Hauptinhalt

Indien

Wirtschaft

Stand: Oktober 2014

Kurzcharakterisierung der indischen Wirtschaft

Indien gehört trotz Abschwächen des Wirtschaftswachstums auf z.T. unter 5 Prozent nach wie vor zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt mit einem BIP Wachstum von 4,7%. Bei derzeit 1,2 Mrd. Einwohnern wird es bis zur Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, sondern auch mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und USA an dritter Stelle liegen.

Indien steht vor gewaltigen Herausforderungen bei der Armutsbekämpfung und in der Bildungs- und Infrastrukturentwicklung. Das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei unter 1000 Euro. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von 1 US-Dollar pro Kopf und Tag. Rund 70 Prozent haben weniger als 2 US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Auf dem Human Development Index der UNDP steht Indien auf Platz unter 187 erfassten Staaten. Während es weltweit die meisten Millionäre und Milliardäre beheimatet, liegt Indien bei vielen Sozialindikatoren deutlich unter den Durchschnittswerten von Subsahara-Afrika.

Die Dekade hochfliegender, teils zweistelliger Wachstumsraten ging 2011/12 zu Ende. Das hohe Wachstum der Jahre davor hat die regionalen Entwicklungsunterschiede auf dem Subkontinent und das zunehmende Einkommensgefälle zwischen der expandierenden städtischen Mittelschicht und der überwiegend armen Bevölkerung auf dem Lande, wo noch knapp 70 Prozent aller Inder leben, schärfer hervortreten lassen. Die erhofften massiven Beschäftigungseffekte des Wachstums sind bislang ausgeblieben.

Zusammen mit einer Inflationsrate in 2013 von rund 10% (Einzelhandelspreise) war  dies einer der entscheidenden Gründe für die Abwahl der Kongressgeführten Regierung nach zehnjähriger Regierungszeit im Frühjahr 2014.  Narendra Modi (BJP) errang seinen erdrutschartigen Wahlsieg  mit dem Versprechen von mehr Wachstum, besseren Entwicklungschancen für die breite Masse der Bevölkerung und weniger Korruption. Die Erwartungshaltung ist entsprechend groß.

Zu Beginn ihrer Amtszeit hat sich die Regierung Modi zur Marktwirtschaft bekannt und eine Reformagenda angekündigt, die u.a. eine Erhöhung des Anteils ausländischer Direktinvestitionen in bestimmten Bereichen vorsieht. Ende September verkündete PM Modi die „Make in India“ Kampagne  und rief ausländische Investoren dazu auf, in Indien bei verbesserten Investitionsbedingungen zu produzieren.. Er will so den Anteil der Industrieproduktion am BIP von aktuell 15% auf 25% anheben.

Zur Ankurbelung der weiteren Industrialisierung werden groß angelegte Infrastrukturprojekte verfolgt, die den Ausbau von Industriekorridoren zwischen verschiedenen Knotenpunkten vorsehen (z.B. Delhi-Mumbai Industrial Corridor). Nach der globalen Wirtschaftskrise steht die Regierung vor erheblichen Herausforderungen: das Haushaltsdefizit lag 2013/14 bei etwa 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die neue Regierung Modi setzt in ihrer Konsolidierungsstrategie auf Kontinuität. So soll das Haushaltsdefizit von 4,1% (2014/15) über 3,6% (2015/16) auf  schließlich 3% (2016/17) des BIP reduziert werden. Dafür bedarf es vor allem höherer Staatseinnahmen, z.B. über eine Reform des Steuersystems.

Exportpolitisch verfolgt Indien eine Diversifizierungsstrategie, die über "Look East", “Link West“- oder Afrika-Strategien und die BRIC-Kooperation auf  die Verringerung der Abhängigkeit Indiens von wirtschaftlichen Entwicklungen  in den USA und der EU und damit auf Risikominimierung zielen.


Struktur der Wirtschaft

Zu den Hauptcharakteristika der indischen Volkswirtschaft gehören das Missverhältnis zwischen BIP- und Beschäftigungsanteil bei Landwirtschaft und Dienstleistungen (mit umgekehrten Vorzeichen) und eine vergleichsweise geringe Bedeutung der verarbeitenden Industrie. Die überwiegende Mehrheit der indischen Bevölkerung lebt in ländlich-bäuerlichen Strukturen und bleibt wirtschaftlich benachteiligt. Der Anteil der Landwirtschaft an der indischen Wirtschaftsleistung sinkt seit Jahren kontinuierlich und beträgt nur noch etwa 14 Prozent (2013/14).Angesichts Kapitalmangels, zu kleiner Anbauflächen, stagnierender Erträge und fehlender Absatzstrukturen bleibt der Sektor Hauptsorge der indischen Regierung. Es hängen weiterhin über die Hälfte aller Inder direkt vom Landwirtschafssektor ab.. Um die größte Not auf dem Lande zu mildern, wird inzwischen ein öffentliches Beschäftigungsprogramm für Familien unterhalb der Armutsgrenze implementiert. Es garantiert 100 Tage bezahlte Beschäftigung für jeweils ein Familienmitglied. Außerdem ratifizierte das Parlament im September 2013 ein Gesetz zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung für etwa zwei Drittel der Bevölkerung (Food Security Act).

Nur ca. 8 Prozent aller Beschäftigten stehen in einem vertraglich geregelten Arbeitsverhältnis. Die übrigen 92 Prozent werden dem sog. "informellen Sektor" zugerechnet – sie sind weder gegen Krankheit oder Arbeitsunfälle abgesichert, noch haben sie Anspruch auf soziale Leistungen oder Altersversorgung.

Wachstum und Wohlstand verdankt Indien vor allem dem Dienstleistungssektor mit einem Anteil von etwa 60 Prozent am BIP. Hiervon profitieren aber bei einem Beschäftigungsanteil von etwa 30 Prozent nur ein kleiner Teil  der Bevölkerung. Zur Überwindung der Massenarmut müssten  neue Arbeitsplätze geschaffen werden, vor allem auch für nicht oder gering qualifizierte Kräfte. Dies könnte aus Sicht der Regierung am ehesten im Industriesektor (insbesondere im verarbeitenden Gewerbe) erfolgen, dessen Anteil an der indischen Wirtschaftsleistung 2013/14 bei etwa 19 Prozent liegt.

Eine Reihe von Sektoren (insb. Öl, Gas, Kohle; Schwerindustrie; Transportwesen, Banken und Versicherungen) bleibt allerdings weitgehend von öffentlichen bzw. halböffentlichen Unternehmen dominiert. Mehrere Anläufe der reformerischen Kräfteder VorgängerRegierung, diese Strukturen wenigstens in kleinen Schritten aufzubrechen, sind gescheitert.


Wirtschaftsklima

Die schiere Größe der indischen Volkswirtschaft, Demographie und vergleichsweise hohes Wachstum  machen den Subkontinent zu einem neben China wichtigen Markt der Zukunft. Ganz anders als in China treibt in Indien die Inlandsnachfrage die Entwicklung voran.

Als wesentlicher Grund für die mittel- bis längerfristig hohen Wachstumsprognosen wird gemeinhin die sogenannte "demographische Dividende" angeführt (Geburtenrate sinkt nur langsam). Der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 59 Jahren wird bis 2026 auf knapp 70 Prozent steigen. Dieses äußerst günstige Generationenverhältnis soll Stütze für ein nachhaltiges Wachstum sein. Die nötigen Arbeitsplätze müssen größtenteils allerdings erst noch geschaffen werden. Ebenso sind massive öffentliche Investitionen in Bildung, Ausbildung und Gesundheitswesen notwendig.

Nur etwa 5 Prozent aller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen verfügen nach Regierungsangaben über eine berufliche Qualifikation. Für die jährlich über 12 Mio. jungen Menschen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, gibt es bisher lediglich rund 4,5 Mio. Ausbildungsangebote, zumeist ohnehin nur von äußerst geringer Qualität.

Vor diesem Hintergrund hat die Regierung sich im 12. Fünfjahresplan (April 2012 – März 2017) zum Ziel gesetzt, die Ausgaben für schulische und berufliche Bildung auf 6 Prozent des BIP zu verdoppeln. Zugleich wurde die Schaffung einer Ausbildungsstrategie "National Skills Development Mission" und die Formulierung einer "National Employment Policy" beschlossen, um dem Phänomen des Wachstums ohne zusätzliche Arbeitsplätze gezielt zu begegnen. Gravierende Defizite im Bereich Humankapital gelten mittlerweile als größte Gefahr für die Ausschöpfung des indischen Wachstumspotentials.

Der Umfang der ausländischen Direktinvestitionen in Indien war in den vergangenen Jahren stark gestiegen, zuletzt hatten sich die Hoffnungen jedoch nicht erfüllt: Ihr Umfang betrug im Fiskaljahr 2013/2014 nur knapp 21,6 Mrd. US-Dollar.


Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft

Indien hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend gegenüber dem Ausland geöffnet. In den meisten Bereichen der Wirtschaft sind mittlerweile ausländische Direktinvestitionen zugelassen und die Obergrenzen für ausländische Beteiligungen wurden entweder ganz abgeschafft oder ausgeweitet. Die Regierung hat 2012 eine stärkere Öffnung des Einzelhandels und des Luftverkehrs für ausländische Investoren beschlossen. Nach dem Regierungswechsel wurden Vorschläge zur Erhöhung der Quote für ausländische Direktinvestitionen in der Bereichen Versicherung und Verteidigung auf 49% vorgelegt sowie der Eisenbahninfrastruktur-Sektor zu 100% geöffnet. Die entsprechende Novellierung des Versicherungsgesetzes bedarf allerdings der parlamentarischen Zustimmung, die nach mehreren Anläufen immer noch aussteht. Zu den wenigen Branchen, die für ausländisches Kapital komplett gesperrt bleiben, gehören die Landwirtschaft , die Kleinindustrie und die Kernkraft. Insgesamt wurden die administrativen Verfahren erheblich gestrafft, um ausländisches Engagement in Indien zu erleichtern. Anstelle der früheren Genehmigungspflicht ist für die Mehrzahl der Sektoren die bloße Anzeigepflicht (sog. "automatic route") getreten. Auch entwickelt sich ein reger Wettbewerb zwischen den Bundesstaaten um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen. Die Sektoren mit den höchsten Auslandsinvestitionen sind IT und Elektronik, Dienstleistungen, Transportindustrie (hier vor allem Kraftfahrzeuge) und Energie.

Der indische Außenhandel ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark gewachsen; der BIP-Anteil des Außenhandels erhöhte sich von etwa23 Prozent im Fiskaljahr 2000/01 auf 42 Prozent 2013/14. Indiens Exporte haben sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht. Der indische Anteil am Welthandel erreichte 2012 nach WTO-Angaben etwa 1,6 Prozent bei Exporten und 2,6 Prozent bei Importen. Nachdem sich die Dynamik des indischen Außenhandels im Fiskaljahr 2012/13 stark abgeflacht hatte, sind im Fiskaljahr 2013/14 die Exporte wieder leicht um 4,1 %gestiegen, während die Importe aufgrund konjunktureller Effekte sowie massiver Importbeschränkungen für Gold um 8,3 % gesunken sind.

Obwohl Indien seine Zollbarrieren in den letzten Jahren kontinuierlich gesenkt hat, wehrt es sich im WTO-Rahmen weiterhin gegen eine verbindliche Übernahme entsprechender Verpflichtungen. Nicht nur im weiterhin stark geschützten landwirtschaftlichen Bereich will Indien sich möglichst großen Spielraum bei der Festsetzung der Einfuhr- und Ausfuhrabgaben (z.B. auch bei Stahl, Zement) bzw. –beschränkungen/ -verboten (z.B. Reis, Zucker) als Mittel zur Marktregulierung vorbehalten. Das 2013 beschlossene Gesetz zur Ernährungssicherung – „Food Security Bill“ – wird umfangreiche Eingriffe in den Agrarmarkt erforderlich machen.

Trotz vielfältiger Bekenntnisse zu Freihandel verhindert Indien derzeit die Umsetzung der 2013 in Bali beschlossenen Handelserleichterungen, bis eine Lösung für das Subventionssystem für landwirtschaftliche Produkte im WTO Rahmen gefunden wird . Die neue Regierung hat sich noch nicht dazu entschlossen, die Verhandlungen mit der EU über ein Freihandelsabkommen wieder aufzunehmen.


Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, konjunkturelle Lage

Im Haushaltsjahr 2013/14 betrug das nominale Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich umgerechnet 1.877 Mrd. US-Dollar, das nominale BIP pro Kopf etwa 1.229 US-Dollar. Der Agrarsektor wuchs 2013/14 mit geschätzten  4,7 % (real) wieder stärker als im Vorjahr (1,4 %), die Wertschöpfung des Industriesektors sank geringfügig um 0,1 %; der Dienstleistungssektor dagegen wuchs mit 6,2 % am stärksten.Bei Industrie und Dienstleistungen dürften sich verschiedene Folgeeffekte der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar machen (z.B. schwache externe Nachfrage); intern können die ungewöhnlich hohen Gewinnmargen der letzten Jahre ohne einen neuen Investitionszyklus nicht gehalten werden. Ohne Investitionen im großen Stil in beschäftigungsintensiven Branchen (wie z.B. Leder, Elektronik) wird sich Indien nicht aus Armut und Unterentwicklung befreien können. Indien setzt hierfür auf die Förderung des verarbeitenden Gewerbes. Eine Politik zur Förderung der Elektronikindustrie setzt dabei auf ein Zusammenspiel aus steuerlichen Anreizen und protektionistischen Maßnahmen.

Defizite im Infrastrukturbereich erschweren die Wachstumsaussichten. Hier setzt die Regierung mit gigantischen Infrastrukturprojekten an. Zwischen Delhi und Mumbai soll um eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke für Hochgeschwindigkeitsgüterzüge ein Verkehrs- und Industriekorridor mit modernen, ökologisch durchdachten Stadtansiedlungen („Smart Cities“) entstehen, der „Delhi-Mumbai Industrial Corridor“. Weitere „Korridore“ sollen von West nach Ost durch die Ganges-Ebene Delhi und Kalkutta sowie Mumbai mit den wirtschaftlichen Zentren Bangalore und Chennai im Süden verbinden.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise & Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere