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Großbritannien Vereinigtes Königreich

Wirtschaft

Stand: Juni 2015

Grundlinien der Wirtschaftspolitik

Großbritannien tritt für Marktwirtschaft und Freihandel ein sowie für eine Stärkung des EU-Binnenmarktes. Das internationale Eintreten der Regierung für offene Märkte geht mit einem hohen Anteil ausländischer Investitionen in die britische Wirtschaft einher. Sozialstaatliche Elemente sind am deutlichsten sichtbar im staatlich geführten Gesundheitswesen, dem "National Health Service" (NHS).

Die 13-jährige Regierungszeit von Labour (1997-2010) war durch Investitionen in den Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen (NHS, Bildungs- und Erziehungswesen, Verkehrsinfrastruktur) bestimmt. Die seit 2010 regierenden Konservativen (bis Mai 2015 in einer Koalition mit den Liberaldemokraten) räumen angebotsorientierten Wirtschaftsreformen, der Rückführung der Staatsquote und der Reduzierung des Haushaltsdefizits oberste Priorität ein, wobei Schulen, Gesundheitswesen und entwicklungspolitische Zusammenarbeit von Kürzungen weitgehend ausgenommen bleiben.

Ein vergleichsweise hoher Anteil des Bruttoinlandsprodukts Großbritanniens wird im Dienstleistungssektor erwirtschaftet (79 Prozent), wobei dem Finanzsektor eine entscheidende Rolle zukommt. Nach dem starken Wirtschaftseinbruch in Folge der internationalen Finanzkrise strebt die britische Regierung eine sektoral und regional ausgewogenere Wirtschaftsstruktur an („economic rebalancing“) und betreibt dazu eine aktivere Industrie- und Exportförderpolitik.

In Hochtechnologiebranchen wie Telekommunikation, Informationstechnik, Biotechnologie, Pharma- und Chemieindustrie sowie beim Fahrzeugbau, in der Rüstungstechnologie und in der Elektrotechnik hat das Land eine gute internationale Wettbewerbsposition. Insgesamt macht das produzierende Gewerbe jedoch nur einen Anteil von 14 Prozent des BIP (Bruttoinlandsprodukt) aus.


Aktuelle Wirtschaftslage

Die britische Wirtschaft verzeichnet seit 2013 einen deutlichen Aufschwung. Allerdings hat die Wirtschaftsleistung erst Mitte 2014 wieder das Niveau vor Beginn der Finanzkrise 2008 und der dadurch ausgelösten schweren Rezession erreicht. 2014 wurde eine Wachstumsrate von 2,8 % erreicht.

Trotz der wieder wachsenden Wirtschaft muss die Haushalts-Konsolidierungspolitik auch in der neuen Legislaturperiode (2015-2020) fortgesetzt werden. Für das Haushaltsjahr 2015/2016 wird ein Defizit von 4,3 % des BIP erwartet, nachdem Großbritannien im Krisenjahr 2009 noch ein Rekordminus von mehr als 11 % zu verzeichnen hatte. Der Schuldenstand von derzeit ca. 88 %  wird nach derzeitiger Prognoselage erst ab 2017 wieder abnehmen.


Außenwirtschaft

Der Außenhandel spielt für die britische Wirtschaft eine geringere Rolle als für Deutschland (Exportquote 30 % ggü. Deutschland rund 40 %). Mit ca. 40 Prozent nehmen Dienstleistungen einen hohen Anteil an den britischen Gesamtexporten ein. Auch in Hochtechnologiebranchen wie Telekommunikation, Informationstechnik, Biotechnologie, Pharma- und Chemieindustrie sowie beim Fahrzeugbau, in der Rüstungstechnologie und in der Elektrotechnik hat Großbritannien eine gute internationale Wettbewerbsposition. 50 % der Güterexporte gehen in die EU. Die britische Außenwirtschaft weist seit Jahrzehnten ein Defizit im Güterhandel auf, welches auch durch Überschüsse in der Dienstleistungsbilanz nicht vollständig ausgeglichen wird. Auch deshalb strebt die amtierende Regierung eine Steigerung der Exporte in Schwellenländer an. 2014 betrug das Handelsbilanzdefizit 34 Milliarden Pfund.


Finanzplatz London

London ist der wichtigste Finanzplatz in Europa und neben New York das wichtigste Finanzzentrum weltweit. Die britische EU-Mitgliedschaft ist für die Londoner City von großer Bedeutung. Gleichzeitig profitiert London von seiner globalen Ausrichtung. Im Derivate- und Devisenhandel ist Großbritannien weltweiter Marktführer. Als Standort von Hedge Funds und Private Equity Firmen belegt London den Spitzenplatz in Europa. Der Finanzsektor hat in Großbritannien mit einem Wertschöpfungsanteil von 8 Prozent eine große volkswirtschaftliche Bedeutung und trägt überproportional zum Steueraufkommen bei.

Wegen der starken weltweiten Verflechtung seines Finanzsektors wurde Großbritannien und vor allem der Finanzplatz London von der globalen Finanzkrise besonders schwer getroffen. Seit Herbst 2007 sind mehrere Hypothekenbanken, Bausparkassen und Großbanken unter Einsatz erheblicher Mittel verstaatlicht worden. Die Finanzkrise offenbarte regulatorische und strukturelle Schwächen im britischen Finanzsystem, auf die die britische Regierung entschlossen reagierte. Die im April 2013 in Kraft getretene Aufsichtsreform macht die Bank of England zum zentralen Akteur in der Finanzmarktaufsicht. Daneben spielt die Financial Conduct Authority in Fragen der Marktaufsicht und des Finanzverbraucherschutzes eine zentrale Rolle. Bis 2019 sollen Banken in Großbritannien ihr Einlagen- und Kreditgeschäft (Retailbanking) vom Investmentbankgeschäft abschirmen („Ringfencing“), um die Einlagen der Kunden im Krisenfall besser schützen zu können.


Arbeit und Soziales  

Der britische Wohlfahrtsstaat bietet eine umfassende Risikoabsicherung mit Sozialleistungen für Familien und Kinder, für Arbeitslose, Erwerbstätige mit nur geringem Einkommen, für ältere Menschen nach dem Erwerbsleben, für Kranke und Behinderte und für Hinterbliebene. Zugleich werden die Prinzipien der Eigenverantwortlichkeit und der Eigenvorsorge stark betont. Sozialleistungen werden über Steuern und Beiträge zur Nationalen Sozialversicherung, die nicht in einzelne Sozialversicherungszweige unterteilt ist, finanziert. Nur wenige – zeitlich begrenzte – Sozialleistungen beruhen auf der vorherigen Beitragszahlung, der Großteil der Leistungen wird bei Bedarf (z.B. bei Arbeitsunfall) oder nur bei einkommensbezogener Bedürftigkeit (z.B. Wohngeld) gewährt. Seit Frühjahr 2013 wird eine umfassende Reform der Sozialleistungen, die Ablösung von sechs wichtigen Sozialleistungen für Personen im Erwerbalter (und deren Kinder) durch einen sog. Universal Credit umgesetzt.

Ein besonderes Merkmal des bristischen Wohlfahrtsstaates ist es, dass für alle in GBR lebenden Bürger eine weitgehend kostenlose Gesundheitsversorgung gewährleistet wird. Verantwortlich für den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) ist das britische Gesundheitsministerium, die organisatorische Umsetzung ist auf verschiedene Gesundheitsdienste wie beispielsweise den Public Health Service England dezentralisiert . Grundidee der letzten großen NHS- Reform von 2013 ist die Übertragung von mehr Finanzverantwortung für das Gesundheitswesen auf Ärzte und Krankenhäuser, um Anreize für eine effizientere Versorgung zu setzen. Jedoch sind  zu geringe Budgets für den NHS  ein Dauerthema in der britischen Politik.

Der Arbeitsmarkt  hat sich nach einem Einbruch in der Wirtschaftskrise von 2008/2009  inzwischen wieder erholt . Die Beschäftigungsquote  ist im 1. Quartal 2015   mit 73,5 % auf ihrem bisherigen Höchststand. . Der Beschäftigungsaufwuchs wird in den letzten Jahren auch stark von Einwanderern getragen. Gleichzeitig sank die Arbeitslosigkeitsquote auf 5,5 % und liegt damit wieder auf dem Niveau  vor der Wirtschaftskrise. Jedoch ist die  Jugendarbeitslosigkeit trotz positiver Entwicklung immer noch relativ hoch. Die wachsende Beschäftigung war von einem erheblichen Strukturwandel zugunsten der Dienstleistungssektoren begleitet. Dabei stiegen auch die Lohnunterschiede zwischen den  einfachen und hochqualifizierten Tätigkeiten. Im Durchschnitt sanken die Reallöhne nach der Wirtschaftskrise 2008/09, erst seit dem Jahreswechsel 2014/15 liegt der allgemeine Lohnzuwachs wieder über den Preissteigerungen.


Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz

Ziele der Landwirtschaftspolitik der Regierung sind vor allem die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der britischen Landwirtschaft und Fischerei sowie nachhaltige Produktion bei Erhalt der Artenvielfalt und artgerechter Tierhaltung. Anreize für eine „grüne Wirtschaft“ sollen ländliche Gemeinden überlebensfähig und attraktiv für die Ansiedlung von Betrieben machen. Insbesondere wird auch in der Fläche eine Versorgung mit schnellen Internetverbindungen angestrebt.

Verbraucherschutz, insbesondere bei Finanzdienstleistungen, steht stark im Vordergrund. Aufklärung und Informationen über Beratungsstellen, Internet und eine landesweite Telefon-Hotline sollen den Verbraucher in die Lage versetzen, Finanzentscheidungen eigenverantwortlich zu treffen. Die Regierung setzt hier primär auf Selbstregulierung in Form von freiwilligen Maßnahmen der beteiligten Parteien. Nur wenn unbedingt notwendig sollen gesetzliche Mittel ergriffen werden.


Verkehrspolitik

Die Regierung sieht Ausbau und Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur als wichtige Aufgabe an. In den kommenden Jahren plant die Regierung Investitionen in Milliardenhöhe. Premierminister Cameron sprach in diesem Zusammenhang von der größten Modernisierung des Eisenbahnsystems seit dem viktorianischen Zeitalter. Hinzu kommt die Entscheidung für den Bau des Hochgeschwindigkeitsnetzes High Speed 2, dessen erste Phase bis 2026 verwirklicht und das insgesamt rd. 42 Mrd. Pfund kosten soll. Bereits in Bau befindet sich Crossrail, eine West-Ost-Bahntrasse durch London, deren Fertigstellung für 2018 avisiert ist. Aber auch mit Blick auf die chronische Überlastung des Flughafens Heathrow wird Handlungsbedarf erkannt. Wie dieser aufgelöst werden soll, ob durch den Bau einer dritten Startbahn in Heathrow oder eine andere Lösung, ist derzeit noch offen.


Energie-, Klima- und Umweltpolitik

Großbritannien versteht sich als klimapolitischer Vorreiter. Erklärtes Ziel ist der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft (’Low Carbon Economy’). Das Land setzt dabei auf einen Mix aus erneuerbaren Energien, neuen Kernkraftwerken und Erdgas. Als eines von wenigen Ländern hat Großbritannien seine Klimaschutzziele gesetzlich festgelegt: Seit 2008 sind die Zielgrößen zur Reduzierung von Treibhausgasen in einem nationalen Klimagesetz (’Climate Change Act’) festgelegt: minus 34 Prozent bis 2020 und minus 80 Prozent bis 2050 (jeweils gegenüber 1990). Zur Erreichung dieser ambitionierten Ziele hat sich Großbritannien im Rahmen der EU verpflichtet, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 von derzeit 6 Prozent auf 15 Prozent zu steigern. Dies soll insbesondere durch Offshore-Windkraft, aber auch durch Biomasse sowie Gezeiten-, Wellen- und Meeresströmungs-Wasserkraft erreicht werden. Neue Kohlekraftwerke sollen nur noch genehmigt werden, wenn sie mit einer Anlage zur CO2-Abscheidung (’Carbon Capture and Storage - CCS’) ausgestattet sind.

Neben den erneuerbaren Energien soll auch die Kernenergie ausgebaut werden. Ein erster, von einem französisch-chinesischen Konsortium zu erstellender Neubau soll 2023 ans Netz gehen. Weitere Neubauten sind in der Planung. Die Akzeptanz in der britischen Öffentlichkeit für Stromerzeugung aus Kernenergie bleibt auch nach der Fukushima-Katastrophe hoch.

Neben den Klimaschutzzielen wird im Ausbau CO2-armer Energiequellen ein wichtiger Beitrag zur Versorgungssicherheit gesehen. Obwohl GBR weiterhin der zweitgrößte Öl- und Gasproduzent in Europa ist, steigt die Importabhängigkeit wegen der abnehmenden Ergiebigkeit und den höheren Förderkosten der Nordsee-Vorkommen.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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