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Rückführung von Kulturgütern

Der Begriff

Kulturgüterrückführung ist letztlich nur ein anderer Ausdruck für Rückgabe von Kulturgütern. Er wird in erster Linie für die Rückgabe oder Wiedererlangung solcher Kulturgüter verwendet, die im Zweiten Weltkrieg widerrechtlich aus einem in ein anderes Land gelangt sind. In gemeinsamen Konsultationen mit Russland, der Ukraine, Polen und anderen Ländern bemüht sich die Bundesregierung darum, die Folgen des Krieges auch in diesem Bereich zu überwinden.

Der Begriff der Kulturgüterrückführung erfasst aber auch die Rückgabe sonst widerrechtlich ins Ausland gebrachter Kulturgüter (Antikenraub, Kunstschmuggel). Auch Rückgaben rechtmäßig erlangter Kulturgüter aus kulturpolitischen Erwägungen im Rahmen von Schenkungen an das ursprüngliche Herkunftsland können unter den Begriff der Kulturgüterrückführung gefasst werden.

Restitutionen und Rückführungen durch Deutschland

Dürer: Der heilige Johannes

Dürer: Der heilige Johannes
© dpa/ picture alliance

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Dürer: Der heilige Johannes

Dürer: Der heilige Johannes

Dürer: Der heilige Johannes

Deutsche Stellen haben während des Nationalsozialismus in den besetzten Ländern Kunstraub in großem Umfang verübt. Die Bundesregierung hat daher eine besondere Verantwortung für die Restitution widerrechtlich erlangter Kulturgüter.

Der überwiegende Teil der durch deutsche Stellen entwendeten oder widerrechtlich nach Deutschland verbrachten Kulturgüter wurde in der unmittelbaren Nachkriegszeit über alliierte Stellen (collecting points) zurückgeführt. Deshalb finden sich heute in Deutschland nur noch selten von deutscher Seite „erbeutete“ Kulturgüter. Wenn doch, werden sie grundsätzlich sofort zurückgegeben.

Verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter - NS-Raubkunst

Im Rahmen der Washingtoner Konferenz über Holocaust-Vermögen 1998 erklärten 44 Staaten, darunter Deutschland, in den „Grundsätzen in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden“ ihre Bereitschaft nach NS-verfolgunsbedingt entzogenen Kulturgüter zu suchen und diesbezüglich faire und gerechte Lösungen zu finden. Die Bundesregierung, die Länderregierungen und die kommunalen Spitzenverbände haben sich zu den Washingtoner Grundsätzen bekannt und sich verpflichtet, alle Museen und Sammlungen in ihrer Verantwortung auf Objekte unklarer oder zweifelhafter Provenienz zu untersuchen und diese gegebenenfalls zu restituieren, unabhängig von formalen Rechtspositionen wie Verjährung oder Auktionszuschlag. Mit der Neuauflage der „Handreichung zur Umsetzung der Gemeinsamen Erklärung“ vom Mai 2008 bekräftigt die Bundesrepublik ihr Bekenntnis zu diesen Grundsätzen.

Deutsche kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter ("Beutekunst")

Umgekehrt setzt sich die Bundesregierung für die Rückführung kriegsbedingt aus Deutschland verlagerter oder entwendeter Kulturgüter ein. Dies betrifft zum einen Kulturgüter, die zum Schutz vor Bombardierungen während des 2. Weltkriegs in Gebiete ausgelagert wurden, die nach Kriegsende anderen Staaten zufielen (Sowjetunion/Russland, Polen). Zum anderen handelt es sich um die Beschlagnahmeaktionen sowjetischer Stellen in ihrer Besatzungszone während und nach dem Krieg, die nicht vom Völkerrecht gedeckt sind („Beutekunst“). Nach Auflösung der Sowjetunion haben erfolgreiche Verhandlungen mit Nachfolgestaaten (Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Ukraine) stattgefunden. 1998 hat Armenien zunächst 575 deutsche Musikalien, Bücher und Archivalien zurückgegeben, darunter hoch bedeutende Einzelstücke. Im August 2000 wurden weitere 18.000 Bücher nach Deutschland zurückgeführt. Der aserbaidschanische Präsident Alijew hat Bundeskanzler Schröder 1999 zwei noch in Baku verwahrte Zeichnungen zurückgegeben.

Die Ukraine gab im November 2001 (offizielle Übergabe im Mai 2002) das Archiv der Sing-Akademie zu Berlin zurück, das unter anderem 400 Autographe und Drucke von Carl Philipp Emmanuel Bach enthält. Der ukrainische Staatspräsident Kutschma gab am 20. Februar 2004 142 wertvolle Kupferstiche des 17. und 18. Jahrhunderts aus den Beständen des Dresdner Kupferstichkabinetts zurück.

Am 25. Mai 2004 übergab der estnische Ministerpräsident Parts der Bremer Kunsthalle ihr seit 1945 verschollenes Dürer-Gemälde "der heilige Johannes".

Verhandlungen mit Russland und Polen

Auf der Grundlage des Völkerrechts und der in bilateralen Verträgen eingegangenen Verpflichtungen verhandelt die Bundesregierung vor allem mit Russland und Polen über die Rückkehr von Kulturgütern, die einen substantiellen Teil des deutschen Kulturerbes darstellen. Allein in Russland lagern noch rund eine Million Gegenstände der bildenden Kunst, 4,6 Millionen Bücher und drei Kilometer Archivalien. Hiervon gab Russland im Juni 2002 nach langen Verhandlungen 111 mittelalterliche Fensterfelder des Chores der St. Marienkirche zu Frankfurt an der Oder zurück. Die Gespräche und Verhandlungen gestalten sich nicht einfach. Die Rückführungsproblematik ist in den betreffenden Ländern durch vielschichtige innenpolitische Entwicklungen beeinflusst. Eine Lösung wird sich nur mit Beharrlichkeit im Rahmen einer konstruktiven Gesamtentwicklung der jeweiligen bilateralen Beziehungen finden lassen.

"Private Beute"

Auf dem internationalen Kunstmarkt tauchen immer wieder Gegenstände auf, die während und unmittelbar nach dem Krieg, meist als "Kriegssouvenir", mitunter aber auch als "private Beute" von Angehörigen der Streitkräfte, aus Deutschland verschwunden sind. Die Bundesregierung unterstützt die deutschen Eigentümer bei der Wiedererlangung dieser Objekte und setzt sich für die Unterbindung dieses Handels ein.

In den Vereinigten Staaten lassen sich durch gute Zusammenarbeit mit den Behörden immer wieder Kulturgüter wiedererlangen, die auf privaten Wegen in die USA gelangt sind. So zum Beispiel ein sehr wertvolles Christus-Porträt von Jacobo de Barbari, das 1945 am Auslagerungsort Schloss Schwarzburg durch einen US-Militärangehörigen entwendet wurde. Dank des Einsatzes der US-Zollfahndung gelang es, das Bild zu beschlagnahmen und an die Kunstsammlungen Weimar zurückzugeben.

1997 hat die amerikanische Zollfahndung in New York mehrere sehr wertvolle Altmeister-Zeichnungen beschlagnahmt, die aus einem Museum in Baku entwendet worden waren. Darunter befanden sich zwölf Zeichnungen aus der Bremer Kunsthalle (unter anderem von Rembrandt und Dürer), die bei Kriegsende von sowjetischen Truppen aus einem Ausweichlager entwendet wurden. Sie wurden im Juli 2001 an die Bremer Kunsthalle zurückgegeben.

2011 wird – ebenfalls Dank der Hilfe der amerikanischen Zollfahndung - die Nereide aus dem legendären Meissener Schwanenservice an Friedrich Leopold Graf von Brühl zurückgegeben. Sie wird künftig wieder in der Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu sehen sein. Die Nereide war nach dem Krieg verschollen und wurde 1956 vom Toledo Museum of Art, Ohio, im privaten Kunsthandel angekauft.


Stand 29.01.2014