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Äthiopien

Wirtschaft

Stand: März 2014

Kurzcharakterisierung

Äthiopien ist bei etwa 92 Millionen Einwohnern mit einem jährlichen Brutto-National-Einkommen von etwa 410 US-Dollar pro Kopf (2013, Weltbank) eines der ärmsten Länder der Welt (LLDC), auch wenn das Wirtschaftswachstum in den letzten sieben Jahren wesentlich über dem regionalen und internationalen Durchschnitt lag. Ein Großteil der Bevölkerung lebt unter der absoluten Armutsgrenze (29,6 Prozent laut Weltbank 2011, 2004 waren es noch 38,9 Prozent, Ziel bis 2014/2015: 22 Prozent).

Im Human Development Index 2012 liegt Äthiopien auf Platz 173 von 187 Ländern. Die strukturellen Probleme - Auswirkungen wiederkehrender Dürreperioden auf die Landwirtschaft, rasches Bevölkerungswachstum und daraus resultierende Folgen für Wirtschaftswachstum, fortschreitende Bodenerosion und Ressourcenmangel - bleiben trotz großer Anstrengungen ungelöst.

Das Bruttoinlandsprodukt 2013 ist im Vergleich zu 2012 (37,7 Milliarden US-Dollar) auf 43,1 Milliarden US-Dollar (Schätzung Weltbank) weiter gestiegen. Das Pro-Kopf-Einkommen ist laut Weltbank von 370 auf 410 US-Dollar gestiegen. Die jährliche Inflationsrate lag 2012 bei 7,7 Prozent. Dies ist eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu der Inflationsrate von 15 Prozent im Jahre 2012.

Im Rahmen des 2010 verabschiedeten Growth and Transformation Plan (GTP, bis 2015) verfolgt die äthiopische Regierung einen Wachstumskurs, der auf der Grundlage des Modells des "developmental state" – einer staatsgelenkten Wirtschaft – durch klare Zielvorgaben, Ausbau der verarbeitenden Industrie, Exportorientierung, und durch landwirtschaftliche Industrialisierung Äthiopien bis 2025 zu einem "middle-income country" machen soll. Allerdings bleiben die Probleme der äthiopischen Wirtschaft sowohl aufgrund der geographischen Bedingungen als auch finanziell und strukturell bestehen. Wichtigste Investoren und Firmen stammen aus China, Indien, Türkei, Saudi-Arabien, der Europäischen Union (hier vor allem Italien, Holland, Schweden, Deutschland, Frankreich, Großbritannien) und Brasilien.

Ein starker Devisenmangel und eine allgemeine Kreditknappheit gefährden zunehmend die im Growth and Transformation Plan 2010-2015 niedergelegten wirtschaftlichen Ziele der Regierung.

Das rasche Bevölkerungswachstum trägt zum Verharren in Armut bei, wobei die Zuwachsrate von 2,9 Prozent (2013) dem afrikanischen Durchschnitt entspricht. Nach Nigeria stellt Äthiopien jedoch bereits jetzt mit etwa 92 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Bevölkerung des Kontinents, die sich, ein weiteres Wachstum dieser Größenordnung vorausgesetzt, in knapp 30 Jahren verdoppelt haben wird. 2050 wird das Land zu den zehn bevölkerungsreichsten Staaten der Welt gehören.


Struktur der Wirtschaft

Äthiopien hat nach dem Fall des Derg-Regimes 1991 einen langen Weg von der Umstellung einer marxistischen Planwirtschaft auf eine offenere Wirtschaftsform hinter sich. Die meisten Preise sind freigegeben (wichtige Ausnahme: Treibstoffe; es bestehen zudem verbilligte Preise für Zucker und Öl bei staatseigenen Verkaufsstellen) und Privatunternehmen in fast allen Sektoren zugelassen (auch Banken, Versicherungen, Transportunternehmen, allerdings nur in äthiopischem Besitz). Die Regierung übt allerdings durch staatliche Monopolunternehmen (u.a. Luftverkehr, Telekommunikation), parteinahe Unternehmensgruppen und eine kontrollierende Bürokratie unverändert beherrschenden Einfluss auf die Wirtschaft aus. Privater Landbesitz ist gemäß Verfassung nicht zulässig.

Der wichtigste Erwerbszweig bleibt die Landwirtschaft mit 81 Prozent der Erwerbstätigen, die 2012 rund 48 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzeugten. Von der Leistungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Produktion hängt die Sicherheit der Lebensmittelversorgung ab.  Diese ist von besonderer Bedeutung: Rund 2,7 Millionen Menschen in Äthiopien sind derzeit von Nahrungsmittelengpässen bedroht. Während der Dürre im Jahr 2011 stieg diese Zahl vorübergehend auf 12 Millionen an.  

Nach der Dürre am Horn von Afrika 2011 hat sich die Ernährungs- und Versorgungslage in Äthiopien insgesamt wieder deutlich stabilisiert; die guten Vorhersagen für die Ernten 2013 haben sich bewahrheitet.


Wirtschaftsklima

Durch regelmäßige Überarbeitung des Investment Codes von 1996 - zuletzt durch ein neues Investitionsgesetz im November 2012 - versucht die Regierung, Äthiopien als attraktives Land für Investitionen zu präsentieren. Die Investitionsbehörde (Ethiopian Investment Agency - EIA) soll im Sinne eines "One Stop"-Verfahrens einem ausländischen Investor binnen zwei Tagen alle rechtlichen Schritte zur Etablierung seines Unternehmens - einschließlich Landzuteilung und Arbeitserlaubnis – ermöglichen. Andere Hindernisse, wie Mängel der Infrastruktur, geringe Rechtssicherheit oder schleppendes Verwaltungshandeln, bleiben jedoch nach wie vor bestehen.


Äthiopien in der Weltwirtschaft

Außenwirtschaftlich bleibt das Land infolge hoher Leistungs- und Handelsbilanzdefizite, einer starken Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten und niedriger Devisenreserven anfällig. Dies gilt insbesondere, falls Kapitalflüsse sich durch eine Abkehr von der Niedrigzinspolitik in den westlichen Industriestaaten umkehren oder die Unterstützung der Geber für Äthiopien abnehmen sollte. Äthiopien unterhält Handelsbeziehungen zu verschiedenen Teilen der Welt und ist stark auf Importe technologisch hochwertiger Produkte (v.a. Maschinen, Chemikalien, Kraftfahrzeuge) sowie auf den Export von Rohstoffen aus Bergbau und Landwirtschaft angewiesen. Es liegt im Interesse der äthiopischen Regierung, die Wertschöpfung zunehmend im Land zu erzielen, so ist zum Beispiel die Ausfuhr von Tantal untersagt.

Äthiopien leidet unter einem strukturellen Handelsbilanzdefizit, das sich im Jahr 2013 auf 8,4 Milliarden US-Dollar belief.

Im Jahr 2013 sind die Exportgewinne Äthiopiens zum ersten Mal in vielen Jahren zurückgegangen (Kaffee -10 Prozent, Ölsaaten -7 Prozent, Produkte aus der Viehzucht -20 Prozent).

Mit dem traditionell wichtigsten Exportgut Kaffee, mit dem noch in den 90er Jahren mehr als die Hälfte der Exporterlöse erzielt wurde, wurden 2013 knapp 20 Prozent der Exporteinnahmen erzielt. Damit wurde Kaffee wertmäßig von Gemüseexporten auf den zweiten Platz verdrängt (21 Prozent der Werterlöse). Es folgten Ölsaaten (14 Prozent), Blumen (14 Prozent) sowie Vieh (ca. 8 Prozent).

Äthiopien importierte im Jahr 2013 Waren im Wert von 14,4 Milliarden US-Dollar; die äthiopischen Exporte erreichten einen Umfang von nur 3,9 Milliarden US-Dollar.

Die Devisenreserven bezogen auf den Wert der Gesamtimporte, die Ende 2011 auf einen Wert von 3,2 Monaten gestiegen waren, haben sich seit Juli 2012 auf ungefähr 1,8 Monate reduziert. Ein Wert von drei Monatsimporten gilt als Minimum, der Idealwert für Äthiopien läge laut Internationalem Währungsfonds bei 7,1 Monaten.


Aktuelle Wirtschaftsentwicklung und Konjunkturlage

Die seit 2003 hohen Wirtschaftswachstumsraten von durchschnittlich fast 11 Prozent haben sich laut Internationalem Währungsfonds (IWF) im Jahr 2013 auf 7,74 Prozent reduziert. Die Regierung beharrt weiterhin auf Wachstumszahlen von ca. 9,47 Prozent. Die Wirtschaftsentwicklung Äthiopiens steht in den nächsten Monaten vor großen Herausforderungen, die das bisher Erreichte gefährden könnten. Bereits seit 2010 hatte sich die makroökonomische Lage tendenziell verschlechtert.

Das Handelsvolumen mit Deutschland war 2012 im Vergleich zu 2012 gesunken. Ein Rückgang bei den Einfuhren aus Äthiopien (Kaffee mit rund 80 Prozent der Einfuhren, aber auch Textilien, Leder und weitere landwirtschaftliche Produkte wie Hülsenfrüchte) wurde durch einen Anstieg bei den Ausfuhren nicht ausgeglichen.

In den vorangegangenen Jahren war ein stetiger Zuwachs des Außenhandelsvolumens zu verzeichnen gewesen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat Deutschland 2013 aus Äthiopien Waren im Wert von 161,9 Millionen Euro (2012: 207,45 Millionen Euro) importiert und Waren im Wert von 178,6 Millionen Euro (2012: 168,7 Millionen Euro) dorthin exportiert.

Äthiopien exportiert seit Juni 2011 Strom nach Dschibuti und seit 2012 in den Sudan. Im Januar 2014 wurde ein Übereinkommen für Stromlieferungen nach Jemen abgeschlossen. Äthiopien plant weiterhin, schon in Kürze durch die Inbetriebnahme von weiteren Wasserkraftwerken zum wichtigsten Stromexporteur (auch nach Kenia) in der Region aufzusteigen. Ein struktureller Ausbau der Elektrizitätsinfrastruktur wird nach wie vor notwendig bleiben.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.