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Wirtschaft
Stand: März 2012
Wirtschaftslage und -struktur
Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas, nach Südafrika mit Abstand die zweitgrößte Volkswirtschaft südlich der Sahara, verfügt über sehr große Öl- und Gasvorkommen, und konnte in den letzten Jahren auch dank verschiedener Reformen durchweg ein hohes einstelliges Gesamtwirtschaftswachstum verzeichnen.
Weiterhin gelten allerdings folgende Herausforderungen:
- Die weitgehende Abhängigkeit von Öleinnahmen (über 90 Prozent der Exporterlöse; 80 Prozent der staatlichen Einnahmen und etwa 20% des BIP) besteht fort.
- Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt weiterhin in extremer Armut (weniger als 1 US-Dollar pro Tag). Die Arbeitslosigkeit, vor allem in der jungen Bevölkerung, ist hoch.
- Die Lage im Nigerdelta ist derzeit relativ stabil; die Bedrohung der dort angesiedelten Öl- und Gasförderung durch militante Gruppen bleibt aber ein Risiko.
- Die Infrastruktur, vor allem im Bereich Stromversorgung und Transport, ist weiterhin mangelhaft und gilt als Haupthinderungsgrund für die wirtschaftliche Entwicklung.
Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre war neben den Banken-, Telekommunikations- und Agrarsektoren auch auf die hohen Öleinnahmen zurückzuführen. Die Regierung legt Mehreinnahmen aus dem Ölexport auf ein Sonderkonto der Zentralbank fest, um damit eine stabilere Fiskalpolitik zu erzielen, einen Inflationsschub zu verhindern und Reserven für schlechtere Zeiten anzulegen. So konnten die Auswirkungen der globalen Finanzkrise erfolgreich abgefedert werden. Im Mai 2011 hat die Regierung für die Öleinnahmen einen "Sovereign Wealth Fund" geschaffen, der die Mittel transparent und effizient verwalten soll.
Die Regierung Nigerias hat den Kampf gegen Korruption zu einem Ziel ihrer Wirtschaftspolitik erklärt. Durch die Einführung eines geordneten Verfahrens bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und die Schaffung größerer Transparenz bei den Einnahmen im Öl- und Gasgeschäft hat sie wichtige Schritte zu diesem Ziel eingeleitet. Eine weitere wichtige Maßnahme war die Einrichtung einer Economic and Financial Crimes Commission (EFCC) zur Bekämpfung von Korruption und Wirtschaftsverbrechen. Als Ergebnis der Bemühungen der EFCC wurde Nigeria 2006 aus der von der Financial Action Task Force der G8 geführten Liste der bei der Bekämpfung von Geldwäsche „nicht-kooperierenden Staaten“ gestrichen.
Im Januar 2006 erhielt Nigeria sein erstes Rating von Fitch und Standard & Poor’s: BB-. Seit Ende 2011 ist das Rating von Standard & Poor's B+/B.
Haushalts- und Währungspolitik
Nigeria war trotz seiner Öleinnahmen über Jahrzehnte ein hochverschuldetes Land. Dies änderte sich, als im Frühjahr 2005 mit dem „Pariser Club“ der internationalen Gläubiger ein Schuldenerlass von rund 60 Prozent der 30 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden ausgehandelt werden konnte.
Nigerias externe Staatsverschuldung ist seitdem gering (Ende Dezember 2011 nur noch etwa 5,6 Milliarden US-Dollar). Die Bundesregierung Nigerias hat in den letzten Jahren solide Haushaltsfinanzierungen realisiert. Die Abhängigkeit von den Öleinnahmen bleibt aber hoch.
Die Arbeit der Zentralbank (CBN) hat sich stark verbessert und ist ein bedeutendes Element des Reformprozesses. Die CBN hat unter anderem die Konsolidierung des Bankensektors geleitet, die Ende 2005 vollzogen wurde. Seitdem gibt es nur noch 24 Banken, von denen viele in den vergangenen Jahren ein rasantes Wachstum zeigten und Nigeria nach Südafrika zum zweitwichtigsten Finanzplatz Subsahara-Afrikas machten.
Die Zentralbank griff 2009 auch massiv ein, als der Bankensektor in Folge der internationalen Krise in Schwierigkeiten geriet. Bisher gelang es trotz erheblicher fauler Kredite – vor allem aus Inlandsgeschäften – bei einzelnen Instituten einen Bankenzusammenbruch zu vermeiden. Die Regierung hat im Juli 2010 eine "Bad Bank" eingerichtet, die den Banken ihre faulen Kredite abnimmt und diese dadurch entlasten soll.
Die Zentralbank hält den Dollar-Wechselkurz des Naira bei 155:1. Schwankungen um 3 Prozent nach oben oder unten sind erlaubt. Damit soll die makroökonomische Stabilität erhöht werden. Durch die hohe Nachfrage nach Dollar muss die Zentralbank daher immer wieder am Devisenmarkt intervenieren. Für einen Euro erhält man derzeit etwa 207,2 Naira (Durchschnitt Jan.-März 2012).
Dank der hohen Rohölpreise der letzten Jahre sind auch die Devisenreserven deutlich gestiegen und beliefen sich zwischenzeitlich (Stand Ende 2008) auf rund 50 Milliarden US-Dollar (im Vergleich Mai 1999: 5 Milliarden). Aufgrund der Wirtschaftskrise sanken die Reserven seit 2009 wieder auf derzeit 35 Milliarden US-Dollar (Stand: Februar 2012).
Wichtigste Wirtschaftszweige
Die Ölproduktion ist und bleibt der wichtigste Wirtschaftszweig Nigerias und macht rund 20 Prozent des BIP aus. Die tägliche Fördermenge lag Ende 2008 aufgrund der Unruhen im Nigerdelta trotz einer vorhandenen Produktionskapazität von 3 Millionen Fass pro Tag bei 2,1 Millionen Fass pro Tag. 2009 sank die Produktion zeitweise sogar auf rund 1,4 Millionen Fass proTag. Nach der Amnestie für die Militanten im Nigerdelta im Oktober 2009 erholte sich die Förderung wieder und stieg auf derzeit über 2,0 Millionen Fass pro Tag.
Die Regierung beabsichtigt, die seit 40 Jahren bestehende Praxis der Abfackelung des bei der Ölförderung anfallenden Erdgases zu beenden, die ursprüngliche Frist (Ende 2008) konnte aber nicht umgesetzt werden. Es ist eine erhebliche Ausweitung der Förderung von Gas und seiner Umwandlung zu Flüssiggas geplant. Eine Westafrika-Pipeline nach Ghana wurde gebaut, die den westafrikanischen Markt für nigerianisches Erdgas erschließen soll. Des Weiteren ist eine Trans-Sahara-Pipeline über Niger nach Algerien geplant, um den europäischen Markt zu versorgen. Die Gaswirtschaft ist dabei, sich zu einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige in Nigeria zu entwickeln.
Der Reichtum Nigerias ist das Öl, doch über 60 Prozent der Nigerianer sind in der Landwirtschaft beschäftigt. In ländlichen Gegenden beträgt der Anteil über 90 Prozent. Über 95 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion kommt von kleinen Anbauflächen – in der Regel in Subsistenzwirtschaft – mit Größen von einem bis 5 Hektar. Der Agrarsektor macht über 40 Prozent des BIP aus. Das Wachstum des Sektors war in den letzten Jahren mit 7-8 Prozent überdurchschnittlich. Nigeria ist Afrikas größter Yam- und Augenbohnenproduzent und der weltweit größte Maniok (Kassava) Produzent. Nigeria ist mittlerweile viertgrößter Kakaoproduzent (Tendenz steigend) und auch die Maisproduktion wurde – durch Einwirken der Regierung - kräftig ausgeweitet.
Die Konsolidierung des Bankensektors ist das herausragende Beispiel für die Erfolge der Reformpolitik der letzten Jahre, auch während der globalen Finanzkrise. Der Sektor ist einer der Wachstumsmotoren der nigerianischen Wirtschaft.
Der Telekommunikationssektor ist der zweite Sektor, in dem die Reformpolitik zu raschen Erfolg geführt hat. Nigeria verfügt über rund 70 Millionen Telefonanschlüsse, fast ausschließlich Mobiltelefone. Mehrere private Anbieter teilen sich mit dem ehemaligen Staatsunternehmen Nitel den Markt.
Als hoffnungsvolle Wachstumsmotoren mit zum Teil zweistelligen Zuwachsraten gelten IT, Bauwesen, Einzel- und Großhandel sowie die Unterhaltungsindustrie.
Außenwirtschaft
Da Nigeria in erster Linie Rohöl exportiert, ist die Handelsbilanz stark von der Entwicklung des Ölpreises abhängig.
Zu den wichtigsten Handelspartnern zählen die USA, Indien, die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (vor allem Großbritannien, Frankreich, Spanien, Deutschland), Brasilien, Südafrika und China. China war 2010 erneut an der Spitze der Herkunftsländer von Importen nach Nigeria, bei den Exporten sind die USA wichtigstes Zielland. Die USA sind mit der Hälfte der Ölexporte der größte Abnehmner nigerianischen Erdöls.
2008 erreichte das deutsch-nigerianische Handelsvolumen mit 3 Milliarden Euro zunächst einen Höhepunkt, ging dann aber im Zuge der globalen Wirtschaftskrise und des niedrigeren Ölpreises stark zurück. Die Exporte nach Nigeria sanken 2009 um knapp 15 Prozent auf ca. 1 Milliarde Euro, die Importe nach Deutschland um 34 Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Inzwischen hat sich der Handel wieder erholt. 2011 wurde mit insgesamt 4,7 Mrd. Euro ein neuer Rekord erreicht. Wesentliche Ursache war der gestiegene Ölpreis. Nigeria lieferte Waren im Wert von 3,4 Mrd. Euro (95% Öl) nach Deutschland (+70%), die deutschen Ausfuhren nach Nigeria stiegen im Gegenzug auf 1,3 Mrd. Euro (+18%).
Die wichtigsten deutschen Ausfuhrgüter nach Nigeria sind Maschinen, Fahrzeuge, chemische und elektrotechnische Produkte.
Deutschland stand 2010an an neunter Stelle der Zielländer der nigerianischen Exporte, bei den Ursprungsländern der Importe an zehnter Stelle. Im deutschen Außenhandel liegt Nigeria bei den Ausfuhren an 62., bei den Einfuhren an 39. Stelle (2011).
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.
