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Deutsche versus französische Diplomatie

Gehen Deutsche und Franzosen unterschiedlich mit Außenpolitik und Diplomatie um? Das war eine der spannenden Fragen, die sich während der ersten gemeinsamen Ausbildung für zukünftige französische und deutsche Diplomaten stellten. Vom 27. Mai bis 2. Juni trafen sich die diplomatischen Neueinsteiger dazu in Berlin. Neben einem Zusammentreffen mit Bundesaußenminister Westerwelle standen mehrere Arbeitssitzungen im Mittelpunkt, in denen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der außenpolitischen Positionen und Herangehensweisen erkundet wurden.

Welche Aufgaben hat der Bundespräsident? Wie arbeiten Bundestag und Auswärtiges Amt zusammen, vor allem in der Europapolitik? Ist die deutsch-französische Zusammenarbeit weiter der Motor der europäischen Integration? Welche aktuellen Themen beschäftigen die Außen- und Europapolitiker in Berlin und Paris, und wie können sich die Auswärtigen Dienste angesichts der Globalisierung und der europäischen Integration auf die neuen Herausforderungen einstellen? Und wie, bitte schön, kommt man als große Gruppe in einen angesagten Berliner Club?

Fragen, die sich die über 80 Teilnehmer am ersten gemeinsamen deutsch-französischen Modul in der Diplomatenausbildung in dieser Woche stellten. Das gemeinsame Ausbildungsmodul war vom deutsch-französischen Ministerrat am 6. Februar 2010 im Rahmen der "Agenda 2020" vereinbart worden und wird von der Akademie Auswärtiger Dienst gemeinsam mit der Ausbildungsstätte des französischen Außenministeriums umgesetzt. Es soll dazu beitragen, den deutschen und den französischen Auswärtigen Dienst künftig noch enger zu vernetzen und zu verzahnen.

Eines hat das gemeinsame Programm in Berlin auf jeden Fall bewirkt: Allen Teilnehmern wurde die Bedeutung der jeweils anderen Sprache bewusst. Spätestens, als der erste deutsche Vortragende Englisch sprach, damit keine Zeit für die Übersetzung verloren ging, wurde den französischen Teilnehmern klar, dass Deutschkenntnisse hilfreich wären. „Ich werde mein Deutsch jetzt unbedingt auffrischen“, erklärte ein Teilnehmer aus Paris. Denn anders als in Deutschland, wo Grundkenntnisse des Französischen Bewerbungsvoraussetzung für den Auswärtigen Dienst sind, müssen französische Diplomaten noch nicht verpflichtend Deutsch lernen.

Hochrangige politische Gesprächpartner

Das Programm bot Gespräche mit Schlüsselfiguren der deutschen Außen- und Europapolitik und der deutsch-französischen Zusammenarbeit – im Bundeskanzleramt, im Bundespräsidialamt, im Deutschen Bundestag, im Auswärtigen Amt, in der französischen Botschaft, im Roten Rathaus und in der Landesvertretung des Landes Baden-Württemberg.

Das Zusammentreffen mit Bundesaußenminister Guido Westerwelle war ohne Zweifel ein Höhepunkt des Programms der jungen Diplomaten. Der Minister betonte bei diesem Anlass, dass die deutsch-französische Freundschaft etwas ganz Besonderes und keine Selbstverständlichkeit sei, sondern erst erobert werden musste. Der Erfolg von Außenpolitik sei nicht nur der Erfolg von Staatsmännern, sondern auch von jungen Leuten, wie die Teilnehmer des gemeinsamen Lehrgangs, die dazu beitragen, deutsch-französische Freundschaft aufzubauen. Die enge Zusammenarbeit sei von gemeinsamem Interesse: "Was gut für Frankreich ist, ist auch gut für Deutschland. Was gut für Deutschland ist, ist auch gut für Frankreich."  

Es gibt weltweit kaum Beziehungen zwischen zwei Staaten, die enger geknüpft sind als die deutsch-französischen. Grundlage ist der Elysée-Vertrag von 1963 in der Fortschreibung von 2003, wichtige Elemente Deutsch-Französischen Gipfel, die Ministerräte, die Beauftragten für die deutsch-französische Zusammenarbeit sowie ein intensiver Beamtenaustausch. Auch auf Ebene der Länder, bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, im Bereich der Kultur und Sprache oder der Zusammenarbeit der Universitäten ist das bilaterale Netz eng geknüpft. Der 12. Deutsch-Französische Ministerrat am 4. Februar 2010 hatte die Deutsch-Französische Agenda 2020 verabschiedet. Mit über 80 Projekten ist sie ein ambitioniertes Arbeitsprogramm für die nächsten zehn Jahre.

Westerwelle wies darauf hin, wie wichtig die Fortführung des europäischen Prozesses sei: "Europa ist wie ein Fahrrad. Wenn es nicht mehr fährt, wenn es sich nicht mehr nach vorne bewegt, dann fällt es um." Besonders wenn "Sand im Getriebe" der europäischen Prozesse sei, bräuchte man Diplomaten, die den Prozess mit neuen Ideen wieder zum Laufen bringen.

Gemeinsame Arbeitsergebnisse

Um die deutsch-französische Zusammenarbeit mit Leben zu füllen, vertieften die jungen Diplomaten anschließend in gemischten Kleingruppen Themen von gemeinsamem Interesse: Wie geht Deutschland und speziell Berlin mit den Erfahrungen zweier Diktaturen um? Welche Rolle spielt die Presse in der Berliner Republik? Wie europäisch sind die Deutschen? Eine gemeinsame Präsentation musst vorbereitet werden – „originell, aber nicht zu originell“, wie es ein Teilnehmer ausdrückte. 

Am letzten Nachmittag wurden die Arbeitsergebnisse präsentiert – auf sehr kreative und innovative Weise: mit Fotos, Collagen, Video- und Tonaufzeichnungen, einem Quiz und sogar einem kleinen Theaterstück. Dabei wurden auch die unterschiedlichen Traditionen und Herangehensweisen thematisiert, wobei den französischen Teilnehmern besonders der Föderalismus und die auf Konsens ausgerichteten und daher langwierigen internen Abstimmungsverfahren innerhalb der Bundesregierung auffielen. Dass eine Straßenumfrage ergab, dass man Deutschland eher mit Effizienz, Frankreich eher mit Liebe assoziiert, bestätigte alte Stereotype.

Und das Fazit? Botschaftsrat Alexis Andres drückte es folgendermaßen aus: „In der vergangenen Woche ist etwas passiert, das 'Deutsch-Französische' hat stattgefunden.“ Erstaunlich, wie schnell Menschen, die sich völlig fremd waren, zu einer Gruppe zusammen wachsen können. Wie viele interessante Informationen man sich gemeinsam in kurzer Zeit erarbeiten kann. Und wieviel man übereinander lernt. Das erste gemeinsame deutsch-französische Modul in der Diplomatenausbildung hat die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jedenfalls gut auf die künftige enge Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Diplomaten vorbereitet. Im diplomatischen Dienst sieht man sich oft nicht nur zweimal. Daher hieß es „au revoir, auf Wiedersehen“ – schon am kommenden Montag in Brüssel, wo beide Gruppen gemeinsam Nato und EU-Institutionen besuchen werden.


Stand 02.06.2010