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Deutschland in Nahaufnahme

„Mir war es wichtig, dass ich mich bei meinem ersten Besuch in Deutschland mit dem Holocaust auseinandersetze und mir nicht nur die Schlösser und schönen Dinge im Land ansehe", so die 22jährige Charlotte, die zur Zeit mit einer Gruppe amerikanisch-jüdischer Studenten und Berufsanfänger neun Tage in Berlin verbringt.

Die jungen Leute sind im Rahmen des Projekts „Germany Close Up" gekommen, das seit 2007 über 700 amerikanisch-jüdische Studentinnen und Studenten nach Berlin und in andere deutsche Städte gebracht hat, um sich mit der deutschen Geschichte zu beschäftigen, aber auch das moderne Deutschland kennenzulernen. Die Vorbehalte gegenüber Deutschland sind in ihren jüdischen Gemeinden und Familien mitunter noch groß. Dennoch haben sich die Teilnehmer zu der Reise entschlossen. In Berlin machen sie sehr persönliche Erfahrungen mit der deutschen Vergangenheit und Gegenwart: „Weil ich etwas über die Vergangenheit Deutschlands erfahre, unterstützt auch meine Familie diese Reise", erzählt Charlotte.

Ein modernes Bild von Deutschland

Kuppeldach der Neuen Synagoge in Berlin

Neue Synagoge in Berlin
© picture-alliance/Arco Images

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Kuppeldach der Neuen Synagoge in Berlin

Kuppeldach der Neuen Synagoge in Berlin

Neue Synagoge in Berlin

Organisiert werden die Reisen von Germany Close Up, das unter der Trägerschaft der Stiftung Neue Synagoge – Centrum Judaicum arbeitet. Die Bundesregierung fördert das Projekt über das „Programm für Transatlantische Begegnung". Das Auswärtigen Amt leistet auch über seine Vertretungen in den USA Unterstützung bei der Durchführung.

Dr. Dagmar Pruin, die Leiterin von Germany Close Up, sieht großen Bedarf an der Vermittlung eines umfassenden Deutschlandbildes. Denn: „Das Wissen über Deutschland ist meist auf die Zeit der Shoah beschränkt und der Blick auf die deutsche Gegenwart von der Vergangenheit geformt", erläutert Pruin.

So berichten die Teilnehmer von unterschiedlichen Reaktionen, die sie im Vorfeld auf ihre Reisepläne erfahren haben. „Zuhause fanden es manche Leute großartig, dass ich nach Deutschland fahre. Andere reagierten ablehnend und meinten erschreckt 'Oh, Deutschland' ", sagt Chanelle aus Los Angeles.

Deutsch kann auch weich klingen


Für die meisten Teilnehmer ist es das erste Mal, dass sie deutschen Boden betreten haben. Die ganze Zeit Deutsch um sich herum zu hören, habe ihn am Anfang etwas nervös gemacht, erzählt Ari aus Philadelphia. Er spricht von einem inneren Konflikt. Zwar ist der Holocaust schon fast 70 Jahre her, aber es sei „immer noch die gleiche Sprache", sagt er. Chanelle hat es überrascht, wie weich die deutsche Sprache klingen könne. Bisher hätte sie nur NS-Offiziere in Filmen Deutsch reden hören. „Das klingt dann immer wie ein Brüllen", sagt sie.

Im Programm von Germany Close Up ist vorgesehen, dass sich die Gruppe der Reihe nach mit der deutschen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beschäftigt. Am ersten Tag führte Pruin die Besuchergruppe unter der Überschrift „Misstraut den Grünanlagen" zu Stationen jüdischen Lebens in Berlin-Mitte, etwa dem 1943 von der Gestapo zerstörten jüdischen Friedhof. Im Zentrum der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit steht der Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Dies sei ein schwieriger, aber wichtiger Baustein im Programm von Germany Close Up, erklärt Pruin.

„Visualisierung der Erzählungen"


Bei dem Besuch in Sachsenhausen machten die Teilnehmer mitunter tiefgreifende, persönliche Erfahrungen. „Als ich vor dem Tor des Konzentrationslagers stand, visualisierten sich plötzlich alle Erzählungen meiner Großmutter", berichtet der 20jährige Jeremy, „auch sie hat einst vor diesem Tor gestanden." Seine Großmutter wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nazis nach Sachsenhausen deportiert, überlebte die Zeit im Konzentrationslager aber. Den Ort zu sehen, über den Jeremy schon so viel gehört hatte, hat ihn tief beeindruckt.

Die Auseinandersetzung mit Deutschland erfolgt auch anhand aktueller politischer Themen. So gehören Diskussionen mit Bundestagsabgeordneten und im Auswärtigen Amt ebenso zum Programm wie der Austausch mit deutschen Gleichaltrigen.

Was diese bewegt, erfuhren Jeremy und seine Mitreisenden bei einem Abendessen mit deutschen Studenten in Kreuzberg. Ari findet diesen Austausch besonders wertvoll: „Ich bin beeindruckt, wie die deutsche Gesellschaft ihre Vergangenheit in Form von zahlreichen Gedenkstätten und Museen verarbeitet. Das Zusammentreffen mit deutschen Jugendlichen ist aber besonders wichtig. Erst dann weiß man, wie die Menschen wirklich denken."

Während die Teilnehmer ihre letzten Tage in der Hauptstadt genießen, arbeiten Dagmar Pruin und ihr Team bereits an dem Programm für die nächste Gruppe. Meist wird dabei mit einem Kooperationspartner, wie in diesem Sommer das American Jewish Committe zusammengearbeitet. Drei weitere Gruppen werden in diesem Jahr noch erwartet, ihr Programm intensiv vorbereitet. Schließlich sollen auch sie Deutschland „close up" erleben.

Zur Website von Germany Close Up


Stand 05.08.2011