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Norwegen

Wirtschaft

Stand: April 2016

Wirtschaftsstruktur

Seit der Erschließung seiner Öl- und Gasreserven Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hat Norwegen eine enorme wirtschaftliche Entwicklung vollzogen. Aus einem der ärmeren europäischen Länder, geprägt vor allem durch Schifffahrt, Fischfang, Land- und Forstwirtschaft, wurde einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt mit hohem Bedarf an Arbeitskräften, einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen und einer der teuersten Hauptstädte der Welt. Dem Land ist es gelungen, mit der Öl- und Gasindustrie als Rückgrat eine stabile und dynamische Wirtschaft zu formen, die jährlich hohe Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüsse aufweist. Damit einher ging eine rasante Entwicklung des öffentlichen und privaten Dienstleistungssektors. Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum wegen des Mitte 2014 gesunkenen Ölpreises abgeschwächt hat, bleibt Grundlage des norwegischen Wohlstands der einzigartige Mix von Rohstoffen und deren effiziente Gewinnung und Nutzung (Öl, Gas, Strom aus Wasserkraft, Fisch und Holz).

Aufgrund ihres absoluten Volumens und der starken Abhängigkeit der Einkünfte der Öl- und Gaswirtschaft von den schwankenden Energiepreisen werden die Wirtschaftskennziffern Norwegens üblicherweise zweifach angegeben: zum einen bezogen auf die Gesamtwirtschaft des Landes (einschl. des Öl- und Gassektors) und zum anderen nur bezogen auf die Festlandswirtschaft (ohne die Offshore-Industrie). Nach den vorläufigen Zahlen der Regierung stieg das Bruttoinlandsprodukt 2014 in beiden Größen um 2,2 %. In 2015 und 2016 wird das Bruttoinlandsprodukt für die Festlandswirtschaft verhältnismäßig stärker wachsen (+ 1,3 % bzw. 1,8 %) als die Gesamtwirtschaft (nur jeweils 1,2 %).

Die im 1990 errichteten staatlichen  Pensionsfonds Ausland („Government  Pension Fund Global“) angelegten Gewinne aus dem Öl- und Gasgeschäft bildeten zum 30.09.2015 einen Kapitalstock i. H. v. 7.019 Mrd. NOK (ca. 765 Mrd. Euro). Nach der sog. Handlungsregel dürfen jährlich maximal 4% des Kapitalstocks aus dem Fonds zur Finanzierung der Staatsausgaben entnommen werden. So soll sichergestellt werden, dass auch zukünftige Generationen vom Ölreichtum profitieren und das wirtschaftliche Gefüge des Landes intakt bleibt. In der norwegischen Politik und Öffentlichkeit besteht Konsens darüber, dass die norwegischen Öl- und Gasreserven unter Beachtung von strengen Umwelt- und Sicherheitsstandards ausgebeutet und dem Nutzen der Allgemeinheit zugeführt werden sollen. Im Haushalt 2015 rechnet die Regierung mit Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor i.H.v. 247 Mrd. NOK (ca. 27 Mrd. Euro), das sind 20 % der gesamten erwarteten Staatseinnahmen.  


Wichtigste Wirtschaftszweige

Der wichtigste Wirtschaftssektor in Norwegen  ist die Öl- und Gaswirtschaft. Norwegen besitzt große Öl- und Gasreserven und ist weltweit der fünftgrößte Lieferant für Öl sowie Europas zweitgrößter Gaslieferant. Die Öl- und Gasindustrie trägt  mit jährlich etwa 20% zur Wirtschaftsleistung des Landes bei.  Ihr Anteil am jährlichen Gesamtexportvolumen beträgt knapp 60%. Aufgrund der regelmäßigen Einnahmen aus der Öl- und Gaswirtschaft ist der norwegische Staat praktisch schuldenfrei. Die Petroleumfunde der letzten Jahre lassen erwarten, dass die norwegische Öl- und Gaswirtschaft auch in Zukunft maßgeblich zum Staatshaushalt beitragen wird, aufgrund der Mitte 2014 gesunkenen Ölpreise jedoch in einem deutlich geringeren Umfang.  

Norwegen ist Europas größter Wasserkraftproduzent. Dank der großen Wasserressourcen und Höhenunterschiede des Landes kann Norwegen seinen eigenen Elektrizitätsbedarf zu etwa 95% aus Wasserkraft decken. Das norwegische Wasserkraftpotenzial wurde bereits vor Beginn des norwegischen Ölbooms erschlossen. Die Produktionskapazität liegt bei etwa 31.000 MW und verteilt sich auf 1510 Kraftwerke. Das gesamte Speichervermögen von Wasserkraft beträgt 84 TWh.

Durch günstige Windverhältnisse hat Norwegen beste Voraussetzungen für die Produktion von Windenergie. Über den weiteren Ausbau von Windkraft herrscht politische Einigkeit. Andererseits bremsen der traditionell niedrige Strompreis, fehlende Netzkapazität, hohe Übertragungs- und Netzanschlusskosten sowie der faktische Ausschluss größerer privater Akteure den Ausbautakt. Regelungen zum Umweltschutz setzen enge Begrenzungen für den Bau neuer Anlagen. Auf lange Sicht kann Windenergie einen wichtigen Beitrag zur Stromproduktion in Norwegen leisten.

Im Stromsektor wird in den nächsten Jahren  ein Unterwasserkabel zwischen Norwegen und Deutschland – NordLink – mit einer Kapazizät von 1.400 MW gebaut. Es bietet die Möglichkeit, aus norwegischer Wasserkraft erzeugten Strom als Balanceenergie für Deutschland zu verkaufen. In sonnen- und windarmen Zeiten kann norwegischer Wasserkraft-Strom nach Deutschland exportiert werden. Entsteht in Deutschland ein Überschuss in der Energieproduktion durch Wind und Sonne, kann der überschüssige Strom nach Norwegen geleitet und dort anstelle von Wasserkraft aus den Reservoirs verbraucht werden. NordLink soll bis 2019 zwischen Tonstad in Südnorwegen und Wilster in Schleswig-Holstein gebaut werden und 2020 in den kommerziellen Betrieb gehen. Das Seekabel wird eine Länge von 623 km haben, von denen 516 km Offshore verlaufen werden.

Die traditionelle Schifffahrtsnation Norwegen kontrolliert eine der größten Handelsflotten der Welt. 2014 befanden sich insgesamt 1.759 im In- sowie im Ausland registrierte Schiffe der norwegischen Handelsflotte (jeweils über 100 Bruttoregistertonnen) in Gebrauch. In der norwegischen Fischereiwirtschaft (inklusive Aquakultur) sind die Schwerpunkte Lachszucht und Fischverarbeitung. Trotz fehlender staatlicher Subventionen ist Norwegen weltweit einer der größten Exporteure im Bereich Meeresfrüchte und exportierte im Jahr 2014 Meeresfrüchte im Wert von 68,8 Mrd. NOK (ca. 7,8 Mrd. Euro). Das sind  ca. 6% aller norwegischen Exporte.

Norwegen schützt seine Landwirtschaft weitgehend vor internationaler Konkurrenz. Norwegische Landwirte beziehen im Durchschnitt  etwa 60% ihrer Bruttoeinkünfte aus Subventionen und Zuschüssen (OECD 2015), das ist im weltweiten Vergleich der höchste Anteil. Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe beträgt etwa  43.000, die landwirtschaftlich genutzte Fläche knapp 10 Mio. ha, d.h. etwa 3 % der Gesamtfläche des Landes. Norwegen nimmt nicht am gemeinsamen Agrarmarkt der EU teil.

In der Holzwirtschaft beträgt die produktive Nutzfläche aufgrund geographischer Besonderheiten nur 25 Prozent der norwegischen Landesfläche. Eine effiziente Forstwirtschaft scheitert häufig an schwierigen natürlichen Verhältnissen (steile Hänge, keine Transportwege) und fehlenden finanziellen Anreizen.

Die Tourismusbranche ist in Norwegen über viele Jahre hinweg stark gewachsen. Sie beschäftigt  ca. 110.000 Personen.  Deutsche Gäste stellten 2014 mit circa 1,3 Millionen Übernachtungen (19%) die größte Gästegruppe dar.

Der Bankensektor ist relativ klein, aber robust und ausreichend kapitalisiert. Die Marktführer sind ausnahmslos skandinavische Banken. Die Auswirkungen von Risiken in der Eurozone sind gering.


Starke Rolle des Staates

Eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft gehört zum Grundkonsens der norwegischen Politik. Viele bedeutende Akteure der Wirtschaft befinden sich deshalb noch ausschließlich oder mehrheitlich in öffentlicher Hand. Bedeutende Staatsunternehmen sind der Öl- und Gasproduzent Statoil (67 Prozent), der Energieerzeuger Statkraft (100 Prozent), die Netzgesellschaft Statnett (100 Prozent), der Telekomkonzern Telenor (54 Prozent) sowie die Düngemittelfirma Yara (36,2 Prozent) und der Rüstungsproduzent Kongsberg Gruppen (50,001%).


Umweltpolitik

Auf internationalen Umwelt- und Klimakonferenzen gehört Norwegen zu den engagiertesten Teilnehmern. Dies gilt auch auf dem Gebiet der umweltorientierten Entwicklungshilfe, für die es regelmäßig mehr als ein Prozent des BIP aufwendet. Norwegen hat sich in erheblichem Maße politisch und finanziell dafür eingesetzt, ein neues verbindliches Klimaabkommen auszuhandeln, das auch die USA und die Entwicklungsländer einschließt und so eine wirklich weltweite Kooperation zustande kommen lässt. Um hier die Verhandlungen durch konkrete Initiativen voranzubringen, hat die norwegische Regierung sowohl mit Brasilien als auch Indonesien Programme gegen die Abholzung des Regenwaldes vereinbart, die Projekte und finanzielle Anreize in Höhe von jeweils 1 Milliarde US-Dollar beinhalten.

Die Regierung hat beschlossen, sich in der Klimapolitik der EU anzuschließen und die gleichen Reduktionsziele verfolgen zu wollen.

Norwegen ist Vorreiter bei der Zulassung von  Elektroautos. Ermöglicht wird der Boom durch eine massive staatliche Förderung: So entfallen beim Kauf eines Elektro-Neuwagens – zumindest bis 2017 – nicht nur die Mehrwertsteuer in Höhe von 25%, sondern auch Importabgaben. Dazu können E-Autos öffentliche Parkplätze und Busspuren kostenlos benutzen sowie an rund 4.000 Ladestationen Ökostrom gratis tanken.

Adressat internationaler Kritik wird das Land immer wieder beim Thema Walfang. Seit 1986 besteht weltweit ein von der Internationalen Walfangkommission (IWC) beschlossenes Verbot des kommerziellen Walfangs. Das Moratorium soll eine Erholung der jahrzehntelang dezimierten Walbestände ermöglichen. Norwegen hat einen Vorbehalt gegen das Moratorium der IWC eingelegt und praktiziert weiterhin den Fang von Zwergwalen. Gegenüber seinen Kritikern verweist Norwegen darauf, dass die Jagd auf Minkwale nachhaltig und nicht bestandsgefährdend sei, alten Traditionen des Landes entspreche und dass die Anzahl der getöteten Tiere stets deutlich unter den von der Internationalen Walfangkommission (IWC) auf wissenschaftlicher Basis ermittelten Quoten (1286 Tiere) liege. 2014 hat Norwegen 729 Wale gefangen.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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