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Wirtschaft

Stand: März 2012

Charakterisierung der taiwanischen Wirtschaft

Taiwan hat eine hoch entwickelte, stark Export abhängige Marktwirtschaft (70 % des BIP werden durch Exporte generiert). Mit 23 Mio. Einwohnern und einem BIP von 466,9 Mrd. US$ zählt es zu den 25 größten Volkswirtschaften und den 15 wichtigsten Handelsnationen der Welt. Mit einem BIP pro Kopf in Kaufkraftparitäten von über 20.000 US$ liegt Taiwan real sogar vor Japan und Südkorea. Im Global Competitiveness Report 2010-2011 des World Economic Forum wird Taiwan mit Platz 13 (Korea Platz 24, Deutschland Platz 6) ein unverändert gutes Zeugnis ausgestellt. Exzellente Bewertungen gab es dabei für Taiwan als innovativem Standort mit starker F&E-Basis (1. Platz bei Cluster-Entwicklung).

Als einer der vier “asiatischen Tiger” hat Taiwan sich von einem agrarisch geprägten Land innerhalb einer Generation zum Hochtechnologieland gewandelt. Nach dem Aufbau großer Exportkapazitäten ist Taiwan neben traditionellen Schwerindustrien wie der Petrochemie heute von IT-Produktion und Maschinenbau geprägt. In vielen IT-Produktgruppen ist Taiwan Weltmarktführer. 90 % aller Notebooks, Smart-Phones und Mother-Boards sowie 60 % aller Halbleiter werden von taiwanischen Unternehmen wie ACER, ASUS, oder HTC hergestellt. Da taiwanische Unternehmen vor allem als Original Equipment Manufacturer (OEM) produzieren (bspw Foxconn (HonHai)), d. h. nicht als Marke in Erscheinung treten, steckt die Entwicklung eigener Marken noch in den Kinderschuhen. Bei einer Reihe von IT-Bauteilen ist die weltweite IT-Branche auf taiwanische Schlüsselkomponenten angewiesen. In Folge gestiegener Produktionskosten haben taiwanische Unternehmen bedeutende Teile der (End-) Fertigung in den 1990er und 2000er Jahren auf das chinesische Festland und dort vor allem an die Ostküste verlagert. In zunehmendem Maße verlagert sich dies aber nun ins chinesische Hinterland und nach Südostasien (vor allem Vietnam, wo Taiwan wichtigster Investor ist). Die Verflechtung der taiwanischen Wirtschaft mit der VR China schreitet mit der Entwicklung Chinas zum Kundenmarkt weiter fort. Taiwanische Unternehmen haben dort beträchtliche Investitionen getätigt (nach Schätzungen zwischen 60 und 202 Mrd. €). Taiwan selbst versucht sich vor allem als Forschungs- und Entwicklungsstandort zu etablieren und auf ausbildungsintensive Hochtechnologien zu konzentrieren. So entsteht das BIP heute nur noch zu ca. 1,5 % aus dem Beitrag der Landwirtschaft, zu über 30 % aus dem der Industrie und etwa 65 % aus dem Anteil der Dienstleistungsbranche.

Taiwan hat es bei seinem wirtschaftlichen Aufstieg geschafft, soziale Verwerfungen in der Gesellschaft weitgehend zu vermeiden. Dennoch werden die sich rasch wachsenden Wohlstandsunterschiede ein immer größeres Thema. Auch stellen die alternde Gesellschaft, subventionierte Verbrauchskosten (u. a. Energie und Wasser) sowie aufgrund zu niedriger Löhne eine zu starke Abwanderung Hochqualifizierter Taiwan zunehmend vor Probleme. Eine moderate Arbeitslosenrate von regelmäßig unter 5 % sowie der hohe Alphabetisierungsgrad von über 98 % tragen zu einem gut ausgebildeten Personalangebot bei. Der KMU-Sektor spielt in Taiwan eine wichtige Rolle, was zur flexiblen und schnellen Reaktionsfähigkeit auf aktuelle Entwicklungen beiträgt. Außerdem ist Taiwan als Testmarkt für den asiatischen Raum von Interesse. Mit dem Abschluss eines Wirtschaftsrahmenabkommens (ECFA) mit der Volksrepublik China, das am 13. September 2010 in Kraft trat, reagierte Taiwan auch auf Wettbewerbsnachteile nach dem Abschluss des Freihandelsabkommens Chinas mit der ASEAN und erhofft sich weitere Wachstumsimpulse.


Einfluss der Regierung

Die Regierung versucht traditionell, die Eingriffe auf ein Minimum zu begrenzen (z. B. beim Arbeitsmarkt). Aufgrund der hohen Exportabhängigkeit Taiwans hat die Regierung in Krisensituationen wie 2008/2009 auch immer wieder konjunkturpolitische Maßnahmen ergriffen. In Reaktion auf die Freihandelsabkommen Koreas mit der EU und den USA wurde im Oktober 2011 beschlossen, in ihren Zielmärkten erhöhten Zöllen unterliegende Exportwaren bei Ausfuhr steuerlich zu entlasten. Die im Januar 2012 im Amt bestätigte Regierung will nach ersten Verlautbarungen diverse Reformen für die Modernisierung und für mehr sozialpolitischen Ausgleich in Angriff nehmen. Gelegentlich behindert zu viel Bürokratie bei Zertifizierungen oder im Finanzmarkt unternehmerische Freiheiten. Durch gesetzliche Restriktionen im Wirtschaftsverkehr mit China (insbesondere Investitionsbeschränkungen) besteht staatlicher Regierungseinfluss fort, der aber zunehmend spürbar abgebaut wird. Es existieren noch Unternehmen mit einer ausschließlichen oder einer Mehrheitsbeteiligung der öffentlichen Hand (u. a. Strommarkt, Kraftstoffe, Transport). Öffentliche Versorgungsssysteme arbeiten häufig mit Verlusten. Wichtige Aufsichtsbehörden sind die Fair Trade Commission und die Financial Supervisory Commission. Ein erfolgreiches Beispiel der Infrastrukturpolitik sind die drei Science Parks, die zusammen ca. 10 % des taiwanischen BIP generieren und seit ihrer Gründung vor 30 Jahren zum Modell in vielen Ländern wurden. Eine zuverlässige Verwaltung und ein funktionierendes Rechtswesen bieten einen guten Rahmen für ein stabiles Investitionsklima. Der IPR-Schutz ist sehr hoch ausgeprägt und damit ein wesentlicher Standortvorteil Taiwans in der Region. Dies begünstigt auch den Trend zum Aufbau von aktuell knapp 200 Forschungs- und Entwicklungszentren (Google, HP, Dell, Sony, Evonik etc.), der von der Regierung aktiv gefördert wird. Auch investiert die Regierung 2012 verstärkt in die Entwicklung neuer IKT-Anwendungen wie Cloud Computing (585 Mio. €) und smart grids (4,28 Mrd. US$). Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden in 2012 voraussichtlich 3 % des BIP erreichen (70 % davon trägt die Privatwirtschaft).


Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, Wirtschaftsklima

Nach schwungvoller Erholung aus seiner bislang schwersten Wirtschaftskrise 2008/2009 mit Wachstumsraten von über 10 % in 2010 verlor Taiwans Wirtschaftswachstum in 2011 mit 4,04 % wieder an Dynamik und kehrte zu seinem üblichen Wachstumspfad von 4-6 % zurück. Jedoch lag dies etwas unter den Erwartungen der Regierung für 2011, was mit den Folgen der europäischen Schuldenkrise auf die Weltkonjunktur im 4. Quartal 2011 (nur 1,9 % BIP-Wachstum zum Vorjahresquartal) zu erklären ist. Taiwan ist stark von der internationalen Konjunkturentwicklung abhängig. Für 2012 wurden aufgrund der weltweiten Unsicherheiten daher die Wachstumsprognosen von der Regierung auf 3,85 % leicht gesenkt. Dies geht aber durchaus auch einher mit wachsenden Sorgen zur Entwicklung des Ölpreises und darüber, ob Taiwans Innovations- und Wachstumskraft auch bei guter Konjunktur künftig noch wird Wachstumsraten von über 4 % generieren können. Nachdem der Taiwan-Dollar (NT$) im Jahr 2011 weitgehend um 40-42 NT$ gegenüber dem Euro schwankte, findet seit Dezember 2011 eine beschleunigte Aufwertung auf im März 38,6 NT$ zum Euro statt, was sich negativ auf den Export Taiwans auswirkt. Eine weitere Aufwertung gegenüber US Dollar und Euro ist zu erwarten. 2011 lag die Inflationsrate bei 2 %, für 2012 wird ein ähnlicher Wert erwartet. Die Devisenreserven erreichten mit 385 Mrd. USD in 2011 erneut einen Rekord und liegen weltweit an vierter Stelle. Der private Konsum zog 2011 um 3 % an . Die Inlandsinvestionen legten 2011 mit 20,7% bedingt durch öffentliche Bauinvestitionen i.H.v. Über 12 Mrd. € kräftig zu, wobei weltweite Unsicherheiten die Stimmung etwas trüben und die Regierung in 2012 für Baumaßnahmen ein deutlich geringeres Budget angesetzt hat. Der Nettokapitalzufluss in den taiwanischen Aktienmarkt betrug im Dezember 2011 0,2 Mrd. US$, war über das gesamte Jahr 2011 betrachtet jedoch mit – 9,8 Mrd. US$ negativ. Das Zinsniveau der Zentralbank blieb in 2011 mit zuletzt 1,36 % konstant.


Außenhandel

Seit 2002 ist Taiwan als "Separates Zollgebiet Taiwan, Penghu, Kinmen und Matsu (Chinese Taipei)" Mitglied der WTO und seit 1991 der APEC (als „member economy Chinese Taipei“). Mit Wirkung vom 15.7.2009 wurde Taiwan Mitglied des „Government Procurement Agreement (GPA)“ der WTO und kam damit einer langjährigen Forderung der ausländischen Unternehmen nach, da das GPA grundsätzlich einen verbesserten Zugang zu öffentlichen Aufträgen gewährt. Dennoch gewinnen ausländische Unternehmen insbesondere im Infrastrukturbereich kaum taiwanische Aufträge, da das Ausschreibungssystem durch zu einseitige Ausrichtung auf den niedrigsten Preis und bürokratische Vertragsregeln nicht leistungsorientiert ist und international bewährte Verfahren kaum nutzt. Die „European Chamber of Commerce Taipei (ECCT)“ vertritt die Interessen europäischer (einschließlich der deutschen) Unternehmen in Taiwan wirkungsvoll. Das Deutsche Wirtschaftsbüro Taipei konzentriert sich auf den bilateralen Handel und Investitionen. In 2011 stellten taiwanische Unternehmen mit 3992 Ausstellern auf 94 deutschen Messen über 4 % aller ausländischen Aussteller. Taiwan ist damit das 7. wichtigste Ausstellerland in Deutschland. Die gtai unterhält ein Korrespondentenbüro in Taipei und veröffentlicht regelmäßig aktuelle Branchen- und Trendberichte zu Taiwan.

Aufgrund der starken Abhängigkeit vom Außenhandel ist Taiwan eine grundsätzlich offene Volkswirtschaft. Da Taiwans BIP-Wachstum zu ca. 70 % von Exporten getragen wird, ist man auf freien Handel angewiesen. Nichttarifäre Handelshemmnisse wie Zertifizierungsbestimmungen, die mangelnde Anerkennung ausländischer Prüfsiegel oder Einschränkungen für Importe aus China stellen dennoch nicht unbedeutende Barrieren im sonst gut funktionierenden Handel mit Taiwan dar.

Die VR China ist der wichtigste Handelspartner Taiwans, vor Japan und den USA (Deutschland Platz 7). Deutschland ist für Taiwan weiter mit Abstand der wichtigste Handelspartner in Europa. Aus deutscher Sicht ist Taiwan an fünfter Stelle der wichtigsten Handelspartner in Asien und steht 2011 an 28. Stelle weltweit (vor Kanada und Mexiko). Trotz der geringen Bevölkerungszahl Taiwans kommt der Handel mit Taiwan auf ein Volumen von 13,01 Mrd. (2011) a. In Taiwan sind ca. 250 deutsche Unternehmen ansässig.


Sozialstaatliche Elemente

Sozialstaatliche Elemente gibt es unter anderem in Form der nationalen Krankenversicherung, einer Arbeitslosenversicherung und von Sozialhilfe. Eine nationale Rentenversicherung wurde 2008 eingeführt. Alle taiwanischen Sozialversicherungen sind an Kosteneffizienz orientierte Basisversorgungssysteme, was insbesondere im Gesundheitsbereich bei hoher Leistungsfähigkeit zu vergleichsweise niedrigen Kosten führt. Taiwans Gesellschaft ist eine der am schnellsten alternden weltweit (weltweit niedrigste Geburtenrate).


Umwelt- und Klimapolitik

Auch als Folge seiner schnellen wirtschaftlichen Entwicklung hat Taiwan mit Umweltproblemen zu kämpfen. Die Gründung einer Umweltschutzbehörde im Jahr 1987 markiert den Beginn einer kohärenten Umweltpolitik in Taiwan. Die bisher rund 300 verabschiedeten Umweltgesetze orientieren sich an Standards westlicher Industrieländer. Inzwischen wurden im Umweltbereich deutliche Erfolge erzielt, z.B. durch Aufbau eines weltweit führenden Mülltrennungs- und Wiederverwertungssystems.

Taiwans CO2-Emissionen beliefen sich 2010 auf ca. ein Prozent des weltweiten Ausstoßes bei einem Weltbevölkerungsanteil von 0,34% und haben sich seit 1990 verdreifacht. Bis 2020 sollen diese auf das Niveau von 2005, bis 2025 dann auf das Niveau von 2000, bis 2050 sogar auf die Hälfte des Niveaus von 2000 reduziert werden.

Unter anderem mit der Verabschiedung eines Energiekonzepts sollen die Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele konkretisiert werden. Ein Erneuerbare-Energien-Gesetz existiert seit 2009 und soll insbesondere für “off shore”-Windenergie ausgeweitet werden. Derzeit beträgt deren Anteil an der Stromversorgung unter 1%. Mit 19% soll ein erheblicher Anteil der beabsichtigten Reduktion von CO2 durch Technologien zu dessen Abscheidung und Speicherung erreicht werden (CCS-Technologien). Weitere gesetzliche Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz und die Einführung eines Emissionshandelssystems oder CO2-Steuern werden nur zögerlich umgesetzt.

Die OECD-weit niedrigsten Strompreise erschweren Neuinvestitionen in “grüne Technologien”. Weitere Schwerpunkte der taiwanischen Regierung sind derzeit die Bereiche “E-Mobilität” und Pilotprojekte für “low carbon communities”, die auch die Rentabilität CO2-armer Technologien verdeutlichen sollen.





Hinweis

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.