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Zukunftsthemen aus deutsch-französischer Perspektive

Gibt es ein 'Modell Europa' und hat Europa die Kraft, mehr Demokratie in der Welt zu bewirken? Wie nutzen wir die Chancen und wie schützen wir uns vor den Schattenseiten der Globalisierung? Und welche Zukunft hat der deutsch-französische Motor für die europäische Integration? Mit solchen Fragen setzen sich Jungdiplomaten aus Frankreich und Deutschland in einem gemeinsamen Ausbildungsmodul in Berlin auseinander.

Insgesamt 59 junge Franzosen, alle Mitglieder des Diplomatenlehrgangs am "Institut Diplomatique et Consulaire" sind aus Paris nach Berlin gekommen, um gemeinsam mit ihren Kollegen aus Deutschland zentrale Themen der deutsch-französischen Beziehungen, der Europapolitik und der internationalen Agenda zu diskutieren. Das fünftägige Programm ist Teil der Ausbildungspläne für französische und deutsche Nachwuchsdiplomaten.

Schon zu Beginn ihres Berufslebens sollen sie lernen, bei ihrer künftigen Arbeit in ihren Außenministerien oder in Botschaften die Perspektive des jeweils anderen Landes mit im Blick zu behalten.

"Französisch-deutscher Reflex"

Die Außenminister Laurent Fabius und Guido Westerwelle in der Villa Borsig, 04.06.2012

Die Außenminister Laurent Fabius und Guido Westerwelle in der Villa Borsig, 04.06.2012
© Rechtefrei unter Angabe des Copyrights: photothek / Auswärtiges Amt

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Die Außenminister Laurent Fabius und Guido Westerwelle in der Villa Borsig, 04.06.2012

Die Außenminister Laurent Fabius und Guido Westerwelle in der Villa Borsig, 04.06.2012

Die Außenminister Laurent Fabius und Guido Westerwelle in der Villa Borsig, 04.06.2012

Zum Auftakt hatten die Teilnehmer am 4. Juni Gelegenheit zu einer Begegnung mit den Außenministern Guido Westerwelle und Laurent Fabius, der zu seinem Antrittsbesuch nach Berlin gekommen war. Fabius sprach sich dafür aus, in den Köpfen einen "echten deutsch-französischen und französisch-deutschen Reflex, bei allem, was wir tun, zu verankern". Den Franzosen müsse man immer wieder erläutern, "dass die Deutschen anders denken und nicht einfach nur Franzosen sind, die Deutsch sprechen", Fabius.

Außenminister Westerwelle ermutigte die Jungdiplomaten zum persönlichen Austausch und dazu Kontakte zu knüpfen. Er freue sich, "dass das Netz zwischen unseren beiden Ländern noch enger geflochten wird".

Gemeinsamkeiten entwickeln

Und noch weitere hochrangige Termine warteten auf die Teilnehmer, so etwa Gespräche mit dem französischen Botschafter in Berlin, Herrn Maurice Gourdault-Montagne, und mit dem Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags, Wolfgang Thierse. Für den Botschafter stehen die deutsch-französischen Beziehungen "im Zentrum der Stabilität des Kontinents". Auch bei gegensätzlichen Positionen müsse man eine "kritische Masse an Gemeinsamkeiten entwickeln, auf denen aufgebaut werden kann".

An Thierse richteten die Jungdiplomaten drängende Fragen zur Europapolitik. Ist der Bundestag Gestalter oder Getriebener in der Europapolitik? Wie wirkt sich das Verhältnis zwischen Bundestag und Bundesverfassungsgericht in Europafragen aus? Und wie ist die Rolle des Europäischen Parlaments?

Thierse skizzierte die starke Stellung des deutschen Parlaments in der Europapolitik, die Differenzen, aber auch die überparteiliche Zusammenarbeit in vielen entscheidenden Themen. Die Materie sei oft herausfordernd. Doch: "Wer mitentscheiden will, muss sich Arbeit machen", gab Thierse den jungen Leuten mit auf den Weg.

Eine Messe für neue Ideen

Am 8. Juni haben die Teilnehmer des deutsch-französischen Ausbildungsmoduls die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit in einer "Ideenmesse" im Auswärtigen Amt vorgestellt. Sie wollen damit routinierten Praktikern Anstöße für ihre Arbeit geben - und zwar aus einer gemeinsamen deutschen und französischen Perspektive. Auch Staatsminister Michael Georg Link verschaffte sich einen Überblick über die verschiedenen Ideen.

Die Nachwuchsdiplomaten stellen ihre Arbeiten im AA vor

Die Nachwuchsdiplomaten stellen ihre Arbeiten im AA vor
© AA

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Die Nachwuchsdiplomaten stellen ihre Arbeiten im AA vor

Die Nachwuchsdiplomaten stellen ihre Arbeiten im AA vor

Die Nachwuchsdiplomaten stellen ihre Arbeiten im AA vor

Zuvor hatten die Nachwuchsdiplomaten in kleinen gemischten Gruppen zu verschiedenen Themen wie "50 Jahre Elysée-Vertrag" oder "Warum Europa?" gearbeitet. Gerade diese Gruppenarbeit habe ihnen die Möglichkeit gegeben, sich intensiv kennen zu lernen und untereinander auszutauschen, so die einhellige Meinung. Insgesamt sei das gemeinsame Seminar "sehr nützlich", findet etwa Yann Battefort aus Frankreich - in beruflicher, persönlicher und kultureller Hinsicht. Immer wieder sei deutlich geworden, "dass wir heute nicht mehr alleine in Europa arbeiten können". Der Kontakt zwischen den deutschen und französischen Nachwuchsdiplomaten soll auf jeden Fall aufrecht erhalten werden - Anfang Juli schon werden sie sich bei einer gemeinsamen Lehrfahrt in Brüssel wiedersehen.

Das gemeinsame Ausbildungsmodul wurde vom deutsch-französischen Ministerrat im Februar 2010 als eine von 80 Maßnahmen der deutsch-französischen Agenda 2020 beschlossen. Erstmals fand es im Sommer 2010 in Berlin statt. 2011 reisten die deutschen Attachés (so heißten die Anwärter im höheren Dienst) nach Paris. In diesem Jahr nehmen 59 französische und 40 deutsche junge Diplomaten an dem Modul teil - letztere verstärkt durch einen japanischen Gastdiplomaten. Alle stehen am Beginn ihrer diplomatischen Laufbahn.


Stand 08.06.2012