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Großbritannien Vereinigtes Königreich

Wirtschaft

Stand: Dezember 2014

Grundlinien der Wirtschaftspolitik

Großbritannien setzt sich in der EU nachdrücklich für eine marktwirtschaftliche Ausrichtung und eine Stärkung des EU-Binnenmarktes ein. Das internationale Eintreten der Regierung für offene Märkte geht mit einem hohen Anteil ausländischer Investitionen in die britische Wirtschaft einher. Sozialstaatliche Elemente sind am deutlichsten sichtbar im Gesundheitswesen, das in staatlicher Regie geführt wird ("National Health Service", NHS).

Die 13-jährige Regierungszeit von Labour war durch Investitionen in den Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen (NHS, Bildungs- und Erziehungswesen, Verkehrsinfrastruktur) bestimmt. Die seit Mai 2010 amtierende Regierung aus Konservativen und Liberaldemokraten räumt angebotsorientierten Wirtschaftsreformen, der Rückführung der Staatsquote und der Reduzierung des Haushaltsdefizits oberste Priorität ein, wobei Schulen, Gesundheitswesen und entwicklungspolitische Zusammenarbeit von Kürzungen weitgehend ausgenommen bleiben.

Ein vergleichsweise hoher Anteil des Bruttoinlandsprodukts Großbritanniens wird im Dienstleistungssektor erwirtschaftet (79 Prozent), wobei hier wiederum dem Finanzsektor eine entscheidende Rolle zukommt. Nach dem starken Wirtschaftseinbruch in Folge der internationalen Finanzkrise strebt die britische Regierung eine sektoral und regional ausgewogenere Wirtschaftsstruktur an („economic rebalancing“) und betreibt dazu eine aktivere Industrie- und Exportförderpolitik.

In Hochtechnologiebranchen wie Telekommunikation, Informationstechnik, Biotechnologie, Pharma- und Chemieindustrie sowie beim Fahrzeugbau, in der Rüstungstechnologie und in der Elektrotechnik hat das Land eine gute internationale Wettbewerbsposition. Insgesamt macht das produzierende Gewerbe jedoch nur einen Anteil von 20 Prozent des BIP aus.


Aktuelle Wirtschaftslage

Die britische Wirtschaft ist noch immer von den Folgen der Finanzkrise gekennzeichnet. Nach einem Einbruch um 4,0 Prozent 2009 folgte zunächst nur eine sehr schwache Erholung. 2012 wurde nur ein minimales Wachstum von 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielt. Erst seit 2013 hat sich der Aufschwung beschleunigt und an Breite gewonnen. Nach 1,7 % Wachstum 2013 wird für 2014 eine Rate von über 3 % erwartet. In der Summe liegt die Wirtschaftsleistung des Landes erst seit Mitte 2014 wieder über dem Niveau vor Beginn der Finanzkrise 2008.

Trotz der wieder wachsenden Wirtschaft wird die Haushalts-Konsolidierungspolitik bis weit in die nächste Legislaturperiode (2015-2020) hinein verlängert werden. Für das Haushaltsjahr 2013/14 wird ein Defizit von 6 Prozent des BIP erwartet, nachdem Großbritannien im Krisenjahr 2009 noch ein Rekordminus von mehr als 11 Prozent zu verzeichnen hatte. Der Schuldenstand soll bis 2015/16 auf über 90 Prozent des BIP steigen und wird nach derzeitiger Prognoselage erst ab 2017 wieder abnehmen.


Außenwirtschaft

Der britische Anteil am globalen Warenexport betrug 2011 3,5 Prozent. Mit ca. 40 Prozent nehmen Dienstleistungen einen hohen Anteil an den britischen Gesamtexporten ein. Auch in Hochtechnologiebranchen wie Telekommunikation, Informationstechnik, Biotechnologie, Pharma- und Chemieindustrie sowie beim Fahrzeugbau, in der Rüstungstechnologie und in der Elektrotechnik hat Großbritannien eine gute internationale Wettbewerbsposition. 50 % der Güterexporte gehen in die EU. Die britische Außenwirtschaft weist seit Jahrzehnten ein Defizit im Güterhandel auf, welches auch durch Überschüsse in der Dienstleistungsbilanz nicht vollständig ausgeglichen wird. Auch deshalb strebt die amtierende Regierung eine Steigerung der Exporte in Schwellenländer an. 2013 betrug das Handelsbilanzdefizit 27 Milliarden Pfund.


Finanzplatz London

London ist der wichtigste Finanzplatz in Europa und neben New York das wichtigste Finanzzentrum weltweit. Der EU-Mitgliedschaft ist für die Londoner City von großer Bedeutung. Gleichzeitig profitiert London von seiner globalen Ausrichtung. Im Derivate- und Devisenhandel ist Großbritannien weltweiter Marktführer. Auch als Standort von Hedge Funds, Private Equity Firmen, Versicherungen und Vermögensverwaltern befindet sich Großbritannien in einer Spitzenposition. Aufgrund der befürchteten negativen Konsequenzen für den Finanzplatz London lehnt Großbritannien die Einführung einer EU-weiten Finanztransaktionssteuer ab. Der Finanzsektor hat in Großbritannien mit einem Wertschöpfungsanteil von 12 Prozent eine große volkswirtschaftliche Bedeutung und trägt überproportional zum Steueraufkommen bei.

Wegen der starken weltweiten Verflechtung seines Finanzsektors wurde Großbritannien und vor allem der Finanzplatz London von der globalen Finanzkrise besonders schwer getroffen. Seit Herbst 2007 sind mehrere Hypothekenbanken, Bausparkassen und Großbanken unter Einsatz erheblicher Mittel verstaatlicht worden. Die Finanzkrise offenbarte regulatorische und strukturelle Schwächen im britischen Finanzsystem, auf die die britische Regierung entschlossen reagierte. Die im April 2013 in Kraft getretene Aufsichtsreform macht die Bank of England zum zentralen Akteur in der Finanzmarktaufsicht. Daneben spielt die Financial Conduct Authority in Fragen der Marktaufsicht und des Finanzverbraucherschutzes eine zentrale Rolle. Bis 2019 sollen Banken in Großbritannien ihr Einlagen- und Kreditgeschäft (Retailbanking) vom Investmentbankgeschäft abschirmen („Ringfencing“), um die Einlagen der Kunden im Krisenfall besser schützen zu können.

 


Arbeit und Soziales  

Die Organisation des britischen Wohlfahrtsstaats beruht auf einer Kombination von Eigenverantwortlichkeit und kollektiver Absicherung. Letztere zeigt sich in einem universellen Zugang vor allem zum Gesundheitssystem und in einer umfassenden Risikoabsicherung durch eine allgemeine Sozialversicherung mit Elementen der Renten-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung. Sozialleistungen werden jedoch nur in einem geringen Maße einkommensbezogen gewährt und dienen als pauschale Transferleistungen zur Garantie eines sozialen Existenzminimums.

Der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) gewährleistet eine steuerfinanzierte kostenlose Gesundheitsversorgung. Verantwortlich ist das britische Gesundheitsministerium, die organisatorische Umsetzung ist auf verschiedene Gesundheitsdienste wie beispielsweise dem Public Health Service England dezentralisiert worden. Grundidee der letzten großen NHS-Reform von 2013 ist die Übertragung von mehr Finanzverantwortung für das Gesundheitswesen an Ärzte und Krankenhäuser, um Anreize für eine effizientere Versorgung zu setzen. Stellenabbau und zu geringe Budgets für den NHS sind ein Dauerthema in der britischen Politik.

Der Arbeitsmarkt im Vereinigten Königreich hat in letzter Zeit eine überwiegend positive Entwicklung genommen. Die Wirtschaftskrise von 2008/2009 hatte deutliche Spuren hinterlassen, von denen sich der Arbeitsmarkt bis zur Jahresmitte 2014 weitgehend erholt hat. Der Beschäftigungsstand ist im Spätsommer 2014 auf fast 30,8 Mio. Personen gewachsen und damit so hoch wie noch nie. Die saisonbereinigte Arbeitslosigkeitsquote lag mit 6,0% fast so niedrig wie vor sechs Jahren. Auch die sog. Jugendarbeitslosigkeit hat sich mit rund 16 Prozent wieder dem langjährigen Tiefstand im Herbst 2008 angenähert (Stand: Okt. 2014).


Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz

Ziele der Landwirtschaftspolitik der Regierung sind vor allem die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der britischen Landwirtschaft und Fischerei sowie nachhaltige Produktion bei Erhalt der Artenvielfalt und artgerechter Tierhaltung. Anreize für eine „grüne Wirtschaft“ sollen ländliche Gemeinden überlebensfähig und attraktiv für die Ansiedlung von Betrieben machen. Insbesondere wird auch in der Fläche eine Versorgung mit schnellen Internetverbindungen angestrebt.

Verbraucherschutz, insbesondere bei Finanzdienstleistungen, steht stark im Vordergrund. Aufklärung und Informationen über Beratungsstellen, Internet und eine landesweite Telefonhotline sollen den Verbraucher in die Lage versetzen, Finanzentscheidungen eigenverantwortlich zu treffen. Die Regierung setzt hier primär auf Selbstregulierung in Form von Abkommen der beteiligten Parteien. Nur wenn unbedingt notwendig sollen gesetzliche Maßnahmen ergriffen werden.


Verkehrspolitik

Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung hat die Regierung die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur als wichtige Aufgabe erkannt. In den kommenden Jahren plant die Regierung Investitionen in Milliardenhöhe. Premierminister Cameron sprach in diesem Zusammenhang von der größten Modernisierung des Eisenbahnsystems seit dem viktorianischen Zeitalter. Hinzu kommt die Entscheidung für den Bau des Hochgeschwindigkeitsnetzes High Speed 2, dessen erste Phase bis 2026 verwirklicht und das insgesamt rd. 42 Mrd. Pfund kosten soll. Bereits in Bau befindet sich Crossrail, eine West-Ost-Bahntrasse durch London, deren Fertigstellung für 2018 avisiert ist. Aber auch mit Blick auf die chronische Überlastung des Flughafens Heathrow wird Handlungsbedarf erkannt. Wie dieser aufgelöst werden soll, ob durch den Bau einer dritten Startbahn, durch den Bau eines gänzlich neuen Großflughafens (etwa in der Themsemündung, wie vom Londoner Oberbürgermeister Boris Johnson vorgeschlagen) oder durch eine stärkere Integration der vorhandenen vier internationalen Flughäfen, ist derzeit noch völlig ungewiss.


Energie-, Klima- und Umweltpolitik

Großbritannien versteht sich als klimapolitischer Vorreiter. Erklärtes Ziel ist der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft (’Low Carbon Economy’ bzw ’Green Economy’). Das Land setzt dabei auf einen Mix aus erneuerbaren Energien, neuen Kernkraftwerken und Erdgas. Seit 2008 sind die Zielgrößen zur Reduzierung von Treibhausgasen in einem nationalen Klimagesetz (’Climate Change Act’) festgelegt: minus 34 Prozent bis 2020 und minus 80 Prozent bis 2050 (jeweils gegenüber 1990). Zur Erreichung dieser ambitionierten Ziele hat sich Großbritannien im Rahmen der EU verpflichtet, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 von derzeit knapp 6 Prozent auf 15 Prozent zu steigern. Dies soll insbesondere durch Offshore-Windkraft, aber auch durch Biomasse sowie Gezeiten-, Wellen- und Meeresströmungs-Wasserkraft erreicht werden. Neue Kohlekraftwerke sollen nur noch genehmigt werden, wenn sie mit einer Anlage zur CO2-Abscheidung (’Carbon Capture and Storage - CCS’) ausgestattet sind.

Neben den erneuerbaren Energien soll auch die Kernenergie ausgebaut werden. Ein erster, von einem französisch-chinesischen Konsortium zu erstellender Neubau soll 2023 ans Netz gehen. Neubauten an acht Standorten sind in der Planung. Die Akzeptanz in der britischen Öffentlichkeit für Stromerzeugung aus Kernenergie bleibt auch nach der Fukushima-Katastrophe hoch.

Großbritannien unterstützt den Ansatz einer nachhaltigen Versorgungssicherheit. Darüber hinaus sind die Reduzierung von Umweltverschmutzung und die Erhöhung der Biodiversität erklärte Ziele zur Verbesserung der Lebensqualität.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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