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Brasilien

Wirtschaft

Stand: September 2016

Wirtschaftliche Lage

Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 1.773 Mrd. USD (2015) ist Brasilien „nur noch“ die neuntgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt ca. 8.670USD. Die brasilianische Wirtschaft zeigt einen relativ hohen Grad an Diversifikation. Etwa 69% der Bruttowertschöpfung wird im Dienstleistungssektor erbracht, rund 25% in der Industrie und etwa 6% BIP-Anteil in der Landwirtschaft.

Hohe Wachstumsraten und solider Beschäftigungszuwachs erhöhten bis vor wenigen Jahren signifikant das globale wirtschaftspolitische Interesse an Brasilien. Ein erheblicher Beschäftigungszuwachs war auf dem formellen Arbeitsmarkt (umfasst 50% der Beschäftigungsverhältnisse) mit 2,2 Mio. Personen und insgesamt niedriger Arbeitslosenquote von 4,8% (2014) zu verzeichnen. Dank der Explosion der weltweiten Rohstoffpreise, steigender Löhne und eines verbesserten Zugangs zu Verbraucherkrediten konnte das BIP kräftig expandieren; zwischen 2004 und 2011 lag das Wirtschaftswachstum im Schnitt bei 4,9%.

Als sich vor wenigen Jahren jedoch das Ende des Wirtschaftsbooms angesichts sinkender Rohstoffpreise, steigender Verschuldung des Privatsektors und sehr niedriger Produktivität ankündigte, versuchte die Regierung, durch höhere Staatsausgaben und Subventionen das Wirtschaftswachstum künstlich hochzuhalten – mit dem Ergebnis eines dramatischen Haushaltslochs (Fiskaldefizit liegt bei ca. 10%) und eines zunehmend erodierenden Vertrauens von Unternehmern, Investoren und Konsumenten. Brasilien befindet sich nun in einer schweren Rezession.

Nachdem die brasilianische Wirtschaft 2014 nahezu ein Null-Wachstum (+0,1%) verzeichnete, sank das BIP 2015 um 3,8%. Für 2016 wird mit einem weiteren Rückgang der Wirtschaftsleistung von über  3% %gerechnet. Auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich in den letzten zwei Jahren deutlich verschlechtert.  Noch vor einem Jahr lag die Arbeitslosigkeit bei 8,6% und ist mittlerweile bei knapp 12%.  Mit über 200 Mio. Einwohnern bleibt der starke Binnenmarkt mit über 80% Anteil am BIP der Haupt-Konjunkturmotor. Die Außenwirtschaft spielt mit rund 20%-Anteil am BIP eine vergleichsweise geringe Rolle. Eine besonders große Herausforderung für das Wirtschaftswachstum stellt die – auch im internationalen Vergleich – sehr niedrige und weiter sinkende Investitionsquote von deutlich unter 20% des BIP dar.

Sorgenkind ist die Industrie. Ihre Produktion sinkt seit 2014. Die niedrige Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie ist insbesondere auf strukturelle Faktoren zurückzuführen, die in Folge der internationalen Wirtschaftslage verstärkt hervortreten.

Die Handelsposition Brasiliens hat sich in den letzten Jahren verschlechtert, nahm aber 2015 an neuem Schwung gegenüber 2014 auf, als die Handelsbilanz sogar erstmals seit über einer Dekade ein Defizit in Höhe von 4,05 Mrd. USD aufwies. 2015 hingegen hat Brasilien das beste Ergebnis seit 2011 mit einem Überschuss von 19,69 Mrd. USD verzeichnet. Das Handels-volumen ist jedoch zurückgegangen (im Vergleich zu 2013 um -5,7% und zu 2014 um rund -20%). Dabei sanken die Ausfuhren im Vergleich zu 2014 – trotz schwächeren Reals – um rund 14,1% (191,135 Mrd. USD), die Einfuhren um 24,3% (171,45 Mrd. USD).

Größter Exportmarkt ist China mit einem Anteil von 18,6%, vor der EU mit 17,8% und den USA mit 12,7%. Der brasilianische Export ist weiterhin durch Rohstoffe dominiert. Zu den wichtigsten Ausfuhrerzeugnissen gehören Sojaprodukte, Fleisch, Zucker und Eisenerz. Die meisten Importe (214%) hat Brasilien 2015 wie im Vorjahr aus der EU bezogen, vor China, den USA und Argentinien.

Brasilien konnte auch 2015 einen deutlichen Zustrom von Direktinvestitionen in Höhe von 75 Mrd. USD verzeichnen. Dieser Wert zeigt deutlich, dass Brasilien weiterhin ein attraktiver Standort für ausländische Investitionen ist. Auch dieses Jahr ist mit hohen Direktinvestitionen zu rechnen.


Wirtschaftspolitik

Durch die Erschließung der 2008 entdeckten umfangreichen Rohöl- und Erdgasvorkommen an der südöstlichen Atlantikküste könnte Brasilien zu einem der wichtigsten Erdölproduzenten weltweit aufsteigen, allerdings nur, wenn der Preis auf den Weltölmärkten wieder ansteigt. Der halbstaatliche Erdölkonzern Petrobras ist allerdings seit Jahren mit erheblichen Korruptionsvorwürfen konfrontiert, die seine Leistungsfähigkeit und potentielle Investitionsfähigkeit erheblich schwächen.

Vom großen Reichtum des Landes an diesen Rohstoffen und den sportlichen Großereignissen, wie der FIFA-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016, gingen bisher weniger Wachstumsimpulse aus als erwartet.

Die neue Regierung unter Präs. Temer stellte 2016 das neue Programa de Parcerias de Investimentos (PPI – Investitionsprogramm) vor, welches bis 2018 mittels Ausschreibungen eine Reihe von Privatisierungen und Konzessionsvorhaben in unterschiedlichen Bereichen vorsieht (bspw. Transport, Energieversorgung, Abwasser). Innerhalb von drei Jahren sollen ausländische Direktinvestitionen in Höhe von 70 Mrd. R$ zur Folge haben. Die Reaktionen des Privatsektor auf das angekündigte Programm sind grundsätzlich positiv; allerdings ist noch schwer einzuschätzen, wie groß das Interesse an den geplanten Maßnahmen tatsächlich sein wird, denn eine Konkretisierung der angekündigten neuen Regelungen und Finanzierungsstrukturen seitens der Regierung steht noch aus. Das Investitionsprogramm wird vom Präsidenten selbst als Vorsitzenden des Verwaltungsrates geleitet und vom Präsidialamt aus gesteuert.

Der Energiebereich kämpfte in der Vergangenheit mit ernsthaften strukturellen Problemen. Anhaltende Dürre, verbunden mit der Abhängigkeit von Wasserkraftwerken, führte zu einer sinkenden Erzeugungsleistung und höheren Preisen. Die Lage hat sich stabilisiert, was auch auf das sinkende Wirtschaftswachstum der letzten Jahre zurückzuführen ist. Die neue Regierung setzt beim Ausbau neuer Erzeugungskapazitäten weiterhin vorrangig auf erneuerbare Energien.

Zum Schutz der brasilianischen Industrie greift Brasilien auch auf steuerliche Maßnahmen zurück, die Einfluss auf den Handel haben, wie das Programm 'Inovar-Auto', das brasilianische Hersteller im Kfz- und Teilebereich von bestimmten Steuern unter bestimmten Umständen ganz oder teilweise ausnimmt. Daneben gibt es eine Vielzahl von Marktzugangshemmnissen, wie local-content-Regeln oder Besteuerung zum Schutz der heimischen Wirtschaft.

Ein besonderer Schwerpunkt der Außenwirtschaftspolitik Brasiliens bleiben der Mercosul und Südamerika insgesamt. Brasilien und Deutschland setzen sich für Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen Mercosul und der EU ein, welche in 2016 mit dem Austausch von Marktzugangsangeboten und der ersten Verhandlungsrunde seit 2012  neuen Schwung bekommen haben.


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