Hauptinhalt

Brasilien

Wirtschaft

Stand: Februar 2014

Wirtschaftliche Lage

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rd. 2.260 Mrd. USD (2012) ist Brasilien – je nach Berechnungsgrundlage/Wechselkurs – die sechst- oder siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt ca. 11.500 USD. Die wirtschaftliche Struktur Brasiliens ist gekennzeichnet durch die Kernsektoren Dienstleistungen mit ca. 65%, Industrie mit 17% und Agrarwirtschaft mit ca. 6,7% BIP-Anteil („Agrarbusiness“/Produktion und Verarbeitung von Agrarrohstoffen insgesamt 25% des BIP).

Hohe Wachstumsraten und solider Beschäftigungszuwachs erhöhten bis vor wenigen Jahren signifikant das globale wirtschaftspolitische Interesse an Brasilien. Ein erheblicher Beschäftigungszuwachs war auf dem formellen Arbeitsmarkt (umfasst 50% der Beschäftigungsverhältnisse) mit 2.2 Mio. Personen und insgesamt niedriger Arbeitslosenquote von 6% (2012) zu verzeichnen  Dank der Explosion der weltweiten Rohstoffpreise, steigender Löhne und eines verbesserten Zugangs zu Verbraucherkrediten konnte das BIP kräftig expandieren; zwischen 2004 und 2011 lag das Wirtschaftswachstum im Schnitt bei 4,3%.

Seit 2012 hat sich das Wachstum der brasilianischen Wirtschaft  allerdings deutlich abgeschwächt. 2013 lag es bei rd. 2%. Mit über 200 Mio. Einwohnern bleibt der starke Binnenmarkt mit über 80% Anteil am BIP der Haupt-Konjunkturmotor. Die Außenwirtschaft spielt mit  rd. 20%-Anteil am BIP eine vergeichsweise geringe Rolle. Auch 2013 ist die Landwirtschaft mit rd. 7% weit überdruchschnittlich gewachsen. Das Wachstum der Industrie hingegen lag lediglich bei 1,3%. Für das mäßigere BIP-Wachstum dürften insbesondere der Rückgang der Rohstoffpreise, die Wettbewerbsfähigkeit, der bis vor kurzem noch deutlich überbewertete Real und die sehr niedrige Investitionsquote von nur 18% verantwortlich sein.

Die Handelsposition Brasiliens hat sich in den letzten Jahren verschechtert. Mit einem Handelsbilanzüberschuss von 2,5 Mrd. USD wurde 2013 das schlechteste Handelsbilanzergebnis seit 2001 erreicht. Das Handelsvolumen ist im Vergleich zu 2013 um 2,6% gestiegen; die Ausfuhren (rd. 242 Mrd. USD) sind trotz schwächerem Reals um 1% gesunken; die Einfuhren (rd. 239,6 Mrd. USD) um 6,5% gestiegen.

Größter Exportmarkt blieb mit einem Anteil von fast 20% die EU vor China mit 19%. Nach Asien insgesamt gingen über 32% aller Exporte. Weitere wichtige Exportländer sind Argentinien (8,1 %), die USA (10,3%) sowie die Region Lateinamerika/Karibik insgesamt. Der brasilianische Export ist weiterhin durch Rohstoffe dominiert. Zu den wichtigsten Ausfuhrerzeugnisse gehören Sojaprodukte, Fleisch, Zucker und Eisenerz. Rückgängig war 2013 vor allem der Export halbfertiger Industrieprodukte. Insgesamt ist der Rohstoffanteil am Export in den letzten Jahren auf über 60% weiter gestiegen. 2013 hat vor allem der Sojaexport wertmäßig stark zugenommen. Die meisten Importe (über 21%-Anteil) hat Brasilien 2013 wie im Vorjahr aus der EU bezogen, vor Lateinamerika und China. Hier dominieren industrielle Zwischengüter und Kapitalgüter.

Der bilaterale Handel zwischen Brasilien und Deutschland ist 2013 nach brasilianischen Angaben mit einem Handelsvolumen von rd. 21. Mrd. USD gegenüber dem Vorjahr nahezu unverändert geblieben.  Allerdings haben sich die Importe aus Deutschland um etwa 7% auf 15 Mrd. USD erhöht, während die Exporte nach Deutschland um rd. 10% auf 6,5 Mrd. USD zurückgegangen sind. Der negative Handelsbilanzsaldo für Brasilien lag bei 8,6 Mrd. USD (2012: - 6,9 Mrd. USD). An der Reihenfolge von Brasilien als 21. größter Handelspartner von Deutschland dürfte sich nichts Wesentliches geändert haben.  (Die offiziellen deutschen Zahlen liegen noch nicht vor.) Sie weichen in der Regel deutlich von den brasilianischen Zahlen ab  u.a. wegen des sog. „Rotterdam-Effekts“ (Einfuhr für D bestimmter Güter über einen NL-Hafen).

Die Hauptexportprodukte Brasiliens nach Deutschland sind  Eisenerz, Soja und Kaffee, Zivilflugzeuge, Kupfer und Rohöl. Zu den Hauptimportgütern aus Deutschland  zählen Autos, Autoteile und -zubehör, Chemie- und pharmazeutische Produkte sowie Maschinen.

Die Direktinvestitionen lagen 2013 bei 64 Mrd. USD und damit nur leicht unter denen im Vorjahr.

Wirtschaftspolitik

Brasilien wies in den vergangenen Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum und Stabilität inmitten einer kriselnden Weltwirtschaft auf. Im vergangenen Jahrzehnt konnten über 30 Mio. Brasilianer aus der Armut befreit und die Einkommensungleichheit – die nach wie vor sehr hoch ist – deutlich reduziert werden. Allerdings legt die nun seit zwei Jahren anhaltende schwächere Entwicklung der Wirtschaftszahlen ein Umlenken in der Wirtschaftspolitik nahe. Das konsumorientierte BIP-Wachstum, das vor allem vom Konsum privater Haushalte sowie einem ausgabefreudigen Staat getragen wurde, stößt zunehmend an seine Grenzen. Ohne eine Erhöhung der niedrigen Investitionsquote und einer Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, dürfte es Brasilien in den kommenden Jahren schwer haben, sein Potential auszuschöpfen. Für eine nachhaltige Steigerung der Investitionsquote ist die Vorhersehbarkeit in Bezug auf das wirtschaftspolitische Umfeld und ein gesteigertes Investorenvertrauen dringend notwendig. Mit 5,9% lag die Inflationsrate 2013 erneut deutlich über dem Zielwert von 4,5% der Zentralbank. Ende Februar hat die Zentralbank den Leitzins Selic erneut um 0,25% auf nun 10,75% angehoben. Der Realzins liegt damit bei über 4% und gehört zu den höchsten weltweit.

Durch die Erschließung der 2008 entdeckten umfangreichen Rohöl- und Erdgasvorkommen an der südöstl. Atlantikküste könnte Brasilien zu einem der wichtigsten Erdölproduzenten weltweit aufsteigen. Von den sportlichen Großereignissen, die FIFA- WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016, gingen wesentlich weniger Wachstumsimpulse aus, als erwartet. In der Wirtschaftspolitik werden vor allem der interventionistische Ansatz sowie die Sprunghaftigkeit und mangelnde Vorhersehbarkeit vieler Maßnahmen kritisiert. IWF und Weltbank empfehlen stärkere Spar und Investitionsanreize, eine Schwerunktsetzung im Bereich Ausbildung und den Verzicht auf weitere konsumorientierte Maßnahmen.

Zum Schutz der brasilianischen Industrie greift Brasilien auf steuerliche Maßnahmen zurück, die Einfluss auf den Handel haben, wie z.B. das Programm “Innovar-Auto”, das brasilianischen Herstellern im Kfz- und Teilebereich von bestimmten Steuern unter bestimmten Umständen ganz oder teilweise ausnimmt. Die Europäische Kommission hat Ende 2013 im Hinblick darauf um die Einleitung eines entsprechenden Verfahrens vor der WTO ersucht. Brasilien war 2013 das Land, das die meisten neuen Anti-Dumping-Verfahren eingeleitet hat. Das wichtigste wirtschaftspolitische Maßnahmenpaket stellt das Programm zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums  (PAC – Programa de Aceleração do Crescimento) dar. Das Gesamtvolumen des vor allem für Infrastrukturprojekte vorgesehenen PAC-Programms 1 beträgt über 1,1 Bio. Reais (ca. 380 Mrd. €). Ein Großteil der Investitionen soll durch öffentliche und private Unternehmen erfolgen2010 wurde PAC 1 durch „PAC 2“ verlängert und noch einmal kräftig aufgestockt: Das Konjunkturprogramm für den Zeitraum 2011-2014 hat seinen Schwerpunkt in den Bereichen Energie, Infrastruktur und sozialem Städtebau. Es sieht ein Ausgabevolumen von 980 Mrd. R$ (ca. 400 Mrd. €) vor, den größten Teil davon im Energiebereich (465 Mrd. R$). Die Umsetzung der Programme bleibt hinter den Erwartungen zurück. Mitte 2012 hat die brasilianische Regierung ein weiteres Konjunkturpaket für die Sanierung der Infrastruktur im Bereich Schiene und Straße auf den Weg gebracht, welches von der Privatindustrie durch Konzessionen finanziert werden soll; der Umfang der Maßnahmen liegt bei ca. 52 Mrd. Euro. Auch hier hinkt die Umsetzung den Zielen weit hinter her. Beim geplanten Flughafenausbau sind hingegen positive Entwicklungen zu verzeichnen. Nachdem 2012 bereits drei Hauptflughäfen (Sao Paulo, Campinas, Brasilia) privatisiert wurden, konnte 2013 auch die zweite Privatisierungsphase (Rio de Janeiro, Belo Horizonte, Sao Paulo) erfolgreich abgeschlossen werden.

Ein besonderer Schwerpunkt der Außenwirtschaftspolitik Brasiliens bleiben der Mercosul und Südamerika insgesamt. Brasilien setzt sich für Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen Mercosul und der EU ein. Beim EU-Brasilien-Gipfel am 24.02.2014 einigte man sich darauf, zu gegebener Zeit Marktzugangsangebote auszutauschen.  Die jährlich stattfindenden Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage, das bedeutendste bilaterale Wirtschaftstreffen für Unternehmer aus beiden Ländern, verzeichnete 2013 mit über 2000 Teilnehmern einen Besucherrekord. Höhepunkt der Veranstaltung waren die Reden von Bundespräsident Joachim Gauck und Staatspräsidentin Dilma Rousseff. Parallel dazu fand traditionell die 40. Sitzung der Gemischten Wirtschaftskommission (Leitung auf Staatssekretär-Ebene, BMWi/bras. Außenministerium) statt. Die 32. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage werden am 1./2. September 2014 in Hamburg stattfinden.



Hinweis

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.