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Indien

Wirtschaft

Stand: März 2014

Kurzcharakterisierung der indischen Wirtschaft

Indien gehört trotz Abschwächen des Wirtschaftswachstums auf 5 Prozent (2012/13; 2011/12 dagegen noch 6,2 Prozent,  2013/14 – geschätzt - : 4,9%) nach wie vor zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt (Stelle 10 weltweit). Bei derzeit 1,2 Mrd. Einwohnern wird es bis zur Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, sondern auch mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und USA an dritter Stelle liegen.

Indien steht vor gewaltigen Herausforderungen bei der Armutsbekämpfung und in der Bildungs- und Infrastrukturentwicklung. Das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei nur 1127 US-Dollar. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von 1 US-Dollar pro Kopf und Tag. Rund 70 Prozent haben weniger als 2 US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Auf dem Human Development Index der UNDP (2013) steht Indien auf Platz 136 unter 186 erfassten Staaten. Während es weltweit die meisten Millionäre und Milliardäre beheimatet, liegt Indien bei vielen Sozialindikatoren deutlich unter den Durchschnittswerten von Subsahara-Afrika.

Das hohe Wachstum der letzten Jahre hat die regionalen Entwicklungsunterschiede auf dem Subkontinent und das zunehmende Einkommensgefälle zwischen der expandierenden städtischen Mittelschicht und der überwiegend armen Bevölkerung auf dem Lande, wo noch knapp 70 Prozent aller Inder leben, schärfer hervortreten lassen. Die erhofften massiven Beschäftigungseffekte des Wachstums sind bislang ausgeblieben.

Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens und die Überwindung des über Jahrzehnte schwachen Wachstums war die sukzessive Deregulierung und Öffnung der indischen Volkswirtschaft nach der Finanzkrise von 1991. Dieser Prozess ist allerdings noch nicht abgeschlossen.

Seit September 2012 hat die indische Regierung weitere Liberalisierungsschritte eingeleitet und damit einen längeren Stillstand der Reformpolitik überwunden. So wurde die hoch umstrittene Zulassung ausländischer Investitionen auch in Supermarktketten beschlossen, ferner u.a. die Zulassung ausländischer Beteiligung an Fluggesellschaften und Strombörsen. Auch in anderen Branchen wurden die Grenzene für ausländische Kapitalbeteiligungen heraufgesetzt. Weitere wichtige Reformvorhaben zur Öffnung des Finanzsektors wie z.B. die Anhebung der Schwelle für Auslandsinvestoren an Versicherungsunternehmen sind allerdings noch nicht beschlossen worden.

Das Wirtschaftswachstum wird ganz wesentlich von der Binnennachfrage getragen, für deren weiteren Anstieg schon die demographische Entwicklung spricht. Die industriepolitische Strategie strebt den weiteren Auf- und Ausbau einer eigenen industriellen Produktion an. Dabei erfolgt gelegentlich ein Rückgriff auf protektionistische Maßnahmen wie Importzölle, Exportquoten, Lokalisierungszwänge oder Buy Indian-Vorgaben in öffentlichen Ausschreibungen. Zur Ankurbelung der weiteren Industrialisierung werden groß angelegte Infrastrukturprojekte verfolgt, die den Ausbau von Industriekorridoren zwischen verschiedenen Knotenpunkten vorsehen (z.B. Delhi-Mumbai Industrial Corridor). Exportpolitisch verfolgt Indien eine Diversifizierungsstrategie, die über "Look East"- oder Afrika-Strategien und die BRIC-Kooperation auf Verringerung der Abhängigkeit Indiens von wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA und der EU und damit auf Risikominimierung zielen.

Nach der globalen Wirtschaftskrise steht die UPA-Regierung vor erheblichen Herausforderungen: das Haushaltsdefizit steht bei etwa 5 Prozent. Auch der Haushalt 2013/14 steht deshalb deutlich im Zeichen der fiskalpolitischen Konsolidierung (Defizitprognose 4,8 Prozent). Hierfür hat die Regierung zuletzt auch unpopuläre Maßnahmen wie den teilweisen Abbau von Dieselsubventionen beschlossen, die für den kleinen Mann die Preise empfindlich nach oben treiben. Aufsehen erregten auch Importbeschränkungen für Gold, um die erhebliche Nachfrage nach diesem Rohstoff in Indien zu drosseln. Goldimporte tragen maßgeblich zum großen Leistungsbilanzdefizit Indiens bei.


Struktur der Wirtschaft

Zu den Hauptcharakteristika der indischen Volkswirtschaft gehören das Missverhältnis zwischen BIP- und Beschäftigungsanteil bei Landwirtschaft und Dienstleistungen (mit umgekehrten Vorzeichen) und eine vergleichsweise geringe Bedeutung der verarbeitenden Industrie. Die überwiegende Mehrheit der indischen Bevölkerung lebt in überkommenen ländlich-bäuerlichen Strukturen und bleibt wirtschaftlich marginalisiert. Der BIP-Anteil der Landwirtschaft sinkt seit Jahren kontinuierlich und beträgt nur noch 13,7 Prozent (2012/13. Angesichts gravierenden Kapitalmangels, viel zu kleiner Anbauflächen, stagnierender Erträge und fehlender Absatzstrukturen bleibt der Sektor, von dem weiterhin über die Hälfte aller Inder direkt abhängen (Beschäftigungsanteil 52 Prozent), Hauptsorge jeder indischen Regierung. Um die größte Not auf dem Lande zu mildern, wird inzwischen ein öffentliches Beschäftigungsprogramm für Familien unterhalb der Armutsgrenze implementiert. Es garantiert 100 Tage bezahlte Beschäftigung für jeweils ein Familienmitglied. Außerdem ratifizierte das Parlament im September 2013 ein Gesetz zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung für etwa zwei Drittel der Bevölkerung (Food Security Act).

Wachstum und Wohlstand verdanken sich hingegen vor allem dem Dienstleistungssektor (2012/13: 65 Prozent BIP, 2011/12: 59 Prozent), wovon aber bei einem Beschäftigungsanteil von etwa 30 Prozent nur eine Minderheit der Bevölkerung profitiert. Die zur Überwindung der Massenarmut notwendige massive Schaffung neuer Arbeitsplätze, vor allem auch für nicht oder gering qualifizierte Kräfte, kann aus Sicht der Regierung am ehesten in der Industrie bzw. im verarbeitenden Gewerbe erfolgen, dort liegt der BIP-Anteil (leicht rückgängig) bei 21,5 Prozent.

Nur ca. 8 Prozent aller Beschäftigten stehen in einem vertraglich geregelten Arbeitsverhältnis. Die übrigen 92 Prozent werden dem sog. "informellen Sektor" zugerechnet - sie sind weder gegen Krankheit oder Arbeitsunfälle abgesichert, noch haben sie Anspruch auf soziale Leistungen oder Altersversorgung.

Neben der dynamisch expandierenden Privatwirtschaft, deren Investitionen entscheidend zur hohen Gesamtinvestitionsrate von 34,8 Prozent BIP (2012/13) beitragen, bleiben eine Reihe von Sektoren (insb. Öl, Gas, Kohle; Schwerindustrie; Transportwesen, Banken und Versicherungen) weitgehend von öffentlichen bzw. halböffentlichen Unternehmen dominiert. Mehrere Anläufe der reformerischen Kräfte in der Regierung, diese Strukturen wenigstens in kleinen Schritten aufzubrechen, sind bislang gescheitert.


Wirtschaftsklima

Die schiere Größe der indischen Volkswirtschaft, Demographie und anhaltend hohes Wachstum machen den Subkontinent zu dem nach China wichtigsten Markt der Zukunft. Ganz anders als in China treibt in Indien die Inlandsnachfrage die Entwicklung voran.

Als wesentlicher Grund für die mittel- bis längerfristig hohen Wachstumsprognosen wird gemeinhin die sogenannte "Demographische Dividende" angeführt (Geburtenrate sinkt nur langsam). Der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren wird bis 2026 auf 68,4 Prozent steigen. Dieses äußerst günstige Generationenverhältnis soll Stütze für nachhaltiges Wachstum sein. Die nötigen Arbeitsplätze müssen größtenteils allerdings erst noch geschaffen werden. Ebenso sind massive öffentliche Investitionen in Bildung, Ausbildung und Gesundheitswesen notwendig.

Nur etwa 2 Prozent aller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen verfügen nach Regierungsangaben über eine berufliche Qualifikation; bei den 19- bis 24-Jährigen haben ganze 5 Prozent eine formale Berufsausbildung absolviert. Während derzeit jedes Jahr knapp 13 Millionen Menschen neu auf den Arbeitsmarkt strömen, wird die Zahl der landesweit zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze nur auf rund 4 Mio. beziffert.

Vor diesem Hintergrund hat die Regierung sich im 12. Fünfjahresplan (April 2012 – März 2017) zum Ziel gesetzt, die Ausgaben für schulische und berufliche Bildung auf 6 Prozent des BIP zu verdoppeln. Zugleich wurde die Schaffung einer Ausbildungsstrategie "National Skills Development Mission" und die Formulierung einer "National Employment Policy" beschlossen, um dem Phänomen des Wachstums ohne zusätzliche Arbeitsplätze gezielt zu begegnen. Gravierende Defizite im Bereich Humankapital gelten mittlerweile als größte Gefahr für die Ausschöpfung des indischen Wachstumspotentials.

Der Umfang der Auslandsinvestitionen war in den vergangenen Jahren stark gestiegen, zuletzt hatten sich die Hoffnungen jedoch nicht erfüllt: ihr Umfang betrug im Fiskaljahr 2012/2013 nur knapp 22,4 Milliarden US-Dollar gegenüber 35 Milliarden US-Dollar im gleichen Zeitraum im Vorjahr 2011/12 (April – November 2013: 15,5 Milliarden USD.)


Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft

Indien hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend gegenüber dem Ausland geöffnet. In den meisten Bereichen der Wirtschaft sind mittlerweile ausländische Direktinvestitionen zugelassen und die Obergrenzen für ausländische Beteiligungen wurden entweder ganz abgeschafft oder ausgeweitet. Die Regierung hat 2012 eine stärkere Öffnung des Einzelhandels und des Luftverkehrs für ausländische Investoren beschlossen sowie Vorschläge zur Anhebung der Prozentschwellen für Auslandsinvestitionen bei Versicherungen und Pensionsfonds vorgelegt. Die entsprechende Novellierung des Versicherungsgesetzes bedarf allerdings der parlamentarischen Zustimmung, die nach mehreren Anläufen immer noch aussteht. Zu den wenigen Branchen, die für ausländisches Kapital komplett gesperrt bleiben, gehören die Landwirtschaft sowie jene Handwerksbereiche, die in Indien der Kleinindustrie "small scale industries" vorbehalten bleiben und wo industrielle Massenfertigung generell nicht zugelassen ist. Außerdem sind Eisenbahnen und Kernkraft für ausländische Investitionen nach wie vor verschlossen. In der immer noch staatlich dominierten Rüstungsindustrie wurde die lange geltende strenge Prozentobergrenze von 26 Prozent zuletzt etwas gelockert. Neben einer vermeintlichen Beeinträchtigung der nationalen Sicherheit sind es vor allem sozial- bzw. beschäftigungspolitische Vorbehalte, die in einzelnen Bereichen einer weiteren Öffnung für ausländische Investoren im Wege stehen. Es bleibt abzuwarten, ob das Freihandelsabkommen, das die EU mit Indien abzuschließen beabsichtigt, zu substantiell verbessertem Marktzugang führt. Zuletzt sind die Verhandlungen hierüber ins Stocken geraten.

Insgesamt wurden die administrativen Verfahren erheblich gestrafft, um ausländisches Engagement in Indien zu erleichtern. Anstelle der früheren Genehmigungspflicht ist für die Mehrzahl der Sektoren die bloße Anzeigepflicht (sog. "automatic route") getreten. Auch entwickelt sich ein reger Wettbewerb zwischen den Bundesstaaten um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen. Die Sektoren mit den höchsten Auslandsinvestitionen sind IT und Elektronik, Dienstleistungen, Transportindustrie (hier vor allem Kraftfahrzeuge) und Energie.

Der indische Außenhandel ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark gewachsen; der BIP-Anteil des Außenhandels erhöhte sich von 28 Prozent in 2004/05 auf 48 Prozent im Fiskaljahr 2012/13. Indiens Exporte haben sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht. Der Anteil am Welthandel erreichte 2011 nach WTO-Angaben ca. 1,7 Prozent bei Exporten und 2,5 Prozent bei Importen. Damit nimmt Indien weltweit bei den Exporten Rang 26 und bei den Importen Rang 12 ein. Zuletzt hat sich die Dynamik des indischen Außenhandels  abgeflacht. Indische Exporte sind im Fiskaljahr 2012/13 um 1,8 Prozent gesunken (im Vorjahr: + 22 Prozent), die Importe stiegen um 0,3 Prozent (im Vorjahr: + 32 Prozent).

Das wachsende Defizit in der Handels- und der Leistungsbilanz geht hauptsächlich auf die Verteuerung der Ölimporte und die anhaltend starke Nachfrage nach Kapitalgütern zurück.

Obwohl Indien seine angewandten Zölle in den letzten Jahren kontinuierlich gesenkt hat, wehrt es sich im WTO-Rahmen weiterhin gegen eine verbindliche Übernahme entsprechender Verpflichtungen. Nicht nur im weiterhin stark geschützten landwirtschaftlichen Bereich will Indien sich möglichst großen Spielraum bei der Festsetzung der Einfuhr- und Ausfuhrabgaben (z.B. auch bei Stahl, Zement) bzw. –beschränkungen/ -verboten (z.B. Reis, Zucker) als Mittel zur Marktregulierung vorbehalten. Das 2013 beschlossene Gesetz zur Ernährungssicherung – „Food Security Bill“ – wird umfangreiche Eingriffe in den Agrarmarkt erforderlich machen. Die dazu im Rahmen der WTO-Verhandlungen vorgebrachten Bedenken konnten mit einer Übergangslösung vorläufig überwunden werden.


Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, konjunkturelle Lage

Im Haushaltsjahr 2012/13 wuchs das Bruttoinlandsprodukt auf 1.194 Mrd. EUR (1,644 Mrd. US-Dollar) bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 818 EUR/Jahr (1.127 US-Dollar). Der Agrarsektor wuchs mit 1,8 Prozent vergleichsweise schwach (3,8 Prozent im Vorjahr.  2013-14 – geschätzt - : + 4,6%), das Wachstum des Industriesektors sank im Vergleich zum Vorjahr (3,1 Prozent gegenüber 3,5 Prozent im Vorjahr); der Dienstleistungssektor wuchs mit 6,6 Prozent geringfügig schwächer als im Vorjahr (8,2 Prozent im Vorjahr).

Bei Industrie und Dienstleistungen dürften sich verschiedene Folgeeffekte der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar machen (z.B. schwache externe Nachfrage); intern können die ungewöhnlich hohen Gewinnmargen der letzten Jahre ohne einen neuen Investitionszyklus nicht gehalten werden. Ohne Investitionen im großen Stil in beschäftigungsintensiven Branchen (wie z.B. Leder, Elektronik) wird sich Indien nicht aus Armut und Unterentwicklung befreien können. Indien setzt hierfür auf die Förderung des verarbeitenden Gewerbes. Eine Politik zur Förderung der Elektronikindustrie setzt dabei auf ein Zusammenspiel aus steuerlichen Anreizen und protektionistischen Maßnahmen.

Defizite im Infrastrukturbereich erweisen sich als  Hemmschuh für höheres Wachstum. Hier setzt die Regierung mit gigantischen Infrastrukturprojekten an. Zwischen Delhi und Mumbai soll um eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke für Hochgeschwindigkeitsgüterzüge ein Verkehrs- und Industriekorridor mit modernen, ökologisch durchdachten Stadtansiedlungen ("Smart Cities") entstehen, der "Delhi-Mumbai Industrial Corridor". Weitere "Korridore" sollen von West nach Ost durch die Gangesebene Delhi und Kalkutta sowie Mumbai mit den wirtschaftlichen Zentren Bangalore und Chennai im Süden verbinden.

Die Arbeitslosigkeit wird nach den letzten verfügbaren offiziellen Zahlen (2009 – 2010) mit 6,6 Prozent angegeben; aber schon angesichts der Größe und mangelnden statistischen Erfassbarkeit des "informellen Sektors" (Problem der Unterbeschäftigung in weiten Teilen) dürfte diese sehr viel höher liegen.

Die Inflation, angefacht vor allem von der globalen Entwicklung der Öl- und der Nahrungsmittelpreise, aber auch von der Verteuerung anderer volkswirtschaftlich wichtiger Güter wie Stahl, Zement oder Dünger, impliziert für Regierung und Zentralbank einen kaum auflösbaren Zielkonflikt zwischen Wachstum und Preisstabilität. Zuletzt geriet die Rupie unter erheblichen Druck. Im Zeitraum Mai – August 2013 sank ihr Wert gegenüber dem US-Dollar  um 20 Prozent auf 66,2 INR/USD und hat sich seither leicht erholt auf 61,8 INR/USD (März 2014).

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.