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Tunesien

Wirtschaft

Stand: September 2015

Wirtschaftsstruktur

Tunesien verfügt über eine moderne Wirtschaftsstruktur auf marktwirtschaftlicher Basis sowie wichtige Standortvorteile: Ein hoher Industrialisierungsgrad, gute Infrastruktur, Nähe zu Europa sowie qualifizierte Arbeitskräfte und Steuervorteile für Exportbetriebe ("Offshore-Sektor"). Bis Ende 2014 wurden diese Vorteile allerdings überschattet durch die Unwägbarkeiten der politischen Transformation, die einhergingen mit einer deutlichen Verschlechterung der makroökonomischen Parameter. Den größten Anteil am Bruttoinlandsprodukt erwirtschaftet der Dienstleistungssektor (ca. 50 Prozent aller Erwerbstätigen), gefolgt von der Industrie (32 Prozent) und der Landwirtschaft(ca. 25 Prozent). Das Land hat sich durch die Förderung des privaten Sektors und die Integration in die Weltwirtschaft eine gute Position in der Region erarbeitet. Die wirtschaftliche Öffnung hat Tunesien ein solides Wachstum und hohe Direktinvestitionen aus dem Ausland beschert. Die 1995 erfolgte Assoziation mit der EU war ein wichtiger Meilenstein im Aufstieg des Landes in den Kreis der Industrieländer. Am 19. November 2012 wurde Tunesien der Status einer "Privilegierten Partnerschaft" mit der EU gewährt. Ziel der neuen Verhandlungen ist der Abschluss eines vollständigen Freihandelsabkommens mit der EU (ALECA).

Die größten Herausforderungen liegen in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Beschäftigungsförderung, der Verbesserung der arbeitsmarktorientierten Aus- und Fortbildung, sowie der Erhöhung des Investitionsniveaus im privaten und öffentlichen Sektor. Zudem sind Strukturreformen nötig, um insbesondere im Bankensektor das nötige Kapital für junge Unternehmen zur Verfügung zu stellen sowie überschuldete Staatsbetriebe zu sanieren. Die Arbeitslosigkeit wird offiziell mit 15,2 Prozent (August 2015) angegeben, wobei junge Menschen, Frauen, Akademiker und die benachteiligten Regionen im Binnenland überproportional betroffen sind. Um regionalen Ungleichheiten zu begegnen, hat Tunesien ein ambitioniertes Programm zur Regionalentwicklung vorgelegt. Durch die Konzentration auf spezifische Sektoren und die Verbesserung der Infrastruktur und Vernetzung sollen private Investitionen in allen Regionen gefördert werden.

Tunesien ist ein relativ rohstoffarmes Land, verfügt jedoch über eigene Vorkommen von Öl und Gas, die eine gewisse Eigenversorgung (gegenwärtig zu 40 Prozent, mit sinkender Tendenz) gewährleisten. Tunesien ist weltweit viertgrößter Produzent von Phosphaten und der drittgrößte Olivenöl-Exporteur.

Das Investitionsklima in Tunesien ist grundsätzlich gut, litt bis 2014 jedoch an der Unsicherheit der politischen Entwicklung. Nach der weiteren Konsolidierung der politischen Verhältnisse durch die Annahme der neuen Verfassung und der reibungslosen Durchführung der Parlamentswahlen Ende Oktober 2014 konnte im ersten Halbjahr 2015 ein Anstieg der ausländischen Investitionen um 60 Prozent verzeichnet werden. Ein neues Investitionsgesetz ist in Vorbereitung. Ausländische Investoren schätzen die geographische Nähe zu Europa, die relativ hohe Produktivität und die gut ausgebaute Infrastruktur. Ungewiss ist bislang die Auswirkung der jüngsten Terroranschläge auf das Investitionsklima.


Tourismus

Tunesien ist ein beliebtes Reiseziel und die Tourismusbranche von großer Bedeutung für die tunesische Wirtschaft. Der BIP-Anteil der Branche liegt bei 6,5 Prozent, der Tourismus schafft ca. 400.000 Arbeitsplätze. Nach einem deutlichen Einbruch infolge der Revolution konnte 2014 eine Zahl von 420.000 deutschen Besuchern erreicht werden. Bisher stellte Deutschland 15 Prozent der Touristen, nach Frankreich (26 Prozent) und nach Besuchern aus den Nachbarländern Algerien und Libyen. Im Zuge der weltweiten Diversifizierung gewinnen zunehmend Besucher aus anderen Regionen (insbesondere Russland und Osteuropa, aber auch Maghrebländer) für Tunesien an Bedeutung. Tunesien ist sich der Wichtigkeit der Diversifizierung und Modernisierung des Tourismussektors bewusst und bemüht sich, das post-revolutionäre Tunesien als Reiseland noch attraktiver zu machen (weg von reinen Strand- und hin zum Kultur- und Ökotourismus). Zwei Terroranschläge auf touristische Ziele im März und Juni 2015 versetzten dem Tourismussektor jedoch einen heftigen Rückschlag. Bereits nach dem Anschlag auf das Bardo-Museum war ein Rückgang um 22 Prozent auf 1,9 Millionen Touristen zu verzeichnen, die Einnahmen gingen um 15 Prozent zurück. Dieser Trend dürfte sich nach dem Attentat auf ein Hotel in Sousse im 2. Halbjahr 2015 noch verstärken.


Internationale Verflechtung

Die EU ist Tunesiens wichtigster Handelspartner, wobei Frankreich, Italien und Deutschland für den größten Anteil an den Im- und Exporten sowie der Direktinvestitionen stehen. Der bilaterale Handel zwischen Deutschland und Tunesien stagniert seit der Revolution mit einem Volumen um die 2,8 Milliarden Euro. Während 2014 die deutschen Importe aus Tunesien um knapp 8 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro zulegten (Tendenz in 2015: steigend), blieben die deutschen Exporte mit 1,3 Milliarden Euro unverändert. Elektrotechnische Produkte gehörten mit 39 Prozent zu den Haupteinfuhrgütern aus Tunesien gefolgt von Textilien/ Bekleidung (24 Prozent) und Erdöl (11 Prozent) (Quelle: GTAI). Im Zuge der Globalisierung hat aber z.B. China im Importbereich stark aufgeholt und droht Deutschland vom dritten Platz der Rangliste zu verdrängen. Die EU ist auch der größte Investor: 90 Prozent der Firmen mit ausländischer Kapitalbeteiligung stammen aus der EU.

Tunesien ist Mitglied in IWF (Internationaler Währungsfonds), Weltbank und WTO (Welthandelsorganisation). Zwischen Deutschland und Tunesien bestehen ein Investitionsförderungs- und Schutzvertrag sowie ein Doppelbesteuerungsabkommen.

Die neue Regierung Tunesiens möchte die regionale Organisation der Union des Arabischen Maghreb wiederbeleben, unter anderem mit dem Ziel der ökonomischen Integration.


Aktuelle Wirtschaftslage

Die Wirtschaftslage hat sich seit 2011 nur wenig entspannt, die Wachstumsraten von unter 3 Prozent in den letzten drei Jahren sind zu niedrig, um einen Aufschwung zu befördern. Im ersten Quartal 2015 ging das Wachstum um 0,2 Prozent zurück und dürfte auch nach Schätzungen des IWF im 2. Quartal bei bescheidenen 1,7 Prozent liegen.

Leichte Entspannung gab es beim hohen Handelsbilanzdefizit, das sich in den ersten 5 Monaten 2015 um 17,5 Prozent verringerte, da die tunesischen Exporte um 4 Prozent zulegten und die Energieimporte aufgrund des niedrigen Ölpreises günstiger waren. Die Inflation sank leicht auf 5,3 Prozent im Mai 2015. Trotz dieser leichten Verbesserungen bleibt das Leistungsbilanzdefizit mit mehr als 8 Prozent des BIP hoch. Der Staatshaushalt wird durch steigende Gehälter im öffentlichen Dienst (2/3 des Haushalts) und eine breit angelegte Subventionspolitik belastet. Damit dürfte das Haushaltsdefizit Ende 2015 auf bis zu 7,5 Prozent des BIP steigen (Schätzung IWF). Die Verschuldung dürfte auch 2015 auf für Tunesien hohem, aber noch beherrschbarem Niveau von circa 53 Prozent liegen.

Dringendstes sozio-ökonomisches Problem Tunesiens bleibt die hohe Arbeitslosigkeit von über 15 Prozent. Bei Personen von unter 30 Jahren geht man von knapp 30 Prozent, bei Hochschulabsolventen von 50 Prozent aus.


Umweltpolitik

Die Nutzung von erneuerbarer Energie, insbesondere Wind- und Solarenergie, spielt noch eine untergeordnete Rolle. Der Anteil von Solar- und Windenergie an der Energieproduktion beträgt gegenwärtig erst 4 Prozent. Eine mittelfristige Energie-Strategie strebt jedoch bis 2030 einen Anteil erneuerbarer Energien von 30 Prozent an. In diesem Zusammenhang wurde im April 2015 ein Gesetz über Erneuerbare Energien verabschiedet, das es privaten Erzeugern ermöglichen soll, Energie ins staatliche Netz einzuspeisen. Die deutsche TZ unterstützt Tunesien insbesondere im Bereich der Solarenergie, deren Nutzung stark zunimmt. Im Rahmen der am 2012 beschlossenen deutsch-tunesischen Energie-Partnerschaft fanden am 2. Juni 2015 in Berlin Arbeitsgruppentreffen statt. Sie standen im Zeichen der o.g. neuen Energiestrategie der tunesischen Regierung sowie des Austauschs über die deutschen Erfahrungen mit der Energiewende.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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