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Anja Lerch

Viele Wege führen nach Rom.

Auch der meine wird mich in etwas weniger als einem Monat in die Ewige Stadt führen. Dort werde ich acht Monate Zeit haben, um während meines Auslandspraktikums die Arbeit an einer deutschen Auslandsvertretung kennenzulernen.

Wann ich diesen Weg eingeschlagen habe? Vielleicht war ich schon immer auf ihm unterwegs, wenn ich von fernen Ländern träumte und schon in der sechsten Klasse Werbebroschüren von Schüleraustausch-Organisationen mit nach Hause brachte.

Vielleicht schlug ich ihn ein, als ich keine Werbung für eine Austauschorganisation mehr brauchte, weil ich im Flugzeug nach Mumbai/Indien saß und meiner Zeit als Rotary-Austauschschülerin entgegenblickte.

Ich weiß nicht genau, wann ich die ersten Schritte auf dem Weg nach Rom machte. War es, als mir bewusst wurde, dass ich mein Leben im Ausland verbringen möchte? War es, als ich begeistert auf der Website des Auswärtigen Amts vom Berufsbild des gehobenen Auswärtigen Dienstes las?

Oder bog ich erst in Richtung Rom ab, als ich nach scheinbar endlosem Warten mit einem Brief des Auswärtiges Amts ins Haus stürmte und die Zusage für das Studium in Tegel in den Händen hielt?

Im Rückblick ist es schwer, Momente, die unseren Lebensweg beeinflussen, klar zu definieren.

Denn wichtiger ist, dass wir den Weg, auf dem wir gehen, mit festem Schritt bewusst und zufrieden beschreiten.

Viel bedeutender ist deshalb die Frage, ob es der richtige Weg ist.

Bei einer Fülle von Optionen, die sich einem jungen Abiturienten eröffnen, ist dies schwer zu beantworten. Auch ich wusste während der Vereidigung zur Konsulatssekretäranwärterin nicht, ob ich richtig abgebogen war. Zu unüberschaubar war die Zeit, die auf mich wartete.

Nun sind seit der Vereidigung eineinhalb Jahre vergangen.

Das Grundstudium mit seiner Fächervielfalt lehrte mich früh, dass ich zu einer Generalistin und nicht zu einer spezialisierten Forscherin im Bereich Internationale Politik oder Entwicklungszusammenarbeit ausgebildet werde. Das gefiel mir, da mein Interesse weit gefächert war und es mir deshalb schwer gefallen wäre, mich für ein Wissenschaftsgebiet entscheiden zu müssen.

Während dieser Zeit wohnten fast alle Anwärter im Auswärtigen Amt auf dem Campus der Akademie Auswärtiger Dienst am Tegeler See. Die relative Abgeschiedenheit vom „richtigen“ Berlin und die enge Verknüpfung von Studium und privatem Leben gab uns einen Vorgeschmack auf ein Diplomatenleben, dass sich besonders in ärmeren Ländern oft innerhalb des diplomatischen Corps und weit entfernt von der Lebensrealität des jeweiligen Landes abspielt.

Wir lernten, dass wir „berufliche Weltenbummler“ aufeinander angewiesen sind, da die vielen Umzüge das Verhältnis zu Freunden in der fernen Heimat oft belasten können. Wer entschließt sich schon zu einem Besuch in Pakistan oder Simbabwe während seines wohlverdienten Jahresurlaubs? Schon mit meinem Entschluss, ein Jahr in Indien zu verbringen, erntete ich in meiner Heimat meist Kommentare wie „Du bist ja verrückt, geh lieber nach Amerika“ oder „Da bekommst du in den Slums ja so viele Krankheiten – pass bloß auf!“

Im Auswärtigen Amt dagegen habe ich schon viele Kollegen getroffen, die mit leuchtenden Augen von ihrem Posten in Neu Delhi, Mumbai oder Kalkutta berichteten.

Danach führte mein Weg mich in die Zentrale des Auswärtigen Amts. Ich absolvierte mein Inlandspraktikum im Bereich Außenwirtschaftsförderung und bekam einen Einblick in das auf wirtschaftlichen Beziehungen beruhende Netz, was als „Globalisierung“ bezeichnet wird.

Dort lernte ich, dass Aktenvorgänge, Dienstwege und Zeichnungsbefugnisse das Beamtenleben vereinfachen anstatt es zu verstauben.

Ich lernte dabei auch, dass ich mit meiner Arbeit nicht die ganze Welt verbessere, aber doch durch mein Auftreten im Ausland zu mehr Verständnis und zum Abbau von Vorurteilen gegenüber dem Fremden beitragen kann.

Im Gespräch mit Kollegen lernte ich zudem, dass die vielen Umzüge und stetigen Veränderungen der Lebensumstände eine größere Herausforderung für das Privatleben darstellen, als ich erwartet hätte.

Man könnte sagen, aus den Träumen von einem Diplomatenleben, die auf mangelnder Erfahrung und Unwissen beruhten, wurde in dieser Praxisphase Realität. Dieser Wechsel von Traum zu Wirklichkeit lehrte mich, für mich und meinen Lebensweg Prioritäten zu setzen und diese gegeneinander abzuwiegen. Am Ende dieses Prozesses wusste ich, dass ich mich in einer schönen Realität befand und meinen Weg nach Rom fortsetzten wollte.

Doch damals wusste ich noch nicht, dass das vorläufige Ziel meines Weges Rom sein würde. Auf das Inlandspraktikum folgte das Hauptstudium I, das mir bewies, dass ich zwar nie eine leidenschaftliche Juristin werden würde, Zivilrecht jedoch spannend sein kann. Denn gerade in diesem Rechtsgebiet spielt die Persönlichkeit einer Person und der Dialog mit ihr eine große Rolle.

Während ich mich also theoretisch mit Vaterschaftsanerkennungen und dergleichen auseinandersetzte, stieg im Kurs die Spannung. Niemand wusste vor der offiziellen Bekanntgabe der Praktikumsplätze, wo er die kommenden Monate verbringen würde. Wir nahmen zum ersten Mal an der gefühlten „Posten-Lotterie“ im Auswärtigen Amt teil.

Es wurde Rom. Schenkt man dem Sprichwort Glauben, hätte mich auch ein anderer Weg in diese wunderschöne Stadt geführt. Doch keiner wäre für mich wohl so bunt, lehrreich und spannend gewesen wie der, den ich bis dahin gegangen bin.

Auch wenn ich die weiteren Ziele meines Weges im Auswärtigen Amt nicht absehen kann, freue ich mich auf den Weg dahin.


Stand 03.02.2010