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Norwegen

Wirtschaft

Stand: April 2013

Wirtschaftsstruktur

Seit der Erschließung seiner Öl- und Gasreserven Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hat Norwegen eine enorme wirtschaftliche Entwicklung vollzogen. Aus einem der ärmeren westeuropäischen Länder, geprägt vor allem durch Schifffahrt, Fischfang, Land- und Forstwirtschaft, wurde einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt mit hohen Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüssen, hohem Bedarf an Arbeitskräften, einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen und einer der teuersten Hauptstädte der Welt. Damit einher ging eine rasante Entwicklung des öffentlichen und privaten Dienstleistungssektors. Die Grundlage des norwegischen Wohlstands bilden aber weiter der einzigartige Mix von Rohstoffen und deren effizienter Gewinnung und Nutzung (Öl, Gas, Strom aus Wasserkraft, Fisch und Holz).

Aufgrund ihres absoluten Volumens und der starken Abhängigkeit der Einkünfte der Öl- und Gaswirtschaft von den stark schwankenden Energiepreisen werden die Wirtschaftskennziffern Norwegens i.d.R. als sog. Festlandsziffern, d.h. ohne Einkünfte der Öl- und Gasbranche berechnet. 2011 wuchs das Gesamt-BIP um 1,2 Prozent auf 2.750 Milliarden NOK, während das Festlands-BIP um 2,6 Prozent zulegte. Für 2012 wird ein Anstieg des Gesamt-BIP um 3,1 Prozent und des Festlands-BIP um 3,3 Prozent erwartet. Für 2013 prognostiziert das statistische Zentralbüro eine Steigerung von 2,8 bzw. 2,9 Prozent.

1990 wurde ein Fonds (sogenannter Pensionsfonds Ausland oder Ölfonds) etabliert, über den die Netto-Öl- und Gaseinnahmen im Ausland angelegt werden. Dadurch soll sichergestellt werden, dass auch zukünftige Generationen vom Ölreichtum profitieren werden und das wirtschaftliche Gefüge des Landes intakt bleibt. Das Kapital des Fonds mit Anteilen im Ausland steht derzeit bei 3.723 Milliarden Norwegischen Kronen (circa 502 Milliarden Euro). Durch den hohen Aktienanteil im Fonds (60,3 Prozent) unterliegt dessen Gesamtwert den Schwankungen am Kapitalmarkt.


Wichtigste Wirtschaftszweige

Schlüsselsektor ist die Öl- und Gaswirtschaft. Der Öl- und Gasexport trug 2011 mit 19 Prozent zum BIP und 59 Prozent zum Warenexport des Landes bei (46 Prozent inkl. Dienstleistungen). Insgesamt wurden 2011 ca. 219 Milliarden Kubikmeter Öläquivalent produziert und damit 5 Prozent weniger als 2010. 2012 zeichnet sich eine weitere Reduktion der Produktionsmenge ab. Neue Funde geben die Aussicht einer Trendumkehr ab 2015. Die Exporteinnahmen stiegen 2011 aufgrund der hohen Ölpreise deutlich um 16 Prozent auf 524 Milliarden NOK. Aufgrund der regelmäßigen Einnahmen aus der Öl- und Gaswirtschaft ist der norwegische Staat praktisch schuldenfrei. Die Staatseinnahmen aus der Öl- und Gaswirtschaft betrugen im Haushaltsjahr 2011 ca. 363 Mrd. NOK (circa 47,1 Milliarden Euro) und damit 13,8 Prozent des BSP. Davon wurden entsprechend der sogenannten 4-Prozent-Handlungsregel, nach der nur max. 4 Prozent der Erträge des Fonds, aber nicht die Überschüsse der Öl- und Gaswirtschaft an den Staat überwiesen werden sollen, 106 Mrd. NOK im Staatshaushalt verbucht. 235 Milliarden NOK wurden an den Ölfonds überwiesen. 2011 und 2012 wurden neue signifikante Ölvorkommen gefunden (ca. 3 Mrd. Barrel Öläquivalent), die die Arbeitsplätze sowie die Umsätze und Rentabilität der norwegischen Ölindustrie auf weitere Jahre sichern helfen sollen.

Die traditionelle Schifffahrtsnation Norwegen kontrolliert eine der größten Handelsflotten der Welt. Ende 2011 befanden sich insgesamt 1.398 in Norwegen sowie im Ausland registrierte Schiffe der norwegischen Handelsflotte (jeweils über 100 Bruttoregistertonnen) in Gebrauch. Die Gesamttonnage betrug 15,6 Millionen Bruttoregistertonnen.

Die Fischwirtschaft gliedert sich in die sehr unterschiedlichen Branchen der traditionsreichen Fischerei und der international in der Spitzengruppe liegenden Fischzucht mit der Konzentration auf Lachs. Die traditionelle Hochseefischerei konnte 2012 eine Gesamtfangmenge von 2,1 Millionen Tonnen Fisch und Meerestieren im Wert von 14,1 Milliarden NOK und einen Anteil von 5,7 Prozent (2011!) am Gesamtexport verbuchen. 2011 waren 10.235 Personen hauptberuflich in der Fischereiwirtschaft beschäftigt.

Norwegen schützt seine Landwirtschaft weitgehend vor internationaler Konkurrenz. Norwegische Landwirte beziehen circa 60 Prozent ihrer Bruttoeinkünfte aus Subventionen (OECD 2011), das ist im weltweiten Vergleich der höchste Anteil vor den Landwirten (Schweiz 54%, Südkorea 53% und Japan 52%). Damit erreicht Norwegen einen Selbstversorgungsgrad von ca. 50 Prozent. Insgesamt trägt die Landwirtschaft (ohne Jagd- und Forstwirtschaft) aber nur noch mit 0,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei und beschäftigt gerade noch 1,8 Prozent der Erwerbstätigen (2011). Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe betrug 2011 43.939, die landwirtschaftlich genutzte Fläche 9,92 Mio. ha. Norwegen nimmt nicht am gemeinsamen Agrarmarkt der EU teil. 5% der Fläche werden ökologisch bewirtschaftet.

Der Umsatz in der Holzindustrie (Holzeinschlag) betrug im Jahr 2011 44 Mrd. NOK (8,3 Millionen Kubikmeter). Die Holzindustrie hatte damit einen Anteil von 0,54 Prozent am BIP. Die produktive Nutzfläche der Holzindustrie beträgt aufgrund geographischer Besonderheiten nur 25 Prozent der norwegischen Landesfläche. Eine effiziente Forstwirtschaft scheitert häufig an schwierigen natürlichen Verhältnissen (steile Hänge, keine Transportwege) und fehlenden finanziellen Anreizen. Entsprechend gilt der Baumbestand Norwegens als überaltert und krankheitsanfällig.

Einzigartig für ein Industrieland stützt sich die Strombranche dank der großen Wasserressourcen des Landes fast ausschließlich auf Elektrizität aus erneuerbaren Quellen. Trotz einer Liberalisierung des Strommarktes sind hier im Wesentlichen öffentliche Akteure (Statkraft und zahlreiche kommunale Erzeuger) tätig, da das norwegische Wasserkraftgesetz eine Beteiligung privater Firmen begrenzt. Die Stromerzeugung ist für viele Kommunen und Regionen die wichtigste Finanzierungsquelle.

Die große Abhängigkeit von einem Energieerzeuger (in Normaljahren 98-99 Prozent Wasserkraft) und die relativ geringe Vernetzung mit dem Ausland haben eine Anfälligkeit für Preisschwankungen und Versorgungsengpässe zur Folge, wie sich in den relativ trockenen und kalten Jahren 2010/2011 gezeigt hat. 2011 haben sich der Strommarkt und die entsprechenden Preise wieder normalisiert und Norwegen hat durch reichliche Niederschläge seine traditionelle Rolle als Nettostromexporteur wiedererlangt. Die Gesamtstromproduktion betrug 2011 128,1 TWh und damit 3 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Wasserkraftwerke steigerten ihre Stromproduktion 2011 um 4 Prozent und dehnten ihren Anteil auf 95 Prozent der Gesamtproduktion aus.

Norwegen besitzt mit 82 Terrawattstunden ca. 50 Prozent des Wasserspeicherpotentials in Europa und damit eine wichtige Funktion als mögliche "grüne Batterie" und Kraftreserve für eine erhöhte Produktion von erneuerbaren Energien in der EU. Im Juni 2012 haben Bundeswirtschaftsminister Rösler und der norwegische Öl- und Energieminister Moe vereinbart, ein Hochspannungskabel zwischen Deutschland und Norwegen zu bauen. In Norwegen stehen Belange des Naturschutzes und lokale Bürgerproteste oft einem weiteren Ausbau der Wasserkraft und auch der Netzinfrastruktur entgegen.

Auch bei Windkraft besitzt Norwegen ein großes natürliches Potential (das größte in Europa inkl. Offshore). Zu deren Nutzung hat die norwegische Regierung ein staatliches Förderprogramm aufgelegt. Zwar stieg die Windkraftkraftproduktion 2011 mit 45 Prozent stark an. Ihr Gesamtanteil an der Stromversorgung Norwegens bleibt aber mit knapp 1 Prozent nachrangig. Einen wichtigen Stimulus für den Bau von Windkraftwerken und neuen Kleinwasserkraftwerken erwartet die Regierung durch die Einführung eines Systems grüner Zertifikate gemeinsam mit Schweden, bei dem allein in Norwegen pro Jahr 13,2 Terawattstunden neuer Strom aus erneuerbaren Quellen (sukzessive bis 2020) erzeugt werden soll.

Die Tourismusbranche ist in Norwegen über viele Jahre hinweg stark gewachsen. Sie hat einen Anteil von circa 3,3 Prozent am BIP (2009) und umfasst etwa 6,3 Prozent der Beschäftigten, leidet aber derzeit unter dem hohen Kurs der norwegischen Krone. 2010 wurden circa 1,66 Millionen Übernachtungen deutscher Gäste (21% aller Übernachtungen ausländischer Touristen) in Norwegen gezählt.

Der Bankensektor ist relativ klein, aber robust und ausreichend kapitalisiert. Die Marktführer sind ausnahmslos skandinavische Banken. Es besteht hier kaum eine Exponierung gegenüber den in der Eurozone liegenden Risiken.


Starke Rolle des Staates

Eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft gehört zum Grundkonsens der norwegischen Politik. Viele bedeutende Akteure der Wirtschaft befinden sich deshalb noch ausschließlich oder mehrheitlich in öffentlicher Hand. Bedeutende Staatsunternehmen sind der Öl- und Gasproduzent Statoil (67 Prozent), der Energieerzeuger Statkraft (100 Prozent), die Netzgesellschaft Statnett (100 Prozent), der Telekomkonzern Telenor (54 Prozent) sowie die Düngemittelfirma Yara (36,2 Prozent).


Umweltpolitik

Auf internationalen Umwelt- und Klimakonferenzen gehört Norwegen zu den engagiertesten Teilnehmern. Dies gilt auch auf dem Gebiet der umweltorientierten Entwicklungshilfe, für die es regelmäßig mehr als ein Prozent des BIP aufwendet. Norwegen hat sich in erheblichem Maße politisch und finanziell dafür eingesetzt, ein neues verbindliches Klimaabkommen auszuhandeln, das auch die USA und die Entwicklungsländer einschließt und so eine wirklich weltweite Kooperation zustande kommen lässt. Um hier die Verhandlungen durch konkrete Initiativen voranzubringen, hat die norwegische Regierung sowohl mit Brasilien als auch Indonesien Programme gegen die Abholzung des Regenwaldes vereinbart, die Projekte und finanzielle Anreize in Höhe von jeweils 1 Milliarde US-Dollar beinhalten.

Am 11.06.2012 verabschiedete die norwegische Regierung ein Weißbuch zur Klimapolitik. Wichtigstes Ziel ist die Reduzierung von CO2-Emissionen bis 2020 um 30 Prozent verglichen mit dem Niveau von 1990, wovon zwei Drittel im Inland erreicht werden sollen. Außerdem soll Norwegen bis 2050 CO2-neutral sein. Als Teil eines internationalen Klima-Abkommens wäre Norwegen bereit, bereits bis 2030 CO2-Neutralität zu erreichen.

Adressat internationaler Kritik wird das Land immer wieder beim Thema Walfang. Gegenüber seinen Kritikern verweist Norwegen darauf, dass die Jagd auf Minkwale nicht bestandsgefährdend und nachhaltig sei, alten Traditionen des Landes entspreche, der Erhaltung des ökologischen Gleichgewichts diene und dass die Anzahl der getöteten Tiere stets deutlich unter den von der Internationalen Walfangkommission (IWC) auf wissenschaftlicher Basis ermittelten Quoten liege.



Hinweis

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.