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"Wir haben auch eine lange Wunschliste" – Interview mit Karsten Voigt in der Berliner Zeitung, 29.10.2008

Herr Voigt, den Umfragen zufolge ist die Wahl in den USA so gut wie gelaufen und Barack Obama wird Präsident. Sehen Sie das auch so?

Ich habe als Abgeordneter häufig genug erlebt, dass Wahlergebnisse sich von Umfragen deutlich unterschieden haben. Auch für die Präsidentschaftswahl in den USA gilt daher: Sie ist erst entschieden, wenn alle Stimmen ausgezählt sind.

Es ist viel die Rede vom Bradley-Effekt. Danach bekennen sich Weiße in Umfragen politisch korrekt zur Wahl eines Schwarzen, tun es dann aber nicht. Glauben Sie, dass das noch eine Rolle spielt?

Dieser Effekt ist bei Lokal- und Regionalwahlen in den USA nachweisbar gewesen. Auf Bundesebene kandidiert nun zum ersten Mal ein Farbiger. Deshalb kann niemand wissen, ob dieser Effekt eintritt. Dazu kommt, dass Obama seit Monaten im öffentlichen Rampenlicht steht und die Menschen viel mehr über ihn wissen, als dies bei anderen Wahlen der Fall ist.

Hat McCains Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin ihm mehr geschadet als genützt, wie jetzt viele sagen?

Sie hat ihm bei der Mobilisierung konservativer Kerngruppen sicher genützt. Gleichzeitig hat sie aber unabhängige Wähler abgeschreckt. Das sind genau die Wähler, die McCain braucht, um zu gewinnen.

Alle distanzieren sich spätestens jetzt von George W. Bush und verdammen seine Präsidentschaft. Hat er in Ihren Augen auch etwas Positives geleistet?

Seine Leistungen sehen aus der Sicht eines amerikanischen Wählers anders aus als aus der Sicht eines ausländischen Beobachters. Ihm muss positiv angerechnet werden, dass er nach der durch den Irak-Krieg ausgelösten tiefen Krise in den transatlantischen Beziehungen wie die Bundesregierung bereit war, einen neuen Anfang zu machen. Auf der Regierungsebene haben wir heute wieder professionelle, gute und enge Beziehungen. In der deutschen Bevölkerung hat sich das negative Image des Präsidenten und der USA nicht verändert. Im Gegenteil, es hat sich gefestigt.

Die USA erscheinen heute politisch, moralisch und nun auch ökonomisch geschwächt. Ist ihr Anspruch als die Führungsmacht der Welt noch gerechtfertigt?

Es ist wahr: Die USA haben an Attraktivität verloren, die Finanzkrise belastet sie, der Irak- und der Afghanistankrieg zeigen ihre militärischen Grenzen. Aber das ist nur eine relative Verschlechterung. Sie ändert nichts daran, dass die USA nach wie vor die stärkste militärische Macht der Welt, die stärkste Wirtschaftsmacht und der attraktivste Wissenschaftsstandort sind.

Aber wäre es nicht dennoch an der Zeit, jetzt dem Konzept einer multipolaren Welt zu folgen?

Die USA brauchen Partner, Europa braucht erst recht Partner. Bei allen Unterschieden ist die Konvergenz der Interessen, Werte und Ziele auf beiden Seiten des Atlantiks größer als zwischen anderen Teilen der Welt. Ich schätze daher weder das Modell einer unipolaren Welt, die von den USA dominiert wird, noch das einer multipolaren, wo China, Russland, Europa, die USA und wer weiß noch in Äquidistanz um die Macht ringen und von Zeit zu Zeit kooperieren. Die transatlantischen Beziehungen sind wirtschaftlich, politisch und kulturell so stark und wichtig, dass jede Lockerung Europa und Deutschland schaden würde.

Aber wenn die Stärke der USA relativ abnimmt, müsste doch die Stärke der Europäer relativ wachsen?

Das ist aber nicht so.

Warum nicht?

Wir haben es zwischen den USA und Europa mit Beziehungen zu tun, die einerseits eng, aber auch asymmetrisch sind. Mit solchen Beziehungen ist psychologisch immer schwer umzugehen. Europa ist eben in vielen Bereichen mehr auf die USA angewiesen als umgekehrt.

Welche Bereiche meinen Sie?

Europa ist zwar wirtschaftlich inzwischen etwa so stark wie die USA, aber lange nicht so handlungsfähig, Und militärisch kommen die USA allein auf etwa 50 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben. Das ist ein Ausdruck militärischer Macht, den Europa nicht hat. Es sollte ihn auch nicht anstreben, aber es muss ihn anerkennen.

Aber die USA erheben ja auch einen moralischen Führungsanspruch, und der ist doch nun wirklich beschädigt.

Das ist ja auch der Grund, weshalb die Amerikaner im Wahlkampf heftig um diese Fragen ringen, und Obama verspricht, diesen Anspruch wieder glaubwürdiger zu vertreten. Beim Thema Umweltschutz und Klimawandel erheben die Deutschen ja auch einen Vorbildanspruch.

Der ist ja auch belegt.

Aha. Ich wollte nur darauf hinweisen, so wie sich die Deutschen ihrer Vorbildrolle sicher sind, so sind es eben auch viele Amerikaner. Vom Ausland sieht es dann manchmal etwas differenzierter aus.

Wenn Barack Obama gewählt wird, tritt er mit dem Anspruch des Erneuerers der amerikanischen Politik an. Da wird es für die Partner schwerer, ihm etwas abzuschlagen, als dies bei Bush der Fall war, oder?

Jede neue amerikanische Regierung wird auf Europa und auf Deutschland zugehen und um mehr Unterstützung bitten. Es ist aber auch völlig normal, dass die Europäer dann sagen, welche Wünsche und Forderungen sie an die Amerikaner haben. Ich kann Ihnen versichern, dass die deutsche Wunschliste an die amerikanische Politik genauso lang ist wie die amerikanische Wunschliste an die deutsche Politik.

Zum Beispiel?

Denken Sie nur an das Thema Klimawandel. Denken Sie an viele internationale Abkommen, denen die USA nicht beigetreten sind, denken Sie an Rüstungskontrolle. Da haben wir lange, lange Wunschlisten. Die Vorstellung, dass wir in Berlin ängstlich darauf warten, welche Forderungen nach der Wahl aus Washington kommen, ist falsch. Wir werden selbstbewusst unsere Positionen vertreten und nach neuen Feldern gemeinsamer Aktivitäten suchen. Es ist absehbar, dass der neue Kongress und die neue Regierung bei vielen Themen, die uns interessieren, offener sein werden als die vergangenen.

Geben Sie einen Wahltipp ab?

Meiner Frau schon, öffentlich in der Berliner Zeitung aber nicht.

Das Gespräch führte Holger Schmale.

(erschienen in der Berliner Zeitung vom 29.10.08)