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Sylvester mal anders (Jörg, RSA 11)

Wir schreiben den 22.Januar 2012, 00:00 Uhr. Der Himmel erleuchtet, an jeder Ecke knallt es, ohrenbetäubender Lärm, Polizeiblaulichter wohin man sieht.

Bürgerkrieg? Aufstand? Revolte? Nein, es ist chinesisches Neujahrsfest in Peking. Da in China der Lunisolarkalender verwendet wird, fällt der Jahreswechsel jedes Jahr auf ein anderes Datum, dieses Jahr auf den 22.01.2012. Das chinesische Neujahrsfest dauert traditionell fünfzehn Tage und endet mit dem Laternenfest. Herzlich Willkommen im Jahr des Wasserdrachen.

Beinahe jedes Haus ist mit roten Laternen geschmückt, Rot ist eine Glück versprechende Farbe. Generell ist das chinesische Frühlingsfest, so eine alternative Bezeichnung, sehr geprägt von Tradition und dem Einhalten gewisser Regeln. So wird am Vorabend des Neujahrsfestes im Rahmen der Familie zu Abend gegessen, vorzugsweise Fisch. Dieser darf jedoch nicht komplett aufgegessen werden, da das Wort „Fisch“ phonetisch mit „Wohlstand“ übereinstimmt, der nicht aufgebraucht werden soll. Der Glauben an das Homophone reicht sogar soweit, dass man den Kauf neuer Schuhe zu Neujahr vermeiden sollte, da „Schuh“ im Chinesischen genauso klingt wie „böse“.

Auch darf man sich trotz winterlicher Temperaturen nicht über ganztags geöffnete Fenster wundern, schließlich soll das Glück in die eigenen vier Wände hereinkommen, so das traditionelle Verständnis. Sieht man einen Hund, so soll man seine weißen Flecken im Fell berühren, da dies ebenfalls Glück für das ganze Jahr bringen soll. Nur sollte man selber nicht in weiß gekleidet sein, in China die Farbe der Beerdigung.

Um nicht in ein „interkulturelles Fettnäpfchen“ zu treten, ist es unabdinglich, sich im Vorfeld mit der Kultur eines fremden Landes vertraut zu machen.

Diese Erfahrung und vieles mehr habe ich während des Auslandspraktikums im Rahmen meiner Ausbildung zum Regierungssekretär im mittleren Auswärtigen Dienst machen dürfen.

Nachdem ich das Auswahlverfahren 2010 erfolgreich absolvierte, begann am 01.04.2011 meine Ausbildung mit 31 weiteren Kollegen aus dem gesamten Bundesgebiet. Auf der Akademie des Auswärtigen Amtes in Berlin-Tegel bezogen die meisten von uns bereits am Vortag ihre Zimmer in den Häusern Afrika und Amerika und freuten sich auf den bevorstehenden Grillabend. So hatten wir vor eigentlichem Ausbildungsbeginn schon die Möglichkeit uns und unsere Ausbildungsleitung kennenzulernen sowie sich bereits in der Ausbildung befindliche Kolleginnen und Kollegen mit unseren Fragen zu löchern. Erste Kontakte wurden geknüpft und interessante Gespräche geführt.

Nach dem Einführungsmonat begann der „Ernst des Lebens“, der Einführungslehrgang. In verschiedensten Rechtsfächern, Organisationslehre und in zwei Fremdsprachen bekamen wir jede Menge Input. So wurden wir auf das bevorstehende Inlandspraktikum vorbereitet.

Eine Lehrbesichtigungsfahrt führte uns nach Brüssel, um dort die verschiedenen Institutionen der Europäischen Union als auch die bilaterale Vertretung zu besichtigen.

Nach dem Schreiben von diversen Leistungsnachweisen war es dann endlich soweit: In verschiedensten Referaten, der kleinsten Arbeitseinheit in der Zentrale in Berlin, konnten wir nun sechs Wochen lang das theoretisch Erlernte in der Praxis umsetzen. Parallel erhielten wir unsere Erlasse für das Auslandspraktikum. Ich erhielt meinen Erstwunsch, Peking. Eine fremde Sprache, eine neue Kultur und nicht zuletzt ein konträres politisches System warteten auf mich, mehrere tausend Kilometer von Deutschland entfernt. Ich begann meine Umzugsplanung, informierte Familie und Behörden.

Am 30.11.2011 war es dann soweit, ich nahm im Flieger Platz und landete zwölf Stunden später „am anderen Ende der Welt“. An der hiesigen Botschaft, mittlerweile die drittgrößte Vertretung der Bundesrepublik weltweit, erwartete mich ein spannendes, abwechslungsreiches Aufgabenfeld. Die Kolleginnen und Kollegen begrüßten mich alle sehr nett und standen mir stets zur Seite. Ich bin jetzt seit neun Wochen in Peking, habe bereits verschiedene Ausbildungsstationen durchlaufen und bin jeden Morgen aufs Neue beeindruckt, wenn ich aus dem Fenster schaue:

Blick aus dem Fenster

Blick aus dem Fenster
© AA

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Blick aus dem Fenster

Blick aus dem Fenster

Blick aus dem Fenster

Noch weitere sieben Monate werde ich in Peking verbringen und ich bin sehr gespannt, was ich im „Reich der Mitte“ noch erleben werde, bevor im August 2012 alle Lehrgangskolleginnen und –kollegen wieder aus aller Welt in Berlin landen werden.

Bis dahin wünsche ich ein fröhliches neues Jahr (新年快樂).

Jörg (Auszubildernder im mittleren Dienst)


Stand 14.03.2012