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Emil Krebs - Die Sprachenvielfalt in der EU wäre kein Problem für ihn

Die heutige Sprachenvielfalt der Europäischen Union hätte Emil Krebs gefallen, war er doch all dieser Sprachen mächtig. Vor 120 Jahren gab es zwar noch keine Europäische Union, der Sprachendienst des Auswärtigen Amts hatte jedoch einen Mitarbeiter, der nahezu alle heutigen Sprachen der EU – sowie auch außereuropäischer Länder – sprach. Bis heute ist er eines der größten Sprachwunder in der Menschheitsgeschichte. 

Er beherrschte bis zu seinem Tod 68 Sprachen in Wort und Schrift, hatte sich mit über 100 Sprachen befasst und eine umfangreiche Privatbibliothek mit etwa 5.700 Schriften und Büchern in fast 120 Sprachen hinterlassen. Sein Genie wurde durch das Hirnforschungszentrum der Universität Düsseldorf bestätigt, das sein Gehirn sezierte und seine Sprachbegabung in einen engen Zusammenhang mit der Gehirnstruktur stellte.

Das Sprachangebot der Schule war ihm nicht genug

Bereits auf der Schule wählte der am 15.11.1867 in Freiburg/Schlesien (heute Swiebodzice) geborene Emil Krebs, der zudem noch in anderen Fächer gute Leistungen erbrachte, alle angebotenen Sprachen (Latein, Griechisch, Französisch und Hebräisch). Da selbst dies seinen Sprachhunger nicht befriedigen konnte, befasste er sich autodidaktisch noch mit Neu-Griechisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Polnisch, Arabisch und Türkisch und beherrschte mit dem Schulabschluss im Jahr 1887 bereits zwölf Sprachen.

In seiner Studienzeit widmete sich Emil Krebs zunächst der evangelischen Theologie (1887) und den Rechtswissenschaften (Staatsprüfung: 1891), konzentrierte sich jedoch dann auf das Studium östlicher Sprachen und Kulturen, und insbesondere auf das Chinesische. 

Dies war seit 1887 am Seminar für orientalische Sprachen und Kulturen (SOS) möglich, das aus Mitteln des Auswärtigen Amtes und des Reichskolonialamtes finanziert wurde, jedoch gleichzeitig der Universität angegliedert war und Kolonialbeamte, Handelsreisende u.a. auf ihren Einsatz im Osten vorbereiten sollte. Den politischen Anstoß zu seiner Gründung hatte Bismarck selbst gegeben, der sich beim Berliner Kongress ärgerte, dass ihm kein Dolmetscher für die türkische Sprache zur Verfügung stand.

Im Dienst des Auswärtigen Amts in Peking

Nach einer Tätigkeit als Gerichtsreferendar trat er am 30. September 1893 in den Auswärtigen Dienst ein und wurde als Dolmetscher nach Peking entsandt. Aus der zunächst 10-jährigen Verpflichtung entwickelte sich ein Aufenthalt von fast einem Vierteljahrhundert. Seine Ernennung zum Ersten Dolmetscher erfolgte im Juli 1901, die zum Legationsrat im Jahr 1913. Seine tiefe Verwurzelung mit China mag auch dadurch zum Ausdruck kommen, dass er seine deutsche Frau Amande Heyne am 5.2.1913 nicht in Deutschland, sondern in Shanghai heiratete.

Emil Krebs verzichtete auf eine Ernennung zum Konsul und wollte sich dem Konsulatsexamen nicht unterziehen, vermutlich, weil seine eigentliche Berufung – trotz Jurastudiums – die Sprachstudien waren. Er studierte chinesische Schriften zu allen Lebensbereichen – sogar die chinesische Blindenschrift. Auch stellte er Sprachvergleiche zwischen dem Chinesischen, Mongolischen, Mandschurischen, Tibetischen und Arabischen an.

Über die Sprache das Wesen der Völker kennenlernen

Dabei wollte er nicht nur die Schriftsprache fremder Völker, sondern auch ihr Wesen aus der geschichtlichen Vergangenheit heraus erkennen. Seine in einem Manuskript 1920 formulierte Haltung zu China mutet antikolonialistisch an und zeugt von Einfühlungsvermögen in andere Kulturen: 

"Die nunmehr etwa achtzigjährige Geschichte der näheren Beziehungen Chinas zu den europäischen Staaten stellt eine ununterbrochene Kette von Vergewaltigungen der territorialen und souveränen Rechte Chinas auf politischem, wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet dar…"

In China wurde er nicht nur von Botschafter Otto von Hentig als überragende Fachkraft geschätzt, sondern auch von chinesischen Autoritäten in sprachlichen Fragen (Chinesisch, Mongolisch, Mandschurisch und Tibetisch) zu Rate gezogen. In den gebildeten Kreisen Pekings war er ein beliebter Gast und auch die chinesische Kaiserinwitwe empfing ihn gerne als Gesprächspartner.

Im Chiffrier- und Sprachendienst des Auswärtigen Amts in Berlin

Mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen am 25. März 1917 musste Krebs aus Peking abreisen. Zurück in Berlin, schloss er sich soweit wie möglich von der Umwelt ab und gab sich noch eifriger seinen Sprachstudien hin. Dabei nahm bis zu seinem Tode nicht nur zahlreiche europäische, sondern auch noch viele andere Sprachen auf: Ägyptisch, Albanisch, Arabisch, Armenisch, Baskisch, Birmanisch, Georgisch, Hebräisch, Japanisch, Javanisch, Koreanisch, Kroatisch, Lateinisch, Norwegisch, Persisch, Russisch, Syrisch, Türkisch, Urdu sowie auch die Keilschriftsprachen Sumerisch, Assyrisch und Babylonisch.

Der vielseitige und arbeitsame Krebs wurde nach seiner Rückkehr 1921 dem Chiffrierdienst des Auswärtigen Amtes zugeteilt und 1923 zusätzlich im Sprachendienst beschäftigt. Außerdem war er als Gerichtsdolmetscher tätig. Versuche, ihm eine Anstellung am Seminar für orientalische Sprachen zu vermitteln, blieben dagegen erfolglos. Der damalige Leiter des Sprachendienstes Gautier kommentierte seine Arbeit bewundernd mit den Worten:

„Krebs ersetzt uns 30 Außendienstmitarbeiter.“

Die Schriften von E. Krebs belegen, dass er zum Erwerb weiterer Sprachen oft nicht die eigene Muttersprache nutzte, sondern andere Sprachen als „Mittlersprache“ einsetzte: Afghanisch, Birmanisch, Gujarati, Hindi, Irisch, Singhalesisch, Portugiesisch; über das Russische lernte er die Sprachen Burjätisch, Finnisch, Tatarisch, Ukrainisch; das schwierige Baskisch eignete er sich ausschließlich über Spanisch an. Dabei befasste er sich gleichzeitig mit den Dialekten Guipuzkoa, Bizkaya, Laburdi und Zubero sowie auch dem Altenglischen, dem Pekinger und Shanghaier Dialekt, umgangssprachlichen Varianten des Chinesischen, mit Kalmückisch, Ordoss, Sardisch, Toskanisch u.a.

Wie sein Bedürfnis, neue Sprachen zu lernen, im Alltag sichtbar werden konnte, sei durch folgende Anekdote wiedergeben: 

„Dann hielt es ihn nicht mehr. Er stand auf und ging auf einen hinter uns stehenden Tisch zu. Linkisch führte er sich bei zwei dunkelhaarigen Herrn vom Mittelmeertyp ein und verließ sie bald ganz erlöst. Fremde, ihm selbst fremde Sprachlaute waren an sein Ohr geschlagen. Er konnte sie weder im Osten noch Westen Asiens unterbringen. Es war Armenisch gewesen. Noch am gleichen Tag bestellte er telegraphisch in der Leipziger Universitätsbibliothek eine armenische Grammatik, altarmenische Kirchenliteratur und moderne armenische Romane.“

Für die armenische Grammatik brauchte er zwei , für das Altarmenische drei und für die gesprochene Sprache vier Wochen.

Seine Bibliophilie und sein Hang zur Eigenbrötlerei seien durch folgende Erinnerung wiedergegeben:

„So kenne ich meinen Schwager. In seinem Zimmer in der Lindenallee, Bücher, Bücher bis an die Decke. Das Universum, in Sprachen geballt, auf engem Raum. Da leuchten die Reihen gelbseidener Bände auf, Geschenke der Kaiserin von China, dazwischen viel in blauer Seide. Seltsame Zeichen auf Pergamenten, auf Holz, auf Palmblättern. Als Möbel ein Stehpult, eine Trittleiter, kein Stuhl. Allzu ausgiebige Besucher wurden durch langes Stehen zum baldigen Rückzug gezwungen. Und dazwischen er, in dunkelrotem Kimono, ein Buch vor den Augen, unablässig murmelnd. Immer freundlich, wenn man ihn störte, aber zerstreut. Und einmal wehrte meine Schwester die Besucher mit dem Satz ab: 

Mein Krebschen lernt gerade burjätisch.“

Jedem Genie gebührt ein würdiger Tod, und so waren die Umstände seines Todes am 31. März 1930 wie sein ganzes Leben: Er verstarb auf seiner Dienststelle im Sprachendienst des Auswärtigen Amts während einer Übersetzung an einem Gehirnschlag und wurde später auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf begraben.

Nach seinem Tod wurde der stille und eigenbrötlerische Mensch E. Krebs zunächst vergessen. Dank der Bemühungen seines Verwandten Eckhard Hoffmann wird er jedoch seit 2005 in Medienbeiträgen sowie im Auswärtigen Amt mit einer Ausstellung am Tag der offenen Tür und im Foyer des Sprachendienstes gewürdigt. Weitere Projekte sind geplant.

Für viele Mitarbeiter im Sprachendienst ist er bis heute ein Vorbild, das einen Ehrenplatz in der Geschichte des Sprachendienstes verdient hat, getreu dem Satz: „Menschen sterben nicht mit ihrem physischen Tod, sondern dann, wenn man sie in der Erinnerung des Herzens vergisst.“


Stand 14.02.2010

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