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Türkei

Beziehungen zu Deutschland

Stand: Januar 2017

Der menschliche Faktor

Deutschland und die Türkei verbinden außerordentlich vielfältige und intensive Beziehungen, die Jahrhunderte zurückreichen.

Die fast 3 Millionen in Deutschland lebenden Menschen türkischer Herkunft, von denen etwas mehr als die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, sind ein bedeutender Faktor in den bilateralen Beziehungen. Hinzu kommt die starke Anziehungskraft der Türkei als Reise- und Urlaubsland (2015 über 5,5 Millionen Besucher aus Deutschland). Beide Faktoren tragen wesentlich zu dem Bild bei, das Deutsche und Türken voneinander haben.

Die türkischen Medien berichten breit über Deutschland, die Situation der dort lebenden türkischstämmigen Bevölkerung sowie die deutsche Haltung zu allen die Türkei betreffenden Themen. Die großen türkischen Tageszeitungen sind mit eigenen Sonderausgaben in Deutschland und Europa vertreten, zum Teil in beachtlicher Auflagenstärke. Seit zehn Jahren sendet bspw. der Kanal "Euro D" von Deutschland aus europaweit sein türkischsprachiges Programm. Inzwischen haben viele türkische Medien (Tageszeitungen und TV-Sender) gesonderte Ausgaben für die in Deutschland lebenden türkischsprachigen Menschen.

Türkische Verbände und Einzelpersonen türkischer Herkunft werden eng in Initiativen der Bundesregierung wie den Integrationsgipfel und die Islamkonferenz eingebunden. Zudem gibt es in Deutschland eine wachsende Zahl von Menschen mit türkischem Hintergrund, die mit ihrem kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Engagement auch Deutschland nachhaltig prägen. In der Türkei wird das von vielen als zusätzliches Band zwischen beiden Ländern wahrgenommen. Das Staatsangehörigkeitsgesetz von 1999 hat vielen Türken in Deutschland auch rechtlich neue Perspektiven eröffnet.

Der Status der langfristig in der Türkei lebenden Deutschen (nach Angaben der türkischen Regierung ca. 70.000) hat sich in den letzten Jahren weiter verbessert, ist aber noch nicht völlig befriedigend (Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis, Grunderwerb u.a.).


Politische Beziehungen

Deutschland genießt in der Türkei ein traditionell hohes Ansehen. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind grundsätzlich freundschaftlich, vielschichtig und belastbar. Dieses Fundament ermöglicht beiden Ländern eine konstruktive Zusammenarbeit auch in kontroversen Fragen, die zuletzt immer wieder Gegenstand bilateraler Diskussionen waren. Konsultationen und Gespräche finden regelmäßig zu einer großen Bandbreite politischer und anderer Themen statt.

Am 12. und 13. Mai 2013 wurde der Strategische Dialog auf Außenministerebene ins Leben gerufen, der die bisherigen intensiven Kontakte bündeln und auf eine neue Ebene heben soll. Gegenstand des deutsch-türkischen Strategischen Dialogs sind jährlich Treffen der Außenminister sowie die Einrichtung mehrerer Arbeitsgruppen auf hoher Beamtenebene zu Themen wie bilaterale Fragen, Sicherheitspolitik, Terrorismusbekämpfung, regionale Fragen und Europa. Im Januar 2015 einigten sich zudem Bundeskanzlerin Merkel und der damalige türkische Ministerpräsident Davutoğlu auf die Durchführung von bilateralen zweijährlichen Regierungskonsultationen ab 2016, die am 22. Januar 2016 erstmalig in Berlin stattfanden.

Unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft wurden 1999 die Weichen für den EU-Kandidatenstatus der Türkei gestellt. Deutschland hat ein besonderes Interesse an einer Vertiefung der gegenseitigen Beziehungen zur Türkei und an einer Anbindung des Landes an die Europäische Union. Deutschland unterstützt die 2005 aufgenommenen Beitrittsverhandlungen. Diese sind ein Prozess mit offenem Ende.

Ausdruck der intensiven bilateralen Beziehungen ist auch der rege hochrangige Besuchsaustausch. So hat Bundeskanzlerin Merkel die Türkei vom 22. bis 23. Mai 2016 besucht, der damalige türkische Ministerpräsident Davutoğlu war zu den bilateralen Regierungskonsultationen am 22. Januar 2016 in Deutschland. Im April 2014 fand ein offizieller Besuch Bundespräsident Gaucks in der Türkei statt. Auf Ebene der Außenminister finden im bilateralen oder im Rahmen von internationalen Konferenzen regelmäßige Kontakte statt. Zuletzt besuchte der damalige Außenminister Steinmeier die Türkei am 15.11.2016. Zahlreiche Bundes- und Landesminister sowie Parlamentarier besuchten zuletzt die Türkei.


Wirtschaftliche Beziehungen

Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei. Das bilaterale Handelsvolumen erreichte im Jahr 2015 mit 36,8 Mrd. Euro einen neuen Rekordwert. Die türkischen Exporte nach Deutschland erhöhten sich dabei im Vergleich zu 2014 um 8,4 Prozent auf 14,4 Mrd. Euro, während die Importe aus Deutschland sogar um 16 Prozent auf 22,4 Mrd. Euro anstiegen. Trotz der nachlassenden Dynamik der türkischen Wirtschaft ist das bilaterale Handelsvolumen auch von Januar – August 2016 um ca. 5 % gestiegen.

Mit einem kumulierten Investitionsvolumen von über 13,3 Mrd. Euro seit 1980 ist Deutschland nach den Niederlanden auch der größte ausländische Investor. Die Zahl deutscher Unternehmen bzw. türkischer Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in der Türkei ist inzwischen auf über 6.800 gestiegen. Die Betätigungsfelder reichen von der Industrieerzeugung und dem Vertrieb sämtlicher Produkte bis zu Dienstleistungsangeboten aller Art sowie der Führung von Einzel- und Großhandelsbetrieben. In Deutschland beschäftigen rund 96.000 türkischstämmige Unternehmer etwa 500.000 Mitarbeiter und erwirtschaften einen Jahresumsatz von ca. 50 Mrd. Euro.

Deutschland stand 2015 auch beim Fremdenverkehr in die Türkei an erster Stelle mit einem Anteil von ca. 15 % aller Touristen. Mit 5,5 Mio. Besuchern wurde ein neuer Rekordwert erreicht. Im Zuge des Abschwungs im türkischen Tourismussektor im Jahr 2016 mit einem Besucherrückgang von fast 25 % ist auch die Anzahl der Besucher aus Deutschland zurückgegangen.

Seit 1985 ist die deutsche Wirtschaft in der Türkei durch ein Delegiertenbüro des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) in Istanbul vertreten. Im Jahr 2004 wurde in Köln außerdem die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer gegründet. Seit 2012 hat sie ihren Hauptsitz in Berlin und ist mit einer Zweigstelle in Köln vertreten.

Zwischen Deutschland und der Türkei besteht bereits seit 1962 ein Investitionsschutzabkommen; das türkische Gesetz zur internationalen Schiedsgerichtsbarkeit trat im Juli 2001 in Kraft. Nach der Kündigung des bilateralen Doppelbesteuerungsabkommens von 1985 trat am 01.01.2011 rückwirkend ein neues in Kraft.

Im November 2012 vereinbarten der damalige Bundeswirtschaftsminister Rösler und der ehemalige türkische Energieminister Yildiz mit einer „Gemeinsamen Erklärung“ die Intensivierung der bilateralen Kooperation im Energiebereich. Mit dem „Deutsch-Türkischen Energieforum“ wurde eine neue Plattform für den Dialog zwischen Vertretern aus Politik und Wirtschaft beider Länder im Energiebereich und der Vereinbarung konkreter Kooperations- und Handlungsfelder geschaffen. Das erste Treffen auf Ministerebene in diesem Rahmen fand im April 2013 in Ankara statt. 

Daneben vereinbarten die Wirtschaftsministerien beider Länder die Gründung einer Wirtschafts- und Handelskommission, JETCO (Joint Economic and Trade Commission). Geplant ist die Schaffung einer branchenübergreifenden Plattform, mit einer jährlichen Sitzung unter Leitung beider Wirtschaftsminister.


Entwicklungszusammenarbeit, Umwelt, humanitäre Kooperation

Die im Jahr 1959 begonnene bilaterale Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ist 2008 formell ausgelaufen. Die EZ mit der Türkei hatte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem Erfolgsmodell entwickelt. Im Rahmen der finanziellen und technischen Zusammenarbeit wurden kumuliert über 4,5 Mrd. Euro in Form von Zuschüssen und konzessionären Krediten zugesagt. Insgesamt wurden damit mehr als 400 Projekte implementiert. Einige wenige Projekte dauern noch an.

Trotz des Auslaufens der klassischen EZ hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) punktuell an Kooperationen mit der Türkei bei innovativen und zukunftsfähigen Aspekten festgehalten. So hat die KfW-Entwicklungsbank im staatlichen Auftrag umfangreiche Förderkredite bereitgestellt, insbesondere in den Bereichen kommunale Infrastruktur, erneuerbare Energien und Energieeffizienz, Finanzsektorentwicklung und KMU-Förderung.

Aktuell unterstützt die Bundesregierung die Türkei bei der Bewältigung der Folgen der syrischen Flüchtlingskrise. Das Auswärtige Amt stellte 2016 insgesamt 56 Millionen Euro humanitäre Hilfe für die Versorgung syrischer Flüchtlinge in der Türkei zur Verfügung. Die Hilfe wurde insbesondere über Gutscheine zur Deckung der Grundbedürfnisse besonders vulnerabler Flüchtlinge in den Bereichen Ernährung, Unterkunft und Gesundheit bereitgestellt. Das BMZ förderte 2016 Projekte zugunsten von syrischen Flüchtlingen und den aufnehmenden Gemeinden in Höhe von fast 100 Millionen Euro. Ein besonderer Schwerpunkt sind Maßnahmen der schulischen und beruflichen Bildung sowie zur Schaffung von Arbeitsplätzen, die den in der Türkei lebenden Flüchtlingen Zukunftsperspektiven geben und die türkischen Aufnahmegemeinden entlasten sollen.

Seit 2007 tritt zudem als Kooperationspartner vermehrt das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) auf. Das BMUB unterstützt Umwelt- und Klimaprojekte in der Türkei mit Geldern aus dem Fonds „Internationale Klimaschutzinitiative (IKI)“, der sich aus der Versteigerung von Zertifikaten aus dem Europäischen Emissionshandel speist. Besonderen Stellenwert in diesem Kooperationsfeld nimmt der bilaterale Lenkungsausschuss Umwelt ein, der jährlich zwischen Vertretern beider Umweltministerien durchgeführt wird.

Im Jahr 2014 verlieht das deutsch-türkische Wissenschaftsjahr der bestehenden bilateralen Zusammenarbeit in den Bereichen Wissenschaft, Forschung, Technologie und Bildung zusätzliche Impulse und leistete Beiträge zur Erschließung neuer Kooperationsfelder und -modelle.


Kulturaustausch und Wissenschaftsbeziehungen

Herausragende Projekte mit der Türkei im Bereich unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik sind die Kulturakademie Tarabya, die Deutsch-Türkische Jugendbrücke, der Übersetzerpreis Tarabya und die Türkisch-Deutsche Universität. Die Kulturakademie Tarabya, die die Vernetzung deutscher und türkischer Kulturschaffender zum Ziel hat, wurde im Jahr 2011 in Anwesenheit beider Außenminister eröffnet und ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer weiteren Intensivierung der Kontakte zwischen den Menschen beider Länder. Seit September 2012 verbringen jährlich ca. 15 Stipendiatinnen und Stipendiaten mehrere Monate auf dem Gelände der historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Tarabya. Die Deutsch-Türkische Jugendbrücke (DTJB) wurde 2012 von der Stiftung Mercator mit dem Ziel gegründet, den bilateralen Jugendaustausch zu stärken. Bundeaußenminister Steinmeier nahm am 21.06.2014 an der offiziellen Auftaktveranstaltung der DTJB in Istanbul teil. Mit ihren Maßnahmen erreicht die DTJB jährlich ca. 1500 Jugendliche und leistet somit eine wichtigen Beitrag für den zivilgesellschaftlichen Austausch zwischen der Türkei und Deutschland.

Seit 2010 wird der deutsch-türkische Übersetzerpreis Tarabya vergeben. Der Preis wird alternierend für Übersetzungen ins Türkische bzw. Deutsche von hochrangigen Beamten beider Länder vergeben. Neben dem Auswärtigen Amt beteiligen sich das Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Türkei, das Goethe-Institut, das Yunus Emre Institut, die S. Fischer Stiftung und die Robert Bosch Stiftung an der Auslobung des Preises. Die letzte Preisverleihung (deutsch-türkisch) fand am 30. November 2015 im Yunus Emre Institut in Berlin statt.

Die Türkische-Deutsche Universität in Istanbul, deren Grundstein während des Staatsbesuchs von Bundespräsident Wulff am 22. Oktober 2010 gelegt wurde, hat zum Wintersemester 2013/14 den Lehrbetrieb aufgenommen und wurde im April 2014 durch die Staatspräsidenten beider Länder offiziell eröffnet. Auch finanziell wird sie von beiden Ländern getragen. Inzwischen sind 535 Studenten in 5 Bachelor- und 3 Masterstudiengängen eingeschrieben und die Einführung von 10 weiteren Studiengänge bis zum Jahr 2018 befindet sich in der Planung. Partner der Universität in Istanbul sind ein Konsortium aus 35 deutschen Hochschulen und der Deutsche Akademische Austauschdienst..

Das Fundament für die deutsch-türkische Hochschulzusammenarbeit wurde in den 1930er und 1940er Jahren durch Professoren gelegt, die vor dem nationalsozialistischen Regime in die Türkei geflüchtet waren. Deutschland genießt in der Türkei einen guten Ruf als Universitäts- und Forschungsstandort. Das Interesse an universitären Partnerschaften ebenso wie an Forschungskooperation ist groß. 2014/15 konnte daher ein gemeinsames Deutsch-Türkisches Wissenschaftsjahr begangen werden. Der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz verzeichnet aktuell 1200 Kooperationen (der Großteil davon Erasmusprogramme) zwischen deutschen und türkischen Hochschulen (Stand Mai 2016) mit steigender Tendenz.  Allgemein ist Deutschland das zweitbeliebteste Zielland für türkische Studenten und der Deutsche Akademische Austauschdienst konnte 2015 mehr als 3000 Personen für eine gegenseitige Mobilität fördern.

Als sichtbares Zeichen der Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei wurde im September 2006 die „Ernst-Reuter-Initiative für Dialog und Verständigung zwischen den Kulturen“ (ERI) ins Leben gerufen. Die Initiative umfasst zahlreiche Projekte in den Bereichen Kunst, Kultur und Medien, Jugend, Wissenschaft und Integration.

Die Zweigstellen des Goethe-Instituts in Ankara, Istanbul und Izmir bieten ein breites Spektrum an kulturellen Programmen und tragen so in allen Sparten zum interkulturellen Austausch bei, zunehmend auch mit Angeboten in der Fläche. Mit landesweiten Sprachkursen und Fortbildungsseminaren für türkische Deutschlehrer fördern sie Deutsch als Fremdsprache. Aufgrund der intensiven bilateralen Beziehungen ist die Türkei ein Schwerpunktland der Deutschförderung. Entsprechend wird die deutsche Sprache in der Türkei durch eine vergleichsweise starke Präsenz deutscher Mittler (Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, DAAD, Goethe-Institute), enge Kooperationen mit dem türkischen Erziehungsministerium, verschiedenen Hochschulen und lokalen Schulbehörden sowie durch eine Vielfalt von Fördermaßnahmen nachhaltig gefördert.

Das Orient-Institut in Istanbul, eine eigenständige Einrichtung der Max Weber Stiftung, forscht zur osmanischen Geschichte und zur türkischen Sprach- und Literaturwissenschaft.

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) ist bereits seit 1929 mit einer eigenen Abteilung in Istanbul vertreten und führt Forschungsprojekte von der Urgeschichte Kleinasiens bis zur osmanischen Epoche durch. Die von deutschen Archäologen durchgeführten Projekte hatten und haben für die archäologische Forschung in der Türkei eine herausragende Bedeutung. Unter anderem sind Forscher des DAI an den Plätzen Pergamon (Bergama) und Göbekli Tepe in Kooperation mit türkischen Kollegen tätig.

Im Jahr 2014 verlieh das deutsch-türkische Wissenschaftsjahr der bestehenden bilateralen Zusammenarbeit in den Bereichen Wissenschaft, Forschung, Technologie und Bildung zusätzliche Impulse und leistete Beiträge zur Erschließung neuer Kooperationsfelder und -modelle.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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