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Bundesminister Steinmeier anlässlich der Vorstellung der Ernst-Reuter-Initiative

07.09.2006

-- Es gilt das gesprochene Wort! --

Lieber Herr Abdullah Gül,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

als Ernst Reuter Oberbürgermeister Berlins werden sollte, lautete die Schlagzeile einer Berliner Zeitung:"Wird ein Türke Berlins Oberbürgermeister?" Und das war natürlich nicht freundlich gemeint, sondern als Vorwurf.
Von unserem heutigen Standpunkt aus ist es eher eine Ehrung: Für den deutschen Patrioten, der der Türkei Zeit seines Lebens verbunden blieb. Weil er - wie viele andere auch - nur dank der Unterstützung der türkischen Regierung und der Bürgerinnen und Bürger der Türkei, die Verfolgung der Nazi-Zeit überstehen konnte.
Für den großen Bürger und Politiker, der sinnbildlich für die Vernunft und die Gelassenheit steht, die es braucht, um scheinbare Gegensätze zu überbrücken.

Diesen Zielen und Überzeugungen ist die Ernst-Reuter-Initiative verpflichtet. Und ich bin Edzard Reuter sehr dankbar, dass er zugestimmt hat, unsere gemeinsame deutsch-türkische Initiative nach seinem Vater zu benennen. Worum geht es uns dabei, so werden sich manche fragen? Die Welt hat in den letzten Jahren eine zunehmende kulturelle und religiöse Polarisierung mit schrecklichen Folgen erlebt. Wir erinnern uns gerade dieser Tage alle an den 11. September 2001, die späteren Gewalt- und Terrorakte in London, Madrid und hier in Istanbul.

Der Karikaturenstreit zu Anfang des Jahres hat erneut verdeutlicht, wie sehr es an gegenseitiger Achtung, Sensibilität und Kenntnis mangelt.
Es existiert ein alarmierendes Ausmaß islamfeind­licher Gefühle im Westen und antiwestlicher Ressentiments in der islamischen Welt. Diese Haltung bedroht die Bürgerinnen und Bürger in unseren Ländern, bedroht international Frieden und Sicherheit und führt in einen Teufelskreis. Darum haben mein türkischer Kollege und ich beschlossen, gemeinsam ein Zeichen zu setzen.

Ein Zeichen, das Ausdruck des gegenseitigen Verständnisses und der gemeinsamen Anstregungen ist. Das darstellt, wie viel an positiver gelebter Wirklichkeit in unseren Gesellschaften bereits vorhanden ist. Und das an alle gesellschaftlichen Bereiche appelliert, sich dieser gemeinsamen Aufgabe zu widmen.
Deswegen freue ich mich, dass sich Vertreter aus Wirtschaft und Kultur, Medien und Sport, Wissenschaft und Politik die Ernst-Reuter-Initiative zu eigen gemacht haben; dass deutsche Unternehmen wie Bosch, Siemens, Öger und andere den Appel gehört haben und bereits Unterstützung für konkrete Projekte zugesagt haben; dass sich wichtige Massenmedien wie die Deusche Welle, die Bild-Zeitung, Hürriyet und die Süddeutsche Zeitung der Herausforderung stellen und über die Medienerziehung bis zum Austausch von Journalisten gemeinsame deutsch-türkische Initiativen starten; dass heute eine deutsch-türkische Universität möglich erscheint und bestehende Kooperationen wie die zwischen der Humboldt-Universität und der Middle Eastern Technical University Ankara vertieft und ausgebaut werden sollen.

Vor allem aber freue ich mich, dass mich heute einige Menschen begleiten, die mit ihrer Unterstützung, mit ihren konkreten Kooperationsprojekten und nicht zuletzt ihrer Biographie und ihrem beruflichen Schaffen für das stehen, was unsere beiden Länder gemeinsam leisten können. Und, so will ich hinzufügen, auch gemeinsam leisten müssen.
Um über die bilaterale Zusammenarbeit hinaus zu zeigen, dass wir im gemeinsamen Dialog die besseren Lösungen für die Probleme und die besseren Antworten für die Herausforderungen unserer Zeit finden!

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