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Mit deutscher Hilfe gegen die Sprengfallen des IS

Die Sprengfallen, die der "Islamische Staat" (IS) hinterlassen hat, können überall versteckt sein: im Kühlschrank, unter einem Bündel Kleider, am Lichtschalter, unter einer Türschwelle oder in einem Spielzeug. Kehrt eine vor dem IS geflohene Familie nach der Befreiung in ihr Haus zurück, muss sie damit rechnen, dass schon das Aufziehen einer Schublade eine Explosion auslösen kann. Nicht besser sieht es draußen aus: Was nur ein leerer Wasserkanister im Hof zu sein scheint, den jemand achtlos liegen gelassen hat, ist womöglich eine Sprengfalle. Alte Fässer, ein Teekessel, umgedrehte Schüsseln, ein abgefallener Auspuff ­ – alles ist erst einmal verdächtig und gefährlich.

Die Erfahrungen in den westirakischen Städten Falludscha und vor allem Ramadi, aus denen der IS im vergangenen Jahr vertrieben wurde, haben gezeigt: ein solches Ausmaß an Sprengfallen und Minen wie durch den IS hat es noch nirgendwo gegeben. Oft waren viele Sprengstoffe nah beieinander platziert, so dass dann, wenn sich jemand verletzte und Helfer herbeieilten, weitere Sprengsätze ausgelöst wurden. Deshalb sind nicht nur über 100 Zivilisten, sondern auch ungewöhnlich viele Spezialisten vor und bei der Räumung ums Leben gekommen.

In der nordirakischen Stadt Mossul wird für den Westen der Stadt mit einem ähnlichen Szenario gerechnet. Dort hat sich der IS verschanzt, es ist die letzte Hochburg der Terrormiliz in Irak. Um jedes Haus und jeden Hinterhof wird gekämpft. Wenn es der irakischen Armee mithilfe ihrer Verbündeten gelungen ist, auch West-Mossul zurückzuerobern, können zunächst weder Familien zurückkehren, noch internationale Hilfe geleistet und die Lage stabilisiert werden. Erst einmal müssen die Stadtviertel den Sprengstoffräumern überlassen werden – eine Aufgabe, für die das Auswärtige Amt im Jahr 2016 rund 15 Millionen Euro und in diesem Jahr 7 Millionen Euro allein für Irak bereitgestellt hat.

Sprengstoffräumung als Basis für Stabilisierung

Erfahrungen aus Falludscha und Ramadi: Ausmaß an Sprengfallen, die durch den IS gestellt wurden, ist enorm. (für Vollbild klicken)

Erfahrungen aus Falludscha und Ramadi: Ausmaß an Sprengfallen, die durch den IS gestellt wurden, ist enorm. (für Vollbild klicken)
© AA

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Erfahrungen aus Falludscha und Ramadi: Ausmaß an Sprengfallen, die durch den IS gestellt wurden, ist enorm. (für Vollbild klicken)

Erfahrungen aus Falludscha und Ramadi: Ausmaß an Sprengfallen, die durch den IS gestellt wurden, ist enorm.

Erfahrungen aus Falludscha und Ramadi: Ausmaß an Sprengfallen, die durch den IS gestellt wurden, ist enorm. (für Vollbild klicken)

Die Sprengfallenräumung ist mehr als nur ein Akt der Humanität. Sie ist die Basis für Stabilisierung und einen politischen Prozess, der Frieden bringen soll. "Es muss vom ersten Augenblick an für die Bevölkerung spürbar sein, dass sich die Vertreibung des IS für sie gelohnt hat", sagt Rüdiger König, Leiter der Abteilung für Krisenprävention, Stabilisierung, Konfliktnachsorge und humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt, die die Sprengfallenräumung finanziert. Stabilisierung verfolgt deshalb, anders als die Entwicklungszusammenarbeit, keine nachhaltigen Entwicklungsziele, sondern eine schnelle Friedensdividende. "Wir möchten damit ein politisches Ziel erreichen: die Stärkung der irakischen Regierung."

Eine schnelle Friedensdividende bedeutet im Fall Mossul: so bald wie möglich muss vor allem die kritische Infrastruktur von Sprengfallen befreit sein und wieder funktionieren – Krankenhäuser, Wasser- und Stromversorgung, Schulen, Verwaltung. Hilfsorganisationen müssen sicher sein können, dass sie Notleidende gefahrlos erreichen und humanitär versorgen können.

"The-Day-After-People": Experten sind gefragt

Das Problem bei der aktuellen Sprengfallenräumung: der Bedarf an Experten ist bei dieser enormen Menge an Explosivstoffen größer als das Angebot der klassischen Anbieter, die humanitären Minenräumorganisationen. Außerdem agieren diese meist erst dann, wenn das betroffene Gebiet befriedet ist und man nicht mehr mit militärischen Akteuren kooperieren muss. Das ist unmittelbar nach der Rückeroberung vom IS nicht der Fall. Das Auswärtige Amt unterstützt deshalb zusammen mit anderen Geberstaaten und der UNO privatwirtschaftliche Anbieter, die auch unter schwierigen Bedingungen die sogenannten Improvised Explosive Devices (IEDs) räumen und lokale Kräfte ausbilden. Da sie die Ersten sind, die nach den Soldaten die befreiten Stadtteile betreten, nennen sie sich selbst auch gern "The-Day-After-People".

"Zu unserem Team gehören sehr erfahrene Experten, die schon überall auf der Welt gearbeitet haben", sagt der Leiter des Entschärfungsteams von Janus Global Operations, ein US-Unternehmen, das bereits in Ramadi und Falludscha im Einsatz war und jetzt in Mossul aktiv ist. "Jeder Einzelne von ihnen sagt, dass die Situation in Irak das Komplexeste ist, was sie je gesehen haben." Die Verteilung der Sprengfallen erwecke den Eindruck, dass nicht einzelne IS-Kämpfer hier und da Sprengsätze gebaut hätten, sondern dass diese Anweisungen von oben kamen. "Es hat offenbar fertige IEDs in großen Mengen gegeben, die dann nur noch irgendwo angebracht werden mussten", sagt David Johnson, Vize-Präsident für Strategische Entwicklung bei Janus. Die Sprengfallen würden nicht nur militärisch eingesetzt, sondern auch politisch. "Die Strategie dabei ist, den Menschen die Rückkehr zu erschweren und die Lage auch nach der Niederlage des IS zu destabilisieren."

Sprengfallenräumung macht Rückkehr möglich

Die Angst vor Sprengfallen verzögert den Wiederaufbau. Entscheidend für die Stabilisierung der Lage ist, dass die Sprengstoffräumung schnell geht. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Je länger es dauert, desto größer die Gefahr, dass Zivilisten, die beispielsweise nur mal schnell schauen wollen, ob ihr Haus noch steht, sich verheerende Verletzungen zufügen. Und ohne die Sprengfallenräumung kann nicht gesichert werden, dass die Bewohner der befreiten Stadt sich sicher fühlen und wieder dort leben wollen. Der Erfolg der Stabilisierung misst sich auch daran, wie viele Menschen nach einer Krise zurückkehren.

Zum Weiterlesen:

Deutsche Humanitäre Hilfe

Humanitäres Minen- und Kampfmittelräumen

Länderinformationen Irak


Stand 04.04.2017

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