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"Wir haben uns niemals als Nicht-Deutsche gefühlt"

In einem Zeitzeugengespräch bei der Eröffnung einer Ausstellung in der Akademie Auswärtiger Dienst ging es um den willkürlichen Entzug der Staatsangehörigkeit im Dritten Reich - für das Auswärtige Amt auch ein Thema bei der Beschäftigung mit seiner Vergangenheit.

Ausstellung: Die deutsche Staatsangehörigkeit im Dritten Reich

Für die eigenen Staatsangehörigen im Ausland zu sorgen und ihnen Schutz zu gewähren sei eine der vornehmsten und wichtigsten Pflichten deutscher Diplomaten. Dies war die Kernbotschaft von Ministerialdirektorin Dr. Susanne Wasum-Rainer, Leiterin der Rechtsabteilung, zur Eröffnung der Ausstellung "Menschenschicksale - die deutsche Staatsangehörigkeit im Dritten Reich" in der Akademie Auswärtiger Dienst in Berlin-Tegel. Die nationalsozialistischen Machthaber hätten das Staatsangehörigkeitsrecht für ihre rassistische Politik missbraucht. Das unter NS-Herrschaft begangene Unrecht könne nicht ungeschehen gemacht werden. Die Kenntnis der Geschichte und die verantwortungsbewusste Wahrnehmung der aus der deutschen Staatsangehörigkeit einer Person resultierenden Aufgaben sei eine Priorität des Auswärtigen Dienstes, betonte Wasum-Rainer.

Die Dokumente der Ausstellung, die das Bundesverwaltungsamt zur Verfügung stellt und die auf Initiative der Rechtsdozenten an die Akademie kam, stammen überwiegend aus den durch die Alliierten beschlagnahmten Akten des Reichsinnenministeriums. Es handelt sich um amtliche Schreiben und Entscheidungen, "erbbiologische Rassegutachten", Schreiben mit Forderungen der NSDAP an die Ministerialbürokratie und schriftlich bekundete Willensäußerungen Hitlers. Sie belegen eindrucksvoll, wie die nationalsozialistischen Machthaber das Staatsangehörigkeitsrecht zur Durchsetzung ihrer "rassenpolitischen" Ziele benutzten.

Diskussion mit einem Zeitzeugen

Zeitzeuge Hans Sternberg bei der Podiumsdiskussion mit Anwärterinnen und Anwärtern.

Zeitzeuge Hans Sternberg bei der Podiumsdiskussion mit Anwärterinnen und Anwärtern.
© Moosburner

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Zeitzeuge Hans Sternberg bei der Podiumsdiskussion mit Anwärterinnen und Anwärtern.

Zeitzeuge Hans Sternberg bei der Podiumsdiskussion mit Anwärterinnen und Anwärtern.

Zeitzeuge Hans Sternberg bei der Podiumsdiskussion mit Anwärterinnen und Anwärtern.

Im Rahmen der Eröffnung fand eine Podiumsdiskussion von Anwärterinnen und Anwärtern aller Laufbahnen des Auswärtigen Dienstes mit einem Zeitzeugen statt, dem 1925 als Sohn einer seit Jahrzehnten in Berlin ansässigen jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin-Spandau geborenen Hans Sternberg. In ihrem Mittelpunkt standen die Folgen staatsangehörigkeitsrechtlicher Unrechtsmaßnahmen. Auf eindrückliche Weise berichtete Hans Sternberg über seine Erlebnisse während der Zeit des Nationalsozialismus und das Schicksal seiner Familie. Als 1938 die nationalsozialistische Schikane gegen jüdische Mitbürger mit der Pogromnacht eine schreckliche Zuspitzung erfuhr, "waren die Schlauen schon längst weg", so Sternberg. Sein Vater, der bis dato nicht an Auswanderung gedacht hatte, folgte mit seiner Familie dem Beispiel von Verwandten. Von 1938 bis 1950 fand die Familie Aufnahme in Kolumbien.

"Wir haben uns niemals als Nicht-Deutsche gefühlt"

"Vor allem wir jungen Leute waren in Kolumbien voll integriert. Aber während der gesamten Zeit der Auswanderung wurde Deutsch gesprochen. Wir haben uns niemals als Nicht-Deutsche gefühlt", so Sternberg. Auch der Entzug der deutschen Staatsangehörigkeit und die Enteignung infolge der Auswanderung – seit 1941 mit der 11. Verordnung zum "Reichsbürgergesetz" von den Nationalsozialisten auf eine menschenverachtende gesetzliche Grundlage gestellt – deutete Sternberg nicht als Heimatverlust. "Wir sind nie Fremde gewesen und auch so nach Deutschland zurückgekehrt", kommentierte Sternberg die Rückkehr und Wiedereinbürgerung seiner Familie in den 1950er Jahren, die im Zuge der Wiedergutmachungsgesetze sehr einfach und schnell verlaufen sei.

Sternberg warb für "Verständnis und Versöhnung zwischen den Menschen aller Ethnien und Religionen" und warnte vor dem Vergessen. "Was haben Ihnen denn Ihre Großeltern über diese Zeit erzählt?" fragte er.

Auch der Leiter der Akademie Auswärtiger Dienst, Botschafter Joachim Schmidt, betonte, wie wichtig es sei, gegen Vergessen und Gleichgültigkeit zu arbeiten. Die in der Ausstellung illustrierten Menschenschicksale seien für die Anwärterinnen und Anwärter wichtige Impulse, sich mit dem Staatsangehörigkeitsrecht auch in seiner historisch-politischen Dimension auseinanderzusetzen. Die Ausstellung stehe deshalb auch im Kontext der Beschäftigung des Auswärtigen Amts mit seiner Vergangenheit.


Stand 23.01.2012