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Indien

Wirtschaft

Stand: August 2015

Kurzcharakterisierung der indischen Wirtschaft

Indiens Wirtschaft hat sich zuletzt erholt und an Dynamik gewonnen. Das Wirtschaftswachstum lag im Haushaltsjahr 2014/2015 bei 7,4%. Trotz struktureller Mängel zählt Indien damit nach wie vor zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt. Im Vergleich zu anderen BRICS-Staaten kann Indien sich derzeit besser positionieren. Bei weiter wachsender Einwohnerzahl (derzeit 1,25 Mrd.) wird es bis zur Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, sondern auch mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und USA an dritter Stelle liegen.

Indien steht vor gewaltigen Herausforderungen bei der Armutsbekämpfung und in der Bildungs- und Infrastrukturentwicklung. Das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 1100 Euro. Etwa 30 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von 1 US-Dollar pro Kopf und Tag. Rund 70 Prozent haben weniger als 2 US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Auf dem Human Development Index der UNDP steht Indien auf Platz 135 unter 187 erfassten Staaten. Während es weltweit die meisten Millionäre und Milliardäre beheimatet, liegt Indien bei vielen Sozialindikatoren deutlich unter den Durchschnittswerten von Subsahara-Afrika.

Das hohe Wachstum der Jahre bis 2011 hat die regionalen Entwicklungsunterschiede auf dem Subkontinent und das zunehmende Einkommensgefälle zwischen der expandierenden städtischen Mittelschicht und der überwiegend armen Bevölkerung auf dem Lande, wo noch knapp 70% aller Inder leben, schärfer hervortreten lassen. Die erhofften Beschäftigungseffekte des Wachstums sind bislang ausgeblieben.

Premierminister Modi (BJP) errang seinen erdrutschartigen Wahlsieg 2014 mit dem Versprechen von mehr Wachstum, besseren Entwicklungschancen für die breite Masse der Bevölkerung und weniger Korruption. Die Erwartungshaltung war und ist entsprechend groß. Nach knapp einem Jahr Regierungszeit zeigen sich erste positive Tendenzen bei der Inflation, die von vorher knapp 10% zuletzt auf Werte um 6% sank. Das Haushaltsdefizit soll in den nächsten drei Jahren von aktuell 4,1% (2014/2015) auf 3% des BJP reduziert werden. Dafür bedarf es vor allem höherer Steuereinnahmen, z.B. über eine Reform des Steuerwesens. Große Hoffnungen liegen diesbezüglich in der kommenden „Goods and Services Tax“, einer landesweit einheitlichen Umsatzsteuer, dein ein wichtiger Schritt zur Schaffung eines indienweiten Binnenmarkts ist.

Zu Beginn ihrer Amtszeit hat sich die Regierung Modi zur Marktwirtschaft bekannt und eine Reformagenda angekündigt, die u.a. eine Erhöhung des Anteils ausländischer Direktinvestitionen in bestimmten Bereichen vorsieht. Ende September verkündete Premierminister Modi die „Make in India“ Kampagne und rief ausländische Investoren dazu auf, in Indien bei verbesserten Investitionsbedingungen zu produzieren. Er will so den Anteil der Industrieproduktion am BIP von aktuell 17% bis 2025 auf 25% anheben.

Zur Ankurbelung der weiteren Industrialisierung werden groß angelegte Infrastrukturprojekte verfolgt, die unter anderem den Ausbau von Industriekorridoren zwischen verschiedenen Knotenpunkten vorsehen (z.B. Delhi-Mumbai Industrial Corridor). Auch im Bereich Schiene, den Häfen und im Luftverkehr sind erhebliche Investitionen nötig und geplant.


Struktur der Wirtschaft

Zu den Hauptcharakteristika der indischen Volkswirtschaft gehören das Missverhältnis zwischen BIP- und Beschäftigungsanteil bei Landwirtschaft und Dienstleistungen (mit umgekehrten Vorzeichen) und eine vergleichsweise geringe Bedeutung der verarbeitenden Industrie. Die überwiegende Mehrheit der indischen Bevölkerung lebt in ländlich-bäuerlichen Strukturen und bleibt wirtschaftlich benachteiligt. Der Anteil der Landwirtschaft an der indischen Wirtschaftsleistung sinkt seit Jahren kontinuierlich und beträgt nur noch etwa 17,6% (2014/15) der Gesamtwirtschaft, obgleich rund 50% (genau 49%) der indischen Arbeitskräfte in diesem Bereich tätig sind. Angesichts Kapitalmangels, zu kleiner Anbauflächen, stagnierender Erträge und fehlender Absatzstrukturen bleibt der Sektor Hauptsorge der indischen Regierung.

Nur ca. 10% aller Beschäftigten stehen in einem vertraglich geregelten Arbeitsverhältnis. Die übrigen 90% werden dem sogenannten "informellen Sektor" zugerechnet – sie sind weder gegen Krankheit oder Arbeitsunfälle abgesichert, noch haben sie Anspruch auf soziale Leistungen oder Altersversorgung.

Wachstum und Wohlstand verdankt Indien vor allem dem Dienstleistungssektor mit einem Anteil von über 60% am BIP. Hiervon profitiert aber bei einem Beschäftigungsanteil von etwa 30% nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Zur Überwindung der Massenarmut sollen neue Arbeitsplätze geschaffen werden, vor allem auch für nicht oder gering qualifizierte Kräfte. Dies könnte aus Sicht der Regierung am ehesten im Industriesektor (insbesondere im verarbeitenden Gewerbe) erfolgen.

Eine Reihe von Sektoren (insb. Öl, Gas, Kohle; Schwerindustrie; Transportwesen, Banken und Versicherungen) bleibt allerdings weitgehend von öffentlichen bzw. halböffentlichen Unternehmen dominiert. Die Regierung Modi hat  Privatisierungen angekündigt.


Wirtschaftsklima

Die schiere Größe der indischen Volkswirtschaft, Demographie und vergleichsweise hohes Wachstum machen den Subkontinent zu einem neben China wichtigen Markt der Zukunft. Anders als in China treibt in Indien die Inlandsnachfrage die Entwicklung voran.

Als wesentlicher Grund für die mittel- bis längerfristig hohen Wachstumsprognosen wird gemeinhin die sogenannte "demographische Dividende" angeführt (Geburtenrate sinkt nur langsam). Der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 59 Jahren wird bis 2026 auf knapp 70% steigen. Dieses äußerst günstige Generationenverhältnis soll Stütze für ein nachhaltiges Wachstum sein. Die nötigen Arbeitsplätze müssen größtenteils allerdings erst noch geschaffen werden. Ebenso sind massive öffentliche Investitionen in Bildung, Ausbildung und Gesundheitswesen notwendig.

Weniger als 5% aller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen verfügen nach Regierungsangaben über eine berufliche Qualifikation. Für die jährlich über 12 Mio. jungen Menschen, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, gibt es bisher lediglich rund 4,5 Mio. Ausbildungsangebote, zumeist von äußerst geringer Qualität. Die gravierenden Defizite im Bereich Humankapital gelten mittlerweile als größte Gefahr für die Ausschöpfung des indischen Wachstumspotentials.

Vor diesem Hintergrund hat die Regierung vermehrte Anstrengungen zur Ausbildung der Arbeitskräfte angekündigt („Skill India“-Initiative). Die bislang zersplitterten Zuständigkeiten auf Ebene der Unionsregierung sollen gebündelt werden. Deutschland, mit seinen Erfahrungen im Bereich der dualen Berufsausbildung, wird als natürlicher Partner gesehen. Der Umfang der ausländischen Direktinvestitionen in Indien stieg in den vergangenen Jahren stark an. Die erhofften Zahlen wurden gleichwohl nicht erreicht.


Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft

Indien hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend gegenüber dem Ausland geöffnet. In den meisten Bereichen der Wirtschaft sind mittlerweile ausländische Direktinvestitionen zugelassen und die Obergrenzen für ausländische Beteiligungen wurden entweder ganz abgeschafft oder ausgeweitet. Nachdem 2012 eine stärkere Öffnung des Einzelhandels und des Luftverkehrs für ausländische Investoren beschlossen worden war, folgten 2014/15 weitere Öffnungen in den Bereichen Wohnungsbau, Verteidigung und Eisenbahninfrastruktur. Auch die Beteiligungsgrenzen im Versicherungssektor werden angehoben. Zu den wenigen Branchen, die für ausländisches Kapital komplett gesperrt bleiben, gehören die Landwirtschaft, die Kleinindustrie und die Kernkraft. Die Sektoren mit den höchsten Auslandsinvestitionen sind IT und Elektronik, Dienstleistungen, Transportindustrie (hier vor allem Kraftfahrzeuge) und Energie. Zwischen den Bundesstaaten herrscht ein reger Wettbewerb um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen.

Der indische Außenhandel ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark gewachsen; der BIP-Anteil des Außenhandels erhöhte sich von etwa 23% im Fiskaljahr 2000/01 auf 43% 2014/15. Indiens Exporte haben sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht. Der indische Anteil am Welthandel erreichte 2013 nach WTO-Angaben etwa 1,6% bei Exporten und 2,47% bei Importen. Nachdem sich die Dynamik des indischen Außenhandels im Fiskaljahr 2012/13 stark abgeflacht hatte, nahmen  die Exporte 2014/15 um 0,9% ab, während die Importe um 0,4% abnahmen.

Die Außenhandelsbilanz Indiens wurde zuletzt vor allem durch den globalen Rückgang des Ölpreises beeinflusst. Der Wert der Ölimporte ging in den ersten drei Quartalen des Haushaltsjahres 2014/15 um knapp 8% zurück. Daneben waren es vor allem staatliche Maßnahmen zur Regulierung von Gold- und Silberimporten, die zur positiven Entwicklung der Leistungsbilanz beitrugen. Edelmetalle sind traditionell wichtige Anlageprodukte für die privaten Haushalte Indiens.

Offen ist, welche Haltung die Regierung in Bezug auf weitere Marktöffnungen und die Integration in globale bzw. regionale Freihandelsabkommen einnehmen wird. Die Verhandlungen mit der EU über ein Freihandelsabkommen liegen brach. In ihrer gemeinsamen Erklärung vom 14. April 2015 sprechen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister Narandra Modi für eine Verstärkung der Anstrengungen hinsichtlich der Fortsetzung von Verhandlungen für den frühzeitigen Abschluss eines ehrgeizigen Abkommens aus. Im WTO-Rahmen stellte Indien sich Mitte 2014 lange Zeit gegen die Umsetzung des Bali-Kompromisses, insbesondere das Inkrafttreten des Abkommens über Handelserleichterungen.

Indien greift häufig auf Schutzmaßnahmen zurück, um die eigene Wirtschaft zu stützen. Neben der Regulierung und Überwachung von Auslandsinvestitionen sind dies vor allem Anti Dumping-Maßnahmen, Steuern und Zölle. Gleichzeitig bemüht sich die Regierung seit mehreren Jahren mit einer Vielzahl von Hilfsmaßnahmen die eigene Exportindustrie zu stärken.


Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, konjunkturelle Lage

Im Haushaltsjahr 2014/15 betrug das nominale Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich umgerechnet 1.747 Mrd. US-Dollar, das nominale BIP pro Kopf etwa 1.451 US-Dollar. Der Agrarsektor wuchs 2014/15 mit 1,1% (real) schwächer als im Vorjahr (3,7%). Der Abwärtstrend im Bereich der Wertschöpfung des Industriesektors hat sich umgekehrt; der Dienstleistungssektor wuchs 2014/15 signifikant um 10,6%.

Bei Industrie und Dienstleistungen dürften sich verschiedene Folgeeffekte der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise (z.B. schwache externe Nachfrage) nunmehr zunehmend abschwächen; national können die ungewöhnlich hohen Gewinnmargen der letzten Jahre jedoch ohne einen neuen Investitionszyklus nicht gehalten werden. Ohne Investitionen im großen Stil in beschäftigungsintensiven Branchen (wie z.B. Leder, Elektronik) wird sich Indien nicht aus Armut und Unterentwicklung befreien können. Indien setzt hierfür auf die Förderung des verarbeitenden Gewerbes („Make in India“).

Defizite im Infrastrukturbereich erschweren (weiterhin) die Wachstumsaussichten. Hier setzt die Regierung mit gigantischen Infrastrukturprojekten und Public-Private-Partnerships (PPP) an. Zwischen Delhi und Mumbai soll um eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke für Hochgeschwindigkeitsgüterzüge entstehen. Zusätzlich soll der „Delhi-Mumbai Industrial Corridor“, ein Verkehrs- und Industriekorridor mit modernen, ökologisch durchdachten Stadtansiedlungen („Smart Cities“) entstehen, der „Delhi-Mumbai Industrial Corridor“. Weitere „Korridore“ sollen von West nach Ost durch die Ganges-Ebene Delhi und Kalkutta sowie Mumbai mit den wirtschaftlichen Zentren Bangalore und Chennai im Süden verbinden.


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