfalt und artgerechter Tierhaltung. Anreize für eine „grüne Wirtschaft“ sollen ländliche Gemeinden überlebensfähig und attraktiv für die Ansiedlung von Betrieben machen. Insbesondere wird auch in der Fläche eine Versorgung mit schnellen Internetverbindungen angestrebt.

Verbraucherschutz, vor allem bei Finanzdienstleistungen, steht stark im Vordergrund. Aufklärung und Informationen über Beratungsstellen, Internet und eine landesweite Telefon-Hotline sollen den britischen Verbraucher in die Lage versetzen, Finanzentscheidungen eigenverantwortlich zu treffen. Die Regierung setzt hier primär auf Selbstregulierung in Form von freiwilligen Maßnahmen der beteiligten Parteien. Nur wenn unbedingt notwendig sollen gesetzliche Mittel ergriffen werden.


Verkehrspolitik

Die britische Regierung hat den Ausbau und die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur zu einer prioritären Aufgabe erklärt. In den kommenden Jahren sind hierfür Investitionen in Milliardenhöhe vorgesehen. Ein Kernstück ist der Bau des Hochgeschwindigkeitsnetzes High Speed 2 (HS 2), welcher in zwei Phasen erfolgt und insgesamt Kosten in Höhe von 55,7 Mrd. GBP (in Preisen von 2015) verursacht. Die erste Phase, eine Verbindung London – Birmingham soll bis 2026 fertiggestellt werden. Bereits in Bau befindet sich Crossrail, eine 118 km lange West-Ost Bahntrasse durch London, welche an ihren Enden auch Orte in den Grafschaften Berkshire, Buckinghamshire und Essex an die Metropole anbindet. Eine Fertigstellung des zentralen Streckenabschnitts London Paddington - Abbey Wood ist für 2018 avisiert. Im Oktober 2016 hat die britische Regierung den bereits langerwarteten Beschluss zum Ausbau der Londoner Flughafeninfrastruktur getroffen und sich für den Bau einer dritten Start- und Landebahn in Heathrow entschieden. Die Kosten in Höhe von 18 Mrd. GBP sollen ausschließlich privat finanziert werden, der britische Staat will lediglich für Kosten der Verkehrsanbindung finanzielle Mittel beisteuern. Nach den Vorstellungen der Flughafenbetreiber soll die Planung für die Erweiterungsmaßnahme bereits 2020 abgeschlossen sein, die neue Bahn 2025 in Betrieb gehen können.


Energie-, Klima- und Umweltpolitik

Das Vereinigte Königreich sieht sich als Vorreiter beim Ausbau einer CO2-armen Energieversorgung und hatte sich international maßgeblich für den Erfolg der Pariser COP21-Klimakonferenz eingesetzt. Als 111. Staat ratifizierte das Vereinigte Königreich am 17. November 2016 – symbolisch im Rahmen des COP22-Treffens in Marrakesch - das Übereinkommen von Paris, das kurz zuvor am 4. November 2016 in Kraft getreten war.

Unter dem Stichwort „Technologieneutralität“ setzt das Vereinigte Königreich – auch mit Blick auf die wachsende Energieimportabhängigkeit – sowohl auf einen Mix aus erneuerbaren Energien als auch auf den Bau neuer Kernkraftwerke und Erdgas. Erklärtes Ziel ist der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft (’Low Carbon Economy’). Im November 2015 hat die Regierung die Absicht erklärt, bis 2025 komplett aus der Kohleverstromung auszusteigen. Das nationale Klima-Gesetz schreibt ein CO2-Minderungsziel von mindestens 80 % (gegenüber 1990) bis 2050 fest. Zur Erreichung dieser ambitionierten Ziele hat sich das Vereinigte Königreich im Rahmen der EU verpflichtet, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 von derzeit 6 Prozent auf 15 Prozent zu steigern. Im Zuge der Regierungsumbildung Mitte 2016 wurde das Ministerium für Energie und Klimawandel wieder in das Wirtschaftsministerium integriert.

Neben den erneuerbaren Energien, deren Förderung seit 2016 reduziert wurde, will die Regierung May auch den Ausbau der Kernenergie wieder fördern. Ein erstes KKW soll von einem französisch-chinesischen Konsortium errichtet werden (Hinkley Point C in Somerset). Weitere neue KKW sind in der langfristigen Planung. Die Akzeptanz in der britischen Öffentlichkeit für Stromerzeugung aus Kernenergie bleibt auch nach der Fukushima-Katastrophe hoch.

Neben den Klimaschutzzielen wird im Ausbau CO2-armer Energiequellen ein wichtiger Beitrag zur Versorgungssicherheit gesehen. Obwohl das Vereinigte Königreich weiterhin der zweitgrößte Öl- und Gasproduzent in Europa ist, steigt die Importabhängigkeit wegen der abnehmenden Ergiebigkeit und den höheren Förderkosten der Nordsee-Vorkommen.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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