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Kanada

Wirtschaft

Stand: Januar 2016

Kurzcharakteristik der Wirtschaft

Kanada ist der zweitgrößte Flächenstaat und die elftgrößte Volkswirtschaft der Erde. Die Wirtschaftszentren im Osten und Westen sind bis zu 5.000 km voneinander entfernt. Das Land ist mit 3,859 Einwohnern pro km² dünn besiedelt, weite Teile der kanadischen Arktis sind so gut wie menschenleer.  Kanadas Wirtschaft stützt sich hauptsächlich auf Rohstoffe, Industrie und Landwirtschaft. Die produzierende Wirtschaft istin einem Streifen von bis zu 350 Kilometern Breite nördlich der US-Grenze konzentriert, während ein großer Teil der Rohstoffvorkommen in entlegeneren Landesteilen ausgebeutet wird. Die Industrie konzentriert sich in den Provinzen Ontario und Québec sowie im Großraum Vancouver.  Alle Wirtschaftszweige sind in erheblichem Maß exportabhängig, wobei die USA der mit Abstand größte Handelspartner ist.

Kanada verfügt nach Venezuela und Saudi Arabien über die drittgrößten Erdölreserven der Welt, vor allem in Form von Ölsanden in der Provinz Alberta. Es belegt  Platz 5 in der weltweiten Erdgas- und Erdölförderung. Nach Kasachstan ist das Land außerdem der zweitgrößte Uranproduzent der Welt (18% der Weltproduktion). Wichtig sind ferner die reichen nicht-energetischen Rohstoffvorkommen wie Eisenerz, Gold, Kupfer, Nickel und seltene Erden.

Parallel verfügt Kanada über eine leistungsstarke, auch an Zukunftstechnologien orientierte Wirtschaft. Bedeutende Bereiche der verarbeitenden Industrie sind der Automobil- und Flugzeugbau, die Metallindustrie, die Nahrungsmittelindustrie, die Holz- und Papierverarbeitung, die chemische Industrie.Die Informations- und Kommunikationstechnologie hat unter der Schließung von Nortel und den Marktverlusten von Blackberry gelitten, ist jedoch weiterhin von Bedeutung.

Unter der ehemaligen konservativen Regierung Harper betrieb Kanada keine nachhaltige nationale Klimapolitik. Sichtbarer Ausdruck dessen warim Dezember 2011 die Entscheidung, aus dem Kyoto-Protokoll auszusteigen. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Primärenergie in Kanada gehört zu den  höchsten weltweit. Die neue liberale Regierung Trudeau setzt sich hingegen für den Kampf gegen den Klimawandel ein und will zusammen mit den Provinzen einen nationale Klimastrategie erarbeiten, in der u.a. auch Reduktionsziele für Kohlenstoff festgelegt werden sollen. Ein dabei wesentlich zu berücksichtigender Faktor  ist allerdings, wieweit die Ölsandvorkommen in Alberta weiter erschlossen und ausgebeutet werden, deren Abbau mit einem erhöhten CO2-Ausstoß verbunden ist.


Wirtschaftsstruktur

Kanada hat als Standort von Industriearbeitsplätzen innerhalb der NAFTA als Folge unbefriedigenden Produktivitätszuwachses an Bedeutung verloren. So haben US-Autokonzerne ihre Zweigwerke in Ontario deutlich reduziert. Als Bremse für die Produktivität kanadischer Unternehmen wirkt sich der Fachkräftemangel aus. Betroffen sind vor allem technische Berufe, Maschinenbau und Informationstechnologie.

Nach einer geringfügigen Rezession im ersten Halbjahr 2015 erfreut sich Kanada wieder eines BIP-Wachstums: für das Gesamtjahr 2015 ergeben sich 1,1%, für 2016 werden 2,0% erwartet. Arbeitslosigkeit: 7,1%; Inflation: 1,9%.

Aktuelles Problem Kanadas ist der Verfall der Öl- und Erdgaspreise, sowie dass die USA, in die bislang 97% der kanadischen Ölexporte gingen, über den Einsatz von Fracking zunehmend Import-unabhängiger werden. Erdöl- und Erdgas-Industrie machen bislang etwa 10% des kanadischen BIP aus.

In der mit Abstand wichtigsten Erdölprovinz Alberta, die bis 2013 Arbeitskräfte angezogen hatte, führt die Ölpreiskrise zu einem erheblichen Verlust von Arbeitsplätzen. Arbeitskräfte wan­dern zum Teil wieder zurück in die Ostprovinzen Ontario und Quebec, deren verarbeiten­des und exportorientiertes Gewerbe derzeit wiederum von dem ungewöhnlich schwachen Kurs des Kanadischen Dollars gegenüber dem US-Dollar begünstigt wird, zu dem die Ölpreiskrise ebenfalls beigetragen hat.

Markt und Wettbewerb sind traditionell gut entwickelt. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Industrie soll verbessert werden, Forschungsergebnisse schneller zur Marktreife gebracht und die Markteinführung durch besseren Zugang zu Risikokapital gefördert werden. In Einzelbereichen bestehen Barrieren zwischen den Provinzen, die von der Wirtschaft als Belastung empfunden werden (bei der Mobilität der Arbeitskräfte, der Anerkennung beruflicher Qualifikationen und bei öffentlichen Auftragsvergaben besonders im Bausektor, bei der provinzfremde Firmen benachteiligt werden). Mit British Columbia und Alberta haben 2007 erstmals zwei kanadische Provinzen ein bilaterales Freihandelsabkommen geschlossen. Dieses wurde 2010 durch den Beitritt der Provinz Saskatchewan zur „New West Partnership“ (NWP) ausgeweitet. 2009 schlossen Ontario und Québec das „Ontario-Québec Trade and Cooperation Agreement“ zur Förderung des freien Handels und Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraums.


Außenhandel

Kanada ist als Exportnation traditionell an freiem Handel und dem Abbau von  Investitionsschranken interessiert. Ausländische Direktinvestitionen unterliegen in Kanada allerdings in einigen Schlüsselbereichen Einschränkungen (z.B. Transportwesen, Kultur, Medien, Telekommunikation, Nuklearindustrie, Bank- und Versicherungswesen, Landwirtschaft). 2012 wurden zusätzlich die Hürden für ausländische Direktinvestitionen in der Ölsandindustrie heraufgesetzt, so dass hier nur noch Minderheitsbeteiligungen erlaubt sind. Hierdurch will die kanadische Regierung verhindern, dass die strategisch wichtigen Erdöl- und Gasreserven von ausländischer Seite kontrolliert werdenDie üppigen Ressourcen Kanadas und die solide Wirtschaftsstruktur sorgen dafür, dass Kanada weiter ausländische Investoren anzieht. Bundesregierung und Provinzenwerben mit steuerlichen und anderen Vergünstigungen um ausländische Direktinvestitionen in Schwerpunktbereichen wie Automobilsektor, Biotechnologie, Nanotechnologie, Luft- und Raumfahrt, Petrochemie und Energiegewinnung. Hauptinvestor ist die USA, der Anteil der deutschen Direktinvestitionen ist vergleichsweise gering; wichtige Ausnahme ist die 4,1 Mrd CAD - Investition von K+S in ein Kali-Projekt in Süd-Saskatchewan. Insgesamt ist das Land ein Nettoexporteur von Investitionen.

Die wichtigsten Exportgüter Kanadas sind Energierohstoffe und Elektroenergie, mineralische Rohstoffe, metallurgische und chemische Erzeugnisse, Maschinen Fahrzeug(teil)e, landwirtschaftliche und Fischerei- sowie forstwirtschaftliche Erzeugnisse. Eingeführt werden hauptsächlich Maschinen, metallurgische und chemische Erzeugnisse), Fahrzeug(teil)e und Verbrauchsgüter.

Kanada ist Mitglied aller wichtigen internationalen Wirtschaftsforen wie G7, G20, OECD, WTO, IWF sowie Weltbank und ist mit den USA und Mexiko über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA verbunden. Seit 2009 ist ein Freihandelsabkommen mit den EFTA-Staaten in Kraft. Mit der EU verhandelt Kanada über ein umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen (Comprehensive Economic and Trade Agreement - CETA). Nach der erzielten Einigung auf einen Abkommenstext im September 2014 wird erhofft, dass das Abkommen ab 2017 zumindest als vorläufig anwendbar in Kraft treten können wird.

Kanada hat insgesamt ca. ein Dutzend bilaterale Freihandelsabkommen geschlossen, darunter 2014 mit Südkorea. Die Verhandlungen über das „Trans Pacific Partnership Agreement“ (TPP), mit dem eine Freihandelszone mit Australien, Neuseeland, Chile, Malaysia, Brunei, Singapur, Japan, Mexiko, Peru, Vietnam und den USA geschaffen werden soll,  konnten Anfang Oktober 2015 abgeschlossen werden.  Die neue Regierung unter Premierminister Trudeau plant, weitere Freihandelsabkommen mit Israel und der Ukraine abzuschließen. Im Übrigen liegt das Augenmerk insbesondere auf China und Indien als besonders ausbaufähigen Handelspartnern.

Kanada eine Reihe von Investitionsschutzabkommen geschlossen, zuletzt 2012 mit China.


USA

Die USA sind mit Abstand der wichtigste Wirtschaftspartner Kanadas, ca. 80 % der Exporte gehen in die USA. Von besonderem kanadischen Interesse sind dabei der reibungslose Transfer von Gütern und Dienstleistungen über die gemeinsame Grenze sowie in zunehmendem Maße die gleichberechtigte Teilnahme kanadischer Unternehmen an öffentlichen Aufträgen in den USA. Die im Zuge der Terrorabwehr immer stärker ausgebauten Grenzkontrollen, die „just-in-time“-Lieferungen sehr erschweren, stoßen bei der kanadischen Wirtschaft ebenso auf Kritik wie protektionistische Bestrebungen (z.B. bei der Etikettierung von importiertem Rindfleisch).

Strapaziert wurden die Beziehungen zwischen den USA und Kanada durch das Pipeline-Projekt Keystone-XL. Es sieht vor, die bestehende Pipeline, die Athabasca-Ölsande aus der westkanadischen Provinz Alberta zu Erdölraffinerien in den US-Bundesstaaten Illinois, Oklahoma und Nebraska transportiert, bis zu Raffinerien in Texas zu verlängern. US-Präsident Obama machte Anfang November 2015 von seinem Vetorecht Gebrauch und lehnte die Erteilung der Baugenehmigung endgültig ab, worüber auch dieneue Regierung Trudeau ihr Bedauern ausgedrückt hat. Das kanadische Konsortium TransCanada hat inzwischen eine Schiedsklage nach dem NAFTA-Abkommen gegen die US-Regierung eingereicht. Für Kanada ist der Bau der Pipeline von großer Bedeutung.

Kanada hat starkes wirtschaftliches und politisches Interesse an der Diversifizierung seines Außenhandels, ohne die privilegierten Beziehungen zu den USA in Frage stellen zu wollen. In diesem Zusammenhang wird auch der Bau von Pipelines von den Ölsänden Albertas zur Pazifikküste angestrebt, über die die asiatischen Märkte versorgt werden könnten. Diese Projekte treffen jedoch auf den Widerstand von Umweltschützern und Urbevölkerung, die über extensive Landrechte verfügt, ebenso wie auf die Zurückhaltung der Provinzregierung von British Columbia. Ferner gibt es Pläne für zusätzliche Pipeline-Verbindungen in den kanadischen Osten, dessen Raffinerien derzeit Erdöl aus dem Nahen Osten und Europa importieren, und weiter an die Ostküste zwecks Exportes nach Europa. Auch diese Projekte stoßen auf Widerstände.  Derzeit finden Erdöltransporte in hohem Maße und unwirtschaftlich per Eisenbahn statt, was wegen gelegentlicher Entgleisungen auch umwelt- und sicherheitsmäßig bedenklich ist.


EU

Grundlagen der Beziehungen zwischen der EU und Kanada sind das  Rahmenabkommen über Wirtschaftliche und Handelszusammenarbeit (1976) und der Gemeinsame EU-Kanada-Aktionsplan von 1996. Daneben haben beide Seiten Abkommen  über Zollzusammenarbeit (1997), Veterinärzusammenarbeit (1999), Wissenschaft und Technologie (1998), Zusammenarbeit im Nuklearbereich (1998), Wettbewerbsfragen (1999), Wein- und Spirituosenhandel (2001), Luftsicherheit (2008), Luftverkehr (2009), wissenschaftliche Zusammenarbeit im Bereich der Nachwuchsförderung (2011) und zuletzt über mehr Sicherheit im Handel (2013) geschlossen.

Auf kanadischen Wunsch hatten am 10. Juni 2009 in Brüssel formelle Verhandlungen zwischen der EU und Kanada über ein umfassendes Wirtschafts- und Handelsabkommen (CETA) begonnen. Es sieht neben dem weitgehenden Abbau bestehender Zölle und anderer Handelshemmnisse u.a. die Stärkung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die Gleichstellung bei der Vergabe öffentlicher Aufträge, einen verbesserten Schutz geistigen Eigentums und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investititionen vor. Im September 2014 konnten Premierminister Harper und EU-Kommissionspräsident Barroso die Einigung auf einen Vertragstext verkünden. Der Abkommenstext durchläuft nun die Rechtsförmlichkeitsprüfung (legal scrubbing) und muss anschließend in die Amtssprachen der EU-Mitgliedstaaten übersetzt werden. Die Unterzeichnung des Abkommens wird für Mitte/Ende 2016 erhofft, es könnte dann 2017 zumindest vorläufig in Kraft treten.


Deutschland

Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen sind frei von Belastungen. Allerdings bleibt der Umfang des Warenaustauschs hinter den Möglichkeiten beider Volkswirtschaften zurück.  2014 betrugen Deutschlands Exporte nach Kanada 8,6 Mrd. EUR. Als Empfängerland deutscher Exporte nahm Kanada Platz 28 der deutschen Außenhandelsstatistik  ein, als Lieferland für Deutschland Platz 38. Für Kanada hingegen ist Deutschland der fünftwichtigste Exporteur und achtwichtigste Importeur von Waren. Deutschland exportiert nach Kanada hauptsächlich Kraftwagen(teile) und Maschinen. Importiert werden aus Kanada vor allem Rohstoffe. Beide Länder liefern sich außerdem Datenverarbeitungsgeräte sowie elektrische, optische und chemische Erzeugnisse.

Etwa 800 deutsche Firmen sind in Kanada vertreten, darunter praktisch alle großen Unternehmen. Zwar liegt der Schwerpunkt bei Verkaufsbüros, es gibt aber auch eine Reihe von Firmen, die in Kanada produzieren. Hierzu gehören Siemens, Dr. Oetker, Mercedes-Benz (Brennstoffzellen), K+S AG (Pottasche), SAP (Software) und Enercon (Türme für Windenergieanlagen). Die Produktpalette wird dabei den Bedürfnissen des kanadischen Marktes angepasst. So fertigt Siemens inzwischen auch Rotorblätter für Windkraftanlagen in Kanada Weitere im Windenergiebereich stark vertretene deutsche Unternehmen sind ENERCON und Senvion. Die größte deutsche Investition ist das bereits genannte Kalisalzprojekt der K+S AG in der Provinz Saskatchewan für rund 4,1  Mrd. CAD. Hapag Lloyd Canada, im 100%igen Besitz von Hapag Lloyd Hamburg, gilt als  die größte kanadische Reederei. Die wichtigsten in Deutschland vertretenen kanadischen Firmen sind Bombardier (Schienen- und Luftfahrzeuge), CAE (Flugzeugsimulatoren)und Magna (Fahrzeugteile). Bombardier macht über seinen Teilbereich „Transportation“ im Schienenverkehrsbereich den größten Teil seiner Umsätze in Europa und hat seine Zentrale für diesen Bereich von Montreal nach Berlin verlegt.


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