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Stärkung von Gesundheitssystemen

Damit medizinische Hilfe gegen lebensbedrohliche Krankheiten wirksam greifen kann, müs­sen Symptome rechtzeitig diagnostiziert und professionell behandelt werden. Dazu bedarf es einer funktionierenden und flächendeckenden Gesundheitsversorgung, die auch ärmere Be­völ­ke­rungsgruppen erreicht. Nur unter diesen Voraussetzungen trägt eine Strategie zur Be­käm­pfung von weit verbreiteten Infektionskrankheiten wie HIV/AIDS, Tuberkulose und Malaria auch langfristig. Zudem soll durch allgemein zugängliche, qualitiativ hochwertige und fair finanzierte Gesundheitssysteme das Recht auf Gesundheit auch in Entwicklungs- und Schwellenländern gewährleistet werden.

Zwar haben die heutigen Möglichkeiten, Krankheiten vorzubeugen und zu heilen, durch die Fort­ent­wicklung von Technologien und Methoden ein noch nie erreichtes Ausmaß angenommen. Doch die­se Errungenschaften kommen insbesondere in ärmeren Ländern nur selten den am stärksten betroffenen Personen zu Gute. Die Gesundheitsversorgung erreicht oft nicht die ärmeren Bevölkerungsgruppen, die meist in ländlichen Gebieten und städtischen Elendsvierteln wohnen. Zudem sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Krankheitsfall jährlich über 150 Millionen Men­schen vom finan­ziellen Ruin bedroht, weil sie die Behandlungskosten nicht tra­gen können. Die meisten Gesund­heits­systeme in ärmeren Staaten leiden vor allem unter fehlenden finanziellen Mitteln, unter Managementdefiziten und dem Mangel an qualifizierten Fachkräften. Dadurch können viele Gesundheitsprobleme nicht langfristig gelöst werden. Vor diesem Hinter­grund hat sich die Weltgesundheitsversammlung der WHO 2009 zum Ziel gesetzt, Gesundheits­syste­me auf der Basis der primären Gesundheitsversorgung zu stärken.

Primäre Gesundheitsversorgung

Aufgrund der guten Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit mit dörflichen Gesundheits­diensten und -projekten, hatte die WHO mit dem Kin­derhilfswerk der Vereinten Nationen (UNI­CEF) 1978 eine Konferenz in Alma Ata organisiert, um ein Konzept zur funktionierenden und flä­chen­deckenden Gesundheitsversorgung zu beschlie­ßen. Die Erklärung von Alma Ata proklamierte das Konzept der primären Gesundheitsversor­gung, wonach alle Menschen – den jeweiligen Lebens­umständen entsprechend – gleichberechtigten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben sollen, die sich die­se auch leisten können. Grundlage sollen praktische, wissenschaftlich fundierte und gesellschaft­lich akzeptable Methoden und Technologien sein. Der Mensch soll im Zentrum der Ge­sund­heits­ver­sorgung stehen. Damit wurde erstmals international anerkannt, dass eine Verbesserung der Gesundheit nicht allein durch medizinische Maßnahmen erreicht werden kann. Die primäre Gesundheitsversorgung beschränkt sich also nicht allein auf medizinische Maßnahmen wie die Behandlung und die medikamentöse Ver­hütung von Krankheiten, sondern umfasst auch Maßnahmen zur Verbesserung der sozio-ökonomischen Bedingungen, die indirekt zu einer besseren Ge­sund­heitssituation führen: Armutsbekämpfung, Bildung, Ernährungssicherung und Wasserversorgung.

Die WHO hat in ihrem Weltgesundheitsbericht 2008 das Basisgesundheitskonzept fortgeschrieben. Nun sieht der Handlungsrahmen zusätzlich vor, die Gesundheitsversorgung gerecht zu gestalten, nachhaltige Systeme der Gesundheitsfinanzierung zu schaffen, gute Regierungsführung zu fördern sowie politische Dialoge mit allen Akteuren zu führen, was die Beteiligung ins­besondere auch der Zivilgesellschaft umfasst.

Deutschlands Engagement

Die Bundesregierung berät im Rahmen der bilate­ra­len Entwicklungszusammenarbeit in einer Vielzahl von Projekten dabei, die Reformen von Gesundheitssystemen umzusetzen. So werden Partnerländer dabei unterstützt, gesundheitspolitische Strategien zu entwickeln, Personalenwicklungs- und Aufbaupläne im Gesundheitsbereich voranzutreiben, die Management-, Verwaltungs- und Planungsfähigkeit von Gesundheitsfachkräften zu stärken, die Bevölkerung in gesundheits- und sozialpolitische Entscheidungen einzubeziehen, und die Verantwortung stärker auf die Ebene von Provinzen, Gemeinden oder gar Famlien zu verlagern.

Aufgrund seiner Tradition in den Bereichen Sozialversicherungs- und Umvertei­lungs­systeme kann Deutsch­land besonders auch beim Aufbau von sozialen Sicherungssystemen beraten. In über 30 Entwicklungs- und Schwellenländern hilft Deutschland bei der Ein­führung sozialer oder gemeindebasierter Krankenversicherungssysteme. Im November 2010 wird in Berlin der Weltgesundheitsreport 2010 in Anwesenheit von WHO-Generaldirektorin Margaret Chan vorgestellt werden, der sich mit der Finanzierung von Gesundheitssystemen befasst.

In Heiligendamm hat Deutsch­land 2007 gemeinsam mit Frank­reich sowie WHO und ILO die Initiative „Providing for Health (P4H)“ in den G8-Prozess eingebracht. Die Initiative will so­ziale Siche­rungs­kon­zepte in be­stehen­den Gesundheitsprogrammen ärmerer Staaten verankern. Individu­el­le Direkt­zah­lungen sollen im Krankheitsfalle reduziert werden und Gesundheits­lei­stun­gen für är­mere Bevöl­ke­rungs­gruppen zu­gänglich werden. Im Juni 2009 unterzeichneten die P4H-Partner mit Kambod­scha eine Ab­sichts­erklärung, in dem sie sich verpflichteten, ihre Ak­ti­vi­tä­ten im Bereich der sozialen Absicherung im Krankheitsfall zu koordinieren, wobei ein Schwerpunkt in der Stärkung der Kapazitäten lokaler Institutionen liegen soll.


Stand 16.09.2010